WEILL, Kurt: ONE TOUCH OF VENUS

  • Kurt Weill (1900-1950):

    ONE TOUCH OF VENUS

    (EIN HAUCH VON VENUS)

    Musical Comedy in zwei Akten.

    Libretto von Sidney Joseph Perelman und Frederic Ogden Nash nach dem antiken Pymalion-Stoff und der davon inspirierten Erzählung „The Tinted Venus“ von Thomas Anstey Guthrie (Pseudonym: F. Anstey)


    Uraufführung am 7. Oktober 1943 im Imperial Theatr, New York, in der Regie von Elia

    Kazan und der musikalischen Leitung von Maurice Abravanel, Choreographie Agnes de Mille

    Deutschsprachige Erstaufführung am 17. Juni 1994 im Theater Meiningen



    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Whitelaw Savory, reicher Kunstmäzen (Bariton)

    Miss Molly Grant, seine Sekretärin (Mezzosopran)

    Rodney Hatch, sein Coiffeur (Tenor)

    Venus (Mezzosopran)

    Taxi Black (Tenor Buffo)

    Stanley, sein Partner (Bariton)

    Gloria Kramer, Rodneys Verlobte (Mezzosopran)

    Mrs. Florabelle Kramer, ihre Mutter (Mezzosopran)

    Mrs. Moats, Hauswirtin

    Dr. Rook, Psychiater

    Nuvetli, anatolischer Gesandter

    Polizeibeamte, Geschäftsleute, Studenten, Verkäuferinnen, Gefängnisbeamte, Zwei Anatolier,

    Angestellte, Bediente, Tänzer


    Zeit: Gegenwart des Jahres 1942 in New York.



    INHALTSANGABE


    ERSTER AKT


    Der wohlhabende Kunstsammler und Inhaber einer Galerie mit Malschule, Whitelaw Savory, hat über einen Privatschnüffler in Anatolien eine antike Venusstatue erstanden. Taxi Black und Stanley, zwei etwas skurrile Typen aus der Detektiv-Branche, haben in seinem Auftrag die Statue in Smyrna abgeholt und nach New York gebracht. Während Savory äußerst angetan seinen Kunsterwerb bestaunt, besingt seine Sekretärin Molly Grant mit „One Touch of Venus“ die Macht der Frauen über die Männer.


    Dem gerade zum Friseurtermin erscheinenden Coiffeur Rodney Hatch gegenüber sagt Savory, dass die Figur ihn an eine ganz bestimmte Jugendliebe erinnert, weshalb sie ihm noch viel mehr bedeute. Hatch nimmt das nicht ernst, kommt auf seine Geliebte Gloria Kramer zu sprechen und behauptet, dass die ebenso schöne Hände habe. Als Savory kurz darauf hinausgerufen wird, erlaubt sich Hatch den Spaß, den Verlobungsring für Gloria auf den ausgestreckten Finger der Statue zu stecken. Was dann geschieht verblüfft Hatch, lässt ihn staunen und auch seinen Ohren nicht trauen: Die Figur wird lebendig, nennt ihn sogar „Befreier“ und gesteht ihm ihre Liebe, und folgt dem verstört abgehenden Rodney.


    Beim Gang durch die Straßen New Yorks kann Venus über noch nie Gesehenes staunen: Über den enormen Verkehr, die Hektik einer modernen Großstadt. Sie stellt sich die Frage, ob die Gleichgültigkeit Rodneys ihr gegenüber etwas mit dieser Hektik zu tun hat? Oder ob die Liebe bei den Menschen dieser Zeit keinen Wert mehr hat? Die Antwort auf diese Fragen könnte ein Versuch bringen, den sie in die Tat umsetzt: Inmitten eines Pulks eilig dahinhastender Leute macht sie mit einigen Zaubertricks Männlein und Weiblein zu Liebespärchen. Ob das jedoch Bestand haben wird? Keine Ahnung - die Zukunft ist auch der Venus verschlossen.


    Derweil singt Rodney Hatch in seiner Wohnung und vor einem Foto seiner Gloria ein mehr ironisch gefärbtes als ein emotionales Liebeslied: „How Much I Love You“. Als plötzlich die Liebesgöttin im Zimmer steht, zuckt er zusammen, reagiert aber geschockt, als sie vorschlägt, mit ihm ins Bett gehen zu gehen. Aber zu dieser Probe auf das moderne Exempel kommt es nicht, denn Rodney hat sich kaum von dem Vorschlag der Venus erholt, da meldet sich am Telefon seine Gloria und informiert ihn, dass sie am nächsten Tag mit ihrer Mama kommen werde und fragt zugleich, ob sie sich am Busbahnhof treffen könnten. Falsche Frage, denkt er, und sagt, er werde natürlich da sein! Aus irgendeinem unerfindlichen Grund kommt die Vermieterin, Mrs. Moats, ins Zimmer und will wissen, was bei Rodney los ist. Frau Venus empfindet ihre Anwesenheit als störend und gestikuliert die Wirtin zur Bewusstlosigkeit.


    Am nächsten Tag versucht Venus vor Radio City herauszubekommen, warum Rodney sich ihr widersetzt und wie sich die Liebe in den letzten 3000 Jahren verändert hat. Dabei kommt es zu einem Massenauflauf, der in ein ausgedehntes Ballett mit der Venus als Primaballerina mündet. Dabei entdeckt sie im Schaufenster eines Modegeschäfts eine Schaufensterpuppe mit einem ihr gut gefallenden Kleid. Sie zaubert sich in das Auslagenfenster, probiert das Kleid an und will sich, natürlich ohne zu bezahlen, wieder nach draußen „beamen“, da erscheinen Polizeibeamte, die der Ladenbesitzer telefonisch herbeordert hat, und Mr. Savory und seine Sekretärin Miss Molly Grant. Der Reiche erkennt Venus nicht als seine Statue, sondern meint, die Jugendliebe wiedergefunden zu haben, und bezahlt ihr ganz spontan das Kleid. Dabei besingt er seine verlorene Liebe mit „Westwind“.


    Venus erscheint gerade im Busbahnhof, als Rodney seine Gloria mit ihrer nörglerischen Mutter abholen will („Way Out West in Jersey“). Auch Privatdetektiv Taxi Black ist anwesend; er beschattet ihn im Auftrag Savorys, der nämlich glaubt, sein Coiffeur habe ihm die Venusstatue gestohlen. Gloria kommt nach einer herausfordernd wirkenden Begrüßung sofort zur Sache und fragt Rodney nach dem Verlobungsring. Der muss sowohl frustriert wie auch kleinlaut zugeben, den Ring verloren zu haben. Gloria reagiert erst mit Entsetzen, dann mit einem Schrei und will, dass er sofort einen neuen Ring herbeischafft, sonst werde sie die Verlobung lösen. Für Rodney kommt es wirklich dicke.


    Während Savory und seine Sekretärin sich nach Hause begeben haben, hat sich Glorias Mutter in dem Trubel Gedanken über die verschwundene Statue gemacht und ist überzeugt, dass ihr Schwiegersohn in spe damit etwas zu tun haben muss. Deutlich wird, dass sie ihn nicht leiden kann. Sie bringt Taxi Black dazu, dass er sie zum Kunstsammler fährt, weil sie dem feinen Savory einiges über Rodney zu sagen hat. Tatsächlich kann sie aber außer Vermutungen und persönlich gefärbten Eindrücken nichts Elementares vorbringen, doch Savory scheint ihr zu glauben, denn er schwört, dass er sein antikes Kunstwerk zurückbekommen wird.


    Die Szene verändert sich in Rodneys Friseurladen, wo sich Savory, Rodney, Taxi Black und sein Partner Stanley zu einem Quartett („The Trouble With Women“) zusammentun. Damit in aller Ruhe nach der Venusstatue gesucht werden kann, wobei der Haarkünstler natürlich stören würde, sorgt Stanley dafür, dass Rodney mit ihm die Treppe hinuntergeht, ihn unten schnappt und ihn in einen Kellerraum verfrachtet. Während Taxi Black und Savory Rodneys Laden durchsuchen, kommt unerwarteter Weise Gloria in den Friseursalon, was Savory und Taxi Black überhaupt nicht recht ist. Der Kunstmäzen macht kurzen Prozess, fesselt die überraschte Gloria und lässt sie von Stanley ebenfalls in den Keller bringen.


    Kurze Zeit später, das Trio ist in einem hinteren Raum, ohne die Statue gefunden zu haben, hören sie die Signalglocke der Ladentür, und rennen vor lauter Schreck aus der Hintertür davon. Es ist Frau Venus, die auf der Suche nach Rodney ist. Liegt es vielleicht an ihrer göttlichen Abkunft, dass sie den Gesuchten, dazu sogar noch die blasierte Gloria, im Keller findet? Oder waren es doch eher die leisen Rufe aus dem Keller? Jedenfalls lässt sie beide frei, bereut aber schon nach kurzer Zeit, Gloria nicht da gelassen zu haben, wo sie ist. Die beklagt sich nämlich bei ihr, dass sie Rodney für sich gewinnen wolle. Das reicht Venus und sie lässt Gloria mit einer Handbewegung einfach verschwinden, während Rodney nach oben geht. Sie schafft es mit dem Song „Speak Low“, dass Rodney sie dankbar in den Arm nimmt.


    Glorias Verschwinden hat allerdings unangenehme Folgen für den Friseur: Als er am Abend mit Venus auf einer Party in der Savory-Stiftung erscheint, bei der der Kunstsammler mit dem Song von „Doctor Crippen“ bekannt gibt, dass Gloria Kramer verschwunden sei, beziehen die Gäste den Inhalt des Songs auf Rodney, und bezichtigt ihn des Mordes an seiner Verlobten. Glorias Mutter ergreift die Initiative, lässt die Polizei holen, die Rodney unter Mordverdacht verhaftet. Als Venus daraufhin das Geständnis ablegt, sie habe Gloria „aufgelöst“, wird auch sie mitgenommen.


    ZWEITER AKT


    Savory und Molly wollen die Venus aus dem Kittchen holen. Ihnen tritt jedoch der anatolische Gesandte Nuvetli entgegen, der mit einer Mordandrohung verlangt, dass die Statue umgehend zurückgegeben wird. Venus ist es inzwischen gelungen, Rodney Hatch für sich einzunehmen. Nuvetli tritt auch hier in Erscheinung und bittet sie, mit ihm in ihre Heimat zurückzukehren, doch sie lehnt das (mit der Reprise des Songs „Speak Low“) ab. Entschlossen öffnet sie mit der schon bekannten Handgeste die Türen und geht mit Rodney einfach hinaus - gefolgt von Savory und den Detektiven (Song „Catch Hatch“), denen das Pärchen allerdings entwischen kann.


    Die nächste Szene spielt in der Luxussuite eines New Yorker Hotels, wo es sich Venus und Rodney bei einem amourösen „je ne sais quoi“ gut gehen lassen. Als Rodney seine Befürchtung äußert, dass sie sich nirgendwo sehen lassen können, weil sie ja beide wegen Mordes von der Polizei gesucht werden, zaubert Venus die ebenso blasierte wie eifersüchtige Gloria wieder her. Deren emotionaler Auftritt birgt keine Überraschungen, er entspricht ihrem aufgeblasenen Stil, weshalb Rodney auch den endgültigen Bruch mit ihr vollzieht. Während er sofort die Freuden der Liebe mit Venus preist, fragt die sich, man höre und staune, ob sie für ein Hausfrauenleben in einem Reihenhäuschen im Grüngürtel der Stadt geschaffen ist. Diese Fragen muss, wer auch immer, vernommen haben, denn mythische Gestalten aus der antiken Zeit geben Frau Venus mit einem Ballett eine wichtige Entscheidungshilfe - denn plötzlich ist Venus verschwunden und in Savorys Galerie steht ihre Verkörperung aus Stein wieder an dem angestammten Platz.


    Und genau in dieser Galerie spielt sich ein Drama mit möglicherweise tödlichem Ausgang ab: Der schon unrühmlich bekannte Diplomat Nuvetli ist mit anatolischen Schlägern aufgekreuzt und lässt mit Morddrohungen gegenüber Savory und Rodney, der über das Verschwinden seiner geliebten Venus völlig down ist, keinen Zweifel an seiner Forderung zu, dass die Venusstatue in seine Heimat zurückzuführen ist. Ebenso klar, wenn auch mit ängstlichem Einschlag, weigert sich Savory und nötigt damit Nuvetli, seinen Dolch zu ziehen. Doch genau in diesem Moment ist ein gewaltiger Donnerschlag zu vernehmen und die anatolischen Gang ist verschwunden. Während Rodney in äußerst trauriger Verfassung den Song „Speak Low anstimmt, betritt eine Kunststudentin die Galerie, und stellt sich mit dem Song „Ozon Heights“ vor, und Rodney erkennt sofort seine Venus wieder. Sie umarmen sich und verlassen, während der Vorhang fällt, engumschlungen die Szene.



    INFORMATIONEN ZUM WERK


    Im Juni 1942 kamen Weill und die Produzentin Cheryl Crawford überein, aus Ansteys Text ein Musical für den Broadway zu schaffen. Sie beauftragten das Autorenehepaar Sam und Bella Spewack (den Autoren der Cole-Porter-Musicals „Leave It to Me!“ und „Kiss me, Kate!“), aus Ansteys Vorlage ein bühnenwirksames Libretto zu verfassen. Für die Songtexte wurde Frederic Ogden Nash ins Auge gefasst und schließlich auch gewonnen.


    Im Herbst fuhren Crawford und Weill nach Hollywood, um jene Darstellerin zu verpflichten, die Weill für die Rolle der Venus von Anfang an vorgesehen hatte: Marlene Dietrich. Obwohl die Schauspielerin nicht eindeutig zugesagt hatte, kam sie einige Monate später nach New York, besuchte das Metropolitan Museum um sich antike Venusstatuen anzusehen, traf nochmals mit Crawford zu einem weiteren Gespräch zusammen, und unterschrieb schließlich den Vertrag.


    Als die Spewacks ihren Libretto-Text im Frühjahr 1943 den Auftraggebern übergaben, wurde er als unzureichend abgelehnt. Ogden Nash konnte in aller Schnelle Sidney Joseph Perelman, Drehbuchautor und Gagschreiber für die Marx Brothers, gewinnen. Der legte ziemlich zeitnah eine Neufassung vor, die Marlene Dietrich dann aber als „zu sexy und profan“ zurückwies. So kam im August dieses Jahres Mary Martin für die Rolle der Venus zum Zuge, und Agnes de Mille als Choreografin ins Geschäft. Die hatte zuvor mit „Oklahoma“ von Richard Rogers einen großen Erfolg gehabt.


    Weill arbeitete von Juni bis September 1943 an der Vertonung und vergab, nachdem er Martin singen gehört hatte, an den Couturier Main Rousseau Bocher den Auftrag, 14 Kostüme für die Venusrolle zu entwerfen. Bei den Voraufführungen fiel der ursprüngliche Schluss, bei dem die Liebesgöttin sich gegen ein Leben mit dem Friseur Hatch entschied, als „enttäuschend“ durch. Das Autorenteam schuf daraufhin ein Nachspiel, in dem Venus als Kunststudentin zurückkehrt, um das Leben mit Rodney zu teilen.


    Das Musical war mit 567 Aufführungen Weills erfolgreichstes Broadway-Stück. Für die 1994 im Meininger Theater gegebene deutsche Erstaufführung übersetzte Richard Emanuel Weihe den englischen Text ins Deutsche.



    © Manfred Rückert für den Tamino-Musicalführer 2019

    unter Hinzuziehung von Publikationen der Kurt Weill Foundation,

    der Piper-Musik-Enzyklopädie und des MGG

  • Die Ton-/Bildträger-Auswahl von Weills Musical bei den Tamino-Werbepartnern ist - bescheiden. Bei jpc ist nur die nebenstehende DVD erhältlich. Ohne Kommentar meinerseits will ich auf den Verkaufshinweis aufmerksam machen, wonach der Titel nicht FSK-geprüft, eine Lieferung an Jugendliche daher nicht möglich sei.

    Amazon hat diese DVD übrigens auch im Angebot, ansonsten viele Künstler-CDs, auf denen einzelne Titel aus dem Musical zu hören sind - in der Hauptsache der Titelsong "One Touch of Venus". Allerdings gibt es eine Ausgabe "First Complete Recording",

    unten gezeigt (die Eingabe der ASIN führte nicht zur Umsetzung in eine Weiterleitung nach Amazon, daher nur als Bild eingestellt).


    Kurt Weill:One Touch of Venus :hello:

  • "Foolish Heart", "I'm a stranger here myself" und "Speak low" dürften sich auf etlichen Kompilationen finden, zB hier:


    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)