Tannhäuser in Dresden, 17.02.2019

  • Gestern war ich zur Wiederaufnahme der Konwitschny-Produktion in der Semperoper. Es hat sich gelohnt! Dass Omer Meir Wellber ein begabter Dirigent ist, war mir nicht neu. Dennoch war sein fulminantes Dirigat mit straffen Tempi, einer klaren Zeichengebung und viel Arbeit mit der linken Hand eine erfreuliche Überraschung für mich. Stephen Gould ist seit Jahren eine Bank als Tannhäuser. Trotz seiner gewaltigen Stimme hat er die Partie durchaus differenziert gesungen. Als Elisabeth hat Dorothea Röschmann ein eindrucksvolles Rollendebüt gegeben. Dabei hat sie mir im dritten Akt mit einem sehr innig gesungenem Gebet noch besser als im 2. Akt gefallen, wo ich ihren Gesang etwas verhalten fand. Ekaterina Gubanova gab eine stimmschöne, aber insgesamt recht blasse Venus. Als Wolfram war kurzfristig Markus Eiche eingesprungen und konnte mit einem virilen Rollenporträt voll und ganz überzeugen. Einige hölzerne Töne zu Beginn waren da schnell vergessen. Über Georg Zeppenfeld als Landgraf muss man nicht viel sagen, da steht der Name für Qualität. Insgesamt war das eine sehr hochwertige Aufführung, die die Fahrt nach Dresden gelohnt hat.

  • Lieber Kapellmeister, den geschätzten Stephen Gould habe ich in dieser Partie oft in der Kirsten-Harms-Inszenierung an der DOB gesehen. Die Damen Röschmann und Gubanova hätten mich auch sehr gereizt. Markus Eiche kenne ich als Gunther und Beckmesser aus der Bayerischen Staatsoper. Eine wirklich schöne Besetzung, um die ich Dich beneide! Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Erst vor wenigen Tagen hatte ich im DVD-Thread (zur "Zauberflöte", Paris, unter Fischer) Frau Röschmann ganz besonders hervorgehoben. Nun fällt der Name hier erneut und doppelt in sehr positivem Tonfall. Ja, lieber Kapellmeister, auch ich hörte bei ihr eine mich besonders berührende Art gänzlich unsentimentaler Innigkeit. Auf die Dame werde ich sicherlich weiterhin ein Ohr richten. Danke für die Eindrücke zum "Tannhäuser"!

  • Oh wie schön, hier etwas zum Dresdner Tannhäuser zu lesen - wir waren auch dort. Zunächst in aller Kürze: Uns hat es auch gefallen. Wenngleich mit Abstrichen, aber dazu heute Abend, wenn mehr Zeit ist, gerne mehr!

    :hello:

  • Darauf freue ich mich ebenso wie über das Interesse von Leiermann und Hans.


    Eine Ergänzung habe ich noch: im 1. Akt hat das Englisch-Horn erst gespielt, wo es nichts zu spielen gibt, dann gar nicht eingesetzt und danach mehr schlecht als recht gespielt.

  • Ja, lieber Kapellmeister, auch ich fand das Orchester generell gut - glaubte aber (namentlich zu Beginn) einige Wackler zu hören, zudem waren die Bläser auch nicht immer der Meinung, gemeinsam einsetzen zu sollen. Ich fand die Tempi ebenfalls straff, wiewohl ich mir das Vorspiel teilweise noch etwas dringlicher gewünscht hätte. Aber der große Bogen war fraglos da und somit ein erfreulicher Abend gewährleistet.

    Die Sänger hatten daran natürlich großen Anteil. Über Zeppenfeld muss man nichts weiter sagen, da kann man sich nur freuen, wenn er auf dem Besetzungszettel auftaucht. Auch Stephen Gould hat das sängerisch hervorragend gemacht. Dorothea Röschmann erschien mir zunächst atemlos, teils flach, zudem mit der unschönen Tendenz, Vokale zu verfärben; sie wurde jedoch immer sicherer, überzeugender und ausdrucksstärker. Ekaterina Gubanova blieb dagegen für mich blass. Markus Eiche als (zugegeben prominenter) Einspringer war ein Gewinn. Gut gefiel mir Tania Lorenzo als junger Hirt, auch wenn sie als Nicht-Muttersprachlerin manches Wort verfärbte.

    Erstaunlicherweise hatte ich die Inszenierung als solche positiver in Erinnerung. Ich mag Konwitschnys Arbeiten und namentlich der erste Aufzug entsprach dem auch. Aber der Auftritt des Pilgerchors im dritten Aufzug war mir zu sehr ins Groteske gedreht. Und dass sich Elisabeth entleibte, überzeugte mich auch nicht sonderlich (wobei ich mit dem Libretto-entsprechenden Davonwandern in die reine Heiligkeit auch nicht viel anfangen kann), und warum die zuvor derangiert-betrunkene Venus die tote Elisabeth dann in Armen hielt, wurde mir auch nicht klar.

    Aber alles in allem war es ein kurzweiliger und anregender Opernabend. Immer wieder schön, so ein Ausflug nach Dresden!

  • Vielen Dank, lieber lohengrins. Da decken sich ja unsere Eindrücke weitgehend. Ich könnte Wellber gut beobachten und fand das sehr spannend, was er gemacht hat. Manchmal ist weniger mehr. Vielleicht ist seine Zeichengebung auch zu detailliert. In jedem Fall fand ich das Ergebnis herausragend. Ich bin auf jeden Fall auf seinen Nabucco gespannt.

  • Es ist ein besonderes Vergnügen, zwei Berichte zu einer Aufführung zu lesen. Das ist ein bißchen, wie mit zwei Augen zu sehen: Es ergibt ein räumliches Bild.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz