Sieg der Moral - Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni

  • Interessant ist dazu der Wikipedia-Artikel.


    Und da insbesondere auch die ursprünglichen Titel wie El ateista fulminado. Etwa „Der von einem (göttlichen) Strafgericht getroffene Gotteslästerer“.


    Bestraft wird DG weder wegen Mordes noch wegen sonstiger Delikte, sondern allein wegen seiner Überheblichkeit („Hochmut kommt vor dem Fall“) bzw. letztlich wegen aller sieben Todsünden ...


    Die KI spuckt hier aus:


    Zitat
    • Wollust (Luxuria) Sein offensichtlichstes Laster. Er verführt Frauen rücksichtslos, wie seine Liste mit Tausenden von Eroberungen beweist.
    • Hochmut (Superbia) Arroganz gegenüber dem Adel, seinen Untertanen und sogar gegenüber dem Gesetz und Gott.
    • Zorn (Ira) Als der Vater Donna Annas (der Komtur) ihn zur Rede stellt, tötet Don Giovanni ihn kurzerhand im Duell.
    • Völlerei (Gula) Er liebt dekadente Feste, Wein, gutes Essen und schwelgt maßlos im Überfluss.
    • Habgier (Avaritia) Seine Gier ist vor allem auf den unbegrenzten Besitz von Frauen und gesellschaftlichem Genuss gerichtet.
    • Trägheit (Acedia) Don Giovanni lässt seinen Diener Leporello für sich schuften und übernimmt keine Verantwortung für die Konsequenzen seines Handelns.
    • Neid (Invidia) Er missgönnt anderen ihr Glück, was ihn dazu treibt, sich in bestehende Beziehungen (wie bei Zerlina und Masetto) einzumischen.

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • On period Instruments.

    On modern Schauplätzes.


    Budapest. 21tes Jahrhundert. Ein nicht mehr ganz taufrischer (aber anziehender) Playboy, viel nackte Haut (nicht mehr oder weniger als in jedem neueren Sex-and-Crime-Streifen), zum Teil recht gute Sänger und Sängerinnen, die zugleich beeindruckende Schauspieler sind, tolle Bilder und fantastische Filmmusik:



    Kasper Holtens JUAN.


    Maria Bengtsson (Anna), Elizabeth Futral (Elvira),
    Katija Dragojevic (Zerlina), Peter Lodahl (Ottavio),
    Christopher Maltman (Juan), Ludvig Lindstrom (Masetto),
    Mikhail Petrenko (Leporello), Eric Halfvarson (Chief of Police)


    Concerto Copenhagen
    Lars Ulrik Mortensen


    Das da Pontesche Libretto wurde auf die übliche Spielfilmzeit (ca. 99 Minuten) zusammengefasst, ohne daß ich den Eindruck hatte, Wesentliches hätte gefehlt. Die Umsetzung ins 21. Jahrhundert - zumindest in das der Sex-and-Crmie-Szene im TV - gelingt absolut genial und ohne Ecken und Kanten, teilweise beeindruckend sekundengenau gesteuert, geschickt überlagert, überraschend passend und konsequent. Eine Menge an Details zu verraten, würde die Vorfreude am Schauen sicherlich stark beschneiden, deswegen bloß soviel: „il catalogo“ mutierte zu einem MacBook Air (oder was es 2010 in dieser Kategorie ähnliches gab) und übererfüllt seinen Zweck. Die Amtssprache ist Englisch (es gibt Ausgaben mit dt. UT) und der Filmgast sollte keine Scheu vor Schimpfwörtern haben, die zwar nicht im Übermaß, aber doch evident und nicht selten die Gehörgänge entzünden. Man muß sich außerdem damit abfinden, daß in die Musik gelegentlich hineingeredet wird oder daß die Geräuschkulisse messerscharf in den Gesang schneidet (keine Kritik meinerseits, fand ich aber einer vorwarnenden Erwähnung wert). Wer soetwas nicht verträgt und als Entweihung einstuft, sollte also besser Augen und Ohren davon lassen ...


    Beeindruckt war ich von Mikhail Petrenko als Leporello, gefallen haben mir auch Ludvig Lindstrom (Masetto) und Katija Dragojevic als Zerlina. Mortensen überschätzt allerdings seine Musiker insgesamt zeitweise bei extrem rasanten Tempi - was für den Film und den beabsichtigten Effekt allerdings Nebensache ist. Aber wer genau hinhört und jede Note der Partitur persönlich kennt, könnte etwas irritiert werden ...


    Schließlich endet das Drama in der originären Prager Fassung: gerade hier würde - wie aber auch in der Oper - der Wiener Appendix das gelungene Finale einfach zerstören; Mozarts gute Musik in Ehren ...


    Für Neugierige gibt es einen Trailer auf Youtube: 🔞



    „So hätte Mozart heute Don Giovanni umgesetzt" schreibt Variety. Schon möglich. Aber er hätte andere Musik komponiert. :D

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Dirigent und Besetzung sind über jeden Zweifel erhaben.

    Lieber Alfred,


    gerne würde ich eine Antwort schreiben, aber obwohl ich ziemlich hitzeresistent bin, kann ich mich heute nicht konzentrieren. Mein Thermometer zeigte um 16.00 Uhr 40,2° C, und jetzt sind es noch stolze 34°. Da muß ich einfach pausieren. Sobald wieder Normalität einkehrt, komme ich auf das Thema zurück.


    LG nach Wien

    Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Er hat keinen Mord begangen, dondern seinen Gegener in einem Duell getötet, der in notabene dazu hinausgefordert hat.

    Heute würde er "lebenslänglich" dafür bekommen. Jaja, nch 20 Jahren wäre er wieder frei. Aber das war glasklarer Mord. Und ich kann seinem Anwalt nur raten, von solchen Haarspaltereien wie oben zitiert Abstand zu nehmen. Sonst läuft es nämlich auf anschließende Sicherheitsverwahrung hinaus, da völlig uneinsichtig und dauerhafte Gefahr für die Mitmenschen.

  • Duelle waren damals gang und gäbe, einerseits, wenngleich verboten (ich weiss nicht seit wann?) - aber allgemein geduldet. Im konkreten Fall war es allerdings kein vereinbartes Duell, sondern Selbstverteidigung (der Komtur hat angegriffen) mit letalem Ausgang, im schlimmsten Falle Notwehrüberschreitung. Aber mit derlei Spitzfindigkeiten hat man sich damals nicht befasst, notabene, da das Libretto auf älteren Vorlagen aufbaut...


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Banner Trailer Gelbe Rose
  • Musik/Libretto:

    Ich kann bis heute nicht verstehen, warum nach dem fulminanten Ende dieser butterweiche Schluss kommt. Vor allem, da für mich musikalisch die Komturszene das beste ist, was Mozart überhaupt geschrieben hat, allerdings nur, wenn man drei gloriose Spitzenbässe hat wie Otto Klemperer. Und wenn schon Mozart aus diversen Gründen diesen 2. Schluss so schreiben musste, kann man ihn heute weglassen.

    Computer kaufen keine Autos (Jochen Hensel)


  • Außer ein paar schönen Bildern und falschen Instrumenten: nix Neues ...

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • So schaut übrigens ein Don Giovanni aus:



    Ich hätt' gerne eine DVD davon; weiß jemand etwas?


    Don Giovanni Trionfante

    di Paolo Vittorio Montanari

    tratto da

    Søren Kierkegaard, Enten-Eller

    Wolfgang Amadeus Mozart - Lorenzo Da Ponte, Don Giovanni


    DON GIOVANNI: Antonio Sapio

    LEPORELLO: Alberto Zanetti

    DONNA ANNA: Eleonora Cilli

    DONNA ELVIRA: Myrto Bocolini

    ZERLINA: Cristiana Arcari

    DON OTTAVIO: Gabriele Barinotto

    COMMENDATORE: Michele Filanti


    Besser als hier: völlig desinteressiert ob des Blabla des Comturs, genüßlich das Interesse auf das Abnagen der Hähnchenkeule gerichtet, kann man Don Giovanni m. E. gar nicht darstellen. *tschak*

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Natürlich sollte man auch den langersehnten da-Ponte-Film „Io Don Giovanni“ kennen:



    Bei jottpezeh finde ich den Film leider nicht.


    Die dt. Fassung gibt's hier:



    Der Beschreibung des Videos ist zu entnehmen:


    Zitat

    Saura schielt vergebens nach „Fellinis Casanova“ oder Formans „Amadeus“.

    In der Reihe dürfte dann „Farinelli“ nicht fehlen; wobei ich den Blick auf diese Filme für entbehrlich halte. Daß diese Filme in der Struktur ähnlich sind, ist das eine und kaum vermeidbar. Gleichwohl hat Sauras Streifen einen ganz eigenen Duktus, der den Schulterblick überflüssig macht.


    Ich habe den Film im italienischen Original gesehen; ohne Untertitel (deutsche standen nicht zur Disposition, die spanischen erschienen mir wenig hilfreich – spanisch kam es mir zum Teil auch so vor...). Zwar habe ich mit Sicherheit nicht jedes Wort - jede Pointe - verstanden, fühlte mich aber sprachlich in die richtige Dimension und Situation versetzt – die gelegentlich deutschen Sätze oder eher Satzfetzen (um das italienische Publikum nicht zu überfordern) sorgten bei mir für kurzfristige Erleichterung; im Großen und Ganzen war aber der biografische Bogen (mit entsprechendem Hintergrundwissen) sehr gut nachvollziehbar. Die wenigen deutschen Dialoge reichen von trivial-peinlich bis deutlich überspitzt und könnten – Hand aufs Herz – dennoch der Realität durchaus nahe kommen; jedenfalls stelle ich mir das so vor.


    Die Besetzung der Hauptrollen scheint mir ideal: endlich mal ein Mozart, dem ich die Rolle ohne Wenn und Aber abkaufe: Lino Guanciale – vom Theater kommend, gab er 2009 in Io, Don Giovanni sein Filmdebüt. Etwas unbeholfen zwar, wenn es um die Ausführung musikalischer Tätigkeiten geht, aber insgesamt überzeugend: die Fresse am richtigen Fleck, optisch gerade kurz vor hässlich und trotzdem mit den Genieblitzen in den Augen. Insgesamt legte der Film wenig Wert auf authentische Darstellung der musikalischen Aspekte, was bei genauem Hinsehn – zumindest mich – stört, aber für das Gesamterlebnis (und den Großteil des Publikums) scheint mir das eher unwichtig zu sein.


    Was wäre Venedig ohne Nebel? Wer das mindestens einmal erlebt hat, weiß es zu schätzen. So beginnt auch der Film: 1763 in Venedig – im Nebel. Musikalisch akkommodiert mit dem Winter aus Vivaldis Quattro Stagioni – zeitlich völlig unpassend, aber eben einhundertprozentig venezisch. Abgehandelt wird da Pontes Konversion vom jüdischen Glauben zum Katholizismus – die erste halbe Stunde ist durchwoben von blasphemischen Anspielungen, gleich im Hinblick auf die grand Story: Priesterweihe da Pontes mit stetem Blick auf die Schönheit der weiblichen Formen. Spätestens hier kommt Casanova ins Spiel – genial dargestellt von Tobias Moretti, stilistisch sich neben Graf Seeau aus dem Film „Ich hätte München Ehre gemacht“ einzureihend: königlich, köstlich! Casanova wird ein wenig als Leitfigur eingesetzt, etwa wie der Cherubim in der Salzburger Figaro-Produktion oder die Summe der drei Knaben aus der „Zauberflöte“, die da Ponte den rechten Weg zeigen.


    Als da Ponte (Lorenzo Balducci, hübsch) 1781 wegen Ehebruchs mit einer verheirateten Frau aus Venedig fliehen musste, trifft er zunächst in der Wiener Karlskirche den BWV 565 spielenden Mozart an. Eher unrealistisch und trashig – die einzige Stelle im Film, die ich wirklich kritisiere. Sein Kontakt zu Salieri, dem er via eines Empfehlungsschreibens Casanovas begegnet, führt wieder zurück zu Mozart, da Salieri bereits mit dem damaligen Hofpoeten vertraglich liiert ist. Der Figaro wird angerissen, aber schnell wieder ausgeblendet und hat logischer Weise bloß die Funktion, den Erfolg für Mozart und da Ponte darzustellen.

    Zwischendurch immer wieder Anspielungen auf die bevorstehende Zusammenarbeit für die Oper Don Giovanni – u.a. mit Musik von Gazzaniga, die (ich kenne das Stück) jedesmal mich wieder ernüchtert, wieviel Mozart hier geklaut hat: man möchte mitflöten, aber es geht anders weiter ...


    Auffallend und von mir zunächst als extrem billig gewertet, daß es so gut wie keine Originalschauplätze (oder vergleichbare) gibt: fast alle Häuserfronten werden auf deutlich erkennbaren gemalten resp. abfotografierten Transparenten gezeigt, die benötigten Requisiten sind hingegen echt (immerhin ein Walter-Flügel): einerseits stellt sich Theaterfeeling ein, andererseits aber widerspricht dies dem Filmmodus ansich. Witzig: echte Kutschen fahren über statische Landkarten... Der Clou aber: als es endlich zur produktiven Arbeit an der titelgebenden Oper kommt, werden auf den Transparenten die Scenen der Oper filmisch eingespielt und dargestellt, dann übergeblendet – eigentlich doch toll gemacht.


    Die Darsteller für die Oper sind auch extrem konform mit meinen Vorstellungen gelungen: ein junger Don Giovanni, dargestellt vom damals < 30jährigen Borja Quiza, ein toller, sonorer Leporello (Sergio Foresti) und eine bezaubernde Zerlina (Alessandra Marianelli).

    Der Film endet mit der wenig applaudierten Wiener Premiere der leidtragenden Oper Mozarts und den Worten des Kaisers: „Dieses Werk ist himmlisch […] aber kein Bissen für meine Wiener“ - selbiges könnte als sich selbst erfüllende Prophezeiung auch vor dem Hintergrund des Vergleichs mit dem berühmten Film „Amadeus“ für Amadeus-Publikum gelten, das diesen Film schaut. Mozart antwortet darauf, was biografisch nicht verbürgt ist: „Lassen sie es die Oper verdauen...“. Die Blicke des Kaisers (übrigens für meinen Geschmack auch besser als der aus „Amadeus“; Roberto Accornero) daraufhin sind einfach geilomat! Ich denke, das gilt auch für diesen Film, dem mit einmal schauen sicher nicht gedient ist.

    Ist das HIP oder kann das weg?