(die Musik ist mir inzwischen zu pessimistisch; damals hat das gut zu meiner Lebenseinstellung gepasst - aber die hat sich ins Gegenteil verkehrt).
Manchmal gibt es so Momente da liest man nur etwas durch und erst später fallen einem bestimmte Aussagen von einem Text wieder ein weil sie für einem doch mehr Bedeutung ergeben als man beim schnellen Durchlesen zunächst ahnte. Vielleicht gibt es zu dieser Aussage schon einen Thread? Also jetzt nicht zu der verspäteten gedanklichen Reflexion von Textstellen sondern dass sich der Geschmack einfach im Laufe des Lebens verändert, durch Lebenserfahrungen und auch leichte Persönlichkeitsveränderungen (Reifeprozess und dergleichen). Ich bemerke das nämlich schon an mir.
Vor etwa 20 Jahren sprachen mich in Moll gehaltene Werke viel mehr an, ich suchte bewusst diese emotionale Reibung weil sie für mich gleichzeitig eine tiefgehendere Erfahrung versprach. Das zeigte sich vor allem auch daran, dass ich damals noch einige Requien von verschiedenen Komponisten sammelte. Mittlerweile hat sich das aber stark verändert, mit der Lebenserfahrung dass es im Leben schon genug an verschiedenen Reibungspunkten und Herausforderungen gibt und es der Stimmung auch nicht besser tut wenn man sich die Nachrichten anschaut (aber zur Information doch in gewissen regelmäßigen Abständen tun sollte) ist bei mir irgendwie der innere Bedarf an besonders tristen, dramatischen oder melancholischen Werken stark gesunken. Ich finde solche Stellen in überschaubarem Ausmaß und als Kontrast durchaus noch sehr spannend und interessant, aber ich brauche keine Requien mehr oder solche Werke wie die Metamorphosen für 23 Solostreicher von Strauss (wenn ich auch finde dass es zu seinen besten Werken gehört), das Finale von Tschaikowskys 6. Sinfonie und alles was sonst noch so mit Tod, Trauer, Verlust in Musik gegossen zu tun hat. Das ist mir aber interessanterweise erst nach diesem Satz von Ulli so richtig bewusst geworden obwohl sich die Umstellung ja schleichend seit längerem vollzogen hat.
Mahler würde ich aber noch nicht pauschal als zu pessimitisch empfinden. Es gibt einige Sätze und Stellen die mich vom generellen Gefühl sogar eher an Lebensfreude erinnern, auch wenn diese dann mitunter durchaus nachdenklichere Passagen haben können (spontan fällt mir dazu das Scherzo der 5. ein, einige Teile der 4., Finale der 7.,...). So etwas wie die beiden Finali der 3. oder 9. oder das Urlicht kann ich aber auch nur unter gewissen emotionalen Grundbedingungen hören, das hat sicher auch ein wenig melancholischen Pathos aber die Musik wirkt hier nur wenn man sich darauf einlassen kann und dazu bin ich nicht immer in der Stimmung. Aber umgekehrt sind mir einige Dur-Werke von Barock bis Spätromantik heute emotional näher wie damals. Sie passen mehr zu mir als Mensch wie ich jetzt bin.
