Beethoven: Sinfonie Nr. 4, Op. 60 - Testsieger der Stiftung Taminoranking?


  • 1. Satz: Adagio - Allegro vivace (11:35):


    Das Eingangs-Adagio ist schön dunkel timbriert und gut durchhörbar, besonders gefallen mir hier die tiefen Streicher und die Holzbläser, die Streicher, die teilweise auch in HIP-Manier recht vibratoarm spielen. Alles geht sehr gelassen vor sich, bis sich der erste ff-Höhepunkt als großer Gegensatz erweist. Wie ein gigantischer Peitschenknall kommt das Tutti, ganz kurz, unheimlcih erregend mit enorm erhöhtem Tempo, fast "vivacissimo", immer noch ist der Klang kristallklar, es ist ein sehr kraftvoller Beethoven, keineswegs belanglos, es geht pausenlos vorwärts, die Bostoner sind wieder obenauf, die Pauken mischen an den Nahtstellen kräftig mit.
    Das Hauptthema wird wiederholt- das gefällt mir alles ausnehmend gut, das hat Verve, auch die dynamischen Spannweiten der Partitur nutzt Leinsorf heir voll aus. Das merkt man auch am kraftvollen viermaligen Tuttischlag. Sehr schwungvoll ist auch die Holzbläserpassage, die dann von einer sehr "marcato" gespielten Blechbläser-Paukensequenz abgelöst wird, woraufhin dann die Streicher luftig-leicht zur machtvollen Reprise führen. Die Pauken sind als strukturierendes Element nach wie vor gut zu vernehmen.
    Das ist ein Kopfsatz der Vierten, wie er sein muss, schwungvoll, prägnant, kraftvoll.


    2. Satz: Adagio (9:15):


    Das Adagio beginnt nicht (zu) langsam, immer am Ende jeder Phrase mit einem knackigen Schlusston, fast eienr abgebrochenen Viertel. In diesem dunkel timbrierten ersten Teil sind die mittleren Streicher am besten zu vernehmen, die dann von herrlichen Geigen-Pizzikati abgelöst werden, im Verein mit einer schmachtenden Klarinette. Das Ende dieses ersten Teils wird dann von kraftvollen Tuttischlägen abgeschlossen, dem die Wiederholung der Exposition in leichter Abwandlung folgt. Fantastisch dann im Holz der Tonartenwechsel, das alles im Tempo quasi "Adagio light", sehr beschwingt halt, was sehr gut zum Tempo des ersten Satzes passt. Auch in den p-Passagen bleibt die Spannung erhalten. Dort tun sich auch die Hörner eindrucksvoll hervor, die den Satz souverän mit den Holzbläsern zum überraschenden, paukenbewehrten Abschluss führen.


    3. Satz: Allegro vivace: Trio. Un poco meno allegro (6:34):


    Das Allegro vivace beginnt etwas verhaltener, könnte etwas schneller sein. Das gefällt mir nicht ganz so gut und fällt auch bis hierhin gegenüber den ersten beiden Sätzen etwas ab. Das Trio passt aber tempomäßig gut dazu und klingt auch verdammt gut. Da wird das Ganze wieder schlüssig. Dann folgt die Reprise, natürlich wieder schneller. Jetzt ist der Zusammenhang wieder da. Auch das herrliche Trio wird wiederholt nach dem Motto: so viel Zeit muss sein. - Also das Scherzo als umgekehrter temporaler Gegensatz zu den ersten beiden Sätzen. Darauf muss man erst mal kommen.


    4. Satz: Allegro ma non troppo (7:06):


    Der Satz beginnt im normalen Allegro-Tempo, fließt sehr schön, ist sehr transparent in allen Instrumentengruppen und bleibt schön an der oberen Spannungskante, und die Tutti-Steigerungen explodieren nicht, das ist alles sehr organisch. Ich bin dann mal später gespannt, wie das bei Leibowitz ist und habe mich spontan dazu entschlossen, auch hier Karajan I nachzuschieben. Aber dann muss es auch gut sein.
    In der Durchführung hält sich Leinsdorf, auch in den Paukensteigerungen, zurück, der Fagottist ist aber hier sehr gefordert und erledigt seine Aufgabe bravourös.
    In einer weiteren Tutti-Steigerung geht es aber dann mehr zur Sache: es geht langsam dem Ende zu. Der Kulminationspunkt geht aber nur bis an die Decke, nicht dadurch. Alles in allem ist her aber keine Steigerung gegenüber den ersten beiden Sätzen zu erkennen.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • 1. Satz: Adagio, ALlegro vivace (8:39):


    Obwohl zwischen den beiden Hörsitzungen zwischen Leinsdorf und Leibowitz gut zwei Wochen liegen und ich den Leinsdorf-Text nicht vorliegen hatte, kam ich doch zu einer beinahe deckungsgleichen Beurteilung der Adagio-Einleitung des Kopfsatzes. Auch Leibowitz entfaltet einen warmen dunklen Klang in einem nicht zu langsamen Tempo mit berückenden Streichern, vor allem den tiefen, und mit einer gleichsam erstaunlichen Transparenz, denn wir dürfen nicht vergessen, dass diese Aufnahme 51 Jahre alt ist. Dies ist ein sehr entspanntes Musizieren.
    Dann ereignet sich im ersten ff-Höhepunkt am Schluss des Adagios gleichsam eine eminent temporale Explosion: das hat ungeheuren Zug, erfordert auch von den Holzbläsern ungeheure Virtuosität. Hier sehe ich wiederum eine Parallele zur Interpretation Erich Leinsdorfs. Der nun strahlenden Klang zeitigt natürlich eine noch größere Transparenz, wozu auch die Blechbläser beitragen. Ebenso sind die im Gefolge durchgehend zu vernehmenden p-Paukenwirbel sehr hell und transparent. Diese Interpretation ist, wie übrigens auch die vorher von mir besprochene, ein sehr gutes Beispiel dafür, wie großartig diese Symphonie klingt, wenn sie adäquat interpretiert wird und auch noch aufnahmetechnisch Spitze ist.


    2. Satz: Adagio (9:12):


    Das Adagio zeigt ein relativ flottes Tempo, das m.E. mehr zu Andante tendiert. Nach wie vor ist das musikalische Geschen sehr gut durchhörbar, schön in den holzbläsern, schön (klar) auch die Tuttisteigerung mit den amrkanten Blechbläsern, auch in der zweiten steigerung, die dann in die Moll-Variante hinabsteigt und dort p in den zweiten Geigen und Bratschen changiert bis hin zum Fagott- und Klarinettensolo, dann auch die schöne Themenwiederholung in der Flöte, die dann von der Oboe variiert wird. Als es dann in die Blechbläser-Steigerung mündet, steigt auch die Pauke wieder auf. Auf diesem hohen temporalen Level ist dieser Satz dennoch schlüssig musizert und bewegt sich auf dem gleichen entspannten Niveau wie der Kopfsatz. In der Schlusssteigerung treten noch einmal sehr schön die Blechbläser und die Pauken hervor.


    3. Satz: Presto: Assai meno Presto (5:06):


    René Leibowitz geht hier etwas schneller zu Werke als Erich Leinsdorf, etwas mehr in Richtung Presto. Auch sein Trio passt in diese Konzeption, es ist sehr tänzerisch und fließend, im Übergang leicht accelerierend, dann wird das Hauptthema in gewohnter Transparenz wiederholt sowie auch das Trio. Das ist alles ganz hervorragend musiziert, und dann folgt die zweite Wiederholung des Hauptthemas mit dem allseits bekannten wunderbsr überraschenden Schluss, einem der zahlreichen Geniestreiche Beethovens, hier eingeleitet von herrlich sonoren Hörnern.


    4. Satz: Allegro, ma non troppo (6:31):


    Das Finale nimmt René Leibowitz, wie ich meine, mehr "con brio" als "ma non troppo", was, wie wir alle wissen, diesem herrlichen Sinfoniesatz unheimlich guttut. Die Holzbläser, allen voran das Fagott, treten hier sehr souverän auf, und auch die Geigen haben hier mal hervorragend Gelegenheit zu glänzen. Leibowitz wird hier mit seinem knackigen Tempo dem "Kehraus"-Typus dieses Satzes vollauf gerecht, betont die überbordenden Rhythmen, die halsbrecherischen Holzbläsersoli, die hier perfekt vorgetragen werden und von den tiefen Streichern herrlich flankiert werden. Auch die kernigen Blechbläser mischen hier munter mit und münden ein in eine mitreißende Coda.
    Wer hätte gedacht, dass Beethoven angesichts seiner fast vollständigen Ertaubung nach so einer postiv gestimmten, mitreißenden Sinfonie zumute gewesen wäre, deren Austrahlung hier von Leibowitz kongenial vermittelt wird.


    Liebe Grüße


    Willi : :thumbsup::thumbsup: thumbsup:


    P.S.: Da ich (noch) keine Partituren habe, weiß ich nicht, welche Satzbezeichnung im Scherzo korrekt ist, die bei Leibowitz (Presto: Assai meno Presto) oder die bei Leinsdorf (Allegro vivace: Trio. Un poco meno allegro).

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  • Gerade aus dieser Box gehört:


    1. Satz: Adagio.Allegro vivace (10:17):


    Verhalten beginnt auch hier Karajan mit herrlichen, verhangenen Streichern, in der Wiederholung im Auftaktschlag eine Dynamikstufe höher, dann führt es im bedächtigen Schreiten zum ff-Autakt des Allegro vivace, ein mächtiger Schlag, aber keineswegs mulmig. Werner Thärichen an seinen Pauken ist in Spiellaune und gut zu vernehmen (die anderen Philharmoniker sind aber auch gut drauf).
    Die Vierte unter Karajan hat mir schon 1962 besonders gefallen, daran hat sich auch bei dieser Einstellung aus dem Dezember 1983 nichts geändert. Die Transparenz hat eher noch zugenommen, was Wunder. Wie sich die temporalen Unterschiede ausnehmen, werde ich am Schluss in einem Vergleich wieder gegenüberstellen. Die Reprise setzt mit einem entfesselten Paukenwirbel ein- mitreißend. Auch die Holzbläser liefern Großes ab, z. B. das Fagott. Die Blechbläser sind selbstverständlich nicht zu vergessen. Sie bilden den ganz großen Rahmen.


    2. Satz: Adagio (9:38):


    Dieses Adagio beginnt eher schnell. Celi ist da in seinen beiden Einspielungen wesentlich bedächtiger, aber, wen wunderts, da beide seine Aufnahmen schon in die Münchener Ära fallen. Nicht nur bei ihm habe ich es langsamer gehört, aber bei Karajan nicht, wie die untige Aufstellung zeigen wird, in die ich, weil ich schon einmal davon gesprochen habe, Celibidache mit einfügen werde.
    Sehr schön präsentieren sich hier die Streicher wieder bis zu den Tuttischlägen, die von Blechbläsern und Pauken bestimmt werden. Auch in diesem Satz, der ein sehr schönes Klarinettensolo aufweist, ist die Transparenz wieder vorbildlich. Kurz vor der Wiederholung des Hauptthemas in den Geigen erklingen die mächtigen Tuttischläge zum zweiten Mal, bevor die Durchführung beginnt, die sich dann im Streicherpiano verliert, bevor das Fagott im pp übernimmt, dann über das Horn und die Flöte die Reprise einsetzt.
    Immer noch setzt sich der schreitende-swingende Rhythmus fort, in dem Blechbläser und Streicher im Gespräch sind, dann die Klarinette eine wunderbare Melodie in der hohen Lage anstimmt und an die Hörner übergibt. Müßig zu erwähnen, dass hier kristallklar die im Hintergrund begleitenden Bratschen zu vernehmen sind. Das Ende setzt dann ein mit Pauken erst im ff, dann im pp, dann folgt der Schlussakkord.


    3. Satz: Allegro vivace (5:57):


    Kraftvoll beginnt das Scherzo, wiederum mit sehr präsenten Pauken und Blechbläsern, Gott sei Dank nicht zu schnell, dann wäre die machtvolle, ja fast heroische Wirkung, die m.E. an dieser Stelle eine würdige Fortsetzung der Eroica darstellen mag, dahin. So geht es machtvoll weiter, bis das wundervolle, kontrastierende Trio im maßvollen Dreiertakt einsetzt. Auch und gerade das Scherzo zeigt uns, dass sich von der Eroica hin zur Vierten keineswegs ein Rückschritt vollzogen hat, sondern dass hier, entwicklungsmäßig eine weitere Steigerung stattfindet. Auf jeden Fall kann man das im direkten Vergleich der beiden Scherzi miteinander m. E. sagen. Und vergessen wir nicht, in welcher Nachbarschaft sich die Vierte befindet:
    op. 58: 4. Klavierkonzert,
    op. 59: "Rasomowsky"-Streichquartette,
    op. 61: Violinkonzert,
    op. 62: Coriolan;
    Die Reprise folgt mit den gleichen Blechbläsersteigerungen im Verein mit den starken Pauken. Dann folgt wieder das himmlische Trio, das schnell zum Schluss führt mit einem von Beethovens überragenden Schlusspointen: zwei Hornschläge- ein Tuttischlag- Schluss!


    4. Allegro ma non troppo (5:44):


    Es fängt so harmlos an, alss wenn die Musik kein Wässerchen trüben könnte, dann unvermittelt die drei stampfenden Tuttischläge, dann hüpfen die Streicher beschwingt weiter, dann folgen wieder gewaltige Tuttischläge mit vollen Pauken, das alles in den ersten 20 Sekunden, dann, kurz darauf, das erte Seitenthema in den Flöten, und wieder- unvermittelt- Tutti-Blechbläser-Gegrummel, und das alles ist jetzt doch mit reichlich Tempo versehen, was man der Satzbezeichnung gar nicht ansieht. Überraschend und wiederum auch nicht hangelt es sich in der Durchführung quer durch alle Instrumentengruppen , kurz vor der großen Moll-Steigerung, die dann wieder, in typischem Beethovenschen Humor, trocken von der berühmten, hochvirtuosen Fagottstelle "abgefangen" wird. Jetzt wird es nicht mehr wirklich leiser, aber auch nicht schneller, sondern es geht, (auch wenn es hier nicht explizit in den Satzbezeichnungen steht), im immer gleichen Brio weiter zu den nächsten Steigerungstuttischlägen. Das Ganze wirkt beinahe wie ein Perpetuum mobile. Und Werner Thärichen (der Paukist), freut sich, dass er hier so zum Zuge kommt. Wieder folgen große Steigerungen, dann in Luftholen im pp, bevor die nächsten zwei Tuttischläge sich im Ritartando befinden, dann einige Takte Ruhe vor der stürmischen Mini-Coda, nach typischer Beethoven-Manier.


    Spielzeiten:


    Karajan 1962: 9:49-9:55-5:42-5:23,
    Karajan 1977: 10:27-9:59-5:52-5:37,
    Karajan 1983: 10:17-9:38-5:57-5:44,
    Celibid. 1987: 11:11-12:25-6:38-5:41,
    Celibid. 1995: 10:49-13:18-6:46-6:09;


    Es fällt doch auf und bestätigt, dass Karajan über einen langen Zeitraum von über 20 Jahren eine unerschütterliche innere Uhr hatte bei der Aufnahme dieser Werke, und ich werde das jetzt bei meinen weiteren Berichten weiter verfolgen. Mein Fazit lautet, dass auch diese Aufnahme eine Anschaffung dieser GA. nahe legt und dass offenbar die späte GA ähnlich herauszuragen scheint wie die frühe.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup::thumbsup:

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  • Lieber Willi,


    wenn man deinen gewohnt stichhaltigen Beitrag liesst, dann hat man den Eindruck, als wenn man genau diese Aufnahme der Sinfonie Nr.4 unbedingt brauchen würde. Dies sehe ich aber aus meiner Sicht eher für den Beitrag 62 genau davor !


    Was hällst Du eingendlich von der Klangqualität DG 1983; aus der der Anfangszeit der Digitalaufnahmen ?


    Ich finde den Klang bei den 1977er-Aufnahmen viel natürlicher (aber dann gerade bei der Nr.4 die Interpratation mit zu wenig Ecken und Kanten belegt).
    Einzig die CD mit den Sinfonien Nr. 5 und 6 ist für mich die einzig wirklich "nötige" CD aus dem letzten Karajan-Digital-Zyklus; und die sticht ist auch klanglich unter den anderen positiv heraus. (Du weist ja - diese Pastorale ist mein absoluter Favorit !)
    Viel zu "altbacken" sind mir die DDD-Aufnahmen der Sinfonie Nr.8 incl.der 3Ouvertüren darauf; und die Klangqualität ist als DDD viel zu mulmig geraten.
    Die Ouvertüren-GA von DG 1965/69 (aus der Jesus-Christus-Kirche Berlin) sind im Vergleich zu denen und anderen meine Referenzen !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Lieber Wolfgang, also bis jetzt hat mich die Tonqualität überzeugt, und ich werde mich beim Hören auch erst mal auf die Sinfonien beschränken. Ich hatte eigentlich jetzt die Fünfte vor, aber ich bin viel zu müde.
    Die 70er-Jahre-Gesamtaufnahme habe ich lange nicht mehr gehört, deswegen kann ich da jetzt nichts zu sagen, außer, dass sie in den Spielzeiten wohl die langsamste von alle drei GA's zu sein scheint. Damit scheint sich für mich ein Kreis zu schließen, der kaum merklich ist, aber die 1. und 3. Gesamtaufnahme sind sich da sehr ähnlich. Ob er dieses minimale Langsamerwerden aus dem 2. Zyklus bewusst wieder zurückgenommen hat?
    Übrigens, was zu zu den 60er Ouvertüren aus der Jesus-Christus-Kirche sagst, nach meinen Höererfahrungen scheinen die Aufnahmen aus der Jesuus-Christus-Kirche allesamt klanglich außergewöhnlich gewesen zu sein.
    Nach deinen Worten habe ich ja die beste Aufnahme aus diesem Zyklus direkt vor mir. Dann will ich mal hoffen, dass ich morgen fit genug bin.


    Liebe Grüße


    Willi :)

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  • Dass Beethovens Vierte ein wenig im Schatten der Eroica und der Fünften steht, ist kein Geheimnis. Schumannns Bezeichnung "eine griechisch schlanke Maid zwischen zwei Nordlandriesen" hat etwas für sich. Auch, dass sie die "romantischste" von Beethovens Symphonien sei, stammt von ihm. Zur Zeit der Komposition, 1806, war Beethoven in die Gräfin Deym von Stritetz verliebt. Der romantische Charakter kommt m. E. besonders im Kopfsatz zum Tragen, wo nach einer scheinbar melancholischen Einleitung das Liebesmotiv völlig durchbricht.


    Klemperer nahm op. 60 zwischen 1954 und 1970 insgesamt achtmal auf. Am monumentalsten gelang der Live-Mitschnitt aus dem Herkulessaal der Münchner Residenz vom 30. Mai 1969. Dieses Werk, das selten wirklich großsymphonisch interpretiert wird, kommt bei Klemperer auf eine Spielzeit von über 41 Minuten, wobei es sich wie folgt auf die einzelnen Sätze verteilt:


    I. 13:58, II. 11:35, III. 6:58, IV. 8:43


    Somit könnte es sich hierbei gar um die langsamste Aufnahme dieses Werkes handeln, was dem Ganzen keinen Abbruch tut, da es der 84jährige Klemperer meisterhaft versteht, den Spannungsbogen vom ersten bis zum letzten Takt aufrechtzuerhalten. Wie in Marmor gemeisselt kommt die Vierte hier daher, Beethoven wird wahrlich zum Titanen. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beweist auch hier abermals seine Klasse. Problemlos ordnet es sich dem typischen späten Klemperer-Stil unter. Man könnte es für "sein" (New) Philharmonia Orchestra halten.


    Unverständlicherweise hat EMI diese CD bis jetzt nicht wiederaufgelegt. Wo doch fast alle EMI-Aufnahmen von Klemperer seit kurzem wieder verfügbar sind, wäre es sicherlich ein Leichtes, das auch in diesem Falle zu vollbringen.


    P.S.: Die ebenfalls enthaltene Fünfte vom selben Tage gelingt in derselben Manier ebenso fabelhaft. Für mich sind beide Aufnahmen Klemperers beste Interpretationen der zwei Symphonien.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões


  • Sir Simon Rattle, Beethoven 4, 27. 03. 2013
    Wiener Philharmoniker, 2002
    Satzzeiten: 11:47-9:53-5:28-6:28 – 33:36;


    Es ist immer wieder spannend, beim Anhören der Vierten das etwas geheimnisvolle Adagio an sich vorüberziehen zu lassen, in dem sicheren Wissen, dass „gleich die Post abgeht“. So auch hier, Rattle gestaltet das Adagio ganz entspannt und wiederum mit der nötigen Langsamkeit. Dies kann man nicht mit einem Andante verwechseln. Er lässt die Musik langsam, aber im leicht schwingenden Takt atmen. Auch wer langsam atmet, atmet, und zwar manchmal bewusster und entspannter.
    Das Allegro vivace nimmt dann auch gehörig Fahrt auf, der Klang ist hier im Tutti derart kompakt, dass die Pauken hier och etwas mehr integriert sind.
    Ein sogenannter Rückschritt gegenüber der Eroica ist hier nur rein äußerlich, das Instrumentarium ist hier nicht auf Heldentum abgestimmt, aber auf Lebensfreude, und die findet hier reichlich statt. Man verfolge nur das in der Vierten reichlich exponierte Fagott, dann merkt man es deutlich, auch, wie hier wieder der Humor Beethovens zum Tragen kommt.
    Interessanterweise treten hier im langsamen Satz, dem Adagio, dem Rattle wiederum den nötigen temporalen Raum lässt, die Pauken deutlicher zu Tage als in vielen anderen langsamen Sätzen, auch bei anderen Komponisten. Obwohl es der langsame Satz ist, gibt die Pauken den nötigen, vorwärts strebenden Takt vor, der sich durch die ganze Symphonie zieht, hier nur mit niedrigerem Tempo.
    Das Menuetto und das überbordende Finale sind dann wieder mit dem relativ hohen Tempo ausgestattet, mit dem Rattle bisher den ganzen Zyklus spielen lässt, gleichwohl auch hier mit der vorbildlichen klanglichen Transparenz. Im dritten Satz wiederholt er selbstverständlich auch das Trio und das alles in 5 ½ Minuten. Respekt!
    Auch im Finale bleibt er bei dem Tempo, und auch die Steigerungen im tutti fallen nie aus dem Rahmen, man hat bei ihm nicht die Befürchtung, dass gleich irgendein Kronleuchter von der Decke fällt. Es ist alles, wie ich es schon eher bezeichnete, im klassischen Ebenmaß! Vorbildlich!


    Liebe Grüße


    Willi :)

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  • Carlo Maria Giulini, Beethoven 4
    La Scala Philharmonic Orchestra, Mailand 1993


    Satzzeiten: 13:06-10:48-6:45-7:48 – 38:27 min.;


    Giulini legt in der Vierten vielleicht noch mehr als in der Dritten das Hauptgewicht auf den Kopfsatz, wie ich in einem Quervergleich der Spielzeiten mit Celibidache mal wieder feststellen konnte. Celi bleibt sich seiner Linie treu, den langsamen Satz auch so langsam wie möglich auszuführen, während Giulini das Adagio für seine Verhältnisse fast schon flott auffasst.. In Celis Box ist die Vierte ja zu Ungunsten der Ersten zweimal vertreten, und in der zweiten von 1995 verscheiben sich die Verhältniss zur ersten von 1987 noch weiter zu Gunsten des langsamen Satzes. Dafür bringt er ein derartig kurzes Finale, dass ich nicht weiß, wo er die Zeit einspart.
    Giulinis Mailänder Orchester hat in der Tat einen samtigen, doch gleichsam klaren und durchhörbaren Klang, die Strukturen, vor allem in den tiefen Streichern, werden natürlich dank des moderaten Tempos noch deutlicher, sozusagen die „Lex Celibidache“. Denn ich schiebe das langsamere Tempo Giulinis nicht auf das größere Alter, sondern auf die größere psychologische Durchdringung der Musik. Man möchte fast meinen, das Giulini das auch ohne Buddha geschafft hat, jedenfalls ist das Ergebnis das Gleiche: durch den größeren zeitlichen Freiraum hat die Musik an Binnenspannung und an Struktur gewonnen. Dies gelingt natürlich nur so ganz Großen wie Celibidache, Giulini, Böhm, Klemperer und Bernstein.
    Karajan und Wand nehme ich hierbei aus, weil sie ihr Tempo in allen Altersstufen gehalten haben, aber dennoch auch bei ihnen eine größere Klarheit und Steigerung der interpretatorischen Qualität durch die intensivere emotionale Durchdringung zu Tage trat.
    Wie Joseph schon in seiner Rezension der Dritten mit dem Mailänder Orchester ausführte, treten die Pauken in der Tat nicht so hervor wie beim L.A. S.O.
    Interessant ist noch zu erwähnen, dass Giulini im Gegensatz zum Adagio im Allegro vivace wieder etwas auf die Tempobremse drückt, während ich das Gefühl beim Finale nicht habe, aber ist doch deutlich langsamer als Celi. Das muss er andererseits bei den gewählten Tempi der anderen Sätze auch, um eine so weitgehende Ausgewogenheit zu erreichen, wie sie hier vorliegt. Ich werde aber doch bei Gelegenheit mal die beiden Vierten in Celis Interpretation komplett hören, um zu schaun, wie sich das Adagio gestaltet.


    Liebe Grüße


    Willi :)

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  • Wie Joseph schon in seiner Rezension der Dritten mit dem Mailänder Orchester ausführte, treten die Pauken in der Tat nicht so hervor wie beim L.A. S.O.


    Hallo Willi,


    allgemein wollte ich das nicht so sagen. Die Pauken sind in der Coda des 1. Satzes der Eroica in Mailand sogar deutlicher zu vernehmen als in L.A. ;)


    Ich werde mit der Vierten und Fünften bald nachziehen, die sind als nächste geplant von der Serie.


    LG
    Joseph
    :hello:

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões


  • Nach drei Hördurchgängen dieser Studioaufnahme der Vierten aus dem Jahr 1950 muss ich leider, lieber Willi, nach einer anfänglichen Begeisterung nun doch schlussendlich vom Kauf abraten. Furtwängler sollte man in Live-Mitschnitten hören - gibt es doch kaum einen Dirigenten mit größeren Vorbehalten gegen Studioproduktionen als ihn. Und schon gar keinen Dirigenten mit einer größeren Aura in Live-Darbietungen als ihn. Diese Studioproduktion, die Naxos ausgegraben hat, kann einfach - so gut sie unzweifelhaft ist - nicht mithalten mit Furtwänglers Live-Mitschnitt desselben Werks aus Berlin vom 30.6.1943. Auch die Studio-Version aus Wien von 1952 erscheint mir vorzugswürdig. Natürlich ist diese Naxos-CD grandios, wenn man erstmals Furtwängler hört. Aber dem fortgeschrittenen Hörer, der Furtwängler 1950 mit Furtwänglers sonstigen Einspielungen sowie Kleiber, Mrawinsky, Bernstein usw. vergleichen möchte, sollte man doch eher andere Produktionen empfehlen. Sorry, wenn ich das so sage. Aber vielleicht hatte es doch seine Gründe, dass man sich zu Lebzeiten Furtwänglers entschloss, nach der ersten Studioeinspielung von 1950 eine zweite Studioeinspielung mit demselben Orchester 1952 in Angriff zu nehmen und dann nur die letztere bei EMI zu veröffentlichen.


    Erst spät hörte ich in diese Aufnahme hinein; kein Wunder, kannte ich von Furtwängler doch bereits die mitreissenden Live-Aufnahmen von 1943 und 1953 sowie die Studioaufnahme von 1952. Um es kurz zu machen: Es hatte wirklich einen Grund, wieso die Vierte noch ein zweites Mal im Studio aufgenommen wurde. Wenn man die anderen, besonders die beiden Live-Mitschnitte, im Ohr hat, wird man enttäuscht sein. Ich müsste meine Höreindrücke auffrischen, aber ich fand sie nichtssagend und gar nicht "Furtwängler-like". Soweit zu gehen, sie als misslungen zu bezeichnen, sollte man wohl nicht, aber für das, was ich von Furtwängler sonst so an Niveau erwarte, war das mal nichts.


    Das zeigt uns mal wieder, dass selbst solche "Pultgötter" wie Wilhelm Furtwängler nicht immer gleich gut, sondern auch nur Menschen waren, was sie aber auch sympathisch macht. ;)

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  • Beethoven: Symphonie Nr. 4
    La Scala Philharmonic Orchestra
    Carlo Maria Giulini
    Teatro Abanella, Mailand, 17.—20. Oktober 1993


    Einige Tage nach Willi komme jetzt auch ich zu dieser Einspielung. Wesentliches hat er in Beitrag Nr. 68 ja schon erwähnt. Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass ich die wunderbare Überleitung vom langsamen Adagio zum Allegro vivace im Kopfsatz selten so überzeugend gehört habe. Die Streicher sind besonders präsent, wie in der von mir so geliebten Furtwängler-Aufnahme von 1953. Natürlich ist die Tonqualität ungleich besser, eigentlich tadellos. Die Pauken finde ich gut eingefangen und gar nicht irgendwie verdeckt. Es gehört zur Klangästhetik der Scala-Aufnahmen, dass die Bässe besonders betont werden. Entsprechend dunkel klingen auch die Pauken. Mir gefällt das ausnehmend gut, es klingt so plastisch. Auf jeden Fall wird die Vierte bei Giulini nicht zur "griechisch schlanken Maid zwischen zwei Nordlandriesen" degradiert. Man merkt keinen Rückschritt gegenüber der "Eroica". Die Temporelationen der Sätze sind übrigens verblüffend ähnlich der späten Aufnahme von Klemperer aus München, nur dass dieser noch etwas langsamer ist in allen Sätzen. Der sehr gute Eindruck, den Giulinis Beethoven bisher bei mir hinterließ, wird ungebrochen fortgesetzt.

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  • Ich hatte die Pauken in dieser Aufnahme der Vierten aus Mailand mit den Pauken der Eroica aus L.A. verglichen und kam deswegen zu diesem Vergleich. Etwas hellere Pauken setzen sich klanglich etwas besser ab, das heißt nicht, dass etwas dunklere Pauken unseren "geschulten" Ohren entgehen.
    Heute sind übrigens bei mir die Nr. 2 + 8 eingetroffen. Ich habe allerdings Chorprobe und weiß nicht, ob ich heute noch zum Hören komme.


    Liebe Grüße


    Willi :)

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  • Beethoven, 4. Symphonie B-dur op. 60
    Münchener Philharmoniker
    Dirigent: Rudolf Kempe
    AD: April 1973
    Spielzeiten: 11:04 - 9:59 - 5:40 - 5:32 -- 32:15 min.;


    Bevor ich fortfahre, meine Höreindrücke von meinen 3 neuen DVD-GA's (Gielen, Karajan, Abbado) hier zu schildern, muss ich eine Unterlassungssünde wiedergutmachen, nämlich die GA von Kempe weiter zu besprechen. Da war ich ja nur bis zur Eroica angelangt, und da mir die nicht übermäßig gefallen hatte, hatte ich den ganzen Kempe wahrscheinlich vom Schirm verloren. Nun ich habe ihn wieder, Gottseidank!
    Hier hat Kempe seine Münchener von Anfang an auf Betriebstemperatur. Das Adagio zu Beginn des Kopfsatzes kostet er wunderschön aus, sehr langsam, aber auch sehr spannungsreich, und die dynamische Spannweite, die diese Partitur beeinhaltet, reizt er auch voll aus. Durch das besonders langsame Tempo des Adagios wirkt das darauf folgende Allegro vivace noch schwungvoller, mit noch mehr Zug. Die in der Vierten ja bestens zum Zuge kommenden Pauken sind hier zwar noch in den Gesamtklang integriert, aber dennoch gut zu vernehmen. Im weiteren Verlauf rücken sie immer weiter in den Vordergrund. Die Bläsersteigerungen geraten äußerst eindrucksvoll.
    Auch das wunderbare Adagio nimmt Kempe mit der nötigen Zeit, ganz innig gelingen ihm die lyrischen Passagen, hier eine Fortsetzung des schon außerordentlich schönen Larghettos der Zweiten. An dem innigen Gesamteindruck ändert auch nichts die kurze dramatische Steigerung in der Durchführung in der Satzmitte, wo das Hauptthema variiert wird. Die Originalform und die Variation werden dann auch beide in der Reprise gleichzeitig von Klarinette und Flöte vorgetragen. Dazu muss gesagt werden, dass die Holzbläser in der ganzen Symphonie exzellent agieren.
    Das Scherzo ist hier auch fünfteilig, das im Dreiertakt komponierte Trio wird zweimal vorgetragen, wobei der dritte Hauptthemateil verkürzt ist mit dem für Beethovens Humor typischen überraschenden Schluss.
    Ich habe zum Spielzeitvergleich mal Karajans dritte Stereo-Einspielung mit den Berlinern hinzugefügt, die nur wenige Jahre später entstanden ist und die zeigt, dass beide Dirigenten von dieser Symphonie weitgehend übereinstimmende Tempovostellungen hatten:


    Kempe: 11:04 - 9:59 - 5:40 - 5:32 -- 32:15 min.;
    Karajan: 10:27 - 9:59 - 5:52 - 5:37 -- 31:55 min.;


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven: Symphonie Nr. 4 B-dur op. 60
    Berliner Philharmoniker
    Dirigent: Claudio Abbado
    AD: Februar 2001
    Spielzeiten: 11:28-9:49-5:52-6:31 – 33:40 min.;


    1. Satz: Adagio – Allegro vivace


    Claudio Abbado hat auch die 4. Symphonie nur relativ klein besetzt, 6 Kontrabässe, 6 Celli, 6 Bratschen, 18 Geigen, zwei Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotti, 1 Querflöte, 2. Hörner, 2 Trompeten und die Pauken, also 48 Musiker.
    Er nimmt das Adagio ungewohnt langsam (zum Beispiel im Vergleich mit der Eroica oder der Neunten) und lässt der Musik alle Zeit, die sie zum Atmen braucht. Ich finde, dieses Adagio gehört langsam. Für die relativ kleine Besetzung entwickeln die Berliner aber, wie sich spätestens bei den Tuttischlägen am Ende des Adagios zeugt, eine gehörige orchestrale Wucht und spielen auch das Allegro vivace dynamisch sehr akzentuiert und loten auch die Dynamik nach unten sehr gut aus und legen die Struktur des Satzes frei. Abbado wiederholt selbstverständlich die Exposition.


    2. Satz: Adagio
    Auch das Adagio dirigiert Abbado in genügend langsamem Tempo, dabei kommt eine intime, kammermusikalisch transparente Interpretation heraus, eine der Stärken Abbados, der aber auch die Moll-Tuttischläge in der Satzmitte kernig hervortreten lässt. Auch erhalten die Holzbläser in diesem Satz ausreichend Gelegenheit sich zu präsentieren, was sie auch tun.


    3. Satz: Allegro Vivace


    Das Scherzo verleiht dem heiteren Grundcharakter dieser Symphonie besonderes Gewicht und wird in der Form A-B-A-B-A vorgetragen, also mit zweimaligem Trio. Dieses Trio ist ein wunderbares lyrisches Stück, das wiederum von den Holzbläsern prächtig vorgetragen wird.


    4. Satz: Allegro ma non troppo

    Trotz der Satzbezeichnung wird dieser Satz für gewöhnlich doch sehr rasch genommen, so auch hier, hat in typischem Beethovenschen Humor (z. B. die berüchtigte Fagott-Solo-Stelle), hier durchaus auch Kehrauscharakter und wird vom Orchester mit sicht- und hörbarem Vergnügen saft- und kraftvoll gespielt und vom Maestro in eben dieser Weise dirigiert.


    Eine sehr gute Interpretation!


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup:


    Ich bitte die Moderation, den Inhalt des Betrags von gestern Abend 21.51 mit dem Inhalt dieses Beitrages zu tauschen und dann diesen Beitrag zu löschen, da ich gestern Abend die Spielzeiten der Sätze 2 bis 4 vergessen habe, oder die fehlenden Spielzeiten einfach einzufügen, wenn das besser geht, und dann diesen Beitrag ganz zu löschen.


    Vielen Dank Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven: Symphonie Nr. 4 B-dur op. 60
    Berliner Philharmoniker
    Dirigent: Herbert von Karajan
    AD: 12/1971
    Spielzeiten: 9:54-9:40-5:38-5:25 -- 30-37 min.,


    1. Satz: Adagio – Allegro vivace


    Karajan nimmt das Dagio sehr getragen, was mir schon beim allersten Hören 1963 in seiner ersten Gesamtaufnahme sehr gefiel. Diese b-moll-Einleitung hat etwas dunkel-Geheimnisvolles, leicht auch
    Bedrohliches, was natürlich den Kontrast zu den das Allegro vivace einleitenden Tuttischlägen noch vergrößert. Karajan preferiert, wie eigentlich immer, eine große Besetzung, die ich aber in der Totale nicht genau feststellen kann. Vielleicht ergeben sich ja im Verlaufe der Aufnahme noch Detailansichten. Im Gegensatz zu Abbado betont Karajan aber mehr das dynamisch Schroffe und die dramatischen Steigerungen, und gar manche Einzelheiten der Struktur fallen natürlich der großen Besetzung zum Opfer.


    2. Satz: Adagio


    Karajan ist hier temporal auf einer Stufe mit Abbado und lässt hier auch den lyrischen Verlauf des Adagios zur Geltung kommen, auch bei ihm kommen die Holzbläser zu ihrem Recht. Wie es seien Art ist, treibt er die Moll-Steigerung in der Satzmitte noch etwas mehr an.


    3. Satz: Scherzo


    Auch im Scherzo sind beiden Dirigenten dicht beieinader. Auch Karajan wiederholt das Trio, wie er überhaupt bis hierhin nur die Wiederholung der Exposition im Kopfsatz ausgelassen hat. Auch hier tritt das Trio in seiner Innigkeit hervor.


    4. Satz: Allegro ma non troppo


    Karajan nimmt den Satz noch ein wenig rascher als Abbado, wodurch er noch schwungvoller wird. Aber die Berliner musizieren auf dem gewohnt hohen Niveau, und auch in dieser Aufnahme hat der Solofagottist die Prüfung mit Glanz bestanden. Noch ein Wort zur Besetzung: Ich kann es nicht genau sagen, weil die Bläder kaum im Bild waren, aber allein die Anzahl der Streicher, 32 Geigen?, 10-12 Bratschen (die auch nie im Bild waren), 10 Celli und 8 Kontrabässe zeigen, dass mit rund 60 Streichern, die bei Karajan damals Standard waren, gut über 70 Musiker auf dem Podium saßen. Daher war die Transparenz dieser Afunahme nicht so weitreichend wie bei der Abbado-Aufnahme, aber ansonsten war sie auf dem gewohnt hohen Niveau.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

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  • Beethoven: Symphonie Nr. 4 B-dur op. 60
    SWR-Sinfonie-Orchester Baden-Baden und Freiburg,
    Dirigent: Michael Gielen,
    AD: Januar 2000,
    Spielzeiten: 10:54-8:51-5:43-6:26 -- 31:54 min.;


    1. Satz: Adagio – Allegro vivace
    Michael Gielen bevorzugt ähnlich wie Abbado eine kleinere Besetzung. Er nimmt die Adagio-Einleitung in ausreichend langsamem Tempo, und, wie die zum Allegro vivace überleitenden Tuttischläge zeigen, ist das Klangbild etwas heller als das Karajansche, die Aufnahmen sind natürlich auch 30 Jahre später entstanden. Gleichzeitig fällt aber auch auf, dass auch dieses Orchester die dynamische Spannweite in beiden Richtungen auszuloten weiß, ohne gleich los zu toben, als ob es kein Morgen gäbe. Das Allegro vivace, in dem er natürlich die etwa 2 Minuten lange Exposition wiederholt, nimmt er am schnellsten von allen. Wenn man diese Zeit bei Karajan hinzurechnen würde, wäre er bei 12 Minuten.


    2. Satz: Adagio


    Michael Gielen nimmt das Adagio von allen dreien signifikant am schnellsten, allerdings ist, vor allem in den Bratschen und zweiten Geigen, aber auch insgesamt, m. E. die größte Transparenz im Klang festzustellen, entweder liegt es an der Spielweise oder daran, dass sich die ersten und zweiten Geigen gegenüber sitzen. Mir gefällt es ja nicht so gut, wenn das Adagio so schnell genommen wird, aber im Beiheft heißt es ja, Gielen richte sich nach Beethovens Original-Metronomangaben.


    3. Satz: Allegro vivace


    Das Scherzo nimmt Gielen im Vergleich mit den beiden voraufgegangenen Sätzen noch am langsamsten, vor allem das Trio lässt er langsamer atmen. Dieses Allegro vivace ist keinesfalls mit dem des Kopfsatzes vergleichbar. Dieser Satz gefällt mir eigentlich sehr gut.


    4. Satz: Allegro ma non troppo


    Das Finale nimmt Gielen gewohnt flott, darin stimmt er, weil er die Exposition wiederholt, mit Abbado überein. Im Scherzo liegen alle drei etwa auf einer temporalen Linie. Ansonsten bietet dieses Finale wiederum viel Transparenz und dynamisch gut betonte Steigerungen.
    Alles in allem ist dies eine gute Aufnahme, wenn sie auch für mich nicht unverzichtbar wäre.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ein wenig versteckt zwischen der EROICA und der legendären Fünften hat Beethovens Vierte Sinfonie nie die Popularität ihrer berühmten Nachbarwerke erreicht. Robert Schumann nannte sie recht treffend "eine schlanke griechische Maid zwischen zwei Nordlandriesen". Dabei ist das Werk eine tolle Leistung. Schon die mysteriöse, an den Anfang von Haydns "Schöpfung" erinnernde Einleitung zum ersten Satz zeugt von großer Meisterschaft, das quasi organisch aus ihr hervorwachsende quicklebendige Allegro, das nicht weniger kunstvoll gestrickte, in einer Unzahl von rhythmischen Episoden sich ergehende und doch so einheitliche Adagio, dessen reine Schönheit den Hörer gefangen nimmt und die in ihm vorhandene grandiose, meisterhafte Kompositionstechnik geheimnisvoll mehr verhüllt als offenlegt, gibt diesem Werk eine ganz besondere Stellung in Beethovens Sinfonien-Kosmos. Auch das lebhafte, fast übermütige Scherzo und der tänzerische Schlußsatz geben Zeugnis von Beethovens Originalität.


    Lange Zeit galt der Mitschnitt aus dem Nationaltheater München vom 3. Mai 1982 unter Carlos Kleiber als das Maß aller Dinge, ja schier als Quintessenz des Werkes:

    5020531


    Ohne die künstlerische Qualität und die Spontanität der Aufführung schmälern zu wollen, scheint mir der Mythos um diese Aufnahme doch ein wenig übertrieben, was nicht zuletzt auch daran liegt, daß Kleiber in seinem Überschwang sehr lasch mit Beethovens Wiederholungsvorschriften umgeht. Es fehlt sowohl die Wiederholung im Kopfsatz als auch im Finale. Für diejenigen, die das Glück hatten, bei der Aufführung dabei zu sein, wird die CD bleibenden Wert behalten, und auch im Reigen der unzähligen Aufnahmen hat sie einen Rang in den vorderen Rängen verdient.

    Doch so ganz vermag ich mich der Verklärung und dem Hype, den die Veröffentlichung verursacht hat, nicht anzuschließen. Erstens sind seitdem über 40 Jahre ins Land gegangen, und manche Erinnerung verblaßt im Lauf der Jahre, zweitens gibt es nach meinem Dafürhalten einige Aufnahmen, die die Kleiber'sche zumindest erreichen und vielleicht sogar übertreffen. Ich nenne an erster Stelle eine Aufnahme, die fast 25 Jahre älter ist und bis heute von ihrem Glanz nichts verloren hat:



    Symphony 4 Etc


    Otto Klemperer und das Philharmonia Orchestra London (Aufnahme: London, Kingsway Hall, 10/1957)


    Desweiteren nenne ich noch:

    Beethoven: Symphony No. 2 + 4 Günther Wand Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks

    Günter Wand und das Sinfonieorchester des NDR (Aufnahme: Eberthalle Hamburg, 10/1988)


    und, last but not least, diese uralte Aufnahme aus dem Jahr 1950 (mit dem typischen Cover-Look jener Jahre):


    Georg Solti Conducting The London Philharmonic Orchestra - Beethoven –  Symphony No. 4 In B Flat, Op. 60 – Vinyl (LP, Mono), 1951 [r12688894] |  Discogs

    Georg Solti und das London Philharmonic Orchestra. Hier übertrifft Solti künstlerisch seine beiden späteren DECCA-Produktionen deutlich; mit dieser LP hat er sogar in den frühen 1950er Jahren Pionierarbeit geleistet, als Beethovens Vierte von den meisten seiner älteren Kollegen noch recht stiefmütterlich behandelt wurde. Die Aufnahme strömt Frische, Lebendigkeit und eine seltene Liebe zum Detail aus, ohne jedoch die große Linie außer Acht zu lassen. Solti als Beethoven-Interpret war im allgemeinen nicht "mein Ding", doch hier hat er sich selber übertroffen. Nicht zu vergessen: auch Bruno Walter hat eine schöne, stimmungsvolle Interpretation der Sinfonie hinterlassen, an anderer Stelle wurde der Dirigent bereits genannt.


    Leider habe ich für die Bilder 2, 3 und 4 keine Vorlage bei jpc finden können.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Es ist nicht ganz zu verstehen, warum die vierte Sinfonie op. 60 von BEETHOVEN - entstanden 1807 - doch allgemein ein Schattendasein zwischen der dritten und fuenften fristet. Dabei ist sie voller Ueberraschungen und neuer Ideen, die Stimmung wechselt zwischen heiter, romantisch und auch etwas melancholisch. Es ist in jedem Falle ein Meisterwerk.

    Von den vielen bestehenden Aufnahmen ist fuer mich hinsichtlich der Interpretation und des Orchesterspiels die von KIRIL KONDRASCHIN mit den MOSKAUER PHILHARMONIKERN am eindrucksvollsten. KONDRASCHIN, der das Musikleben Moskaus und der ganzen UdSSR entscheidend beeinflusste, sorgt durch sein musikalisches Feingefuehl fuer Aussgewogenheit und Intensitaet, und somit fuer ein grosses, mitreissendes Klangergebnis. Obwohl er sich vor allem mit seiner Interpretation von MOZART- und SCHOSTAKOWITSCH-Werken international einen Namen machte, scheinen auch die Sinfonien BEETHOVENS seinem Naturell zu entspechen.

    KONDRASCHIN war von 1943 - 1953 Chef des BOLSCHOI-THEATERS, und seit 1960 Chefdirigent der MOSKAUER PHILHARMONIE, einem grossartigen Klangkoerper, mit dem er auch die 4. Sinfonie einspielte. Er trat als erster sowjetrussischer Dirgent 1958 in den Vereinigten Staten auf.. 20 Jahre spaeter bar er in den Niederlanden um politisches Asyl. Mit dem CONCERTGEBOUW ORKEST war er eng verbunden. 1982 sollte er die RAFAEL-KUBELIK-Nachfolge beim SYMPHONIEORCHESTER DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS antreten, als er ploetzlich, am 07.03.1981 in Amsterdam waehrend eines Konzertes starb.


  • Die von mir in Beitrag #77 gerühmte alte Einspielung von Beethovens Sinfonie Nr. 4 unter Georg Solti (1950) gibt es übrigens auch auf CD, gekoppelt mit dem Violinkonzert, das der seinerzeit weltberühmte Geiger Mischa Elman (1891-1967) spielt. Diese Aufnahme kenne ich aber nicht:

    0028948065950.jpg


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • BrunoWalter_Beethoven

    Eines steht aber fest: Die Aufnahme mit dem Columbia SO ist eine der gelungsten Errungenschaften Bruno Walters.

    Dem kann ich nicht widersprechen. Ich bin sowohl ein Fan dieser Aufnahme (hab sie soeben wieder gehört) als auch der Sinfonie an sich, die ich- ebenso wie die Siebte und Achte auf eine Stufe mit den "berühmteren" stelle. Das hat eine Vorgeschichte. Ich besass bereits je (zumindest) eine Aufnahme der Dritten, Fünften und sechsten Sinfonie (Mein Verhältnis zur Neunten werde ich zu gegebener Zeit an anderer Stelle behandeln - und ich werde riskieren, daß man mich auslacht)

    In jdndn Tagen war es Brauch, daß berühmte Plattenfirmen einige spezielle CDS mit Mainstream Werken und berühmten Interpreten zum Midprice (Budget gab es damals noch nicht) - also um 99 ös (ATS) auf den Markt zu werfen. So kam ich in den Besitz einiger CBS "Sampler" Eine davon enthielt die Beethoven Sinfonien Nr 4, gekoppelt mit Nr 5, eine andere koppelte Nr 7 miz Nr 8. Und jetz hörtre ich rstmals dieseSinfonien, von den anderen hatte ich mich schon "abgehört"

    Ich war begeistert und gab ihnen über einen längeren Zeitraum in den Vorzug. Dazu kam die herrliche CBS Aufnahmetechnik. Das Orchester wurde natürlicher abgebildet als bei 8der mir vertrauten) DGG....

    Heute habe ich die Vierte erneut gehört und war immer noch hingerissen vom Klang....

    Bruno Walter schafft den Spagat zwischen äusserster Wucht und blühendem Klang. Ideal für Beethoven


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



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  • In den letzten Tagen habe ich mir mal wieder einige Aufnahmen von Beethovens Vierter vorgenommen und dabei eine Aufnahme neu entdeckt, die aus mir unerfindlichen Gründen etliche Jahre von mir unbeachtet geblieben ist, denn ich bin ein echter Monteux-Fan:

    Sinfonien 2,4,5,7  

    Pierre Monteux dirigiert das London Symphony Orchestra (Aufnahme: London, 1960).


    Erstens erklingt das Werk in sehr guter Stereotechnik, zweitens beachtet der Dirigent (im Gegensatz z.B. zu Carlos Kleiber 1982) alle Wiederholungsvorschriften, drittens, und das ist das Entscheidende, bringt Monteux es fertig, seine Aufnahme nicht nur vom ersten bis zum letzten Ton unter einen Spannungsbogen zu zwingen. Schon die geheimnisvolle Einleitung fiebert geradezu dem Allegro entgegen, der ganze erste Satz ist strahlend, lichtüberflutet und von wunderbarer Klarheit, was man ohne Einschränkung auch von dem herrlichen Adagio sagen kann. Monteux hält die Musik in ständigem Fluß, und die Sätze drei und vier krönen eine großartige Aufnahme, die an Klarheit und Transparenz nichts zu wünschen übrig läßt. Der Finalsatz strotzt vor Lebenfreude, aber trotz des flotten Tempos fällt keine Note unter den Tisch, alles ist klar artikuliert.

    Neben Klemperer, der schon in seiner Studioeinspielung von 1957 strenger, langsamer und erratischer vorgeht, während er in seiner letzten Aufnahme, dem Mitschnitt von 1969 aus München, die Tempi noch einmal deutlich abbremst und damit dem Werk ein ganz neues Gewicht und Gesicht verleiht, möchte ich Monteux den ersten Platz unter allen Aufnahmen der Vierten einräumen. Sie ist mindestens so spannungsvoll aufgeladen wie Carlos Kleibers Münchner Live-Aufführung, beachtet die Wiederholungen, die bei diesem relativ kurzen Werk schier unverzichtbar sind, und legt ein jugendliches Temperament an den Tag, das für einen 85jährigen Künstler mehr als bewunderungswürdig ist.

    Wer diese Monteux-Aufnahme von Beethovens Vierter besitzt, muß nicht unbedingt auf die großen Namen Karajan, Bernstein, Solti oder Szell zurückgreifen, hier wird jeder Wunsch erfüllt!


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Pierre Monteux dirigiert das London Symphony Orchestra (Aufnahme: London, 1960).


    Erstens erklingt das Werk in sehr guter Stereotechnik, zweitens beachtet der Dirigent (im Gegensatz z.B. zu Carlos Kleiber 1982) alle Wiederholungsvorschriften, drittens, und das ist das Entscheidende, bringt Monteux es fertig, seine Aufnahme nicht nur vom ersten bis zum letzten Ton unter einen Spannungsbogen zu zwingen. Schon die geheimnisvolle Einleitung fiebert geradezu dem Allegro entgegen, der ganze erste Satz ist strahlend, lichtüberflutet und von wunderbarer Klarheit, was man ohne Einschränkung auch von dem herrlichen Adagio sagen kann. Monteux hält die Musik in ständigem Fluß, und die Sätze drei und vier krönen eine großartige Aufnahme, die an Klarheit und Transparenz nichts zu wünschen übrig läßt. Der Finalsatz strotzt vor Lebenfreude, aber trotz des flotten Tempos fällt keine Note unter den Tisch, alles ist klar artikuliert.

    Lieber nemorino,


    Deine Vorliebe für Pierre Monteux hat bei mir in der Vergangenheit zur Anschaffung der Monteux - CD -Boxen aller Decca- und RCA - Stereo-Aufnahmen. Da sind natürlich etliche Leckerbissen dabei (um nur Frank-Sinfonie d-Moll, Brahms - VC mit Szeryng zu nennen) dabei. Wir hatten schon mehrfach darüber geschrieben ...

    In der Decca-Box befinden sich alle Beethoven-Sinfonien.

    ### Durch Deinen Beitrag war ich angeregt mir die Beethoven-Sinfonien Nr.4 mit Monteux anzuhören ... und das mit grosser Freude und Überraschung über die glänzende Decca-Aufnahmetechnik vom 1959, die den DG-Aufnahmen 1962 mit Karajan deutlich überlegen ist. Grösster Detailreichtum und ein natürliches Klangbild. Ich höre Einzelheiten, die mir bisher verborgen blieben, was nicht zuletzt auch auf die aussergewöhnlich hervorragende und spannende Interpretation von Monteux zurückzuführen ist.

    :cheers: Eine Vierte, die richtig Spass macht. Deine zitierten Worte oben treffen es genau. Die Aufnahme gehört zu den Besten !

    In meinem Decca-Textheft ist als AD 15&16 Oktober 1959 mit dem LSO angegeben (nicht 1960, wie Du angibst).



    :!: Karajan wurde ja in den 60ern von der DGG so wirkungsvoll vermarktet, sodass seine Beethoven-GA (DG, 1962) zu den bekanntesten und meistgekauften Beethoven-GA aller Zeiten wurde. Keine Frage, wir Beethoven-Freunde schätzen diese DG-GA bis heute ! Besonders seine Fünfte ist beinahe unerreicht !

    Aber, wenn man nun Beethoven-Zyklen aus der Zeit vergleicht, die weniger Marketing erfahren haben, dann sind diese insgesamt als GA sogar ohne Frage vorzuziehen.

    Ich nenne dazu mal folgende ganz wichtige GA der Beethoven-Sinfonien: Ansermet (Decca), Leibowitz (Chesky), Szell (CBS/SONY), Bernstein (CBS/SONY) und bei Monteux (Decca) ist auch etwas, was sie in der Tat unverzichtbar macht.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Eine Vierte, die richtig Spass macht. Deine zitierten Worte oben treffen es genau. Die Aufnahme gehört zu den Besten !

    In meinem Decca-Textheft ist als AD 15&16 Oktober 1959 mit dem LSO angegeben (nicht 1960, wie Du angibst).

    Lieber Wolfgang,


    es freut mich, daß ich Dir mit mit Monteux/Beethoven 4 einen guten Tip geben konnte. Auch ich habe die alte Aufnahme, die ich seit Jahrzehnten besitze, kürzlich quasi "neu entdeckt"! Monteux war schon immer einer meiner Lieblingsdirigenten, doch meist habe ich bei Beethoven zu den Wiener Aufnahmen von Nr. 1, 3, 6 & 8 gegriffen und die aus London vernachlässigt. In der Textbeilage meiner Ausgabe (siehe #81 links) steht lediglich "Recorded 1960", kein genaues Datum. Man weiß ja, wie nachlässig die Firmen oft mit solchen Angaben sind. Du hast wohl eine neuere Edition, danke für Deine Info.

    Ich nenne dazu mal folgende ganz wichtige GA der Beethoven-Sinfonien: Ansermet (Decca), Leibowitz (Chesky), Szell (CBS/SONY), Bernstein (CBS/SONY) und bei Monteux (Decca) ist auch etwas, was sie in der Tat unverzichtbar macht.

    Ich stimme mit Deiner Wertung vollkommen überein, lediglich der Ansermet fehlt bei mir. Inzwischen ist er nur ziemlich teuer erhältlich, und außerdem, man kann nicht alles haben. Den New Yorker Bernstein habe ich aber inzwischen komplett gemacht und nicht bereut. Diesen Dirigenten habe ich lange sträftlich vernachlässigt, erst durch Dich habe ich so richtig entdeckt, wie toll seine Aufnahmen, besonders die von CBS aus Neuyork, sind. Und das nicht nur der Beethoven!

    Karajan wurde ja in den 60ern von der DGG so wirkungsvoll vermarktet, sodass seine Beethoven-GA (DG, 1962) zu den bekanntesten und meistgekauften Beethoven-GA aller Zeiten wurde. Keine Frage, wir Beethoven-Freunde schätzen diese DG-GA bis heute ! Besonders seine Fünfte ist beinahe unerreicht !

    Auch da sind wir auf einer Wellenlänge - vor allem, was die Fünfte angeht. Die rangiert bei mir immer noch auf Platz 1, gefolgt von Klemperer (1955), Bernstein, Fricsay und Erich Kleiber (Decca, Mono).


    Demnächst werde ich meine frischen Eindrücke über Beethoven 2 und 7 mit Monteux und dem London SO einstellen, wobei ich die Nr. 2 doppelt habe, einmal mit dem London SO (1960) und mit dem NDR-Sinfonieorchester (1961). Die hat EMI vor Jahren mit diesem Album veröffentlicht:


    Das Album wartet mit einer Kuriosität auf: Monteux läßt quasi als "Zugabe" das LSO die "Marseillaise" spielen. 1.11 Minuten köstliches Vergnügen!


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Manchmal höre ich auch ganz gerne Karajan (und Co).

    In letzter Zeit jedoch immer häufiger auch die in Fachkreisen hochgelobte GA der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi. Eine Großtat, die der Beethoven-Interpretation etwas angenehm schlankes hinzuzufügen weiß. Besonders in der 4. Sinfonie gefällt mir Järvis Herangehensweise ganz außerordentlich gut: Sturm-und-Drang-Feuer, Transparenz und hohe Ausgewogenheit mit tollem Klangverständnis und für mich eine Ahnung, wie diese Musik gemeint sein könnte. Da kann Beethoven ganz frisch und auch verschlankt neu begeistern.



    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Hallo Tristan,


    vielen Dank für die Einstellung der Einspielung von Paavo Järvi. Ich war wirklich hin und her gerissen von der spürbaren und unübersehbaren Begeisterung des Dirigenten und der überschäumenden Spielfreude seines Orchesters. Solcher Enthusiasmus überträgt sich automatisch auf die Zuhörer, und ich kann mir gut vorstellen, daß das Ensemble und der Dirigent zum Schluß des Konzertes mit riesigem Applaus belohnt wurden.


    Ich persönlich vermisse, trotz aller Begeisterung der Mitwirkenden, das große Orchester, das ich seit meiner Jugend bei den großen Werken Beethovens gewöhnt bin. Ich gebe aber gerne zu, daß durch die relativ kleine Besetzung Details hörbar werden, die bei einem großen Sinfonieorchester meistens verloren gehen. Die Aufnahme hat mich aber trotzdem sehr beeindruckt und begeistert. Beethoven einmal ganz anders. In den 80er Jahren habe ich mal - ich glaube es war die Zweite - eine Beethoven-Sinfonie mit Marriner und der Academy of St. Martin gehört, davon war ich ziemlich enttäuscht. Da fehlte einfach die spontane Begeisterung, und der Funke sprang nicht über. Deshalb habe ich fortan die Finger von Kammerorchestern (bei Beethoven) gelassen.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Lieber nemorino , ich habe mir den ganz dick orchestrierten Beethoven inzwischen weitgehend abgewöhnt, wenngleich ich manchmal auch die Karajan-Dröhnung bevorzuge. Variatio delectat!

    Ich sehe grade, dass in der Frühzeit dieses Threads ab Beitrag #8 schon einmal lobend über die Järvi-Aufnahme gesprochen wurde. Sein Zyklus sticht meiner Meinung nach tatsächlich aus vergleichbaren Ansätzen heraus und innerhalb dieser GA ist wahrscheinlich die 4. Sinfonie sogar die beste.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Sein Zyklus sticht meiner Meinung nach tatsächlich aus vergleichbaren Ansätzen heraus und innerhalb dieser GA ist wahrscheinlich die 4. Sinfonie sogar die beste.

    Ja, nicht nur die Vierte ist hier eine herausragende Einspielung mit Paavo Järvi.


    :!:Es handelt sich bei dem von Dir gewählten YT - Video um den Zyklus der Aufnahmen aus der Beethovenhalle Bonn LIVE 2009 vom Beethovenfest auf DVD gem. der Abb unten. Dies ist der Höhepunkt der Aufführungen von Paavo Järvi mit der Kammerphilharmonie Bremen aus dem Jahre 2009. :angel: Der DVD-Zyklus gehört auch bei bei mir zu den Unverzichtbaren ! Ich hatte in den Jahren mehrfach berichtet.


    Mir liegen auch die vorher entstandenen entsprechenden Paavo Järvi-Aufnahmen der Beethoven Sinfonien auf CD (RCA) vor. Diese hatte mir vor vielen Jahren ein Klassikforianer als CD-R zukommen lassen, um mich von meinem Vorurteil für die hier kleinere orchestrale Besetzung zu überzeugen ... so richtig war ich nicht überzeugt, da mir bei aller Bewunderung für die Frische vieles zu dünn und zu abgehackt erschien. Bin eben Karajan und Co. gewöhnt .....

    =O In Kritiken wurde berichtet, dass die RCA-Studio-Aufnahmen präziser wären, weil Nachbearbeitungen und Schnitte erfolgen konnten und hier LIVE nur eine Generalprobe und das Konzert statt fanden. Auch die Klangtechnik soll entschärft werden sein. So auch Stefan Rapps Pauken ... (siehe Amazon-Rezension TFK). Man höre sich das Rockkonzert der Siebten an --- dann weis man wie umwerfend das klingt ! :thumbup: Da ich beide Paavo-Järvi-GA vorliegen habe, kann ich mich diesen Ausführungen/Meinung absolut nicht anschliessen und möchte diese widerlegen.

    ### Klarer Unterschied zu den früheren RCA-CD-Aufnahmen: Die DVD-Aufnahmen klingen besser (DTS 5.1), sind klanglich sinfonischer und wirken orchestral voller als die entsprechenden Aufnahmen auf den RCA-CDs, bei denen mich die abgehackt klingenden Passagen genervt hatten; ja, die Vollendung der zahlreichen Aufführungen mit der Kammerphilharmonie Bremen war dann 2009 in Bonn beim Beethovenfest erreicht ! Proben hatten die brillante Kammerphilharmonie Bremen vorher durch die zahlreichen Aufführungen davor genug. Die Bremer spielen in der Tat mit voller Hingabe und Enthusiasmus. Einzig die Bildregie auf den DVDs ist nicht so umwerfend gelungen, wie es ein könnte, aber doch so, dass das LIVE-Erlebnis voll gegeben ist. Die Farbe der Hintergrundbeleuchtung ist für jede Sinfonie eine Andere.

    :jubel: Volle Kaufempfehlung, für alle die diese GA noch nicht haben.


    91QdUbn9lDL._SL300_.jpg

    SONY, LIVE 2009, DTS 5.1

    Gruß aus Bonn, Wolfgang