Tractatus logico-philosophicus

  • Zu finden hier: http://tractatus-online.appspo…Tractatus/jonathan/D.html


    Ich habe ihn nicht ganz gelesen, nur mal den Anfang.


    Meine Meinung dazu:

    Zitat

    1
    Die Welt ist alles, was der Fall ist.
    1.1
    Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

    Zuerst dachte ich, dem stimme ich vollkommen zu. Für mich ist eine apriorische abstrakte Aussage wie "Es gibt unendlich viele Primzahlen." (die Peano-Axiome angenommen) genauso zur Welt gehörig wie die (empirische) Existenz eines Elektrons (Ding).


    Dann lese ich aber:

    Zitat

    2
    Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
    2.01
    Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)

    Das klingt jetzt so, als seien nur dingliche Aussagen "der Fall"/Sachverhalte.


    Interpretiere ich das vollkommen falsch? Vielleicht müsste ich noch den Rest lesen.


    Den letzten Satz

    Zitat

    7
    Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

    finde ich wieder super!

  • Zu finden hier: http://tractatus-online.appspo…Tractatus/jonathan/D.html. Ich habe ihn nicht ganz gelesen, nur mal den Anfang.

    Auch ich habe jetzt lediglich die hier angeführten Auszüge überflogen und bin zudem auch kein Wittgenstein-Exeget (da finde ich den Bruder Paul Wittgenstein schon interessanter), aber immer nach der Prämisse, dass sich ein guter Text immer auch aus sich selbst heraus verstehen lassen muss, fange ich mal an:


    Zuerst dachte ich, dem stimme ich vollkommen zu. Für mich ist eine apriorische abstrakte Aussage wie "Es gibt unendlich viele Primzahlen." (die Peano-Axiome angenommen) genauso zur Welt gehörig wie die (empirische) Existenz eines Elektrons (Ding).

    Leider fehlt mir eine Erklärung bzw. Definition dessen, "was der Fall ist" (womit der Text die geforderte Prämisse des aus sich selbst heraus verständlich seins schonmal "reißt" ...). Zusammen mit 1.1 jedoch scheint es so, dass zumindest die Dinge, also die dinglichen Gegenstände (?) in der Welt weder der Fall noch überhaupt Tatsachen genannt werden sollen!? Andersherum ist alles, was der Fall ist, auch Tatsache und umgekehrt; d.h. Tatsachen und alles, was der Fall ist, sind wohl als äquivalent anzusehen. Leider weiß ich damit nur, was Tatsachen nicht sind, nämlich Dinge und damit bleibt für die Tatsache lediglich der (abstrakte) Gedanke, der - nebenbei bemerkt - m.E. aber auch falsch sein kann und damit schwerlich als Tatsache zu klassifizieren ist.
    Was nun Deine Aussagen angeht, so ist zwar die Unendlichkeit der Primzahlen, die uns Euklid geschenkt hat, eine wahre Tatsache im hier fraglichen Sinne, sie ist der Fall. Andererseits ist aber ein Elektron ein Ding und gehört als solches eben nicht zur Gesamtheit der Welt. Interessant - oder absurd? - wird es dann, wenn ein Ding theoretisch bzw. abstrakt postuliert wird und sich erst später verdinglicht; z.B. Es muss einen neunten Planeten geben! bis Der Planet Pluto wurde tatsächlich entdeckt. - Das Detail, dass der Pluto heute nicht mehr als Planet gilt, spielt dabei jetzt grad keine Rolle.


    Dann lese ich aber:

    Das klingt jetzt so, als seien nur dingliche Aussagen "der Fall"/Sachverhalte. Interpretiere ich das vollkommen falsch? Vielleicht müsste ich noch den Rest lesen.

    Tja, da hat uns der Autor wohl "in die Pfanne gehauen" indem er eine Art von Definition für den Begriff Tatsache liefert, nachdem er schon fröhlich damit herumfabuliert hat ... Der Mathematiker bemerkt's und wendet sich mit Grausen ab!
    Andererseits passiert hier nichts wesentlich anderes, als Hilbert(?) damit ausdrückte, dass die Gegenstände der euklidischen Geometrie auch als Tische und Stühle bezeichnet werden könnten, solange die Beziehungen, als Sachverhalte, d.h. Axiome, Lemmata, Sätze etc. bestehen blieben. Und schließlich: Die Existenz des Elektrons ist m.E. kein Sachverhalt im Sinne von 2.01. Und schlimmer noch ist auch die Unendlichkeit der Primzahlen keine Tatsache, da sie keine Verbindung von Gegenständen beschreibt ... True story. So sad!


    Den letzten Satz

    finde ich wieder super!

    Na ja, nur mit Logik hat diese "Binsenweisheit" nicht allzuviel zu tun ... :untertauch:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Auch ich habe jetzt lediglich die hier angeführten Auszüge überflogen und bin zudem auch kein Wittgenstein-Exeget (da finde ich den Bruder Paul Wittgenstein schon interessanter), aber immer nach der Prämisse, dass sich ein guter Text immer auch aus sich selbst heraus verstehen lassen muss, fange ich mal an:


    Leider fehlt mir eine Erklärung bzw. Definition dessen, "was der Fall ist" (womit der Text die geforderte Prämisse des aus sich selbst heraus verständlich seins schonmal "reißt" ...). Zusammen mit 1.1 jedoch scheint es so, dass zumindest die Dinge, also die dinglichen Gegenstände (?) in der Welt weder der Fall noch überhaupt Tatsachen genannt werden sollen!? Andersherum ist alles, was der Fall ist, auch Tatsache und umgekehrt; d.h. Tatsachen und alles, was der Fall ist, sind wohl als äquivalent anzusehen. Leider weiß ich damit nur, was Tatsachen nicht sind, nämlich Dinge und damit bleibt für die Tatsache lediglich der (abstrakte) Gedanke, der - nebenbei bemerkt - m.E. aber auch falsch sein kann und damit schwerlich als Tatsache zu klassifizieren ist.
    Was nun Deine Aussagen angeht, so ist zwar die Unendlichkeit der Primzahlen, die uns Euklid geschenkt hat, eine wahre Tatsache im hier fraglichen Sinne, sie ist der Fall. Andererseits ist aber ein Elektron ein Ding und gehört als solches eben nicht zur Gesamtheit der Welt. Interessant - oder absurd? - wird es dann, wenn ein Ding theoretisch bzw. abstrakt postuliert wird und sich erst später verdinglicht; z.B. Es muss einen neunten Planeten geben! bis Der Planet Pluto wurde tatsächlich entdeckt. - Das Detail, dass der Pluto heute nicht mehr als Planet gilt, spielt dabei jetzt grad keine Rolle.


    Tja, da hat uns der Autor wohl "in die Pfanne gehauen" indem er eine Art von Definition für den Begriff Tatsache liefert, nachdem er schon fröhlich damit herumfabuliert hat ... Der Mathematiker bemerkt's und wendet sich mit Grausen ab!


    Na, ein Glück, dass endlich mal ein kluger Mathematiker drüberschaut. Das ist garantiert weder Wittgenstein selber noch Frege, Russell, Quine usw. oder den hunderten anderer Logiker, die sich seither mit dem Text auseinandergesetzt haben, aufgefallen! Hätten die doch mal einen richtigen Mathematiker gefragt!


    Das ist kein Lehrbuch, auch kein typischer Fachtext, sondern, aus welchen Gründen auch immer, ein absichtlich teilweise kryptischer Text (und die Durchnummerierung suggeriert teilweise eine simple Abfolge, die so nicht unbedingt besteht). Da kann man sich nicht einfach einzelne Stücke herausnehmen und glauben, dass man das voraussetzungslos verstehen kann oder gar mit erhobenen Zeigefinger logische Anfängerfehler nachweisen. (Ich habe Mathematik zwar nur als Nebenfach studiert, aber meiner vagen Erinnerung nach waren da nicht einmal die Lehrbücher voraussetzungslos zu verstehen, von Fachaufsätzen ganz abgesehen.)
    Ich kenne mich hier auch nicht wirklich aus, aber eine Leitidee ist, dass die Struktur der Welt der logischen Struktur der Sprache (hier einer idealen Sprache, also eher eines logischen Kalküls als der Alltagsprache) folgt. Der Kontrast auf den hier abgezielt wird, ist, dass ein Sachverhalt immer schon ein Komplex ist, etwa das Zutreffen eines Prädikats auf ein (logisches) Subjekt wie F(a) oder das Bestehen einer Relation von Einzeldingen R(a,b) usw. Ein nichtbestehender Sachverhalt ist nur eine solche Verbindung, z.B. "Einhörner sind rosa". Das ist aber "nicht der Fall", dem entspricht aber keine Tatsache, da es keine Einhörner gibt. (Ich habe keine Ahnung, ob der Status mathematischer Objekte (platonisch, konstruktivistisch, etc.) im Tractatus behandelt wird, jedenfalls ist die Grundidee nicht davon geprägt, sondern bezieht sich auf normale Alltagserkenntnisobjekte.)
    Eine Pointe des berühmten Reden/Schweigen-Satzes ist allerdings, dass mit dem, was sich in dieser (mehr oder weniger formal-logischen) Weise ausdrücken lässt, wesentliches eben NICHT gesagt werden kann. Daher ist das keineswegs eine Binsenweisheit, sondern schränkt das gesamte Projekt des Tractatus ein.


    Selbst wenn ich mich hier besser auskennen würde, wäre es aber illusorisch, das in ein paar Sätzen in einem Forum zu erläutern. Wenn Euch der weitere Rahmen interessiert, empfehle ich mit Freges (echter Mathematiker!) "Die Grundlagen der Arithmetik" oder dem u.g. Band mit Aufsätzen Freges zu beginnen. Oder einer kommentierten Ausgabe des Tractatus, da weiß ich aber nichts. S
    Schließlich muss man noch darauf hinweisen, dass der "frühe Wittgenstein" (des Tractatus) und die damit assoziierte philosophische Richtung ("Logizismus", "Wiener Kreis") sich im wesentlichen als Sackgasse erwiesen hat.* Das schmälert die Bedeutung nicht, aber aus heutiger Sicht ist der "späte Wittgenstein" (der sich von der Ideal- zur Alltagssprache wendete) wichtiger und einflussreicher.



    *Was vielen nicht klar zu sein scheint, ist, dass seit Pythagoras und Platon die Philosophie sich weit häufiger eher zu eng an Mathematik (und teils auch mathematisierter Naturwissenschaft) angelehnt hat, als dass sie nonchalant drauflosfabuliert hätte. Die historisch letzte und deutlichste Ausprägung dieser Haltung war die Strömung, zu der der frühe Wittgenstein gehört hat und der späte W. ist eine deutliche Absage. Freilich war das im frühen 20. Jhd. mal wieder besonders plausibel, weil es kurz vorher eine kleine "Revolution" in einem Feld, von dem man über 2000 Jahre lang dachte, es sei ihm nichts Wesentliches mehr hinzuzufügen, nämlich der Logik, gegeben hatte, und es parallel die Grundlagendebatten in der Mathematik (Frege, Russell/Whitehead, Hilbert, später Gödel, Brouwer etc.) gab.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Na, ein Glück, dass endlich mal ein kluger Mathematiker drüberschaut. Das ist garantiert weder Wittgenstein selber noch Frege, Russell, Quine usw. oder den hunderten anderer Logiker, die sich seither mit dem Text auseinandergesetzt haben, aufgefallen! Hätten die doch mal einen richtigen Mathematiker gefragt!

    :D

    Das ist kein Lehrbuch, auch kein typischer Fachtext, sondern, aus welchen Gründen auch immer, ein absichtlich teilweise kryptischer Text (und die Durchnummerierung suggeriert teilweise eine simple Abfolge, die so nicht unbedingt besteht). Da kann man sich nicht einfach einzelne Stücke herausnehmen und glauben, dass man das voraussetzungslos verstehen kann oder gar mit erhobenen Zeigefinger logische Anfängerfehler nachweisen. (Ich habe Mathematik zwar nur als Nebenfach studiert, aber meiner vagen Erinnerung nach waren da nicht einmal die Lehrbücher voraussetzungslos zu verstehen, von Fachaufsätzen ganz abgesehen.)
    Ich kenne mich hier auch nicht wirklich aus, aber eine Leitidee ist, dass die Struktur der Welt der logischen Struktur der Sprache (hier einer idealen Sprache, also eher eines logischen Kalküls als der Alltagsprache) folgt. Der Kontrast auf den hier abgezielt wird, ist, dass ein Sachverhalt immer schon ein Komplex ist, etwa das Zutreffen eines Prädikats auf ein (logisches) Subjekt wie F(a) oder das Bestehen einer Relation von Einzeldingen R(a,b) usw. Ein nichtbestehender Sachverhalt ist nur eine solche Verbindung, z.B. "Einhörner sind rosa". Das ist aber "nicht der Fall", dem entspricht aber keine Tatsache, da es keine Einhörner gibt. (Ich habe keine Ahnung, ob der Status mathematischer Objekte (platonisch, konstruktivistisch, etc.) im Tractatus behandelt wird, jedenfalls ist die Grundidee nicht davon geprägt, sondern bezieht sich auf normale Alltagserkenntnisobjekte.)
    Eine Pointe des berühmten Reden/Schweigen-Satzes ist allerdings, dass mit dem, was sich in dieser (mehr oder weniger formal-logischen) Weise ausdrücken lässt, wesentliches eben NICHT gesagt werden kann. Daher ist das keineswegs eine Binsenweisheit, sondern schränkt das gesamte Projekt des Tractatus ein.

    Dann bin ich von der falschen Annahme ausgegangen, dass das ein wissenschaftlicher Text ist. Ich habe auch kein Philosophiestudium als Grundlage.

    Selbst wenn ich mich hier besser auskennen würde, wäre es aber illusorisch, das in ein paar Sätzen in einem Forum zu erläutern.

    Wohl wahr.

  • Die Annahme ist auch nicht falsch. Wenn man die Philosophie als Wissenschaft ansieht, ist das selbstverständlich ein wissenschaftlicher Text. Und wenn nicht, ist es jedenfalls ein – gelungener – Versuch, das philosophische Denken auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen.


    Was dieser kurze aber höchst bedeutende Text (einer der wichtigsten, meistdiskutierten und einflussreichsten philosophischen Texte des 20. Jahrhunderts wenn nicht überhaupt der Neuzeit) jedenfalls nicht ist: ein Facbook-Post oder irgend ein cooles Häppchengericht, bei dem man mal schnell ein paar Sätze liest und sich dann seine Meinung bildet. Der Text ist schwierig aber keineswegs kryptisch, sondern von kristalliner Klarheit. Allerdings erfordert er, dass man sich intensiv mit ihm auseinandersetzt. Wenn man nach flüchtigem Hinsehen meint, banalste Fehler in der Gedankenführung auffinden und diese verkünden zu sollen, sollte man das Buch lieber gleich zur Seite oder ins Altpapier legen. Wenn man allerdings Freude am Denken hat, und vor allem, wenn man Freude daran hat, auf ganz neue Gedanken gebracht zu werden, ist das ein Buch, mit dem sich viel anfangen lässt. Dass Wittgenstein selbst die Konzeption später kritisiert hat, bedeutet keineswegs, dass sie nicht nützlich ist. Das ist sie in jedem Fall, auch wenn das Buch am Ende als eine Stufe auf dem Weg erweisen wird, über die man dann hinwegschreitet. Nur ohne solche Stufen wird man nirgends in die Höhe kommen, und man muss diese Stufen erst mal erklimmen.



    Ich kenne mich hier auch nicht wirklich aus, aber eine Leitidee ist, dass die Struktur der Welt der logischen Struktur der Sprache (hier einer idealen Sprache, also eher eines logischen Kalküls als der Alltagsprache) folgt.


    Das kann man schärfer formulieren: Das, was wir die Struktur der Welt nennen, ist die Struktur der Sprache. Oder auch: Die Welt entsteht aus der Sprache, wenn man so will, der Grammatik. Die Sprache ist also nicht das Mittel zur Beschreibung dessen, »was da ist«. Wenn man aber über das reden will, »was da ist«, also unabhängig von der Sprache »existiert«, kommt man an die Grenze, wo man nichts mehr aussagen kann, weil gar nicht mehr klar ist, was dieses »was da ist« eigentlich heißen soll, noch weniger, wie etwas darüber ausgesagt werden soll. Auch der berühmte letzte Satz ist also keineswegs eine Binsenweisheit. Allerdings ein Satz, den man nur verstehen wird, wenn man zumindest die wesentlichen Grundgedanken der Abhandlung verstanden hat, und das kriegt man nicht hin, wenn man sie liest wie einen Tweet.

  • Das kann man schärfer formulieren: Das, was wir die Struktur der Welt nennen, ist die Struktur der Sprache. Oder auch: Die Welt entsteht aus der Sprache, wenn man so will, der Grammatik. Die Sprache ist also nicht das Mittel zur Beschreibung dessen, »was da ist«. Wenn man aber über das reden will, »was da ist«, also unabhängig von der Sprache »existiert«, kommt man an die Grenze, wo man nichts mehr aussagen kann, weil gar nicht mehr klar ist, was dieses »was da ist« eigentlich heißen soll, noch weniger, wie etwas darüber ausgesagt werden soll. Auch der berühmte letzte Satz ist also keineswegs eine Binsenweisheit. Allerdings ein Satz, den man nur verstehen wird, wenn man zumindest die wesentlichen Grundgedanken der Abhandlung verstanden hat, und das kriegt man nicht hin, wenn man sie liest wie einen Tweet.

    Genauso ist es, lieber imhotep - das ist der berühmte linguistic turn in der Philosophie, der maßgeblich durch Wittgenstein begründet wurde. Wobei man sagen muss, dass die (vornehmlich angelsächsische) "analytische Philosophie", die klassisch eine sprachanalytische war - in Deutschland exemplarisch durch Ernst Tugendhat vertreten - diese "sprachliche" Fixierung inzwischen längst aufgegeben hat. Bei Searle ist der sprachanalytische Ansatz nur noch pragmatisch und es herrscht die mind philosophy. Schön jedenfalls, dass es auch mal etwas Philosophisches bei Tamino gibt! :thumbsup:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Es geht ja auch nicht um die Frage, ob die Ideen dieser Abhandlung von ewiger Gültigkeit sind oder nicht. Welche Idee ist das schon? Trotzdem bleibt zweierlei: Zum einen lohnt es sich immer, sich mit wirklich tiefen Gedanken zu befassen, auch z.B. mit denen von Aristoteles, auch wenn die Philosophie (von der Physik ganz zu schweigen) in vielen Punkten heute ganz andere Auffassungen vertritt; zum anderen, dass man mit so einem Text schwerlich zurande kommt, wenn man ein paar Zeilen im Twitterformat (128 Zeichen und total cool) herauspickt und sich dann ein Urteil anmaßt. Ein Vorteil solcher Texte ist ja eben, dass sie deutlich darauf hinweisen, dass manches eben durchaus sehr schwierig sein kann.

  • Genauso ist es, lieber imhotep - das ist der berühmte linguistic turn in der Philosophie, der maßgeblich durch Wittgenstein begründet wurde. Wobei man sagen muss, dass die (vornehmlich angelsächsische) "analytische Philosophie", die klassisch eine sprachanalytische war - in Deutschland exemplarisch durch Ernst Tugendhat vertreten - diese "sprachliche" Fixierung inzwischen längst aufgegeben hat. Bei Searle ist der sprachanalytische Ansatz nur noch pragmatisch und es herrscht die mind philosophy. Schön jedenfalls, dass es auch mal etwas Philosophisches bei Tamino gibt! :thumbsup:


    Schöne Grüße
    Holger


    Die eigentliche Pointe im Tractatus ist noch eine etwas andere. Die Wissenschaft macht Aussagen über die Welt mithilfe einer Sprache, deren logische Struktur - wie schon gesagt wurde - notwendig der logischen Struktur der Welt entspricht. Aber über diese logische Struktur selbst kann man in der Sprache keine Aussagen machen, weil diese Aussagen genau dieser logischen Struktur nicht entsprechen würden, also unsinnig wären. Die logische Struktur der Sprache ist nicht aussagbar, sondern "zeigt sich" in Wittgensteins Worten. Aufgabe der Philosophie (und zwar die einzige Aufgabe) wäre es aber gerade, solche Aussagen über die logische Struktur der Sprache zu machen. Somit ist die Schlussfolgerung des Tractatus, dass Philosophie als Wissenschaft, d.h. als Menge von sinnvollen Sätzen, gar nicht möglich ist. Und wo wir nichts Sinnvolles sagen können, da müssen wir schweigen. Genau so ist auch der berühmte und oft missverstandende Schlusssatz zu verstehen. Auch der Tractatus selbst als philosophische Abhandlung besteht überwiegend aus sinnlosen Sätzen, er ist - ein weiterer berühmter Satz - die Leiter, die wir wegwerfen müssen, nachdem wir über sie zu der Einsicht gelangt sind. Wittgenstein hat dann auch die Konsequenz gezogen und sich vorübergehend von der akademischen Philosophie verabschiedet, um Dorfschullehrer zu werden (ohne großen Erfolg).


    Das alles versteht man natürlich nicht, wenn man sich nur einzelne Sätze herausgreift. Um den Tractatus zu verstehen, muss man Gottlob Frege gelesen und verstanden haben, man muss sich mit Bertrand Russells logischem Atomismus beschäftigt haben und mit den Grundlagenproblemen der Arithmetik.


    Die hier auch erwähnte sprachanalytische Philosophie des Wiener Kreises, insbesondere Rudolf Carnaps, war zwar vom Tractatus stark beeinflusst, hat aber andere Konsequenzen daraus gezogen. Carnap war der Meinung, dass es sehr wohl eine sinnvolle Philosophie als Wissenschaft geben könne, nachdem man die metaphysischen "Scheinprobleme" eliminiert, d.h. als unsinnig entlarvt habe. Die Aufstellung von Sinnkriterien stand im Zentrum des Philosophierens dieser Schule, und anders als Wittgenstein glaubte Carnap, dass neben der Wissenschaft und der Mathematik auch für die Philosophie noch ein Betätigungsfeld verbliebe, nämlich eben die logische Analyse der (Wissenschafts-)Sprache (anfangs auf die Syntax beschränkt, später hat er auch Semantik und am Ende sogar Pragmatik anerkannt): Philosophie = Wissenschaftslogik. Mit seiner Unterscheidung zwischen inhaltlicher und formaler Redeweise glaubte Carnap, Wittensteins Unsagbarkeits-Diktum widerlegt zu haben. Zu Unrecht, wie ich meine, dazu habe ich sogar mal einen Aufsatz publiziert.


    Wittgenstein selbst hat sich später vor allem mit dem Funktionieren der Normalsprache (im Gegensatz zu formalen Kunstsprachen) befasst und den Begriff des Sprachspiels geprägt. Seine Spätphilosophie ist auf lange Sicht erheblich einflussreicher geworden als der Tractatus.


    Eine sehr gute Einführung in Wittgensteins Philosophie stammt vom Bielefelder Wittgenstein-Kenner Joachim Schulte:


  • Aber über diese logische Struktur selbst kann man in der Sprache keine Aussagen machen, weil diese Aussagen genau dieser logischen Struktur nicht entsprechen würden, also unsinnig wären.

    Dann wird Dich bestimmt die aktuelle Ringvorlesung des "Zentrums für Wissenschaftstheorie" in Münster interessieren zum Thema "Nichtwissen".


    http://www.uni-muenster.de/Wis…n_wise2017_18_/index.html


    Du kannst mich ja danach fragen, wer das initiiert und mit organisiert hat - zumindest indirekt habe ich damit zu tun! ;) :D


    Schöne Grüße
    Holger

  • ... Leider fehlt mir eine Erklärung bzw. Definition dessen, "was der Fall ist" (womit der Text die geforderte Prämisse des aus sich selbst heraus verständlich seins schonmal "reißt" ...). Zusammen mit 1.1 jedoch scheint es so, dass zumindest die Dinge, also die dinglichen Gegenstände (?) in der Welt weder der Fall noch überhaupt Tatsachen genannt werden sollen!? Andersherum ist alles, was der Fall ist, auch Tatsache und umgekehrt; d.h. Tatsachen und alles, was der Fall ist, sind wohl als äquivalent anzusehen. Leider weiß ich damit nur, was Tatsachen nicht sind, nämlich Dinge und damit bleibt für die Tatsache lediglich der (abstrakte) Gedanke, der - nebenbei bemerkt - m.E. aber auch falsch sein kann und damit schwerlich als Tatsache zu klassifizieren ist.


    Hallo Michael,


    ich steige bei sowas auch eher schnell aus.


    Die Welt? Welche Welt ist da gemeint? Unsere Erfahrungswelt? Der Planet Erde? Das Universum?


    Was sind Tatsachen? Die Wahrnehmung, die ich habe oder glaube zu haben? Die ihrerseits falsch sein kann.


    Eine Wahrnehmung unabhängig von Individuen (z.B. durch Meßinstrumente)? Selbst Physiker brauchen zum Teil sehr lange Zeit, um echte Effekte von Verunreinigungen oder Artefakten unterscheiden zu können. Zum Teil sind zudem Meßinstrumente, insbesondere in den Sozialwissenschaften, weder reliabel noch valide (messen also nicht, was sie vorgeben zu messen).


    Ist mein Gefühl eine Tatsache (z.B., daß ich Harzer Käse nicht mag)? Das kann man bisher wohl noch gar nicht messen.


    Ich kann akzeptieren, daß es sich um einen Fachtext handelt, der Laien nicht zugänglich ist (ähnlich Relativitätstheorie), dann mache ich einfach einen Bogen darum und "weiß nicht", um mal die Volte zur Ringvorlesung an der Uni Münster zu schlagen, ohne in der Regel darüber besonders unglücklich zu sein.

  • Mit eben diesen Fragen beschäftigt sich der Text. Und er gibt Antworten darauf. Nur eben nicht im ersten Satz und auch nicht auf der ersten Seite. Was man ihm schwerlich zum Vorwurf machen kann. Wenn einen diese Fragen allerdings ernstlich und nicht nur als polemisches Wurfgeschoss interessieren, kann man von der Lektüre dieses Textes viel profitieren. Was sehr für ihn spricht.