Sergej Prokofieff: Sinfonie Nr. 3 in c-moll op. 44

  • Mit Verwunderung habe ich bemerkt, dass die 3. Sinfonie von Prokofjiev gar keinen eigenen Thread hat. Da ich sie mittlerweile für eine tolle Sinfonie halte, möchte ich das nun ändern.


    Prokofievs 3. Sinfonie ist viersätzig und besteht aus einem Moderato; Andante; Allegro agitato und einem Andante mosso - Allegro agiato. Wobei auffällig ist, dass der vierte Satz deutlich kürzer ist als der Kopfsatz. Außerdem hat Prokofjiev hier Motive aus seiner Oper der feurige Engel benutzt.


    Ich habe natürlich auch im Internet recherchiert und habe dabei mehrmals den Wikipedia Eintrag gefunden (mal mehr, mal weniger ausgeschmückt) der sagt, dass die Sinfonie daran leidet, dass sie nach der Oper (der feurige Engel) komponiert wurde, diese Oper aber fast nie gespielt wird und von daher die Bilder und Motive nicht bekannt sind. Außerdem sei die Musik harsch, zu komplex und die Sätze unausgewogen.


    Die Sinfonie wurde in Paris komponiert und Uraufgeführt. Prokofiev selber fand wohl zu dem Zeitpunkt, dass das seine bedeutendste Komposition sei. Anscheinend hatte er es nicht gerne, dass seine dritte auch manchmal die Sinfonie des feurigen Engels genannt wurde, da dass hauptsächliche Thematische Material unabhängig von der Oper komponiert wurde, dann zwar in die Oper einging, dabei natürlich die Färbung der Oper annahm, aber diese Färbung auch wieder verlor, als sie aus der Oper wieder extrahiert wurde, soweit das mir vorliegende Booklet. Der Komponist selber hätte es gerne, dass man die Sinfonie ohne jede gegenständlich Vorstellung hört.


    Das ich die Oper nicht kenne höre ich sie natürlich gegenstandslos. Und sie gefällt mir sehr gut. Da ist ganz viel Bewegung in der Sinfonie, aber auch Wut und Humor sind zu finden. Allein der Einstieg ist mitreissend. Die ganze Sinfonie ist sehr abwechslungsreich. Und mir persönlich gefällt z.B. der dritte Satz sehr gut, der mich an einen Hexentanz der Streicher erinnert. Und mit Schlagwerk dramatische Aspekte reinbringt.


    Ich habe die kürzlich erschienen Interpretation von Vladimir Jurowski mit dem Staatlichen Akademischen Sinfonieorchester Russland. Diese Interpretation hebt die Vielfarbigkeit und die unterschiedlichen Aspekte, Stimmungen und Motorik der Sinfonie hervor, was dazu führt, dass die dritte im Moment tatsächlich meine liebste Prokofiev Sinfonie ist. Was ich auch nie gedacht hätte. ;-)


    Eine weitere dritte, die ich habe, ist die von James Gaffigan mit dem Niederländischen Radiosinfonieorchster. Auch das ist eine tolle Interpretation, die besonders das Schlagwerk hervorhebt, also eine Version die Teleton gut gefallen dürfte. Es knallt wirklich beeindruckend, für meine Ohren und ich höre sie mir gerne zwischendurch an, weil da einfach Spektakel ist. Und von der Aufnahme natürlich auch top. Aber sie hat nicht die Vielfarbigkeit, weshalb ich die Version von Jurowski vorziehe.



    So, ich würde mich wie immer freuen, wenn Ihr noch Gedanken und Beiträge beisteuern würdet. Ich finde, dass ist wirklich tolle Musik, mit der man sich näherbeschäftigen kann.

  • Ich habe natürlich die 105. Sinfonie von Haydn zuerst gehört, allerdings ist das die 1. von Prokofiew, eine spritzige Etüde im alten Stil (Symphonie Classique). Danach habe ich mir die anderen 6 Sinfonien angeeignet und höre sie mindestens einmal im Jahr. Sie sind alle großartig, wobei besonders auffällt, was für innige und melodiöse langsame Sätze Prokofiew schreiben konnte. Das einzige Stück, das ich nicht mehr höre, ist der 1. Satz der 2. Sinfonie; das ist nur Krach. Der zweite Satz (die Sinfonie hat nur 2) ist dagegen ein sehr schöner Satz mit Variationen.
    Übrigens hat vor langer Zeit die Oper in Münster "Der feurige Engel" aufgeführt; ein tolles Werk. Bei der ersten Vorstellung waren noch 3 Rassehunde mit tollen Namen live auf der Bühne, bei der nächsten Vorstellung war nur einer übrig geblieben.
    Die Debatte übrigens um gleiche Stücke aus Sinfonie und Oper finde ich müßig. So hat Prokofiew gleiche Themen in seinem Ballett "Romeo und Julia" und in seiner Symphonie Classique (ich glaube, es ist der dritte Satz)
    Bei Mathis der Maler von Hindemith geht das ja auch, wobei ich sehr bedaure, dass die Sinfonie sehr oft, die Oper kaum gespielt wird. Sie liegt in einer mustergültigen Umsetzung unter Rafael Kubelik vor!

    What was the old saying? "If you think you might be drinking too much, then you are". (John Grisham,The Widow)

  • Die Sinfonie Nr.3 habe ich mir heute nach langer Zeit, angeregt durch Deinen zur 3ten noch fehlenden Thread, mal wieder angehört.
    Dazu habe ich die sehr gut klingende Chandos-Aufnahme mit Neeme Järvi / Scottish National Orchestra herangezogen ... an das von Dir erwähnte Schlagwerk im 1.Satz konnte ich mich so herausragend gar nicht erinnern. .... ;):D aber N.Järvi hat das Schlagwerk auch drauf ... besonders auch im hammermässigen 3.Satz, wo Prokofieff orchestrale Effekte einbaut (die Streicher !), die so bis 1929 in dieser Art ungehört blieben. Auch der 4.Satz ... ((Hardrock 1929 ...))



    *** Die Sinfonie Nr.3 ist aussergewöhnlich farbig und wild instrumentiert.
    :!: Interessant ist noch der Umstand, dass die Durchführung im 1.Satz dem Zwischenspiel aus dem 3.Akt der Oper entspricht ... Prokofieff hat dann Exposition und Reprise drum herum gebaut und so einen kompletten Sonatensatz geschaffen ... eine Vorgehensweise, von so noch niemals berichtet wurde.
    Pierre Monteux dirigierte am 17.Mai 1929 die UA in Paris.


    Zu der mittelalterlichen Geschichte des Handlungsverlaufes aus der Oper "Der feurige Engel" möchte ich jetzt nichts schreiben ... das steht in jedem der guten Texthefte der GA mit Weller (Decca), N.Järvi (Chandos).


    Meine russische Aufnahme mit Kitaenko / Moskauer PH ist mit Abstand die Härteste. Der russische Orchestersound bringt das Geschehen, wie kaum eine Andere zur Explosion und lässt auch den ruhigen Passagen mit Herzblut ihren Raum.
    Obwohl Kitaenko und N.Järvi das Gleiche Aufnahmedatum 1985/6 haben klingt die Kitaenko-Aufnahme harscher und schärfer ... aber es passt zum Werk.


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    Melodiya, 1985/6, DDD



    Die Järvi-GA ist nicht gelistet - deshalb hier die Abb der CD-Einzelausgabe:

    Chandos, 1985/6, DDD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Alfred_Schmidt

    Hat den Titel des Themas von „Prokofiev 3. Sinfonie“ zu „Sergej Prokofieff: Sinfonie Nr 3 in c-moll op .44“ geändert.
  • Die 3. Sinfonie von Prokofjew halte ich für sehr gelungen und bedeutend. Sie geht in ihren Hauptmotiven, wie erwähnt, auf seine Oper "Der feurige Engel" zurück.

    Jetzt komme ich mit einer steilen These (etwas nerdig, aber es ist mir halt aufgefallen): Zuerst kam mir diese Ähnlichkeit bereits in den Sinn, als ich im Dezember in Bremen im Feurigen Engel saß. Und nun beim Hören der Sinfonie war es eigentlich überdeutlich: Das Hauptthema des Andante - ebenfalls der Oper entnommen - weist frappante Ähnlichkeit zu einem Hauptmotiv aus Puccinis "Suor Angelica" auf. Das absteigende Motiv scheint regelrecht Puccinis Oper entnommen zu sein - das kann kaum Zufall sein. Ein Blick bei IMSLP zeigt die Notengleichheit über elf Noten hinweg.

    Einen konkreten Hinweis darauf in der Literatur habe ich nicht gefunden. Aber Prokofjew kann Puccinis Trittico problemlos gekannt haben. Seine 3. Sinfonie entstand 1928 in Paris und "Der Feurige Engel" in der Hauptsache ebenfalls um 1928 (erste Aufzeichnungen ab 1909) ebenfalls in Paris. Puccinis Trittico entstand 1918 etwa zehn Jahre vorher. Nach erfolgreicher Uraufführung in NY wurde die Oper ab 1920 an vielen Häusern Europas, auch in Paris, aufgeführt. Prokofjew kann das Werk also sowohl von Live-Aufführungen, als auch vom Notenmaterial her gekannt haben.


    Als Klangprobe:

    Prokofjew (ab 12:08)


    Puccini (ab 39:18, zunächst in der Urform, später mit den absteigenden Achteln wie bei Prokofjew)


    8)

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Die 3. Sinfonie von Prokofjew halte ich für sehr gelungen und bedeutend.

    Dem will ich nachdrücklich beipflichten. Die letzten Tage habe ich mir mit zunehmender Begeisterung einige Aufnahmen der Dritten vorgenommen und wundere mich ein wenig, dass sie bei mir jahrelang ein solches Schattendasein geführt hat. Allein dieser Beginn! Es ist ein ungemein dramatisch-expressives Werk, das gleichwohl weniger provokant daherkommt als die oft verschmähte Zweite. Dass ich die der 3. Sinfonie zugrundeliegende Oper "Der feurige Engel" gehört habe, liegt lange zurück, auch wenn ich sie als beeindruckend in Erinnerung habe. Bei den Hördurchgängen habe ich diesmal ganz bewusst nicht die besonders idiomatischen sowjetischen Einspielungen unter Roshdestwenski und Kitajenko gewählt, die hinsichtlich Authentizität ohnehin außer Konkurrenz laufen.


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    Concertgebouw-Orchester

    Dirigent: Kirill Kondraschin

    Aufnahme: Concertgebouw, Amsterdam, 29. November 1975 (Philips)


    Sehr vorwärtsdrängend, teils eruptiv. Der Klang, obwohl Stereo, ist leider recht mäßig und verhindert eine eindeutige Empfehlung.



    Staatliches Akademisches Sinfonieorchester Russlands

    Dirigent: Wladimir Jurowski

    Aufnahme: Großer Saal des Moskauer Konservatoriums, September/Oktober 2016 (Pentatone)


    Sehr adäquates Orchestertimbre, wenn auch nicht mehr ganz so zugespitzt wie zu Sowjetzeiten. Irgendwie droht der Spannungsbogen aber da und dort zu reißen, was bei dem Werk verwundert. Vielleicht liegt es am etwas distanzierten Klangbild.



    Cleveland Orchestra

    Dirigent: Franz Welser-Möst

    Aufnahme: Severance Hall, Cleveland, 27. & 30. September 2018 (Eigenlabel Cleveland Orchestra)


    Von den gehörten Aufnahmen - kaum zu glauben - tatsächlich mein Favorit. Der messerscharfe Cleveland Sound will mir sehr passend erscheinen. Dirigentisch ausgezeichnet geführt. Superbe Klangqualität.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Ich bleibe bei dieser Hörsitzung bei der Aufnahme mit dem Gürzenich-Orchester unter Kitajenko. Ich bestätige dem Werk wuchtige Größe, ausgeprägte Rhythmik, zahlreiche orchestrale Effekte, aber auch eine gewisse Unruhe und Schärfe. Ich frage mich wie viele konservative Hörer noc bis zum lyrischen 2. Satz durchhalten. Erwähnen möchte ich noch den gigantisch düsteren und bedrohlichen, hoffnungslosen Finalsatz. Technisch sicher gut gemacht und durchdacht. Schöner wird die Musik davon auch nicht.

    Ein Inferno.


    Ich musste nach all dem vorangegangenen Lob auch die Balance wiederherstellen.



    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Immerhin - die Interpretation des einstigen Prokoffieff Schülers Rostropowitsch klingt um Nuancen weniger aggressiv, hat aber natürlich dennoch auch Biss.


    Der Komponisr war mit dem #werk zufrieden, das Publikum anfangs auch - dennoch gilt die 3. als die am wenigsten aufgeführte

    sinfonie Prokoffieffs. Generell scheinen sich die Mitglieder des Tamino-Forums eher wenig für Prokoffieff zu interessieren (???)


    R. Schulz in Neue Musikzeitung 12/88: »Insgesamt hat Rostropovich eine beispielsetzende Einspielung der Symphonien Prokofieffs erstellt. Hohe und höchste Bewertungen für Interpretation, Editorischem Wert und Klangtechnik.«


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Immerhin - die Interpretation des einstigen Prokoffieff Schülers Rostropowitsch klingt um Nuancen weniger aggressiv, hat aber natürlich dennoch auch Biss


    Ich hatte mich vor Jahren auch mit dieser GA beschäftigt, vor einem möglichen Kauf. Auch wenn die o.g. Rezensionen vielversprechend ist, aber ich konnte mich mit dem langsamen Tempo, das Rostropowitsch anschlägt so ganz und gar nicht an freunden und habe deshalb den Kauf ausgeschlossen.


    Genau den gleichen Eindruck habe ich mit der CD bei den Romeo und Julia - Suiten Nr. 1 und 2 mit Rostropowitsch / National SO of Washington (DG) - die kommen nicht "in die Pötte" und wirken zudem recht düster ... da lob ich mir Maazel - Ashkenazy - Solti auf Decca !


    Zur Sinfonie Nr.3:


    Auch hier kann ich auf meine Neuanschaffung Gergiev / London SO (Philips) verweisen.

    ER liefert nicht nur eine Int mit Biss, wie die idiomatischen (Josef !) Rosh und Kitaenko. Der Klang ist nicht so schön und ausgewogen, wie bei Weller / LSO (Decca), die ich als eine der besten Westdirigentenaufnahmen beurteile, aber das dunkle Timbre mit einmaliger Gluthitze, die Gergiev produziert, ist der Hammer !


    LIVE-Aufnahmen (ohne Applaus)


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    Philips, 2004, DDD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Das einzige Stück, das ich nicht mehr höre, ist der 1. Satz der 2. Sinfonie; das ist nur Krach

    Gilt letztlich direkt und indirekt, aber vor allem allegorisch, für alle 7, Ausnahme vielleicht Erste.

    Meine subjektive und persönliche Ansicht dazu, und ich habe mich noch nie verhört.

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  • Gilt letztlich direkt und indirekt, aber vor allem allegorisch, für alle 7, Ausnahme vielleicht Erste.

    Meine subjektive und persönliche Ansicht dazu, und ich habe mich noch nie verhört.

    Ehrlich gesagt ist mir der Inhalt des Gesagten dunkel. Sind sie nun für Dich Krach oder nicht? Unter indirektem, direktem oder allegorischem Krach kann ich mir nichts rechtes vorstellen.

  • Ehrlich gesagt ist mir der Inhalt des Gesagten dunkel. Sind sie nun für Dich Krach oder nicht? Unter indirektem, direktem oder allegorischem Krach kann ich mir nichts rechtes vorstellen.

    Mir bleibt zusätzlich auch noch der Sinn des Verbs "verhören" im gegebenen Kontext verborgen. Es scheint aber etwas ganz Wesentliches und Eindeutiges im Rahmen der Selbsteinschätzung des betreffenden Kollegen zu sein.

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Mir bleibt zusätzlich auch noch der Sinn des Verbs "verhören" im gegebenen Kontext verborgen. Es scheint aber etwas ganz Wesentliches und Eindeutiges im Rahmen der Selbsteinschätzung des betreffenden Kollegen zu sein.

    D'accord. Bei so viel Prokofjew-Expertise muss der Kollege wohl zu seinem (Vor-)Urteil kommen. Gegenbeispiele zum vermeintlichen Krach: Romanze aus "Lieutenant Kijé", Lied von Alexander Newski aus gleichnamigem Oratorium, Arie des Rostow aus der Oper "Krieg und Frieden".

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • D'accord. Bei so viel Prokofjew-Expertise muss der Kollege wohl zu seinem (Vor-)Urteil kommen. Gegenbeispiele zum vermeintlichen Krach: Romanze aus "Lieutenant Kijé", Lied von Alexander Newski aus gleichnamigem Oratorium, Arie des Rostow aus der Oper "Krieg und Frieden".

    Langsamer Satz der threadeigenen 3. Sinfonie, Pater Lorenzo & Julias Tod aus Romeo und Julia etc. pp.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)