August Enna - Kleopatra - Den Jyske Opera in Kopenhagen

  • Liebe Taminos,


    wie vor einiger Zeit angekündigt, zog es mich Anfang der Woche nach Dänemark, um dem Gastspiel der "Den Jyske Opera" in der alten Oper Kopenhagen beizuwohnen. Sowohl am Dienstag 12.03 als auch am Mittwoch 13.03 wurde das erste Stück der "Dänischen Serie" vorgestellt - August Enna's dreiaktige Oper "Kleopatra" von 1894. Opernintendant Philipp Kochheim hat schon in Braunschweig einen guten Riecher für vergessene Stücke gehabt (z.B. Hubay - Anna Karenina, Atterberg - Aladdin), und umso erfreulicher ist es, dass er seine Ausgrabungsserie in Aarhus fortsetzt. Mit Ennas Kleopatra hat er einen richtigen Glückgriff gelandet, wie auch die dänischen Zeitungen berichten. Enna war einst einer der berühmtesten Komponisten Dänemarks. Seine Werke wurden im ganzen Europäischen Raum gespielt, sogar in Amerika. Neben der Oper Heksen, war es Kleopatra, die ihn berühmt gemacht hat.

    Die Handlung kurz: Harmaki wird von der Sklavin Charmion, sowie seinem Vater Sepa dazu gedrängt das ägyptische Volk vom griechischen Einfluss zu befreien - kurz: Kleopatra soll sterben. Er erliegt aber ihrem Charm und sie verlieben sich ineinander. Charmion liebt jedoch auch Harmaki. Als diese die Liebschaft zwischen Kleopatra und Harmaki entdeckt, verrät sie Kleopatra von Harmakis Mordabsichten, welcher daraufhin verhaftet wird. Er bringt sich dabei um, Kleopatra siegt.

    Das Libretto von Einar Christiansen ist alles, aber kein großer Wurf. Es wird einseitig erzählt und das Publikum machte sich schon nach wenigen Wörtern über die Sprache lustig. Dennoch wurde der Abend ein voller Erfolg - was zum einen an der gesanglichen Leistung lag, zum größten Teil jedoch an Ennas Musik.

    Eine große Stärke der durchkomponierten Oper ist der natürliche Fluss der Melodien, die durchweg ungemein funkelnde Orchestrierung, die dankbare Führung der Gesanglinien. Obgleich Wagner Einfluss unverkennbar ist, so lässt auch Puccini teils stark grüßen, obgleich Enna wohl kaum seine Musik kannte. Im großen und ganzen ist die Musik jedoch eines - originell und nicht wirklich vergleichbar. Zu den großen Momenten gehört die Arie der Charmion im ersten Akt

    , Kleopatras erster Auftritt, sowie das Finale des ersten Aktes. Wenn auch das meiste dem Schönklang geweiht ist, dass man am Ende etwas überzuckert aus der Vorstellung geht, so gelingt im Finale des zweiten Aktes eine dramatische Sogkraft, die in dissonanten Blechattacken endet. Anders als erwartet, gibt die Oper nur wenig Platz für Exotismus. Lediglich die Balletmusik im dritten Akt hat einen exotischen Teint. Leider wurde die Ouvertüre nicht gespielt.

    Da bei beiden Aufführungen verschiedene Sänger mitwirken, möchte ich die Darsteller der zweiten, deutlich besseren Vorstellung vorstellen. Als Kleopatra stand die dänische Sopranistin Elsebeth Dreisig zur Verfügung. Sie konnte sowohl durch ihr ausdrucksstarkes Spiel, als auch durch eine in allen Lagen sichere Stimme beeindrucken. Obgleich sie m.E. über keine besondere Klangfarbe verfügt, so konnte sie sowohl die verschiedenen Ausdrucksregister bestens bedienen - sowohl die würdevolle Königen, die Verführerin, aber auch die hochdramatische Rolle stellte sie stimmlich glaubhaft dar. Ebenso gelang es Magnus Vigilius als Harmaki. Sein strahlender Heldentenor, sowie seine ungemein lebhafte Darstellung machten ihn zum Publikumsliebling des Abends. Der Sepa von Lars Møllers war nicht weniger eindrucksvoll. Sein in Tiefe und Höhe volltönender Bariton besaß die richtige Größe, um die Rolle des Anstachlers zum Königinnenmord voll auszufüllen. Bei der Gefangennahme am Schluss, konnten auch seine gebrochenen Töne sehr überzeugen. Der einzige Wehrmutstropfen war die Charmion von Ruslana Koval. Zwar verfügte sie über eine strahlende Stimme, jedoch war sie der dänischen Sprache nicht im geringen gewachsen. Selbst mein dänisch ist dänischer...und das heißt schon was. Da war Tanja Kuhn aus der ersten Vorstellung viel überzeugender. Ihr samtig weicher Sopran hatte eine ungemeine Strahlkraft, der auf dem verlinkten Ausschnitt leider nicht so wahrnehmbar ist, wie es live war.

    Auch der Chor der Den Jyske Opera konnte überzeugen, besonders die Männer im Vorspiel. Als sie den Tempelgesang "Hathor, heilige Hathor" anstimmten, lief es einem eiskalt den Rücken runter! Und wie schon in Schweden, bin ich überrascht über welch tollen Sänger hier selbst die kleineren Häuser verfügen. Wie ich hörte, schaffen sie es oft nicht in unsere Lagen, da das Lohnniveau- und damit die Lohnforderung - in skandinavien deutlich höher ist als hier. Schade.

    Begleitet wurde das Ensemble durch die Copenhagen Phil unter der Leitung von Joachim Gustafsson. Obgleich das Orchester manchmal etwas roh und undifferenziert musizierte, so brachten sie doch die Partitur zum Funkeln. Die Tempi waren eher flott, wenn nötig jedoch auch sehr weihevoll - einen Vergleich habe ich ja nicht. Im Parkett schien das Orchester oft etwas zu laut, im 4. Rang wirkte es hingegen als würden die Sänger geradezu getragen.

    Die Inszenierung von Ben Bauer, der in Braunschweig gerade eine wunderbar werktreue, sehr poetische Boheme inszenierte, war schlichtweg langweilig. Die Bühne zeigte einen runden, tempelartigen Saal. Dieser wird jedoch oft nur zum Rampensingen benutzt, Tempo kommt selten auf, aber schön anzusehen wars. Die Kostüme hatten durchaus ägyptischen Touch und die Lichtregie unstrich die Atmosphäre der jeweiligen Situationen bestens. Das Ballet wurde leider getanzt...von einer Mumie, die wild mit den Armen durch die Gegend schlackert und anschließend Kleopatra oral verwöhnt...

    Insgesamt hatte ich einen tollen Opernabend, den ich mit der Hoffnung verbinde, dass das Werk nicht wieder für knapp 100 Jahre von der Bühne verschwindet.

    LG
    Christian

  • Eine große Stärke der durchkomponierten Oper ist der natürliche Fluss der Melodien, die durchweg ungemein funkelnde Orchestrierung, die dankbare Führung der Gesanglinien. Obgleich Wagner Einfluss unverkennbar ist, so lässt auch Puccini teils stark grüßen, obgleich Enna wohl kaum seine Musik kannte. Im großen und ganzen ist die Musik jedoch eines - originell und nicht wirklich vergleichbar.

    Wenigstens die Ouvertüre von dieser CD im Ohr, finde ich Deine Charakterisierung der Musik sehr treffend. Ich meine mal irgendwo gelesen zu haben, dass Enna auch in Leipzig weilte. Wenn das stimmt, dürfte er dort auch vielen Einflüssen unterlegen haben. Dennoch höre ich einen ganz eigenen Stil. Danke für Deinen Bericht. Mir ist der Komponist auch durch Deine anderen Threads über ihn bekannt geworden. Inzwischen bin ich Spotify-Kunde und habe mir anhören können, was auf CD verfügbar ist. Vor etlichen Jahren saß ich mal in einem Kaffeehaus in Kopenhagen in kleiner Runde beisammen. Wir hatten einen Tagesausflug in die Stadt unternommen, um uns die Glyptothek anzuschauen. Plötzlich kam die Frage nach dänischen Komponisten auf. Wir hatten Mühe, dass uns ein paar Namen einfielen. Enna war nicht dabei. Damals noch nicht. :( Ich wohne in Berlin und kann mich nicht erinnern, je ein Werk von ihm auf einem Konzertprogramm wahrgenommen zu haben. Ganz zu schweigen von den Opern. Für mich bildet sich die europäische Idee auch dadurch ab, dass wir mehr Musik aus allen Ländern, die zur Union gehören, kennenlernen. Davon ist allerdings noch viel zu wenig zu spüren. In den Konzertsälen und auf den Opernbühnen findet immer noch das alte Europa statt. er Tonträgermarkt ist da viel weiter.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."