Sizilianische Wälserufe an der Staatsoper und ein Triumph für Elina Garanca - Cavalleria Rusticana / Pagliacci - Wiener Staatsoper, 15.3, 18.3. und 23.3.2019

  • Nach langer Zeit besuchte ich wieder einmal drei Vorstellungen der gleichen Aufführungsserie. Vor knapp 15 Jahren war eine „Cavalleria“ mit Agnes Baltsa de facto mein „Erweckungserlebnis“, das meine Liebe zu der Kunstform „Oper“ entfacht hat. Seitdem ist diese Oper eine, zu der ich ein besonderes Verhältnis habe.

    Nach fünf Jahren wurden wieder einmal beide Verismo-Klassiker in den wunderbaren Bühnenbildern von Jean-Pierre Ponnelle auf den Spielplan gesetzt. Diese Produktion MUSS auf jeden Fall zu denen gehören, die niemand verändern darf. Alleine die Beleuchtung, die eine mediterrane Stimmung aufkommen lässt, ist um so viel besser und stimmungsvoller als diejenige, die man heutzutage bei Neuinszenierungen vorgesetzt bekommt. Eine ähnlich stimmungsvolle Kulisse fand man in den letzten Jahren eigentlich nur noch bei „Les Troyens“.



    „Suche Karte“-Schilder bei einer Repertoire-Vorstellung wiesen schon darauf hin, dass ein Superstar an diesem Abend sang – und Elina Garanca rechtfertigte die in sie gesetzten Erwartungen. Ihr fehlt zwar noch die Ausstrahlung, die zum Beispiel eine Baltsa oder eine Dolora Zajick in dieser Rolle hatten, aber das machte sie mit einer überragenden schauspielerischen Leistung mehr als wett. In dieser Inszenierung muss die Santuzza ununterbrochen auf der Bühne stehen, und Garanca erfüllte jede Sekunde mit kleinen und großen Gesten, die auf ihren Seelenzustand schlossen. Wut, Verzweiflung, Hoffnung, Rache – das alles war fast körperlich spürbar. In dieser Rolle hat Elina Garanca eine weitere Paraderolle gefunden – und meiner Meinung nach wirkt sie da überzeugender als in der letzten Produktion, in der sie in Wien zu sehen war. Diese Santuzza ist nicht nur ein Opfer, sondern in gewisser Weise auch eine Täterin. Man hat das Gefühl, dass sie von Anfang an ihre Rache plant (obwohl ihr schlussendlicher Verrat doch eher „passiert“).

    Garancas Stimme ist etwas dunkler geworden, sie hat eine großartige Mittellage, eine tolle Höhe. Dass die tiefer gelegenen Passagen nicht unbedingt zu ihrer Stärke zählen ist bekannt, aber diese kleine Einschränkung soll nicht die überragende Leistung schmälern.

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    Um sie herum fand man leider hauptsächlich Mittelmaß – was aber teilweise nicht unbedingt den Sängern anzulasten ist. Ein Opfer des Besetzungsbüros ist sicherlich Paolo Rumetz, der zwar ein guter Bartolo ist, aber in dieser Produktion total fehlbesetzt ist. Ich habe noch nie so einen „gemütlichen“ Alfio erlebt. Da war keine Durchschlagskraft – und seine Auftrittsarie war leider total verschenkt. Sorry, aber kein Wunder, dass sich Lola wieder ihrem ehemaligen Liebhaber zuwendet.


    Vor fünf Jahren noch als Lola auf der Bühne fand sich in dieser Serie Zoryana Kushpler plötzlich als Lucia wieder. Am besten hat sie mir noch bei der dritten Aufführung gefallen – es scheint, dass ihr Mezzo für diese Rolle bereits zu tief ist.

    So überzeugend Svetlina Stoyanova im Jänner in der Cenerentola war, so blass wirkte sie als Lola. Sie hat eine hübsche Stimme, allerdings verglichen mit Rollenvorgängerinnen (Garanca, Kushpler oder Roxana Constantinescu) fehlte ihr noch das gewisse „Etwas“, das Turridu wieder zu ihr zurückkehren ließ. Sie wirkte einfach zu „brav“.


    Was die Gestaltung des Turridu von Yonghoon Lee angeht, so hatte ich das Gefühl in einer Wagneroper mit vollem Orchester zu sein. An allen Abenden agierte er mit eine Einheitslautstärke ohne jedwede Nuancierung. Er spielte gut und überzeugend, aber um warum, um Gottes Willen, musste er die „Siciliana“ so plärren? Und er sang diese nicht hinter der Bühne (wie man es normal sieht), sondern stellte sich noch dazu mitten auf den Marktplatz?!? Man muss Lee aber zu Gute halten, dass er bombensichere Höhen hat und keinerlei Ermüdungserscheinungen hatte.


    Graeme Jenkins ließ das Staatsopernorchester extrem laut spielen (besser wurde es bei den Pagliacci) – auch Verismo-Opern können mit mehr Gefühl dirigiert werden.


    Das Publikum bejubelte Elina Garanca zu Recht – ich hoffe, sie noch oft in dieser Rolle zu hören und zu sehen.


    Nach der Pause dann die Pagliacci. Auch hier überzeugte eine Lettin. Marina Rebeka sang und spielte die Nedda überzeugend, auch wenn ihr schon die gewisse Leichtigkeit in der Stimme fehlt, die man meistens in dieser Rolle gewohnt ist. Das soll ihre Leistung aber nicht schmälern.


    Der Canio wurde von einem Routinier, Fabio Sartori, gesungen. Wie auch bei Yonghoon Lee hatte man niemals das Gefühl, dass er Probleme mit seinen Höhen bekommt. Schauspielerisch etwas beschränkt konnte er auch nicht die Rage des gehörnten Liebhabers so intensiv auf die Bühne bringen, die man von Rollenvorgängern gewohnt ist. „Vesti la giubba“ sang er korrekt, mit einem Schluchzer zum Schluss – aber irgendwie ließ die Arie das Publikum kalt. Insgesamt solide, aber nicht außergewöhnlich.


    George Petean sang einen überzeugenden Prolog und stellte den Tonio sehr glaubwürdig dar, Von allen männlichen Protagonisten überzeugte er mich an allen drei Abenden am meisten.


    Als Gewinn muss man auch Jörg Schneider als Beppo sehen. Gerüchteweise soll er in der nächsten Saison den Herodes singen – da kann man positiv gespannt darauf sein!

    Sehr blass wirkte Orhan Yildiz als Silvio. Die höheren Passagen bereiteten ihm Mühe, insgesamt wirkte er ein wenig zu leichtgewichtig.

    Das Zusammenspiel zwischen Orchester und dem von Thomas Lang einstudierten Chor der Wiener Staatsoper wurde von Abend zu Abend besser – und die Damen und Herren überzeugten mit präzisen Einsätzen.



    Eine kleine Bemerkung – die Übersetzung des Ausdrucks „ventitre ore“ ist mit 18:00 angegeben – wahrscheinlich eine „Hilfsübersetzung“, da dies ein Ausdruck ist, der eigentlich „eine Stunde vor Sonnenuntergang“ bedeutet.

    Schlussendlich hoffe ich, wie schon oben bemerkt, dass es nicht wieder 5 Jahre dauern wird, bis man diese „unverzichtbare Inszenierung“ im Haus am Ring sehen wird.


    Die Photos von den Sängern sind alle © Wiener Staatsoper, Michael Pöhn

  • Lieber Dreamhunter,


    vielen Dank für deine Schilderung. Das ist ja geradezu eine Einladung, wieder einmal nach Wien zu kommen um zwei echte Opern zu sehen.


    Liebe Grüße

    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Lieber Dreamhunter,

    vielen Dank für deinen Bericht. Ich hab mir die Aufführung gestern Abend als Live Stream angesehen und fand die Besetzung in der Cavalleria eher durchschnittlich und hätte Frau Garanca bessere Partner gewünscht, vor allem einen besseren Turridu. Das Herr Lee stimmlich angeschlagen ist, ist mir schon bei den Hugonotten in Paris aufgefallen. Der Bajazzo hat mir dann besser gefallen. Ist es eigentlich immer so in Wien das es bei der Cavalleria Rusticana keinen Zwischenapplaus gibt ? An der Rheinoper und an den anderen Opernhäusern gibt es meistens den ersten Applaus. nach des Einzuges des Chores in die Kirche.

  • Lieber Dremhunter,

    die Granca hat sich zu einer Lieblingssängerin von meiner Frau und mir entwickelt. Wir sind Ende April wieder in Wien und werden selbstverständlich so viel wie möglich Opernbesuche machen. Am

    30. April 2019 treffen iwir uns mit unseren Freunden - einige interessante Sängerinnen und Sänger dabei und unsere "Bosse" Dr. Pfabigan und Alfred Schmidt - Wenn Du Zeit und Lust hast komme doch bitte dazu. Am 30. April, ab 18.00 Uhr im Heurigen Wolf, in Neustift am Walde, Rathstraße 46 -50 , im Renate Holmstüberl. Wir wüdren uns freuen, Dich kennenzulernen.


    Hezrlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • @ Rodolfo39 - meistens wird bei der Cavalleria während der Aufführung nicht applaudiert (ich finde auch, dass das irgendwie den Ablauf stören würde..)


    @ Gerhard Wischniewski - es zahlt sich immer aus nach Wien zu kommen ;-) ! Schöne, "klassische" Inszenierungen bei uns sind - La Boheme, Rosenkavalier, Elisir d'amore, Tosca, Cavalleria Rusticana, Pagliacci, L'Italiana in Algeria, Adriana Lecouvreur, Andrea Chénier, Carmen, Fledermaus, Meistersinger, Fidelio, Il Barbiere di Siviglia. Dazu noch einige, die durchaus anzuschauen sind! Wenn Dich ein Werk interessiert kannst Du ja auch auf die Homepage der Staatsoper gehen, da kannst Du immer Auszüge aus der jeweiligen Inzenierung sehen!


    @ Operus - ich komme zwar erst einen Tag voher aus Tokyo zurück, kann aber den Abend wahrnehmen! Ich habe mir den Termin eingetragen. Ich kenne Renate Wollf auch, sie ist - so wie ich - Mitglied beim "Ordo Equestris Vini Europae" ! Ich gehe dort immer gerne hin!


    LG an alle,


    Kurt (der gerade Charlie Parker, Chet Baker etc. hört)

  • Operus - ich komme zwar erst einen Tag voher aus Tokyo zurück, kann aber den Abend wahrnehmen! Ich habe mir den Termin eingetragen. Ich kenne Renate Wollf auch, sie ist - so wie ich - Mitglied beim "Ordo Equestris Vini Europae" ! Ich gehe dort immer gerne hin!

    Schön, dass du bei uns sein kannst. wir freuen uns schon auf Wien - ich bin ja ein halber Wiener - und vor allem auf unsere Gäste.


    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!