Drei Männer im Schnee – eine niegelnagelneue Operette mit Erfolgsaussichten

  • Schon öfters wurde hier im Operettenforum die Frage diskutiert, ob denn heutzutage noch Operetten geschrieben werden. Ja, tatsächlich passiert das noch gelegentlich, meistens aber auf „Provinzbühnen“ und ohne weiteren Nachhall. Jetzt hat aber das Münchner Gärtnerplatztheater eine neue Operette herausgebracht, die daran etwas ändern könnte. Es handelt sich hierbei um ein Auftragswerk dieses Theaters und benutzt als Vorlage Erich Kästners Roman „Drei Männer im Schnee“ aus dem Jahr 1934. Wieso die Autoren ausgerechnet auf diesen Stoff gekommen sind, bleibt trotz einiger Erklärungsversuche im nachfolgend angezeigten Trailer etwas unklar, tut aber auch nichts zu Sache.


    https://www.youtube.com/watch?v=8p45TSb8O5A


    Kästner hat bereits im Jahr des Erscheinens seines Romans auch ein Theaterstück gleichen Titels unter einem Pseudonym herausgebracht, da er von den Nazis bereits Schreibverbot hatte. Er soll noch zu Lebzeiten versucht haben, aus seinem Roman ein Singspiel oder eine Operette zu machen, was ihm aber nicht geglückt sei.

    Die Autoren der neuen Operette haben sich in vielerlei Hinsicht am Weißen Rössl orientiert. Das fängt schon damit an, dass sich wie dort vier Komponisten ans Werk gemacht haben. Die vier Komponisten, von denen ich bisher keinen gekannt hatte, sind:


    · Thomas Pigur, kommt vom Kabarett und hat auch das Buch und die Liedertexte verfasst

    · Benedikt Eichhorn, kommt ebenfalls vom Kabarett

    · Christoph Israel, kommt von der Klassik und ist Pianist bei Max Raabe

    · Konrad Koselleck kommt vom Jazz und zeichnet auch für die Instrumentierung verantwortlich.


    Da das Stück wie auch das Weiße Rößl hauptsächlich in den Alpen spielt, gibt es auch eine Alpen-Musik, ja sogar ein Wiener Lied kommt vor. Und da beide, Roman und Weißes Rößl in den 30er Jahren entstanden sind, sollte die Musik auch klingen wie in den 30er Jahre. So finden sich viele Stilrichtungen aus jener Zeit, so den Ufa-Sound der 30er, einen frühen Duke Ellington, Jazz-Elemente und zuweilen klingt es auch wie Brecht-Weill.


    Da gibt es herrliche, auch komische Nummern wie etwa das „Zahra Leander“ Chanson „Ich pass mich an“, einen Verführungs-Tango bei welchem das „Ein Nein ist ein Nein“ vom Mann kommt, ein außergewöhnliches Liebes Duett ganz ohne Sentimentalität, hitverdächtige Alpennummern wie „Skifahr’n im Schnee“, „Fragen wir doch den Wolkenstein“ oder die Titelmelodie „Drei Männer im Schnee“ und sogar einen homoerotischen Tango, ohne jedoch in Peinlichkeit oder abwertende Parodie zu verfallen.


    Einer der Komponisten sagte im oben angezeigten Trailer:

    Zitat

    Eine gute Operette erkennt man dadurch, dass Leute, wenn sie sie zum ersten Mal gehört oder gesehen haben, pfeifend und singend mit diesen Melodien aus der Operette herausgehen.

    Und das ist, wie ich finde, den Komponisten zu 100 Prozent gelungen.


    Mit Revue Operetten kenne ich mich nicht so gut aus. Ich habe bisher nur zwei gesehen: Das weiße Rössel aus Mörbisch und Ball im Savoy in der Inszenierung von Barrie Kosky. Drei Männer im Schnee habe ich nur im Radio gehört und mitgeschnitten und so entging mir naturgemäß das Revuehafte. Aber die Musik zu dieser neuen Operette ist gut genug, dass sie auch ohne eine opulente Bühneninszenierung wirkt.


    Das einzige, was mich an der Musik gelegentlich etwas nervt, ist die Big-Band-lastige Instrumentation (das Orchester des Gärtnerplatztheaters wird durch Zither-Spieler, Banjo und Saxophon ergänzt), die für meinen Geschmack etwas zu oft in den Vordergrund tritt, was nicht heißt, dass dies anderen Leuten nicht gefällt. Dass es allerdings von dieser Operette in naher Zukunft überall einzelne Hits zu hören gibt, wage ich zu bezweifeln. Die übrigens sehr guten und intelligenten Liedtexte von Thomas Pigor sind zu direkt mit dem Bühnengeschehen verknüpft, so dass es auch hitverdächtigen Nummern schwer fallen dürfte, ein Eigenleben zu führen. Aber das tut der Operette keinen Abbruch und ich gehe sehr wohl davon aus, dass diese neue Schöpfung bald überall nachgespielt werden wird.


    Hier noch einige Links mit Kritiken zu dieser Uraufführung:


    https://www.merkur.de/kultur/u…latztheater-11672644.html

    http://prevalent-digest.de/dre…esterparty-zum-jahr-1933/

    https://www.deutschlandfunkkul…ml?dram:article_id=439894


    :jubel:Uwe

  • Als ich den Threadtitell las, dachte ich:

    "Na ja - das ist schon ein wenig Zweckoptimismus dabei"

    Dann hab ich mir aber den Link angesehen. Allein das Autoren-Komponisten- Regieteam ist ein Panoptikum - und das meine ich als Kompliment.

    Da haben sich 4 Nonkonformisten edelster Sorte getroffen

    Warum Erich Kästner ? -Warum nicht ?

    Im Gegensatz zum Regisseur ist es dem Librettisten erlaubt - ja eigentlich sogar geboten - Die Textvorlage zu ändern und dem Genre anzupassen.

    Irgenwie meine ich den Inhalt als Sprechstück schon mal in Wien (Kammerspiele) gesehen zu haben - zumindest der Direktor, der einen armen Mann spielt und das Hotel sind mir in Erinnerung - Aber es war eben keine Operette.

    Ein guter Text mach noch keine Operette - und nun kommt die Gretchenfrage: Wie schauts mit der Musik aus. Sie darf nicht zu altertümlich sein - und nicht zu modern. Wo ist hier die Grenze zwischen operette und Musikcal ?

    IMO ist Udo Jürgens mit "Helden" gescheitert - und da soll ein 4 Köpfe Tem das Unmögliche schaffen ?

    Es schafft es - und zwar vorzüglich. Die Melodien sind eingängig, die Choreographie hat Schwung und macht Effekt. Die Dekoration ist ädiquart zu Handlung in den dreißiger Jahren. Und das Ensemble ist hinreissend.

    Tempi passati ? Mitnichten !

    Ich glaube die Leute sind ausgehungert noch so etwas, einerseits nostalgisch - dreißiger Jahre . Andrerseits - wie das Team verkündet - durch die Brille von heute.

    Ich persönlich würde allerdings nicht behaupten wollen, es handle sich um eine "Operette"

    Eher ein Grenzfall zwischen Operette und Singspiel. Das Autorenteam nennt hier gerne das "Weisse Rössel" als Referenz. Warum auch nicht. Mich hat der kuze Ausschnitt allerdings auch an Benatzkys "Axael an der Himmelstür" erinnert, welches 2016 in einer Phänomenalen Inszenierung der Wiener Volksoper zu sehen war....


    Dem Staatstheater am Gärntnerplatz wünsche ich einen ebensolchen Erfolg.


    mfg aus Wien

    Alfred

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

    sich im Thread Baustelle Avatarpool neu einen auszusuchen und am Threadende (gaaaanz weit untenI zu bestellen

  • Meine Tochter, Münchnerin, war in der dritten Vorstellung und hat mir davon geschrieben. Mit ihrer Zustimmung zitiere ich aus dem Bericht:


    Es handelt sich um eine Revue-Operette von vier Komponisten und ist ein Auftragswerk des Gärtnerplatztheaters. Der Abend war hinreißend. Das Orchester musste nach dem Ende weiterspielen, weil das Publikum einfach nicht gehen wollte. Vertont wurde Kästners gleichnamiger Roman, der im Berlin und Tirol des Jahres 32/33 spielt. Ich hatte damit gerechnet, dass die Musik gelungen sein würde, aber die Texte etwas mühsam sein würden. Erfahrungsgemäß ist die Dramaturgie bei modernen Stücken nicht so ausgeprägt wie bei den alten Meistern. Aber meine Befürchtungen waren gänzlich unbegründet. Die Texte hatten Witz, die Szenerie entwickelte sich natürlich, es war spannend und der Abend verging wie im Fluge. Und wie es bei einer guten Operette sein soll, pfiff man auf dem Nachhauseweg die schmissigen Couplets vor sich hin. Dabei waren so schöne Nummern wie „Komm mit mir nach Berlin zum schönen Nollendorfplatz“ oder „Komm unter meine Laterne, du süße, kleine Subalterne“. Nicht zu übertreffen das Couplet der männerfressenden Grande Dame „Ich pass mich an, ich pass mich an, ich pass mich an – an den jeweiljen…“ unter herausfordernder Auslassung des sich aufdrängenden Reims. Großartig auch die Chornummer, in der die ganze Mannschaft des Grandhotels zur Orchestermusik mit Skiern unter den Beinen im Rhythmus stampfte. Der Saal quietschte vor Vergnügen, nach jeder Nummer gab es tosenden Applaus.


    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz