Die Claviermusik der Schüler/Enkelschüler JS Bachs, ein schwieriges Kapitel

  • Jedem Spieler/Hörer fällt schon nach kürzester Zeit auf, dass die Claviermusik (aber auch alle weitere) der Schüler Bachs, wie WF Bach, CPEB, Goldberg, Müthel, der Enkelschüler wie WF Rust oder JW Hässler kaum oder wenige Gemeinsamkeiten mit der Claviermusik Haydns, Mozarts, des frühen Beethovens, also generalisiert der Süddeutschen haben, obwohl zeitgleich entstanden. Die Musikwissenschaft quält sich damit auch seit Urzeiten rum. Wie darf/soll denn diese Musik eingeordnet werden, Vorklassik? (Tja, was ist denn dann "Klassik"?) Sturm und Drang? Empfindsamkeit? Also, der Einfachheit halber wurden diese Werke unter den Teppich gekehrt, Kleinmeister mit lokaler/regionaler Bedeutung. Ihre Werke ruhten still in den Bibliotheken und waren Anlass für Dissertationen die kaum jemand las.

    Offensichtlich wendet sich jedoch das Blatt. CPEB hat es schon zu einiger Bekanntheit geschafft, Müthel, Rust, Hässler sind auf dem Wege besieht man sich die Notenneudrucke, Einspielungen.

    Woran lag das, was waren die Gründe hierfür? Das soll, falls Interesse besteht, hier behandelt werden.

  • Ursachen und Gründe für Vergessen oder Übersehen der Musik der Bachschüler sind vielfältig und liegen in ihren Ursprüngen teilweise schon lange zurück.

    1) In der 2. Hälfte des 18. Jhdts. sank das Ansehen der fest bestallten Berufsmusiker bei Hof und/oder Kirche rapide. Sie mussten liefern, ob sie Lust, Einfälle hatten oder nicht. Dafür wurden sie bekanntlich bezahlt (Ob diese Bezahlung ausreichend war oder nicht, sei dahingestellt. In vielen Fällen war sie das nicht). Die "moderne" damalige Bildungswelt rief nach dem freischaffenden Künstler, an der Spitze das "Originalgenie", der nur mehr nach seiner Intuition schrieb und davon leben konnte. Welch frommer Wunschtraum. Also mussten Idole heran, welche die Musikwissenschaft auch prompt lieferte. So schuf Forkel den "praeceptor Germaniae" mit JS Bach an der Spitze, aus dem sich dann in der Folgezeit der "5. Evangelist, Leiter der himmlischen Musik, der Superlutheraner" entwickelte. Beethoven wurde schnell zum "Titanen", zu dem alle Musik führt und von dem alle Musik kommt. Mozart war hingegen schon als Kleinkind ein "göttliches Wunder", der schon von Kindesbeinen an geniale Werke schrieb (die heute kaum jemand noch spielen geschweige denn hören will). Wovon diese Komponisten lebten/leben mussten wurde diskret übersehen. Damit ist man bei Punkt

    2) angelangt. Die realen Lebensbedingungen waren nämlich nicht so rosig. JS Bach hatte, trotz fester Besoldung, sein Leben lang Schüler, führte nebenbei zu bezahlende Konzerte in Kaffeehäusern auf und ließ sich Orgelprüfungen gut entlohnen. Mozart, wohl häufiger vor der Pleite stehend, hatte auch Schüler, konnte offensichtlich von den Einnahmen seiner "Academien" nicht so gut leben und schrieb deswegen Opern (z.B. den Kassenfüller "Zauberflöte", das Requiem und weitere Auftragswerke. Selbiges gilt für Beethoven. Übrigens: die Schüler, gleich welcher Qualität, mussten auch bedient werden.

    3) Bekanntlich schaffen "göttliche Komponisten" ausschließlich "göttliche Werke". Somit muss aus jeder drittklassigen Auftragskomposition oder für Schüler ein "geniales" Werk herbeigezaubert werden, was seit Urzeiten von den entsprechenden Freaks getätigt wird. Von klein auf wird der Clavierschüler mit fast identischem Material gefüttert, gleich wie der Abo-Konzertbesucher. Neben Tonleitern, gebrochenen Akkorden, dem fürchterlichen Czerny kommen dann die Inventionen, danach als "genialer" Mozart die Sonata facile KV 545 ran. Wer als Clavierschüler 4 Seiten, bei Einhaltung der Wiederholungszeichen 8 Seiten Albertigedudel in der linken Hand durchhält, kann man nur bewundern. Ich habe es nicht getan. Selbiges gilt für Beethoven op. 49,1,2. Alle diese Werke sind für Schüler, sollen pädagogische Zwecke erfüllen, sind jedoch weitab jeglicher Genialität. Für durchschnittliche Liebhaber mussten ähnliche Werke geschrieben werden, weder technisch noch inhaltlicht zu anspruchsvoll, sonst konnten die nicht verkauft werden. Darunter fallen etliche Werke Mozarts, Haydns und Beethovens, man denke nur an die endlosen Variationsreihen. Und das soll alles "genial" sein?


    Fortsetzung folgt.

  • Der Theologe Carl Friedrich Cramer schrieb 1783 über ein "Concert pour le clavessin" eines gewissen Birnbach: "... scheint aus dem südlichen Deutschland zu kommen, und das ist leider genug gesagt. All das dortherige Geklimper kennt man im Augenblick an den einförmigen Figuren, den alltäglichen Modulationen, abgedroschenen Harfenbässen, beständigem Auf- und Herunterrennen der diatonischen Scala.....uns für wahre Musik verkauft wird; und die ächten Arbeiten besserer Meister aus den dasigen Gegenden verdrängt". Womit wir beim Thema wären. Diese kritischen, ja abfälligen Äusserungen über die Musik des "Südens" findet man zuhauf bis hin zu Beginn des 19. Jhdts in Nord/Mitteldeutschland, mit starken Ablegern in Großbritannien und Skandinavien, gleich ob von Lessing, Claudius, Eschenburg, Forkel, bis hin zu Nägeli (1827). Gipfelpunkt ist die Kritik von CPEB an den Werken seines Bruders Johann Christian: "hinter seinen Werken ist NICHTS". Bemängelt wird vor allem: harmonische Eintönigkeit, süßliche Melodien, Floskeln ohne Ende (vor allem das Albertigedudel), nur Schönheit zählt, Verstand und Herz werden davon nicht berührt. Ausgangspunkt dieser Kritiken war die Musik JS Bachs und seiner Schüler, die daraus völlig andere Vorstellungen über musikalische Qualitäten hatten als die "Südländischen". Mit der Musik jener Schule soll hier fortgesetzt werden. Es gibt Neues und teilweise sehr Beachtliches zu entdecken.

    Fortsetzung folgt.

  • Spannend! Lieber Bachianer - und herzlich willkommen! Nur weiter so! Birnbach - ist das Heinrich Birnbach, der auch als Musiktheoretiker bekannt ist und eine Theorie über die Sonate verfasste? :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Vielen Dank für das Kompliment. Das eigentlich "Spannende" kommt noch.

    Laut Eitner war das nicht Heinrich, sondern Karl Joseph Birnbach, geb. 1751 in Köpernik bei Neisse, gest. 1805 in Warschau, Schüler von Dittersdorf, womit wir den "Salat" schon haben.

  • Offensichtlich wendet sich jedoch das Blatt. CPEB hat es schon zu einiger Bekanntheit geschafft, Müthel, Rust, Hässler sind auf dem Wege besieht man sich die Notenneudrucke, Einspielungen.

    Woran lag das, was waren die Gründe hierfür? Das soll, falls Interesse besteht, hier behandelt werden.

    Es wird einfach viel mehr eingespielt, vieles, was noch nie eingespielt wurde, aus Neugier, zwecks Dokumentation, zwecks Befüllung einer Marktnische. Das gilt für die komplette Musikgeschichte.


    CPEB wird doch neben Gluck und Pergolesi als wichtigster Meister seiner Generation gehandelt und ist somit in einer ganz anderen Liga als Müthel, Rust oder Hässler. Die kommen sicher nicht "auf den Weg" hinter CPEB sondern werden im Schatten verbleiben, auch, wenn Noten gedruckt und CDs gepresst werden.

  • Es wird einfach viel mehr eingespielt, vieles, was noch nie eingespielt wurde, aus Neugier, zwecks Dokumentation, zwecks Befüllung einer Marktnische. Das gilt für die komplette Musikgeschichte.


    CPEB wird doch neben Gluck und Pergolesi als wichtigster Meister seiner Generation gehandelt und ist somit in einer ganz anderen Liga als Müthel, Rust oder Hässler. Die kommen sicher nicht "auf den Weg" hinter CPEB sondern werden im Schatten verbleiben, auch, wenn Noten gedruckt und CDs gepresst werden.

    In einer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft müssen auch "Marktnischenbefüller" die Kassen füllen. Aus Neugier, Dokumentationsgründen wird das kaum ein Unternehmen tätigen.

    Nun zur Sache: es geht hier um Musik, an der das Clavier (welches auch immer) maßgeblich beteiligt ist, also Konzerte, Kammermusik, vor allem jedoch Soli. Da hat die "erweiterte Bachschülerschaft" einiges zu bieten, Musik, die vielen Liebhabern völlig unbekannt ist (aus o.a. Gründen). Zu Beginn ein Tipp: man trenne sich von seit Kindesbeinen eingeübten Spiel/Hörgewohnheiten. Da ist kaum etwas wie gehabt. Schöne, einfache Melodien? Kommen höchstens sporadisch vor. Einfache harmonische Folgen? Völlige Fehlanzeige, sehr schnell kommen die Überraschungen. Das gilt auch für abrupte Generalpausen. Das Spielen/Hören längerer Perioden ohne jeglichen Taktstrich sollte man vorsichtig und langsam einüben, ist nicht so einfach. Überwiegend Stücke in einer Durtonart? Fehlanzeige! Dur und Moll halten sich die Waage. Fast in jeder Dur-Sonate steht der langsame Mittelsatz in Moll und ist meist bitterernst, also das wohlige Ausruhen kann vergessen werden. 2 ohren/augenscheinliche Vorteile: a) die fürchterlichen Czernyetüden sind völlig nutzlos zur technisch/interpretatorischen Bewältigung dieser Musik; b) das anödende Albertigedudel entfällt völlig.

    Fortsetzung folgt.


  • Da Tamino in etlichen "Overthreads" schon wichtige und wertvolle Hinweise auf Komponisten der erweiterten Bachschule bringt, die wohl weniger frequentiert werden, ist es schwierig in dieses Kapitel eine brauchbare Ordnung zu bringen. Wohin mit diesen Komponisten? Hier oder dort? Also, ich zäume einmal das Pferd von hinten auf:

    FRIEDRICH WILHELM RUST (1739 - 1796), ein JSB-Enkelschüler. Als Kind wurde er von seinem älteren Bruder musikalisch unterrichtet, der in Leipzig studierte und nachweislich bei Bachs Aufführungen mitwirkte und wohl auch sein Schüler war. Der junge Friedrich Wilhelm konnte schon mit 12 Jahren das WTC auswendig spielen (Druckausgaben dieses Werks gab es damals noch nicht!). Danach folgte ein Unistudium in Halle, wo er Schüler von WFB wurde und gleichzeitig sein Privatsekretär war. Nach Dessau zurückgekehrt wurde er vom Landesherrn zum Hoforganisten ernannt, nachdem er noch einen "musikalischen Feinschliff" bei Gottlieb Friedrich Müller (ebenso ein zu Unrecht völlig vergessener Komponist), der wiederum Schüler Johann Gottlieb Goldbergs war, erhielt. Also: Bachschule vom Feinsten...Danach erfolgte noch die übliche Reise nach Italien, wo er Violinunterricht bei Tartini in Anspruch nahm. Weiteren Unterricht hatte er abschließend in Berlin bei CPEB.

    Rust hat ein recht umfangreiches Clavierwerk hinterlassen. Schon Ende des 19. Jhdts. kamen diese Kompositionen mehr in die Öffentlichkeit (Rusts Enkel war Thomaskantor) mit der Folge, dass schnell die Behauptung aufgestellt wurde, dass Rust ein Vorläufer Beethovens sei. Genau das gefiel den "Beethovenfreaks" nicht (ein Titan hat keine Vorläufer), so dass er musikwissenschaftlich wieder in der Versenkung verschwand. Teilschuld daran hatte sein Enkel (der Thomaskantor), der einige Clavierwerke seines Großvaters im Druck herausgab und sie ohne Kenntlichmachung teilweise "verbeethovend verbesserte". Brahms ist das aufgefallen und hat diese Ausgabe schärfstens angegriffen. Zu Recht! Rusts Ruhm ist danach auch in Frankreich angelangt. 1913 gab Vincent d´Indy 12 Claviersonaten, nach der Entstehungszeit geordnet heraus, eine heute seltene Ausgabe die mir jedoch vorliegt.

    Falls Interesse an Rusts Musik besteht, werde ich das Posting fortsetzen. Es gäbe Aufregendes zu entdecken.