Franz Schubert, Klaviersonate Nr. 21 B-dur D.960, CD (DVD)-Rezensionen und Vergleiche (2017)

  • so bin ich bspw. nicht fähig, aus dem anderen thread in diesem thread zu zitieren. Das ist mir zu umständlich.

    Lieber Christian,


    ist das denn nötig? Diesmal ist es wirklich ein langer Kolumnenartikel geworden, der hier gar nicht passen würde. Mit der Maus kopieren und hier kursiv setzen geht auch immer! ;)

    Ein ziemlich radikale Aufnahme hat zuletzt die kürzlich verstorbene Dina Ugorskaja rausgebracht:

    Das ist wirklich sehr traurig. Ich habe sie einmal in Bielefeld gehört - die Aufnahme habe ich aber nicht, leider. Würde ich mir gerne anhören!


    Liebe Grüße

    Holger

  • Heute nun habe ich die Rezension endlich geschafft:


    Franz Schubert, Sonate Nr. 21 B-dur D.960

    Dina Ugorskaja, Klavier (*26. 8.1973 - + 17. 9. 2019)

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    Instrument: Steinway

    Aufn.Datum: 2019

    Spielzeiten: 23:42- 10:55 - 4:24-9:16 --- 48:17 min.;


    Dina Ugorskaja, die noch kurz vor ihrem unfassbar frühen Tod die B-dur-Sonate vollenden konnte, verrät schon in der Ausdehnung des Kopfsatzes ihre russische Schule. Wie Elisabeth Leonskaja reicht sie weit über die 23-Minuten-Grenzen hinweg, während Valeri Afanassjew und Swjatoslaw Richter sogar die 24-Minuten-Grenze deutlich übertreffen. Aber anders als Letzterer sind auch bei ihr die übrigen Sätze weiter ausgedehnt.

    Schon das erste Thema (Takt 1 bis 8 ) lässt mich in der berührenden Schönheit der Tongebung, der inneren Ruhe und der Klarheit der Struktur wohlig schaudern: kann es denn sein, dass man angesichts der Gewissheit des unaufhaltsam nahenden Todes noch einmal zu einer so exorbitanten Leistung fähig ist, dass man dem letzten Geheimnis dieser Musik so nahe ist wie nie zuvor und wie in diesem Fall eine Musikerin, die zwar einen großen Überlebenswillen hatte, wie der Komponist, aber, wie der Komponist, keine Chance zum Überleben hatte? Es scheint so, und mir kommen Gedanken an Fritz Wunderlich und Günter Wand, die beide noch kurz vor ihrem Tode son singuläre Konzerterlebnisse vermittelten, Fritz Wunderlich in Edinburgh, wenige Tage vor seinem Tod mit Schumanns Dichterliebe und Günter Wand in Lübeck, wenige Monate vor seinem Tod mit Schuberts h-moll-Sinfonie und Bruckners d-moll-Sinfonie. Mit Fritz Wunderlich und Dina Ugorskaja verbindet mich noch eines: sie sind beide am gleichen Tag des gleichen Monats gestorben wie mein Vater..

    Dina Ugorskaja spielt auch wunderbare Basstriller und hält das Tempo in der Themenwiederholung wie im ersten Thementeil und ebenso im dritten Thementeil (Takt 20 bis 33), wo sie nicht nur das Tempo hält sondern auch die Dynamik im Pianissimo. Das schaffen (oder wollen) längst nicht alle Pianistinnen bzw. Pianisten.

    Erst im vierteil Teil, beginnende mit dem Crescendo in Takt 34/35 steigert sie deutlich, aber lässt noch Luft nach oben, als wollte sie mit ihren verbliebenen Kräften haushalten. Dennoch ist das Ganze, wie ich finde, jederzeit unerhört spannungsreich.

    Auch die neuerliche Decrescendo-Crescendo-Stelle am Ende des 4. Thementeils (Takt 45 - 47) gestaltet sie sehr kontrastreich vom tiefen pp bis zum f/ff und spielt den Portato-Übergang in Takt 48, hin zum fis-moll-Seitenthema ab Takt 49 aus einem anrührenden Pianissimo heraus.

    Und im Seitenthema bleibt sie auf dieser Dynamikstufe und gestaltet innerhalb des pp die einzelnen dynamischen Schwankungen dennoch deutlich, und sie lässt die langen Bögen, kontrastiert von den klar unterscheidbaren Sechzehntelfiguren im Bass, wunderbar dahinfließen.

    Der oktavierten Bogen aus Achteloktaven in Takt 70 und 71 (nach dem Doppelstrich) wirkt auch bei ihr wie eine aufgehende Sonne, und sie lässt diesen 1. Abschnitt des Seitenthemas nach der Rückkehr zu B-dur(ab Takt 70) in einem maßvollen Crescendo auslaufen.

    Den 2. Abschnitt mit den auf- und abstrebenden Achteltriolen (ab Takt 79), kontrastiert von den wechselnden Akkordintervallen, lässt sie ruhig ziehen, die dynamischen Erhebungen und Senkungen kontinuierlich einfließen lassend, auch im letzen Unterabschnitt ab Takt 94 den Fluss durch genügend lange Pausen unterbrechend.

    Dann schließt sie ab Takt 99 eine betörend gespielte Schlussgruppe an, in der sie die dynamischen Kontraste nochmals ausweitet und hier tatsächlich bis zum Fortissimo (Takt 105) gelangt. Auch die temporalen Unterschied erhöht sie, indem sie in dieser Schlussgruppe das Tempo nochmals herunterfährt, sodass es vermeintlich fast zum Stillstand kommt, aber nur fast.

    Dann spielt sie auch die hochdramatische Überleitung zur Wiederholung der Exposition und erreicht hier auch ihre dynamische Spitze. Damit hat sie den Hörer richtig unter Spannung gesetzt. und setzt nach dem letzten Achtel in Takt 125a eine ebenfalls mehrere Sekunden lange Pausenfermate.

    Dann wiederholt sie in ihrem glasklaren, bedächtigen und abgeklärten Spiel die Exposition.

    Die tiefen Basstriller sind abermals unglaublich. Im weiteren Verlauf möchte man wieder die Maxime von Günter Wand aussprechen: "So- und nicht anders", aber es geht ja auch anders, aber so, wie sie es spielt, ist es so unendlich schön und wahrhaftig, wie ich finde.

    Hier meine ich auch, wie ich es schon bei einigen anderen Pianisten bemerkte, dass sie dynamischen Spitzen in Takt 35 (f) und ich Takt 47 (ff), gegenüber der Exposition etwas intensiviert.

    Das Seitenthema spielt sie ebenso intensiv überzeugend wie in der Exposition, ebenso berührend wiederum die Achteltriolensequenz, desgleichen die etwas intensivierten dynamischen Spitzen in der Schlussgruppe.

    Wunderbar auch ihr rit-pp-Übergangstakt 117b zur Durchführung. Diese (ab Takt 118b) spielt sie in einem ruhigen wenn auch entschieden traurigen Fluss, jedenfalls bis Takt 130. Denn in den nun folgenden Achteltriolenabschnitten hellt sich die Stimmung um so mehr auf, wohingegen sie nach der letzten Steigerung zum ff in Takt 149 dann in den klopfenden Achteln ab Takt 150 sich wieder verdunkelt, und diese klopfenden Achtel in die dramatische Steigerung in dieser Durchführung mit den zunehmend dissonanten Akkorden- grandios!

    Diese traurige, ja bedrohliche Stimmung, behält sie in ihrem Spiel mit den wechselnden Akkorden weiterhin bei, was ja zunächst durch die wiedergekehrten Basstriolen, diesmal weitaus bedrohlicher klingend als noch in der berührenden Exposition, noch verstärkt wird, bis sich nach dem letzten Basstriller in dieser Sequenz (Takt 198) durch die Durauflösung in Takt 200 auf der Zwei das Bild schlagartig positiv verändert und der Lichtschein am Horizont schon beim nächsten langen Bogen (in Takt 204) immer heller wird. Auch das wird in ihrem Spiel so wunderbar deutlich, wie ich finde.

    Und dann- nach dem letzten ppp-Basstriller (Takt 214) und einer gehörigen Pausenfermate, beginnt die nochmals, ich möchte sagen, tröstlichere Reprise (tröstlicher noch als die Exposition).

    Und diesen tröstlichen Gesang setzt sie fort.

    Dieser Gesang sezt sich im neuerlichen Seitenthema, hier ab Takt 267 in h-moll in melancholischem Ausdruck fort, in Takt 289 durch den "Sonnenaufgang" in der Rückkehr zu B-dur wieder in tröstliche Stimmung changierend.

    Wunderbar gestaltet sie wieder die Achteltriolensequenz, (hier ab Takt 298), dann in der Schlussgruppe ab Takt 318 das Tempo wieder herabsetzend, und lässt dann in der kurzen unglaublich intensiv auf niedrigstem dynamischen Niveau gespielten Coda (Takt 345 bis 357) diesen grandiosen Satz fast in einem Morendo auslaufen.


    Im Andante ist sie exakt im gleichen langsamen Tempo unterwegs wie Waleri Afanassjew, also wesentlich langsamer als Swjatoslaw Richter. Ihr Beginn ist zunächst ein zögerndes, fas stockendes Vorwärtstasten, das jedoch ab Takt 9 in ein veritables Crescendo übergeht, und in Takt 14 bis 17 klingt ihre Durauflösung in dem hohen Bogen wie von einem anderen Stern.

    Im zweiten Themenanlauf, aus dem tiefen Pianissimo heraus, fällt sie zunächst wieder in die anfängliche tieftraurige Stimmung zurück, und neben dem Ausdruck ist auch hier wieder ihre aufmerksame rhythmisch-dynamische Lesart außerordentlich zu loben. Auch die zweite Steigerung (Takt 26 bis 28) fällt wieder kraftvoll aus. Neben dem anschließenden durchgehenden berückenden Decrescendo bis ins ppp drosselt sie auch das Tempo immer mehr, wie wir es ja so ähnlich auch schon mal im ersten Satz hatten.

    Im überirdischen Seitenthema (ab Takt 43) in A-dur frischt sie das Tempo etwas auf, die begleitenden Sechzehntel kommen in den Staccatoabschnitten präzise und ganz kurz, ohne den beseligenden Gesang zu unterbrechen. im zweiten Themenabschnitt, ab Takt 51, geht sie nicht nur dynamisch, wo sie allerdings aufgrund ihrer niedrigen Grundlautstärke nicht ganz an das Mezzoforte heranreicht, sondern auch temproal noch einen kleinen Schritt weiter. Auch hier ist der sangliche Ausdruck weiterhin herausragend.

    Im dritten Abschnitt geht der dynamische Bogen (ab Takt 67) weiter nach oben, aber alles harmonisch und sie spielt auch weiter die präzisen klopfenden Sechzehntel. Zum letzten Mal hebt sie in Takt 76 in der Oktavierung mit dem himmlischen Thema an, dass sich bald nach dem letzten Crescendo (Takt 787 mit Auftakt) kontinuierlich ins tiefe Pianissimo zurück zieht und in den letzten Takten auch temporal zurück geht. Wie auch Afanassjew schließt sie das Seitenthema mit einem fünf Sekunden langen Pausentakt (89) ab.

    In der Rückkehr zum Hauptthema erhebt sich wieder die tieftraurige Stimmung, hier noch zur schieren Ausweglosigkeit verstärkt durch die klopfenden Sechzehntelstaccati im Bass.

    Und die nun folgende Steigerung (ab Takt 98) spielt sie demzufolge noch stringenter. Erst in der zweiten Duraufhellung (Takt 103 - 106) hellt sich auch die Stimmung (vorübergehend) auf.

    Die dritte große Steigerung spielt sie ein drittes Mal sehr eindringlich115 bis 117), bevor es zurückgeht und in einer berührenden ppp-Coda in einem Morendo endlich zur Ruhe kommt.

    Wie im ersten Satz erreicht sie auch im Andante eine herausragend musikalische Tiefe und- trotz allem- Tröstlichkeit.


    Auch im Scherzo bleibt sie dem temporalen Binnenverhältnis der vier Sätze treu, ist sogar noch etwas langsamer als Afanassjew und somit erheblich langsamer als Richter. Dynamisch spielt sie durchaus ein Pianissimo an der oberen Grenze, gerät aber m. e. nie in Gefahr, diesen Satz zu "leicht" zu spielen.

    Das Trio spielt sie rhythmisch äußerst prägnant und dynamisch sehr kontrastreich. Da kommt as Fortissimo-Forzando (Takt 26) wirklich. Natürlich spielt auch sie das Scherzo da capo ed infine la Coda.


    Im abschließenden Allegro ma non troppo ist sie wiederum etwas langsamer als Waleri Afanassjew und wesentlich langsamer als Swjatoslaw Richter.

    Sie lässt die einleitenden G-Akkorde jeweils lang ausklingen und achtet auch hier deutlich auf den zweiten Teil der Tempovorschrift "ma non troppo" = aber nicht zu viel. Dafür langt sie schon bei den ersten Crescendi tüchtig hin, was schon im zweiten Satz positiv zu vermerken war.

    Auch ihre sorgfältige rhythmisch-dynamische Arbeit ist weiterhin ausdrücklich zu loben. Davon kann sich der geneigte Hörer auch am Übergang zum Seitensatz überzeugen. Nach dem vielfältigen raschen Wechsel in der Exposition zwischen kurzen Bögen und vielen Staccato-Abschnitten ist nun im Seitensatz das wunderbare Legatospiel der Pianistin im Diskant zu bewundern, das sie geschickt im Bass mit Staccato-Achtel-Synkopen kontrastiert. Ein wiederum beseligender Gesang! Auch sie mach am Ende des Seitensatzes eine ordentliche zweitaktige Pause und setzt dann den durchführungsartigen Teil mit kraftvollem Zugriff ein. Die dynamische Kurve dieses wiederum rhythmisch sehr prägnanten Abschnitts senkt sie in den letzten Takten dieses höherdynamsichen ersten Teils wieder und wechselt organisch in den zweiten wieder pp-gekennzeichnet lyrischen Abschnitt mit den kurzen Bögen im Diskant und den kontrastierenden Achteltriolen im Bass. Diesen Abschnitt spielt sie wieder sehr anrührend und leitend zum nur scheinbar reprisenförmigen nächsten Teil über, der aber trotz G-Akkord und Hauptthemenbeginn in Wirklichkeit nur den Durchführungsgedanken fortsetzt.

    Hier geht es hochdynamisch und mit vielen kurzen Oktavgängen und rhythmisch auffälligen Achteltriolen weiter, dann gar über Sechzehntel-Tonleitern, bevor sich das Geschehen in einem langen Decrescendo beruhigt und erst nun im Thema (Takt 312) der wirklich reprisenförmige Abschnitt erreicht ist, der dann ansatzlos wieder in das Seitenthema übergeht (ab Takt 360). Und wieder stimmt sie diesen pastoralen, zu Herzen gehenden Gesang an, der im letzten Abschnitt (ab Takt 404) nicht mehr in beiden Oktaven legato ist, sondern im Bass wieder von Synkopen kontrastiert wird, und diesen spielt sie wieder extrem kurz, was diesem Abschnitt den unnachahmlich Rhythmus verleiht.

    Ein letztes Mal kommt nach zwei veritablen Pausentakten (428/429) ein Durchführungsabschnitt, im 1. Teil hochdynamisch/rhythmisch- wie gehabt, und im zweiten Teil wieder lyrisch/sanft.

    Und auch hier lässt sie dem hochdynamischen Teil wieder die Zeit, sich zu entfalten und verleiht dadurch dem Satz auch wieder Größe und Gewicht.

    Und der lyrische Teil (ab Takt 459 ist einfach wieder nur schön, unendlich schön.

    Und ein letzte (drittes) Mal meldet sich das Hauptthema, hier verkürzt, die G-Akkorde nicht mehr einzeln ausschwingend, sondern von Mal zu Mal leiser werdend.

    Und auch im letzten. absolut letzten Abschnitt, bleibt sie ihrer temporalen Linie absolut treu und spielt ein moderates Presto.

    Eine vom ersten bis zum letzten Takt herausragende referenzwürdige Einspielung, die mich zugleich mit großer Wehmut erfüllt.


    Zitat von Dina Ugorskaja

    Schuberts göttliche Längen begleiten mich mein Leben lang. Die Zeit scheint in dieser Musik manchmal ganz stehen zu bleiben, der Zustand des Verweilens überwiegt alles andere. Der Schmerz, das Unerträgliche, Abgründe, Ausweglosigkeit überfüllen uns. Wie kann das sein, dass die Auseinandersetzung mit dem Tod, die in seiner Musik so unmittelbar und präsent ist, sich doch auf einmal in einer verfliegenden Vergänglichkeit auflösen kann? Es entsteht ein ungeahntes Glück, Freude, ein kindliches Lachen. Dieses Kindliche zusammen mit einer beispiellosen Reife macht für mich das Wesen der Musik von Franz Schubert aus. DINA UGORSKAJA



    Liebe Grüße


    Willi:thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Willi,


    Mein ganz großes Kompliment für diesen so ausführlichen und hochinteressanten Bericht. Allein schon das Schreiben ist ja schon eine sehr aufwändige Sache, aber dies alles noch dazu zu eruieren, verdient ja wirklich einen Sonderpreis! Einfach großartig. Ich frage mich nur immer wieder, wioher Du Dir neben all Deinen täglichen Gedenktag-Erinnerungen und Deinen Chor-Verpflichtungen die Zeit nimmst, um all dies zeitlich zu bewältigen!


    Es freut mich auch für die arme DINA URGORSKAJA, daß Dein Bericht über ihr Spiel so überaus positiv, ja begeistert ausfiel. Wie schade, daß sie diese Eloge nicht mehr lesen kann!


    Viele Grüße

    wok