WEILL, Kurt: DER SILBERSEE

  • Kurt Weill (1900-1950):

    DER SILBERSEE

    Ein Wintermärchen in drei Akten - Libretto von Georg Kaiser

    Uraufführungen am 18. Februar 1933 zeitgleich in Leipzig, Magdeburg und Erfurt



    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Olim (Tenor oder Bariton)

    Severin (Tenor)

    Frau von Luber (Sopran oder Mezzosopran)

    Fennimore (Sopran)

    Baron Laur (Tenor)

    Lotterieagent (Tenor)

    Johann, Dietrich, Klaus und Hans, Kameraden von Severin (zwei Tenöre, zwei Bässe)

    Zwei Verkäuferinnen (Soprane)

    Sprechrollen: dicker Polizist, alter Arzt, junger Arzt, Krankenschwester, Zofe

    Chor (SATB), eingesetzt auf der Bühne und im Orchesterraum: Leute

    Statisterie: Zwei Mädchen


    Nordamerika im späten 19. Jahrhundert.



    INHALTSANGABE


    ERSTER AKT


    Die Gegend am Silbersee ist die Heimat der arbeitslosen jungen Männer Severin, Dietrich, Johann, Klaus und Hans. Die fünf hausen in armseligen Moos-Hütten, haben gerade eine Puppe aus Stroh gebastelt, sie Hunger genannt und wollen diesen Hunger verbrennen*- eine Symbolik, die ohne die erhoffte Wirkung bleibt. Erstaunlicherweise springt die Puppe nämlich unversehrt aus dem Feuer, läuft hierhin und dorthin, kommt aber immer wieder zurück. Severin verschafft sich Luft, indem er über seine und seiner Kameraden ausweglose Situation schimpft, um sich schließlich sogar zu einem Gottesfluch hinreißen zu lassen. Eine Idee bringt plötzlich Leben in den Kreis der Fünf und sie setzen diese Idee auch sofort in die Tat um: Sie werden im nahen Ort dem Lebensmittelgeschäft einen „Besuch“ abstatten und sich - wenn es sein muss, auch mit Gewalt - Nahrung beschaffen.

    *In einer anderen Version heben zwei von ihnen eine Grube aus, um dort den „Hunger“ beizusetzen; der springt aber aus der Grube, rennt hierhin und dorthin, kommt aber immer wieder zurück.


    Als sie kurz darauf zunächst wie teilnahmslos, die Lage jedoch genau sondierend, an dem Laden vorbeischlendern, sehen sie zwei Verkäuferinnen, die Lebensmittel aussortieren und in eine Kiste werfen - offensichtlich nicht mehr frische Ware. Dabei beklagen sie unüberhörbar die systemischen Ungerechtigkeiten des Kapitalismus, der Reiche immer begünstigt, Arme aber ums tägliche Brot kämpfen lässt. Die Fünf verständigen sich mit Blickkontakt, nicken sich zu und stürmen dann in den Laden. Ihr martialisches Auftreten schüchtert die Verkäuferinnen so ein, dass sie sich ängstlich wegducken und die Diebe sich die Rucksäcke mit Lebensmitteln vollstopfen lassen. Nur Severin hält sich bei einer ihm nicht bekannten Frucht (einer Ananas) auf, stopft dann nur sie in seinen Rucksack, und flüchtet danach mit den anderen in Richtung Silbersee.


    Jetzt wagen es die Verkäuferinnen laut um Hilfe zu schreien und machen damit Passanten und die Polizei auf den Raubüberfall aufmerksam. Die Ordnungshüter sind schnell vor Ort und verfolgen die Männer; dabei gibt der Polizeioffizier Olim einen Warnschuss ab, der allerdings Severin trifft und der deshalb nicht mehr weiterkommt. Olim nimmt ihn gefangen, und auf dem Polizeirevier untersucht er den Rucksack, findet aber nur die Ananas und kommt darüber ins Grübeln: Hat er richtig gehandelt, war der Schuss nötig? Sein Gewissen sagt ihm, dass er zwar nicht wissen konnte, was der Dieb hatte mitgehen lassen, aber der Waffengebrauch war doch wohl unverhältnismäßig. Olim veranlasst Severins Transport ins Krankenhaus, und vernichtet den Einsatzbericht.


    In diesem Moment kommt der Agent einer Lotteriegesellschaft in die Wachstube und gratuliert Olim zum Hauptgewinn aus der letzten Ziehung. Diese Nachricht muss Olim zunächst einmal sacken lassen; dann entschließt er sich, sein Verhalten gegenüber Severin mit seinem neuen Reichtum wiedergutzumachen. Er begibt sich ins Hospital und teilt dem verdutzten Severin mit, dass die Anklage gegen ihn fallen gelassen werde, und dass er für seine Gesundung sorgen will. Severin ist gerührt und dankt dem Polizisten.



    ZWEITER AKT


    Olim hat den Lottogewinn für den Kauf eines Schlosses von verarmten Adligen, der Frau von Luber und dem Baron Laur, eingesetzt. Und hierin lässt er Severin zur Rekonvaleszenz bringen. Olim, der inzwischen aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist, hilft es, dass Severin nicht weiß, dass sein großzügiger Helfer auf ihn geschossen hat und Wiedergutmachung leistet.


    Während Baron Laur sich mit seiner Situation abgefunden zu haben scheint, kann sich Frau von Luber nicht in ihr Schicksal fügen, Haushälterin eines Emporkömmlings geworden zu sein. Sie ist fest entschlossen, diese würdelose Situation zu beenden, und wenn es sein muss, auch mit Intrigen. Ein unbestimmtes Gefühl, das sie nicht näher definieren kann, sagt ihr, dass der neue Schlossherr ein Geheimnis hütet, das zu lüften ihr helfen könnte, wieder die „alte Ordnung“ herzustellen. Sie hat zwar noch keine genaue Vorstellung, wie sie vorgehen soll, findet aber, dass eine nahe Verwandte, die junge Fennimore, von Nutzen sein könnte. Sie bittet die junge Frau also als zusätzliche Haushaltshilfe zu sich.


    Fennimore bekommt Gelegenheit, Severin kennenzulernen. Sie erzählt ihm, hoffend, dass er damit von seiner Lage und den Rachegedanken auf den unbekannten Schützen abgelenkt wird, die Legende von dem Silbersee: Der soll nämlich sogar in warmen Jahreszeiten zufrieren, um Hilfesuchende zu retten. Severin findet die Geschichte zwar ganz nett, kann sich aber nicht konzentrieren, weil seine Gedanken nur um den Unbekannten, der ihn angeschossen hat, kreisen. Deshalb bittet er Fennimore, seine Freunde am Silbersee aufzusuchen und sie zu bitten, die „Spurensuche“ nach jenem Schützen aufzunehmen. Tatsächlich kommen Johann, Dietrich, Klaus und Hans mit Fennimore zum Schloss. Hier treffen sie auf einen Landjäger, der Bescheid weiß, da er als ehemaliger Kollege Olims an den Ereignissen um den Ladendiebstahl beteiligt war und ihn identifizieren kann. Severin ist über diese Nachricht geschockt und wütend.



    DRITTER AKT


    Während Frau von Luber Olim auf dem Dachboden unterbringt, damit er nicht Severin über den Weg läuft und dessen Rache zum Opfer fällt, was ihren Plänen nicht gut bekäme, lässt der sich von seinen Kameraden im Keller anketten. Darin sieht er eine Möglichkeit, seine Wut in den Griff zu bekommen.


    Frau von Luber geht zu Olim und setzt ihren Plan um: Sie unterhält sich intensiv mit ihm über den Schlosskauf und bringt ihn tatsächlich mit einer gehörigen Portion Chuzpe dazu, ihr das Schloss mittels einer Schenkungsurkunde zurückzugeben. Und diesen Triumph kann sie nicht unterdrücken, den kostet sie, mit ihrem Liebhaber Baron Laur, und mit einem edlen Tropfen genüsslich aus. Beide sind ohnehin der Meinung, dass der ehrwürdige Bau nicht in die Hand eines Emporkömmlings gehört. In dieser Hochstimmung ruft die Luber Fennimore herbei und fordert sie auf, mit ihrer Harfe zum Tanz aufzuspielen; engumschlungen tanzt das Pärchen zu den ätherischen Klängen des Instruments.


    Nach der Tanzeinlage schafft es Fennimore (ohne von dem Liebespaar bemerkt zu werden), die Schlüssel des Schlosses an sich zu bringen. Sie eilt erst zu Olim, dann zu Severin und erzählt beiden die neuesten Nachrichten aus der Stadt: Die Polizei will das Silberseegelände vollständig räumen. Das wollen Severin und seine Freunde natürlich verhindern und eilen mit Fennimore schnurstracks zum Silbersee. Noch vor Verlassen des Schlosses treffen sie aber auf Olim; dabei kommt es zu einem klärenden Gespräch zwischen ihm und Severin, bei dem sie sich aussöhnen.


    Fennimore und die vier junge Männer sind den beiden zum Silbersee vorausgeeilt. Als Olim und Severin ihnen folgen wollen, tritt ihnen Frau von Luber mit einer Pistole in der Hand in den Weg und fordert sie ultimativ zum sofortigen Verlassen des Schlosses auf. Severin reagiert empört und schlägt ihr die Pistole aus der Hand. Dabei verliert die Adlige ein Schriftstück, dass sich als jene Schenkungsurkunde entpuppt. Severin zerreißt sie, erklärt aber auch, dass weder er noch Olim am Schloss interessiert sind. Ihr Interesse liegt eher am goldenen Essgeschirr, dass sie vor den Augen der verdutzten Adligen zusammenraffen und gleich noch einige der wertvollen Kandelaber dazu. Nach ihrem Abgang wird deutlich, dass Frau von Luber und der Baron den Diebstahl nicht nur völlig gelassen hinnehmen, sondern sogar ihre Freude äußern, die Bagage los zu sein.


    Olim und Severin haben auf dem Weg zum Silbersee Pech: Severins Wunde reißt auf, er kann nicht mehr weiter und fordert Olim auf, ihn zurückzulassen; dazu ist der jedoch nicht bereit - er entledigt sich des Goldgeschirrs und schleppt den Verwundeten weiter mit sich. Als sie am See stehen, stellen sie entsetzt fest, dass die Hütten bereits dem Erdboden gleichgemacht und die einzige Brücke zerstört wurde. Niedergeschlagen denken sie darüber nach, ihrem Leben ein Ende zu setzen, da hören sie von der anderen Seeseite Fennimores Stimme und sie bemerken, dass der See, obwohl es längst Frühling ist, zufriert. Vorsichtig betreten sie das Eis, stellen fest, dass es sie trägt, folgen dem Ruf Fennimores, und bewegen sich langsam in die Ferne davon...



    INFORMATIONEN ZUM WERK


    Ab 1932 wurde es für Kurt Weill schwieriger, mit Theatern Übereinkommen zur Aufführung seiner Werke zu erzielen. Er war gezwungen, neue Überlegungen anstellen. Als eine erste Maßnahme wandte er sich an Eric Charell, der als Direktor des Schauspielhauses in Berlin die Gattung der Revueoperette erarbeitet hatte; er schlug Weill ein Stück nach Robert Wienes Film „Das Cabinett des Doktor Caligari“ vor. Für ein Exposé wurde Georg Kaiser gewonnen, aber das Projekt zerschlug sich; immerhin war aber der Kontakt zu Kaiser nach einigen Jahren der Unterbrechung wiederhergestellt. Aus einem Brief Weills (vom 29. Juli 1932) an die Universal Edition geht hervor, dass die beiden Künstler nun an ein „musikalisches Volksstück“ dachten, keine Oper also, auch kein irgendeinem Genre zuzuordnendes Stück. Weill schrieb weiter: „Es bleibt mir überlassen, ob ich daraus ein Stück mit Musik, also mit ganz einfachen Liedern mache, die von reinen Schauspielern gesungen werden können oder ob ich doch mit etwas größeren musikalischen Ansprüchen herangehe.“ Letztlich erhielt das hier vorgestellte Werk keinen Gattungstitel, wurde jedoch auf einer Schallplatte von 1933 als „Schauspiel-Oper“ bezeichnet. Es war überwiegend für singende Schauspieler konzipiert, wobei die Partien des Severin und der Fennimore nur von ausgebildeten Sänger gestaltet werden können.


    Kaiser benötigte für den Text die Zeit von August bis September 1932, Weill begann mit der Komposition noch im September und beendete die Partitur am 1. Dezember 1932. Noch vor diesem Abschluss verhandelte er mit der Semperoper, erhielt jedoch von Intendant Alfred Reucker eine Absage mit dem Hinweis, die Handlung sei „zu krass und scharf“. Die gleiche Ablehnung bekamen die Autoren von Max Reinhardts Deutschem Theater in Berlin, eine Zusage dann aber aus Leipzig. Die Inszenierung im Alten Theater* lag in den Händen von Hans Detlef Sierck (der nach seiner Emigration 1937 in die USA, seine zweite Frau Hilde war Jüdin, eine Karriere in Hollywood als Douglas Sirk machte), das Bühnenbild war von Caspar Neher, Dirigent war ein Großer der Weimarer Zeit, Gustav Brecher. Die Universal Edition konnte außerdem eine Ring-Uraufführung mit den Häusern in Magdeburg und Erfurt vereinbaren.

    *In einigen Publikationen wird vom Neuen Theater Leipzig gesprochen. Die meisten, einschließlich der Kurt-Weill-Foundation, geben jedoch das Alte Theater an.


    In Leipzig waren Alexander Golling als Severin, Lina Carstens als Frau von Luber, Ernst Satler als Baron Laur, Erhard Siedel als Olim sowie Gretel Berndt als Fennimore besetzt. In Erfurt traten Albert Johannes als Severin und Sieglinde Riesmann als Fennimore auf (weitere Solisten- Namen konnten nicht ermittelt werden). Die Regie hatte Hermann Pfeiffer, das Bühnenbild schuf Walter Schröter und der Dirigent war Friedrich Walter. Die Magdeburger Aufführung verantworteten Georg Winkler (Dirigent), Helmut Götze (Regie) und Ernst Rufer (Bühne). Die Hauptrollen interpretierten Ernst Busch (Severin), Eduard Wandrey (Olim), Elisabeth Lennartz (Fennimore) und Ruth Baldor (Frau von Luber).


    Zunächst wurde die Leipziger Aufführung allgemein als „großer Tag des städtischen Theaters“ gefeiert, während die der NSDAP nahestehenden Zeitungen jedoch ihre ganze Häme über das Stück ausschütteten. So resümierte die „Leipziger neueste Nachrichten“ am 19. Februar 1933 ganz nüchtern:

    Die Musik Kurt Weills bedeutet stilistisch (…) eine sehr bemerkenswerte Weiterbildung der Musik zur Dreigroschenoper. (…) Die Musik hat einen ganz starken dramatischen Nerv.

    Der „Völkische Beobachter“ dagegen schrieb am 24. Februar 1933, ganz auf Parteilinie:

    Wer (…) das verkümmerte ‚Denkdrama‘ Georg Kaisers durchschaut, wird sich durch den unehrlichen sozialen Unterton des ‚Wintermärchens‘ nicht bluffen lassen. (…) Nun wird er (Gustav Brecher) ihn (Adolf Hitler) und die von ihm ausgehende, alles Ungesunde und Schädliche hinwegwerfende Kraft noch genau kennenlernen! (Wikipedia)


    Wie damals nicht anders zu erwarten war, nahmen die drei Städte Weills/Kaisers Werk nach Protesten und Boykottdrohungen vom Spielplan. Georg Kaiser wurde bereits am Tage nach dem Verbot aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen. Die von Caspar Neher illustrierte Buchausgabe hat man am 10. Mai auf dem Berliner Opernplatz verbrannt. Für den Dirigenten Brecher und seine Frau Gertrud (geborene Deutsch) endete das Drama tragisch: Sie schieden im Mai 1940, beide damals schon seit sieben Jahren auf der Flucht, bei Ostende gemeinsam aus dem Leben. (Wikipedia)



    © Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2019

    unter Hinzuziehung des Librettos (aus Programmheft Deutschland-Radio Kultur, Dirigent Ingo Metzmacher), Piper-Musik-Enzyklopädie, MGG, Kurt Weill Foundation

  • 41otKklwzTL.jpg

    Bei den Tamino-Werbepartnern Amazon und jpc ist diese Capriccio-Produktion mit Solisten und dem Kölner Rundfunkorchester unter Jan Latham-König erhältlich. Für Weill-Einsteiger gibt es noch die folgende 5-CD-Box, die auch den "Silbersee" entält:


    819EP2o9y5L._SY355_.jpg

  • Es gibt noch eine etwas prominenter besetzte Einspielung, die ich besitze, sie ist aber anscheinend vergriffen. Es ist ein ziemlich seltsames Stück; ich habe es letztes Jahr oder so mal wieder gehört, weil ich überlegte, die CD vielleicht auszusortieren, sie dann aber doch wieder zurück ins Regal gestellt.


    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Es gibt noch eine etwas prominenter besetzte Einspielung, die ich besitze, sie ist aber anscheinend vergriffen. Es ist ein ziemlich seltsames Stück; ich habe es letztes Jahr oder so mal wieder gehört, weil ich überlegte, die CD vielleicht auszusortieren, sie dann aber doch wieder zurück ins Regal gestellt.



    51NOKZtQpIL._SY300_QL70_.jpgKlick


    Die andere mit dem Punkt ;), ist noch teurer!

    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)