Die Frau ohne Schatten (Strauss) Hamburgische Staatsoper, 26.12.18

  • Dieses eher selten gespielte Werk wird für mich immer mit der am 15.1.1980 an der Hamburgischen Staatsoper von Birgit Nilsson gesungenen Färbersfrau verbunden sein (Barak: Thomas Stewart, Kaiser: James King, Kaiserin: Eva Marton, Amme: Ruth Hesse; Leitung: von Dohnanyi). Diese Ausnahmesängerin lohnte den Besuch der Vorstellung. Um was es ging in dieser Oper, musste ich heute vor der Aufführung noch einmal nachlesen: Um eine vom Geistwesen zum Menschen gewandelte Frau (Kaiserin), die kinderlos bleibt, wofür allerdings ihr Mann, der Kaiser, mit Versteinerung bestraft werden soll. Um das zu verhindern, versucht sie mit Hilfe ihrer zauberisch begabten Amme einer armen, sich ihrem redlichem Mann (Barak) verweigernden Färbersfrau den Schatten (resp. deren Gebärfähigkeit) abzuschwatzen. Die Färbersfrau geht darauf ein; die Kaiserin verzichtet aber schließlich (geläutert durch Liebe und Empathie), wird endgültig menschlich und gewinnt ihren Mann zurück.


    Das durch eine Wendeltreppe verbundene zweigeschossige, ca. 18 m hohe Bühnenbild von Harald Thor (oben Reich des Kaisers, unten Baraks Färberei) konnte eindrucksvoll nach unten (bw. oben) gefahren werden; die Inszenierung Andreas Kriegenburg), vor allem die Personenführung fand ich schlüssig und überzeugend, der Schluss wirkte allerdings leicht kitschig ausgewalzt, was wohl zwecks Brechung des Pathos beabsichtigt gewesen war.


    Wie wurde gesungen; Lise Lindstrom, die mir schon als Brünnhilde stimmlich nicht zugesagt hatte, hielt natürlich den Vergleich mit Frau Nilsson nicht stand. Das wäre auch bei keiner anderen Sängerin zu erwarten gewesen. Es fehlte ihr aber auch für diese Rolle der Färbersfrau der Klang in der Mittellage, über den ihre Konkurrentin Emily Magee als Kaiserin zweifelsfrei verfügte. Magees besonders im dritten Aufzug geforderte Stimme erwies sich auch als runder, weniger scharf und damit klangschöner. Ohne Zweifel hat Frau Lindstrom ein strahlendes Forte, mit dem sie immer sicher über dem Orchester lag; das reicht für die sängerische Gestaltung der Rolle aber nicht ganz aus. Darstellerisch erfüllte sie ihren Part dagegen optimal. Letztlich standen für die drei Frauenpartien drei schallstarke Damen zur Verfügung, neben den bereits genannten auch die nur manchmal mit etwas zu starkem Vibrato singende Linda Watson als Amme. Die Männer zeigten sich etwas weniger strahlkräftig, sangen dafür aber schöner, das gilt vor allem für Wolfgang Koch als Barak, der mit seiner Stimme das Melodische der Partie deutlich in den Vordergrund rückte. Auch Eric Cutler als Kaiser lag mit seinem durchaus klangschönen Tenor im Forte über dem Orchester. Von den Nebenpartien möchte ich vor allem Bogdan Baciu als Geisterbote hervorheben, weiterhin ergänzten Gabriele Rossmanith als Hüter der Schwelle des Tempels bzw. als Falke sowie Dongwon Kang als Jünglingserscheinung das insgesamt ausgezeichnete Ensemble. Kent Nagano leitete das Philharmonische Staatsorchester und erhielt für die Orchesterleistung ebenso wie die Sängerinnen und Sänger der fünf Hauptpartien jubelnden, aber nicht zu langen Beifall. Das Haus war allerdings höchstens halb gefüllt, was bei einem so schwierigen Libretto und einer Nettospielzeit von 3 Stunden und 10 Minuten am 2. Weihnachtstag eigentlich auch nicht weiter verwundert (die nächste Aufführung ist schon deutlich besser gebucht).

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Ralf Reck

    Hat den Titel des Themas von „Die Frau Ohn“ zu „Die Frau ohne Schatten (Strauss) Hamburgische Staatsoper, 26.12.18“ geändert.
  • Lieber Ralf Reck,


    leider ist Hamburg nicht in meinem Beuteschema. "Die Frau ohne Schatten" ist eine meiner Lieblingsopern, und ich hatte sie gewählt als eine der Möglichkeiten, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Ich hab sie leider nur 2x gesehen, live. Darunter in Dresden mit Botha als Kaiser, und schon das allein war jeden Cent wert. Gerne erinnere ich mich daran, wie wir im Auto auf dem Parkplatz (damals noch zugänglich) vor der Semperoper warteten, und da kam er bei der Hofkirche um die Ecke gewatschelt. Er. Johan Botha. Er gehört zu den besten Tenören, die ich je erlebt habe.

    Zur Zeit bleibt mir nur meine DVD (mit Moser, Studer, Marton, Hale, Lipovsek und dem damals noch jungen Bryn Terfel als Geisterbote) in der Inszenierung von Götz Friedrich und Sir Georg Solti am Pult. Ich hab sie mindestens 8-10 x erlebt, erst als Videokassette und jetzt als qualitativ wesentlich bessere DVD.

    Du weißt, ich bin bei der Inszenierung sehr wählerisch, deshalb habe ich vor Jahren auf Leipzig verzichtet, obwohl das mein Einzugsgebiet ist. Ansonsten will und kann nicht jedes Opernhaus diese doch etwas sperrige Oper spielen.

    Danke für Deinen Beitrag.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber Ralf Reck,

    auch ich bedanke mich für den Bericht, den ich mit Neugier gelesen habe. Das von Tamino La Roche gewählte Attribut sperrig trifft die Oper ganz gut. Nur einmal habe ich sie selbst gesehen, Ostersonntag 2017, ebenfalls mit Wolfgang Koch als Barak - in der Inszenierung von Claus Guth.

    Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Ralf,

    auch von mir vielen Dank für Deinen Bericht. Live hab ich diese Oper ein paar mal an der Rhein Oper mit einer sehr guten Besetzung gesehen u. a. mit Linda Watson. Bogdan Baciu gehört ja auch zum Ensemble der Rhein Oper und scheint sich nun dem deutschsprachigen Fach mit großem Erfolg zuzuwenden, nachdem er in der Götterdämmerung in Düsseldorf den Gunther gesungen hat. Es muß ja nicht immer Hänsel und Gretel oder der Nußknacker zu Weihnachten sein.

  • Das von Tamino La Roche gewählte Attribut sperrig trifft die Oper ganz gut

    Ich verstehe das "sperrig" in mehreren Ebenen. Erstmal dauert die Oper recht lange, sie hat Rosenkavalier-Längen und nähert sich Wagners Dimensionen. Dann ist ihr Melodienreichtum zwar unendlich, aber außer evtl. "Mir anvertraut" ist kaum etwas dabei, was sich einprägt. Mitunter sind Akkorde und Notenfolgen dabei, die einem Belcanto-Anhänger grauselig vorkommen. Die Handlung zwischen Realität und Geisterwelt erschließt sich auch nicht jedem.

    "Die Frau ohne Schatten" ist eine Oper, die man ohne gründliche Vorbereitung auf das Ereignis besser nicht besuchen sollte. Es sei denn, man berauscht sich an der Kunstfertigkeit der Sänger, die recht schwierigen Partien zu singen oder an der Wucht und Kraft der orchestralen Musik. So ging es mir beim ersten Mal. Es waren die Zwischenspiele, die Kraft des rund 100 Mann starken Orchesters (die mich auch zur Elektra brachten), die einen Sog auf mich ausübten und das "sperrige" der Oper zweitrangig werden ließen. Inzwischen finde ich persönlich nichts "sperriges" mehr, sondern bin bereit, immer neues in der Musik und auch im Hoffmannsthal-Text entdecken zu wollen. Nur politische oder neue historische Deutungen versage ich mir und schaue lieber wieder die o.g. DVD an.


    Einen guten Rutsch und ein gesundes neues Jahr wünscht


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Auch von meiner Seite aus vielen Dank für Deinen Bericht - ich habe leider "Frosch" noch niemals live gesehen - aber fürMai erwarten wir in Wien schon sehnsüchtig auf eine Neuproduktion unter Christian Thielemann (für 2 Aufführungen der Serie habe ich mir schon Karten gesichert, ich arbeite auch an den anderen drei Abenden..) mit Stephen Gould (Kaiser), Camilla Nylund (Kaiserin), Wolfgang Koch (Barak), Nina Stemme (Färberin), Evelyn Herlitzius (Amme) etc.


    Das wird für mich persönlich eines der Highlights der Saison werden (neben Les Troyens mit DiDonato und Cavalleria mit Garanca)

  • Hallo Erik, willkommen bei Tamino!


    Da du Enriqueta Tarres als Kaiserin gleich an erster Stelle aufzählst, hier eine Chance zur akustischen Wiederbegegnung mit ihr in dieser Rolle (1979 in der Deutschen Staatsoper Berlin):





    :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

    Einmal editiert, zuletzt von Stimmenliebhaber ()

  • Es ist eine Märchenoper das sollten auch Regisseure eigentlich wissen.

    Volle Zustimmung, lieber Erik

    Zum Glück gibt es div. Aufnahmen über die Medien, aber meistens nur als Hörversion. Gerade bei dieser Oper ist mir das Bild wichtig, aber solche Varianten wie in einem Aufnahmestudio ( München, dir. Thielemann ?) oder St. Petersburg in einem Gerümpelkeller mit Waschmaschinen sehe ich nicht an, da schalte ich sofort ab. Wie gesagt, selbst Leipzig, nur 1 Stunde von mir entfernt, habe ich nicht besucht, das war mir zu sehr verunstaltet.

    Es ist noch eine Inszenierung aus Marseille eingestellt, die ich mir auch ansehen würde, u.a. mit Anna Tomowa-Sintow, Gwyneth Jones, Reinhild Runkel u.a., aber da ist der Ton und das Bild nicht toll.

    Die Oper wird leider vernachlässigt. Sie stellt ja auch sehr hohe Anforderungen an alle Beteiligten.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Die Feststellung unseres neuen Mitstreiters Erik, den auch ich willkommen heiße, dass es sich bei der "Frau ohne Schatten" im Grunde um eine Märchenoper handele, ist natürlich richtig. In das Stück, das ein Jahr nach Beginn des Ersten Weltkrieges vollendet wurde, flossen viele neuen Erkenntnisse der Psychologie ein, die seinerzeit die meisten schaffenden Künstler bewegten. Die Färberin halte ich für eine der interessantesten und modernsten Opernfiguren. Sie erhält derartiges Gewicht, dass man mitunter vergisst, nicht sie, sondern die Kaiserin ist die titelgebende Gestalt. Angesichts des sehr komplexen und symbolistisch aufgeladenen Werkes müssen sich Regisseure schon die Frage stellen, was es im einzelen damit auf sich hat und wo die zeitlosen Bezüge und Aussagen liegen. In der aktuellen Leipziger Deutung, die La Roche ansprach, geschah dies bei der Interpretation des Färberpaares auf eine - wie ich fand - ziemlich ordinäre Weise. Die Färbersfrau, die übrigens keinen Namen hat, wurde auf das Niveau von Cindy aus Marzahn heruntergebrochen. Damit wurde ausgerechnet dem Leipziger Publikum vom ungarischen Regisseur Balázs Kovalik vorgeführt, wie schlicht und billig die Sehnsüchte und Träume der Frauen im Osten sein sollen. Ich fand das wirklich gemein und hinterhältig. Viele Regisseure haben mit der Darstellung der "arbeitenden Bevölkerung" (;)) auf der Opernbühne so ihre Schwierigkeiten. Es gab aber auch betörend schöne Bilder in Leipzig. :)


    Von allen Inszenierungen, die ich gesehen habe, gefiel mir jene von Harry Kupfer an der Berliner Staatsoper an besten, von der Stimmenliebhaber einen Mitschnitt eingestellt hat. Sie hatte große menschliche und versöhnliche Züge. Ich habe fast alle Aufführungen gesehen. Wenn ich nicht irre, dann sang Ludmila Dvorarakova immer die Färberin, Antonin Svorc bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Theo Adam) den Barak, die erwähnte Tarres mit ihrem gläsernen Sopran meist die Kaiserin. Anfangs gab Martin Ritzmann, den ich für einen hervorragenden Strauss-Tenor halt, den Kaiser. Für die Amme - meine Lieblingsfigur - gab es die wechselhaftesten Besetzung. Auf Sigrid Kehl, die diese Rolle schon in der alten Leipziger Inszenierung gesungen hatte, folgten Ingeborg Zobel, Gisela Schröter und Ute Trekel-Burckhardt - alles nachzulesen in Stimmenliebhabers Besetzungsarchiv.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Die Färbersfrau, die übrigens keinen Namen hat,

    Lieber Rüdiger,

    nur ihr Mann hat einen Namen, der Barak. Alle anderen sind nur mit ihrem "Dienstgrad" benannt, also Kaiser und Kaiserin, Amme, Färbersfrau, Geisterbote, selbst die Brüder Baraks treten auf als Einäugiger, als Einarmiger und als Buckliger. Nur der Drahtzieher des Ganzen, der Geisterchef Keikobad hat noch einen Namen, obwohl er nie auf der Bühne erscheint und nur durch seine irdischen Verteter, die Amme und den Geisterboten Kontakt zu seiner verzauberten Tochter aufnimmt, der Kaiserin.


    Die durchweg nur bei Barak vertretene Menschlichkeit berechtigt offensichtlich zur Namensgebung.


    Leider hatte sich die Oper mir erst nach 1990 erschlossen, so daß ich die Berliner und Leipziger Inszenierungen nicht sehen konnte. In Dresden saß ich während meinem ersten Kontakt mit dieser Oper neben einer relativ betagten Dame, die immer wieder den Kopf schüttelte. Wir kamen ins Gespräch, und sie schwärmte ebenfalls von einer märchenhaften Inszenierung, die sie aus "früheren guten alten Zeiten" in Erinnerung hatte. Ich bin für mich begeisternde Aufführungen offenbar zu spät geboren. Oder wesentlich zu früh, um am heutigen Operngeschehen Freude zu haben.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Erinnerungen werden wach großartiger Sänger : Tarres, Kuchta,Dalis, Kozub, Crass unter L. Ludwig oder viele Aufführungen mit Marton/Rysanek/Bjoner, Vinzing/Nilsson, Hesse/Dernesch, King/Moser, Grundheber.

    Hallo, Erik

    Auch von mir "Herzlich willkommen"!

    Ich kann zwar zum eigentlichen Thema nichts beitragen, aber weil Du die span. Sopranistin "Enriqueta Tarres" erwähnst,

    da werden auch bei mir dankbare Erinnerungen wach.

    Ich habe sie seinerzeit an der Deutschen Staatsoper Berlin, viele Male als großartige AIDA erlebt, meist alternierend mit Anna Tomowa Sintow.

    Ebenfalls großartig ihre Santuzza und Butterfly. Das waren Sternstunden, die man nicht vergißt.


    CHRISSY

  • Es ist eine Märchenoper das sollten auch Regisseure eigentlich wissen.

    Hugo von Hofmannsthal, nannte es eine Erzählung, aber nichts destotrotz, auch Märchen haben eine Botschaft, die es gilt umzusetzen in welchen Varianten auch immer!

    Man lese den Briefwechsel zwischen Strauss und Hofmannsthal!

    Und man sollte auch unbedingt die Erzählung von Hofmannsthal gelesen haben !!!


    Ich habe seit 1995 neun* Inszenierungen gesehen, eine noch früher in Düsseldorf aber da war ich noch nicht soweit!

    *1995 Basel, 2003 Frankfurt, 2007 Mannheim u.Karlsruhe, 2008 Düsseldorf, 2009 DOB, 2013 München u. 2014 Wiesbaden u. Kassel! Es war eigentlich nur eine dabei die mich nicht so ganz erreicht hat, aber alle hatten ihren ganz "eigenen Reiz der Inszenierung!"

    Aber darüber zu diskutieren hier im Forum liegt mir nicht, da mir die Meinungen der meisten User zu vorgefertigt sind! :(

    Es ist und bleibt meine Lieblingsoper von Strauss!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Es ist und bleibt meine Lieblingsoper von Strauss!

    Wenigstens da sind wir uns einig. Aber dichtauf folgen die "Ariadne", "Salome", "Elektra" und "Capriccio." Noch vor dem Rosenkavalier und der Arabella.

    Übrigens fühle ich mich nicht angesprochen mit dem Begriff "vorgefertigte" Meinung. Was ich aber teilweise angesehen habe (mein Beitrag 9) hätte niemals meine Liebe zu dieser Oper wecken können. Musik und Bühnengeschehen sollten zusammen passen, in jeder Oper. Wenn der Text noch dazu in einer deutschsprachigen Oper der Handlung widerspricht, hat jemand was falsch gemacht.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Hallo,


    ich bin kein Opernfreund, von wenigen Ausnahmen abgesehen. "Die Frau ohne Schatten" schätze ich sehr, nur auf CD ohne ….. Vor längerer Zeit habe ich dazu im Form einen umfangreichen, nur die Musik betreffenden Beitrag eingestellt. Der Inhalt der Oper ist sehr gelungen in Musik übertragen und für mich erst damit sehr verständlich geworden.


    Einen guten Rutsch und Gesundheit wünscht und sendet viele Grüße


    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Lieber Fiesco,

    bei diesem Gespräch über die Frau ohne Schatten geht es doch wirklich freundlich und kultiviert zu. Mich hat der Thread angeregt, die Oper doch nicht als zu sperrig zu den Akten zu legen und Deinen Hinweis auf die gleichnamige Erzählung Hofmannsthals, dessen Gedichte ich liebe, greife ich dankend auf.

    Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Hans, als sperrig empfand ich das nie, weil ich schon ziemlich früh die Erzählung von Hofmannsthal gelesen hatte, und dann auch div. LP/CDs hörte und somit musikalisch im Bilde war, der Rest kam später. Und wenn mich ein Werk sehr interessiert lese ich auch alles möglich darüber, bis heute! Ich schaue/te mir ja jede Oper in der ich war immer unvoreingenommen an, auch weil es mich bis heute immer noch reitzt unterschiedliche Sichtweisen auf ein Werk kennenzulernen! Aaaaaber man sollte allem gegenüber aufgeschlossen sein und bleiben, ansonsten verliert man! ;)


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Dieses eher selten gespielte Werk wird für mich immer mit der am 15.1.1980 an der Hamburgischen Staatsoper von Birgit Nilsson gesungenen Färbersfrau verbunden sein (Barak: Thomas Stewart, Kaiser: James King, Kaiserin: Eva Marton, Amme: Ruth Hesse; Leitung: von Dohnanyi). Diese Ausnahmesängerin lohnte den Besuch der Vorstellung. Um was es ging in dieser Oper, musste ich heute vor der Aufführung noch einmal nachlesen: Um eine vom Geistwesen zum Menschen gewandelte Frau (Kaiserin), die kinderlos bleibt, wofür allerdings ihr Mann, der Kaiser, mit Versteinerung bestraft werden soll. Um das zu verhindern, versucht sie mit Hilfe ihrer zauberisch begabten Amme einer armen, sich ihrem redlichem Mann (Barak) verweigernden Färbersfrau den Schatten (resp. deren Gebärfähigkeit) abzuschwatzen. Die Färbersfrau geht darauf ein; die Kaiserin verzichtet aber schließlich (geläutert durch Liebe und Empathie), wird endgültig menschlich und gewinnt ihren Mann zurück.


    Das durch eine Wendeltreppe verbundene zweigeschossige, ca. 18 m hohe Bühnenbild von Harald Thor (oben Reich des Kaisers, unten Baraks Färberei) konnte eindrucksvoll nach unten (bw. oben) gefahren werden; die Inszenierung Andreas Kriegenburg), vor allem die Personenführung fand ich schlüssig und überzeugend, der Schluss wirkte allerdings leicht kitschig ausgewalzt, was wohl zwecks Brechung des Pathos beabsichtigt gewesen war.


    Wie wurde gesungen; Lise Lindstrom, die mir schon als Brünnhilde stimmlich nicht zugesagt hatte, hielt natürlich den Vergleich mit Frau Nilsson nicht stand. Das wäre auch bei keiner anderen Sängerin zu erwarten gewesen. Es fehlte ihr aber auch für diese Rolle der Färbersfrau der Klang in der Mittellage, über den ihre Konkurrentin Emily Magee als Kaiserin zweifelsfrei verfügte. Magees besonders im dritten Aufzug geforderte Stimme erwies sich auch als runder, weniger scharf und damit klangschöner. Ohne Zweifel hat Frau Lindstrom ein strahlendes Forte, mit dem sie immer sicher über dem Orchester lag; das reicht für die sängerische Gestaltung der Rolle aber nicht ganz aus. Darstellerisch erfüllte sie ihren Part dagegen optimal. Letztlich standen für die drei Frauenpartien drei schallstarke Damen zur Verfügung, neben den bereits genannten auch die nur manchmal mit etwas zu starkem Vibrato singende Linda Watson als Amme. Die Männer zeigten sich etwas weniger strahlkräftig, sangen dafür aber schöner, das gilt vor allem für Wolfgang Koch als Barak, der mit seiner Stimme das Melodische der Partie deutlich in den Vordergrund rückte. Auch Eric Cutler als Kaiser lag mit seinem durchaus klangschönen Tenor im Forte über dem Orchester. Von den Nebenpartien möchte ich vor allem Bogdan Baciu als Geisterbote hervorheben, weiterhin ergänzten Gabriele Rossmanith als Hüter der Schwelle des Tempels bzw. als Falke sowie Dongwon Kang als Jünglingserscheinung das insgesamt ausgezeichnete Ensemble. Kent Nagano leitete das Philharmonische Staatsorchester und erhielt für die Orchesterleistung ebenso wie die Sängerinnen und Sänger der fünf Hauptpartien jubelnden, aber nicht zu langen Beifall. Das Haus war allerdings höchstens halb gefüllt, was bei einem so schwierigen Libretto und einer Nettospielzeit von 3 Stunden und 10 Minuten am 2. Weihnachtstag eigentlich auch nicht weiter verwundert (die nächste Aufführung ist schon deutlich besser gebucht).

    Heute, lieber Ralf, war das Haus zu wahrscheinlich ca. ¾ gefüllt. Es war meine erste „Frau ohne Schatten“ (bitte nicht missverstehen…), und ich kann mich dir gedanklich in ganz vielem anschließen.

    Das fängt bei den Sängern an: Das Ensemble ist mit Blick auf die Charaktere sehr gut zusammengestellt. Eric Cutler als Kaiser sehr ästhetisch-elegant, Emily Magee eine wirklich rundum starke, durchsetzungsfähige und emotional berührende Kaiserin, deren innerer Kampf gut zur Geltung kommt – an ein paar wenigen Stellen nicht ganz intonationssicher, aber das ist ausdrücklich eine Randbemerkung. Noch mehr Applaus bekam heute ihr „passender Gegenpart“, nämlich Lise Lindstrom als Baraks Frau. Du hattest ihre Mittellage als etwas zu schwach empfunden, die mir aber an den dynamisch moderaten Stellen mehrfach reizvoll, weil differenziert und klangschön erschien. Ich fand vor allem die Tiefen mit etwas zu wenig Substanz, um sich jederzeit völlig souverän zu behaupten. Aber ja: Magee hatte da in der Tat mehr Ausgeglichenheit (und Wumms im positiven Sinne) zu bieten. Dennoch konnte ich Lindstoms Stimme durchaus gut mit der Färbersfrau in Verbindung bringen, und ich hatte auch keine unangenehme Schärfe in der Höhe ausgemacht. Der Färber selbst, also Wolfgang Koch, war eine einzige Wonne, so wohltönend und dennoch überzeugend temperamentvoll füllte er die Rolle stimmlich aus. Sehr lebendig und treffsicher auch sein Spiel – das gilt allerdings für alle großen Rollen heute. Die Amme Linda Watson in der Tat zunächst mit einer solch weiten Vibratoamplitude, dass ich etwas Sorge hatte, mir könne das womöglich über den Abend hinweg geschmacklich zu anstrengend werden. Aber das gab sich – keine Ahnung, ob das ein Gewöhnungseffekt war oder sie wirklich etwas moderater (und textverständlicher) wurde. Witzigerweise war mir das Orchester fast nur dann zu laut, wenn es Ensemblegesang gab. Und da geht es mir wirklich um die schnöde Lautstärke, nicht um Artikulation der Sänger oder gar Stellen mit unterschiedlichem Text zur gleichen Zeit. Sologesang wurde überwiegend sehr angemessen von Kent Nagano getragen, und das ist bei dieser Partitur mal ein Extralob wert. Das Orchester hatte viele schöne Stellen und nur wenig, was mir ansatzweise defizitär erschien. Ebenfalls großer Applaus.

    Das Bühnenbild hat mir gut gefallen, wobei ich das Stück nicht gut kenne und das deshalb vorsichtig in den Raum stelle. Aber dieser Stangenwald, der die durch die Handlung begründete Vertikalität deutlich betonte, erschien mir in Verbindung mit der Auf- und Abwärtsmechanik sehr sinnfällig als dauerpräsente Verbindung beider Handlungssphären – und letztlich ist es ja diese Verbindung, die das Ganze im Namen der Menschenliebe zu einem guten Ende bringt.

    Zum „Problem“ des Kitsches: Schwierig für mich, da gleich einen Standpunkt zu vertreten. Aber ist es nicht so, dass Andreas Kriegenburg da sehr textnah gestaltet hat? Dass der Kitsch resp. das Pathos eher bei Hofmannsthal angelegt ist? In der Pause las ich übrigens eine Kritik auf br-klassik.de, die anmahnte, Kriegenburg habe aus dem Stück ein „überfrachtetes Sozialdrama“ gestrickt. Das hat mich gewundert bis geärgert, denn das kommt mir wie ein leichtfertig eindimensional gefälltes Urteil vor: Na klar, das Ganze ist ziemlich dicht durchinszeniert, da gab es dauernd irgendwas Neues/Symbolbeladenes zu gucken und viel Bewegung. Nur: Es handelt sich ja offenbar auch um eine symbolisch äußerst dichte Gesamtkomposition in Form eines Märchens mit stark parabolischer Akzentuierung. Auch hier muss ich sagen: Mir schien die Bildlichkeit und Personenregie damit korrespondierend. Und Sozialdrama? Natürlich ist das eine Lesart. Betonung auf ‚eine‘. Aber es war längst nicht alles. Wie es bei guten Parabeln/Märchen oft ist: Sie bieten noch weitere Lesarten an. In diesem Fall ist mir eine anthropologische besonders ins Auge gestochen, gerade im 3. Akt. Zudem gab es auch noch deutliche szenische Referenzen an den Bereich Traum/Psychologie. Weiß jemand, ob vielleicht sogar künstlerische Grundfragen gleichnishaft in den Text verwoben sind? Jedenfalls: Es war deutlich mehr zu sehen als „nur“ ein Sozialdrama.

    Nach der Vorstellung standen hinter mir zwei Frauen in der Garderobenschlange, deren Gespräch mir auf Grund ihrer Nähe nicht entgehen konnte. Die echauffierten sich beide über den moralischen Impetus mit Blick auf die Rollen der Kaiserin und Färbersfrau. Eine sagte sinngemäß etwas wie: „Da hätte ja gleich eine sagen können: ‚Gebt mir eine Schürze und mach mir ein paar Kinder und dann Ende Gelände!‘“

    Das mit der sexuellen „Verweigerung“ hat mich im Laufe des Abends auch beschäftigt. Denn in der Tat sieht es am Schluss fast so aus, als hätten die beiden Frauen ihre anthroplogische Bestimmung in ihrer Gebärfunktion gefunden. (Deshalb fand ich die vielen Kinder in der Schlussszene auch textentsprechend.) Andererseits: Der zentrale Schlüssel für das gelingende Ende der Hauptfiguren schien mir, wie zuvor erwähnt, die Menschenliebe zu sein. Und insofern nehme ich Hoffmansthals Motiv der Fruchtbarkeit eher als legitimes Teilsymbol dieser Liebe zwischen den Gatten hin. Insofern also: kein Einspruch, aber dennoch grenzwertig und nicht einfach für den Regisseur, damit umzugehen.

  • An alle Vorredner. Es ist eine schöne Erfahrung, wenn ein Beitrag eine solch konstruktive und interessante Diskussion auslöst. Habe selbst dabei viele neue Aspekte kennengelernt. Erwähnen möchte ich die im vorletzten Satz von Leiermann gegebene Kurzinterpretation. Vielen Dank

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv