Groß, tief, unerschöpflich: Schuberts „Winterreise“ in neuer Sicht.


  • Eine neue reflexive Auseinandersetzung mit Schuberts „Winterreise“ liegt vor. Dies in Gestalt eines Buches mit dem Titel


    „Symbole als Wegweiser in Franz Schuberts >Winterreise<“ .


    Tokihiko Umezu hat es verfasst. Er ist Rektor der „Toho Gakuen School of Music“, lehrt an der Waseda University und ist auch als Redakteur und Musikkritiker tätig. Es erschien, in der Übersetzung durch Erika Herzog, Anfang 2019 im S. Roderer-Verlag, Regensburg.

    Die – immerhin! - zweihundert Seiten, die es umfasst, wecken die Erwartung, dass der Verfasser zu diesem singulären Werk Schuberts viel zu sagen hat. Und der Leser hat natürlich die Hoffnung, dass es nicht nur Altes ist, Rekapitulation des substanziellen Gehalts der inzwischen vorliegenden biographischen und musikwissenschaftlichen Publikationen also, sondern tatsächlich Neues: Dies in dem Sinn, dass Impulse zur Rezeption der „Winterreise“ gegeben und dabei neue Dimensionen ihres Verständnisses erschlossen werden.

    Um es gleich vorab festzustellen: Diese Erwartungen erfüllt das Buch grundsätzlich sehr wohl. Ein solches generalisierendes Urteil, wie es als Quintessenz aus einem ins Detail gehenden Studium dieses zweifellos interessanten Buches hervorgeht, bedarf allerdings der Konkretisierung, Differenzierung und Relativierung in Gestalt eines Blicks auf seine innere Anlage, auf die methodische Vorgehensweise des Verfassers, die Hypothesen, von denen er sich im Grundverständnis der „Winterreise“ leiten lässt, und schließlich auch auf das, was am Ende für den Leser dabei herauskommt. Das soll nachfolgend in der gebotenen Ausführlichkeit geschehen.

    Schuberts „Winterreise“ wird als „mystischer Zyklus“ verstanden, als ein „Wald der Symbole“, die es in ihrem Gehalt und in ihrer Funktion als zentrale Träger der künstlerischen Aussage des Werks zu erschließen gilt. „Zweck des Buches“ soll aber nicht die „Klassifikation und Sortierung“ dieser Symbole“ sein, vielmehr soll sich in ihm „das bewusste Beschreiten des >Weges der Winterreise< durch den Wald der Symbole“ ereignen. Das ist eine durchaus zutreffende Charakterisierung der methodischen Verfahrensweise, in der der Prozess der Betrachtung und Reflexion durchgehend angelegt ist. Nicht als systematische, musikwissenschaftlich ausgerichtete analytische Betrachtung der Liedmusik, sondern tatsächlich wie eine Art Gang durch die Liedlandschaft, der sich in den beschrittenen Wegen leiten lässt von dem, was den Betrachter von Liedstation zu Liedstation jeweils in besonderer Weise anspricht und dazu auffordert, ihm reflexiv nachzugehen und alle dabei sich auftuenden Fragen, so gut und gründlich wie möglich zu klären.
    Wie Wegweiser fungieren dabei die Symbole, die den einzelnen Liedern zugeordnet werden.
    Das sind, von Lied 1 bis 24 aufgelistet: „Reise“, „Der Hahn“, „Tränen“, „Das Bild“, „Der Außenseiter“, „Wasserflut“, „Der Fluss“, „Rückblende“, „Wasser“, „Rast“, „Eisblume“, „Menschen“, „Das Posthorn“, „Frost“, „Schwarze Haare“, „Baum“, „Hunde“, „Der Wind“, „Licht“, „Ein Schild ohne Aufschrift“, „Beerdigung“, “Gott“, „Dunkelheit, „Das Lied“.

    Das ist eine Herangehensweise, die den von der Fachliteratur zur „Winterreise“ und dem sie prägenden musikwissenschaftlichen Geist herkommenden Leser möglicherweise nicht recht zufriedenstellen kann. Aber für den ist dieses Buch ja auch nicht geschrieben, obgleich es, wie an der vielfältig, auch anhand von Zitaten, in den Reflexionsprozess einbezogenen Fachliteratur ersichtlich wird, durchaus den Forschungsstand repräsentiert. Verfasst ist es ganz offensichtlich für die Kenner und Liebhaber der Winterreise, die an einem die Wege der Musikwissenschaft scheuenden Verstehen und Erfassen ihres musikalischen Gehalts interessiert sind. Und für diese Leserschaft dürfte die vom Verfasser praktizierte spezifische Verfahrensweise des Herangehens an die Lieder, dieser weit ausgreifende, die Engführung einer Systematik meidende, sich vielmehr der Fülle der intuitiv sich auftuenden Fragen und Aspekte gründlich widmende und interpretatorisch dabei zuweilen philosophische Höhen erreichende Zugriff auf sie in hohem Maße gewinnbringend sein.

    Indem man den Gedanken des Verfassers folgt, die sich im „Beschreiten des >Weges der Winterreise< durch den Wald der Symbole“ auf allerlei Seitenpfaden bis hin zu Ausflügen in die Musik-, Literatur-, Philosophie- und die allgemeine deutsche Geschichte erstrecken, kann das Lesen zum regelrechten Erlebnis der Teilhabe an einem Prozess der reflexiv vielgestaltigen und partiell tiefschürfenden Auseinandersetzung mit dem gedanklichen Gehalt der „Winterreise“ werden. Und dies mit der Folge, dass man in dieser Teilhabe selbst zum Nachdenken mobilisiert und dazu angeregt wird, sich mit einer ganzen Fülle von – zum Teil spekulativen und in Theologie und Philosophie ausgreifenden – Interpretationsansätzen reflexiv auseinanderzusetzen.

    Beispielhaft lassen sich die Vorzüge dieser methodischen Verfahrensweise, aber auch ihre problematischen Seiten am ersten Kapitel, das Lied „Gute Nacht“ betreffend, aufzeigen. Zentrales Symbol ist dabei „Reise“. Der Verfasser geht dabei sinnvollerweise zunächst auf das Vorspiel und den Zweivierteltakt ein, „die Klavierstimme, die den düsteren Farbton essentiell präsentiert“, und er deutet den „schweren Gang“ als ein Nicht-gehen-Wollen. Zur Frage, wie die Liedmusik vorzutragen ist, zitiert er Gerald Moore, Konrad Richter, Hermann Prey, Matthias Goerne, Christoph Prégardien und Michael Gees. Dann kommt er zu seinem eigentlichen Thema, den Aussage-Gehalt des Liedes betreffend. Hierbei geht er, und das gilt für alle die 24 Lieder thematisierenden Kapitel des Buches, von Müllers Text aus. Das erweist sich alsbald als problematisch, weil es die Gefahr beinhaltet, die Aussage des Liedes von ihm aus zu bestimmen und nicht zu bedenken, dass sie sich eigentlich in der Liedmusik konstituiert, die als – wie Thrasybulos Georgiades aufgezeigt hat – Verwandlung von lyrischer in musikalische Sprache eine genuine Aussage beinhaltet, die im lyrischen Text neue Aussage-Dimensionen erschließt. Um diesen Sachverhalt weiß der Verfasser allerdings sehr wohl, wie sich an seinem permanenten Operieren mit dem Begriff „Überschreibung“ zeigt.

    Er wäre dieser Gefahr entgangen, wenn er sich in ausreichendem Maße der analytischen und interpretierenden Betrachtung der Liedmusik gewidmet hätte. Eine solche ereignet sich zwar, aber von Lied zu Lied in unterschiedlichem Umfang und nur in aspekthafter, einzelne Strukturelemente der kompositorischen Faktur aufgreifender Weise und nicht in der Absicht, die Interpretation eines Liedes, wie sie aus dem lyrischen Text entwickelt wurde, durch eine Herausarbeitung der von Schubert intendierten musikalischen Aussage zu ergänzen. Es ist zu vermuten, dass dies in der wohlmeinenden Absicht geschieht, die Leser nicht mit den Ergebnissen einer auf die Struktur ausgerichteten Betrachtung einer melodischen Linie oder eines Klaviersatzes zu überfordern oder zu langweilen. Der Preis dafür ist freilich, dass die textinterpretatorisch postulierte Aussage eines Liedes auf wackeligen Füßen stehen kann, weil es an hinreichenden Belegen aus der Liedmusik mangelt.

    Was im ersten Kapitel im Anschluss an das bereits Dargestellte geschieht, kann wegen seiner insgesamt noch weitere 24 Seiten einnehmenden Fülle nur skizzenhaft dargestellt werden. Zunächst wird durch Textanalyse der Protagonist als „Außenseiter“ dargestellt, dann, im Kapitel „Subjektivitäts-Bewusstsein und Statusdenken“, widmet sich der Verfasser ausführlich der Frage: „Heiratet die junge Frau einen reichen Mann und verlässt seinetwegen die Hauptfigur, oder kommt sie aus gutem Hause?“, wobei erstmals – und das geschieht später noch häufig und macht den besonderen Reiz des Buches aus - die spezifisch japanische Rezeption der „Winterreise“ Erwähnung findet. Ein kleines Kapitel widmet sich dann unter dem nun ins Zentrum der Reflexion rückenden Begriff „Reise“ Bachs „Capriccio über die Abreise des sehr beliebten Bruders“. Es folgen sechs Seiten zum Thema „Reise“, die vom Aspekt „Abschied“ über das Verständnis von „Reisen“ in Japan (hier werden zwei japanische Dichter behandelt) und in Deutschland reichen, wobei auf die heutige Reiselust der Deutschen („geplante Reise“), deren historische Ursachen (Reisekönigtum, Gesellenwanderschaft, der Wechsel der Universitäten durch Professoren und Studenten und die Wandervogelbewegung) eingegangen wird. Daran schließt sich das Kapitel „Die geistige Entwicklung der Reise und des Wanderns“ an, in dem die industrielle Revolution, Hermann Hesses Werk „Siddhartha“, der „Weg nach Innen“ bei Novalis und Schuberts Lied „Der Wanderer“ angesprochen werden. Aber es geht noch weiter: Der Verfasser lässt sich auf das Thema „Das Wandern als Konfrontation mit der Gesellschaftsschicht“ ein (Bild des „Ewigen Juden“), behandelt die Rolle der „Winterreise“ in Japan als „Lieblingsbuch im Studierzimmer“ und beschließt diese – für ihn typischen – inhaltlich weit ausgreifenden Betrachtungen mit einem nochmalige Eingehen auf das Verständnis von „Reise“, wie es sich bei dem österreichischen Maler Robert Hammerstiel und in der japanischen Kultur darstellt.

    Wenn er dann wieder auf das erste Lied der Winterreise zurückkommt, dreht sich die Reflexion um die Frage, ob der Protagonist sein „Gute Nacht“ mit einem Schreibwerkzeug auf die Tür geschrieben hat oder mit den Fingern in den Schnee, - und welche Folgen dies für das Verständnis des Liedes hat. Schuberts Musik wird dabei nur insofern einbezogen, als auf die Tatsache verwiesen wird, dass die Phrase „An dich hab ich gedacht“ drei Mal erklingt. Es folgt ein Nachdenken über das Problem, „wo der junge Mann gewohnt haben könnte“, und schließlich kommt der Verfasser zu der Frage, wie dieses Lied in seiner Funktion als Eröffnung des Zyklus in seiner Aussage verstanden werden könnte. Wenn er die Antwort im „nicht erreichten Dialog“ findet, geht er wieder von Wilhelm Müller aus und lässt sich zur Untermauerung seiner These auf eine Betrachtung von dessen Tagebuch-Notizen ein. Am Ende steht eine kurze Beschreibung der Art und Weise, wie Schubert die Intonation der Worte „Gute Nacht“ bearbeitet hat, und daraus wird die Vermutung hergeleitet, dass „der junge Mann, als er die Worte >Gute Nacht< an das Tor schreibt, zunächst seiner Geliebten einen guten Schlaf wünscht, und sich dann seine Gefühle allmählich in einen Zustand der Resignation verwandeln. Beschlossen wird dieses erste Kapitel mit einem neuerlichen Blick auf die „Rezeption der Japaner“, wobei der Verfasser die Worte „Ruhe sanfte, sanfte Ruh“ aus Bachs „Matthäus-Passion“ in seine Reflexion einbezieht.

    Das erste Kapitel wurde in dieser Ausführlichkeit dargestellt, weil so auf anschauliche Weise ersichtlich wird, wie der Verfasser methodisch vorgeht. Denn das geschieht vom Prinzip her in ähnlicher Weise in allen nachfolgenden Kapiteln ebenso. Auf die damit einhergehenden Gefahren wurde bereits verwiesen. Was aber dieses erste Kapitel des Buches noch nicht in aller Vielfalt erkennen lässt, sind die positiven Folgen dieses gleichsam schweifenden Reflexionsprozesses: Die – insbesondere philosophischen – Höhen, zu denen er sich in der Interpretation des Aussage-Gehalts der Lieder, vom zugrunde liegenden Text her betrachtet, aufschwingen kann. Bei dem Lied „Die Wetterfahne“ wird , ansetzend an dem Wort „Wahn“ und unter Verweis auf die Bedeutung der Klavierstimme und die „innovatorische Vertonung“ die Idee entwickelt, dass es hier auf der Grundlage von aufklärerischem Gedankengut um Fragen des Glaubens und des Gottesbildes gehe, mündend in die These, dass Schubert „die ursprüngliche Bedeutung des Wetterhahns (Erlösung)“ zerstöre und „den Kern noch tiefer als der Originaltext“ treffe. „Dementsprechend“, so die Schlussworte des Kapitels, „haben die Petrus-Kräfte die >Winterreise< nicht erreicht – Diese Reise ist von Gottes Erlösung also weit entfernt.“

    Das ist gewiss ein interessanter interpretatorischer Ansatz, und er vermag – auf diesen positiven Effekt des Buches wurde ja bereits hingewiesen – die Leserschaft zu eigenem Nachdenken anzuregen. Diejenigen unter ihr, die nun aber gerne wüssten, worin das „Innovatorische“ von Schuberts Liedmusik im Falle von „Die Wetterfahne“ ganz konkret besteht, erhalten nur ein paar spärliche Hinweise. Dabei ist dieses „Innovatorische“ überaus vielsagend. Wenn man das Lied aus der Perspektive der klassischen Harmonielehre betrachtet, dann fallen die ungewöhnlichen Brüche in der Abfolge der Tonarten auf. Die naheliegende Erklärung dafür ist: Schubert will die innere Zerrissenheit und den Seelenschmerz des Wanderers musikalisch abbilden und damit hörbar und nachfühlbar werden lassen. Er tut das nicht nur mittels einer durch die großen Intervalle in den Sprüngen wie zerstückt anmutenden Melodik, sondern auch auf dem Weg über einen die Nachdrücklichkeit noch intensivierenden Tonartwechsel. Und damit wird vollends deutlich, was sich in "Gute Nacht" bereits abzeichnete:
    Es geht in den Liedern der "Winterreise" um musikalisch artikulierte Psychogramme eines Menschen, der sich in eine existenzielle Grenzsituation geworfen sieht. Die Gründe dafür, das Verstoßen-worden-Sein aus dem Haus des "Mädchens", werden von Lied zu Lied mehr aus seinem Blickfeld geraten. Sein Blick wird sich immer mehr nach innen richten, - in die ausweglosen Wirrnisse seiner seelischen Innenwelt, in die die Bilder der menschenfeindlich winterlichen Außenwelt nur noch als gleichsam sinnliche Bestätigung der Hoffnungslosigkeit des eigenen Lebens Eingang finden.

    Das vernimmt man nicht in Müllers lyrischen Texten, sondern nur in Schuberts Liedmusik. Und deshalb ist, wenn man verstehen und begreifen will, worum es letzten Ende in der „Winterreise“ geht, ein in die Details ihrer Faktur vordringendes Hinhören auf sie so eminent wichtig, ja unerlässlich.

    Das Buch, so formuliert das der Autor im Kapitel zum „Lindenbaum“, „basiert (…) darauf, dass das Herauslesen der verschiedenen Symbole (…) bedeutet, die Beziehung zwischen uns und unserer Welt in der heutigen Zeit zu betrachten.“ Und diese Intention bringt ihn dazu, bei der Reflexion des Gehalts der einzelnen Lieder nach aktuellen Bezügen zu suchen. Das kann ihn zu philosophischen Höhenflügen führen, wie etwa – besonders beeindruckend – bei dem Lied „Der Leiermann“, aber auch zu regelrechten spekulativen Fehlgriffen, wie etwa bei „Gefrorene Tränen“. Hier vermutet er, sich dabei auf eine Bemerkung Fischer-Dieskaus in einem Interview stützend, eine politische, aus der Erfahrung der Restaurationszeit hervorgehende Aussage-Absicht Schuberts, mündend in die These: „Wenn man (…) die >Geliebte< mit >Revolution< überschreiben würde“, und die „Tränen“ als „Leidenschaft für die Revolution“ auffassen, so würde die Tatsache, dass sie zu Eise erstarren, so zu deuten sein, „dass sich die Hauptfigur als >Hasenfuß< selbst auf kühle Art und Weise betrachtet.“

    Bei dem Lied „Der Leiermann“ (Symbol: „Das Lied“) kreist er, an der Tatsache ansetzend, dass es von Schubert ursprünglich in h-Moll gesetzt war, in seinem Reflexionsprozess um das Thema „Nihilismus“, bemüht, sich dabei auf das Buch von Günther Pöltner stützend, nacheinander Nietzsche, Heidegger, Husserl und Jacques Derrida, und sieht die Figur des „Leiermanns“ als den „Anderen“, der „noch immer den Schatten des Doppelgängers“ nachschleppt, „denn seit dem ersten Lied >Gute Nacht< begegneten der Hauptfigur fast ausschließlich Illusionen oder vorbeigehende Menschen (12. Lied >Einsamkeit<)“. Und schließlich gelangt er in der Weiterführung seines Gedankengangs zu der die „Winterreise“ insgesamt deutenden und wertenden Feststellung:
    „Die Winterreise ist eine Reise des Nihilismus, weil darin Gott, die Aufklärungsidee und die Revolutionen verneint werden, doch durch die Überschreibung und nicht die Zerstörung wird sie zu einer Reise, die die >Umwertung der Werte< verlangt. Konkret könnte man diese ebenfalls als eine Reise des innerlichen Exils beschreiben. (…) Betreffend der Überwindung des Nihilismus ist das Problem der Präsentation des >anderen< in Bezug auf die Auffassung und Philosophie des Nihilismus schwierig. Müller und Schubert haben dies durchgeführt.“

    In der – in der Literatur durchaus umstrittenen – Frage, wie die Figur des „Leiermanns“ zu verstehen und zu deuten ist, bezieht Tokihiko Umezu klar Position, indem er, damit seine Ausführungen beschließend und noch einmal seine Grund-Intention des Aufzeigens von Gegenwartsrelevanz in der „Winterreise“ bekundend, anmerkt:
    „In der Tiefe des eigenen Inneren, nachdem alles entfernt worden ist, hört man, in einem fast unmerklichen leisen Klang, an Stelle der eigenen Illusion die Stimme des >anderen<. Die Hauptfigur singt zum ersten Mal, als Antwort darauf, ein >Lied<“.

    In diesem Buch, das wird dem Leser beim schrittweisen Vordringen durch seine einzelnen Kapitel immer deutlicher und am Ende zur Gewissheit, ist kein Musikologe am Werk, sondern ein Philosoph. Das macht seinen Reiz und seine spezifische, die reflexive Auseinandersetzung mit Schuberts „Winterreise“ um neue Aspekte bereichernde Bedeutung aus.




  • LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)


  • Der Verfasser geht dabei sinnvollerweise zunächst auf das Vorspiel und den Zweivierteltakt ein, „die Klavierstimme, die den düsteren Farbton essentiell präsentiert“, und er deutet den „schweren Gang“ als ein Nicht-gehen-Wollen.

    das allein schon könnte einem das Buch schon verleiden. "Gute Nacht" ist nicht "schwer". Die Melodieführung mäßig beweglich, sicher immer wieder abwärts gerichtet, man mag sagen, sie folgt der Schwere, ergibt sich, aber das macht bekanntlich leicht. Zu Anfang der Pathétique, da spürt man Schwere an den Mühen des sich Emporringens. Ohne weiteres wird immer neu in der Höhe angesetzt. Beim D-Dur (will dich im Schlaf nicht stören) geradezu ein Schweben (prosaisch: etwas erhöht auf den Zehenspitzen gehen).

    Zitat

    im Kapitel „Subjektivitäts-Bewusstsein und Statusdenken“, widmet sich der Verfasser ausführlich der Frage: „Heiratet die junge Frau einen reichen Mann und verlässt seinetwegen die Hauptfigur, oder kommt sie aus gutem Hause?“,

    sowohl als auch. Das Haus hat Hundehaltung, Garten, schmucke Wetterfahne.


    Zitat
    Wenn er dann wieder auf das erste Lied der Winterreise zurückkommt, dreht sich die Reflexion um die Frage, ob der Protagonist sein „Gute Nacht“ mit einem Schreibwerkzeug auf die Tür geschrieben hat oder mit den Fingern in den Schnee,


    ...an die Tür schreiben? Mit "schneeweisser" Kreide (mit Sicherheit keine rote). Er ist Hauslehrer und hat sowas zur Hand. Täglich hat er dem Mädel was auf die Tafel geschrieben, französische Grammatik z.B.

    Zitat

    Es folgt ein Nachdenken über das Problem, „wo der junge Mann gewohnt haben könnte“,

    im Haus natürlich. Wie kommt er sonst dahin, wenn alle schon schlafen?

  • Zit. Kinderstück: "das allein schon könnte einem das Buch schon verleiden."


    Eine solch schwerwiegende, weil das ganze Buch treffende Äußerung sollte man nicht auf der Grundlage eines punktuell herausgegriffenen Zitats aus einer Rezension tätigen. Das ist unseriös, denn daraus wird ja nicht ersichtlich, wie der Verfasser seine Deutung "Nicht-gehen-Wollen" begründet.


    Ich darf mal zitieren:

    "Es ist die Klavierstimme, die den düsteren Farbton essentiell präsentiert; diese dunkle Farbe durchdringt die gesamte >Winterreise<, und das Vorspiel der Klavierstimme scheint den kompletten Zyklus von Anfang an andeuten zu wollen. Die schwermütigen Klänge des 2/4-Takts ertönen wie ein schleppender Gang oder ein trübseliger Pulsschlag in den Adern. Ein junger Mann beginnt an einem Abend eine Reise und verlässt seine Stadt, in der das von ihm geliebte Mädchen wohnt. Sein schwerer Gang, der als erstes Symbol der >Winterreise< erscheint, bedeutet >nicht-gehen-zu-wollen<. Es drückt die Zeit aus, die er voranschreitet und gleichzeitig stillsteht. Dieses erste Symbol tritt als >Musik ohne Worte< noch vor dem Gedicht und dem Gesang in der Klavierstimme auf. Dies hat meiner Meinung nach eine große Bedeutung bezüglich der Struktur der >Winterreise<. Wie wir der Reihe nach erfahren werden, spielt die Klavierstimme in der >Winterreise< eine große Rolle; sie drückt des Öfteren die literarische Seite des Textes von Wilhelm Müller noch vollkommener aus als die Gesangsstimme. Hier sieht man die grandiose musikalische Rhetorik: Schubert erteilt dem Gedicht Müllers eine rhetorische Funktion, indem er es musikalisch symbolisiert." (S.11)


    Auf die ansonsten in diesem Beitrag von Kinderstück noch vorfindlichen Kommentare mag ich mich nicht einlassen.


    Wie man die Liedmusik von "Gute Nacht", insbesondere den hier angesprochenen Aspekt verstehen kann, wurde hier im Forum schon in vielfältiger Weise erörtert, zum Beispiel hier:

    Schuberts Winterreise in liedanalytischer Betrachtung

  • Lieber Helmut Hofmann!

    Und schließlich gelangt er in der Weiterführung seines Gedankengangs zu der die „Winterreise“ insgesamt deutenden und wertenden Feststellung:
    „Die Winterreise ist eine Reise des Nihilismus, weil darin Gott, die Aufklärungsidee und die Revolutionen verneint werden, doch durch die Überschreibung und nicht die Zerstörung wird sie zu einer Reise, die die >Umwertung der Werte< verlangt.

    Hab Dank für den Hinweis auf diese reflexive Auseinandersetzung mit Schuberts "Winterreise". Du hast mich neugierig gemacht und ich werde mir die Publikation sicher besorgen.

    Eine offenbar ganz andere Deutung hat Hans May vorgelegt. Als Theologe deutet er den Zyklus vor dem Hintergrund der Exodus-Tradition. Dabei bezieht er sich vor allem auf die Texte von Müller und die in seinen Bildern entfaltete tief religiöse Vorstellung des Lebens als Wanderschaft.



    Hans May war übrigens auch selbst Sänger und hat den Zyklus mehrfach aufgeführt.

    Ich erinnere mich an ein Konzert, bei dem er die Lieder nicht nur gesungen sondern auch eingeführt hat. Das hat beim Publikum einer großen Eindruck gemacht. Der ständige Wechsel von Reden und Singen aber war eine Anstrengung, die er nicht wiederholt hat.


    Vielleicht interessiert Dich ja dieser Deutungsansatz auch?


    Liebe Grüße


    Caruso41

  • Das ist eine Herangehensweise, die den von der Fachliteratur zur „Winterreise“ und dem sie prägenden musikwissenschaftlichen Geist herkommenden Leser möglicherweise nicht recht zufriedenstellen kann.

    Lieber Helmut Hofmann,


    da fragt man sich doch, wie es möglich war nun schon seit einigen Jahrzehnten immer und immer mal wieder die »Winterreise« zu hören ohne das notwendige theoretische Rüstzeug bei der Hand zu haben. Am 16. Mai wird das Werk - im Rahmen der Schwetzinger SWR Festspiele 2019 - durch den Tenor Christian Elsner aufgeführt, Gerold Huber wird ihn begleiten. Man kann als Konzertteilnehmer nur hoffen, dass Professor Elsner noch rechtzeitig Tokihiko Umezus Buch gelesen hat, damit der Abend halbwegs gelingt ...



    Dieses Buch mag für manche vielleicht hochinteressant sein, aber meine Lebenserfahrung sagt mir, dass sich der schon kranke Franz Schubert vermutlich ganz andere Gedanken gemacht hat, als er den Text in Noten setzte, nämlich ganz einfache und schlichte Gedanken. Man weiß doch wie Schubert komponierte, manch heute als hochrangig geschätztes Stück floss ihm mitunter fast beiläufig aus der Hand, dass er manches dann mehrfach überarbeitete, ist eine andere Sache.



    Wilhelm Müller hatte bei Erstellung des Textes bestimmte Bilder im Kopf und man darf wohl annehmen, dass die Schubertschen Bilder zeitbedingt ähnlich, aber nicht exakt kongruent zu denen Müllers gewesen sind. Auch der Sänger und sein Pianist werden in ihren eigenen Bilderwelten leben, wenn sie vom Wandern und Reisen erzählen. Und dann sind auch noch eine Menge Zuhörer, welche wiederum in ihrer eigenen Gedankenwelt leben ...



    Ein geflügeltes Wort sagt: »Weniger ist mehr«

  • Danke für das Einstellen des längeren Zitats. Es ändert meine Vorbehalte allerdings in keiner Weise.

    "Es ist die Klavierstimme, die den düsteren Farbton essentiell präsentiert; diese dunkle Farbe durchdringt die gesamte >Winterreise<, und das Vorspiel der Klavierstimme scheint den kompletten Zyklus von Anfang an andeuten zu wollen.

    einverstanden.


    Zitat

    Die schwermütigen Klänge des 2/4-Takts ertönen wie ein schleppender Gang oder ein trübseliger Pulsschlag in den Adern. [...] Sein schwerer Gang,

    Andante pianissimo portato (T. 7ff) ein "schleppender, schwerer Gang"? (man vergleiche Mussorgsky, Bydlo aus Bilder einer Austellung für "schweren Gang").


    frische Traumata erhöhen den Pulsschlag.


    Gegenvorschlag: Tief verletzt, jederzeit kann der Stich ins Herz sich wieder melden, kaum schon der Trauer fähig,

  • da fragt man sich doch, wie es möglich war nun schon seit einigen Jahrzehnten immer und immer mal wieder die »Winterreise« zu hören ohne das notwendige theoretische Rüstzeug bei der Hand zu haben. Am 16. Mai wird das Werk - im Rahmen der Schwetzinger SWR Festspiele 2019 - durch den Tenor Christian Elsner aufgeführt, Gerold Huber wird ihn begleiten. Man kann als Konzertteilnehmer nur hoffen, dass Professor Elsner noch rechtzeitig Tokihiko Umezus Buch gelesen hat, damit der Abend halbwegs gelingt ...

    Da hast Du natürlich recht, lieber hart. Man braucht dieses "theoretische Rüstzeug" natürlich nicht, um die "Winterreise" in einem gesanglichen Vortrag zu hören und zu erleben. Wenn es ein guter Interpret ist - wie etwa Christian Elsner - kann er unmittelbar vernehmlich werden lassen, was dieses liedmusikalische Werk zu sagen hat.

    Der hat allerdings zuvor auch das gemacht, was Tokihiko Umezo da auch 200 Seiten vorgelegt hat: Den Versuch, zu verstehen, was es eben ist, was Schubert da sagen will. Diese Frage stellt sich ja bei jedem Takt einer melodischen Linie, wenn es darum geht, welche Akzente er da setzt. Wenn Schubert die Melodik in "Gute Nacht" mit einem melodischen Fall über eine kleine Sekunde einsetzen lässt, die er dann später bei "Will dich im Traum nicht stören" zu einer großen erweitert, dann wird sich ein gesanglicher Interpret fragen müssen, warum Schubert das getan hat und ob er nun darauf in der Weise zu reagieren hat, dass er diesen Umschlag in der Melodik, der ja auch mit einer Rückung in der Harmonik von Moll nach Dur verbunden ist, in besonderer Weise stimmlich hervorhebt.


    Will sagen: Es ist die "Winterreise" selbst, die eine solche reflexive Auseinandersetzung mit ihr gleichsam provoziert. Über kein anderes liedmusikalisches Werk ist derart viel geschrieben worden wie über sie, - und das, wie Du ja weißt, auch von Interpreten selbst, - Sängern und Pianisten.

    Warum wohl?

    Die Antwort findet man schon in einem Artikel in der "Theaterzeitung" vom 29. März 1828:

    "Schuberts Geist hat überall einen kühnen Schwung, in dem er alle mit sich fortreißt, die sich ihm nähern, und der sie durch die unermeßlichen Tiefen des Menschenherzens in weite Ferne trägt, wo ihnen die Ahndung des Unendlichen in dämmerndem Rosenlicht sehnsüchtig aufgeht, wo aber auch zur schaurigen Wonne eines unaussprechlichen Vorgefühles der sanfte Schmerz beschränkender Gegenwart sich gesellet, der die Grenze des menschlichen Seins umstellt."

    Das ist sprachlich ein wenig schwülstig ausgedrückt, trifft aber genau das, was das Wesen der Liedmusik der "Winterreise" ausmacht. Ian Bostridge - der darüber ein Buch von sogar 400 Seiten meinte verfassen zu müssen - nennt das ihre "transzendente Qualität".

    Sie lässt ihren Hörer einzigartige Erfahrungen machen. Noch nie habe ich erlebt, dass am Ende eines gesanglichen Vortrags von Liedmusik absolute Stille im Zuhörerraum herrschte, eine fast unheimlich anmutende Zeit lang keinerlei Beifall. Erst zögerlich setzte er dann ein, dann allerdings zu beachtlicher Stärke anschwellend. So erlebt bei einem Vortrag der "Winterreise" durch Dietrich Fischer-Dieskau in Frankfurt. Ich sehe noch danach den Schriftsteller Peter Härtling nach draußen gehen: Schweigend, mit tief gesenktem Kopf.

  • Zitat Caruso41: "Vielleicht interessiert Dich ja dieser Deutungsansatz auch?"

    Ja, sehr lieber Caruso. Aber es ist mir nicht gelungen, dieses Buch aufzutreiben. Es scheint nicht mehr lieferbar zu sein.

    Lieber Helmut Hofmann!


    Wenn Du mir eine Möglichkeit nennst, Dir das Büchlein zu schicken, will ich das gerne tun. Soweit ich weiß, hat die hiesige Klosterbibliothek noch einige Exemplare!


    Beste Grüße


    Caruso41

  • Vielen Dank für dieses Angebot, lieber Caruso. Es würde mich sehr freuen, wenn das gelänge. Ich werde unseren Forumsleiter Alfred um seine Mithilfe bitten.

    Lieber Helmut Hofmann!


    Wenn Du mir eine E-Mail mit Einer Postanschrift schreibst, werde ich das Bändchen besorgen und Dir schicken.


    Beste Grüße


    Caruso41

  • Eine generelle Ansicht von mir zu solchen Deutungen.

    Sie stellen ja in der Regel keinen Anspruch dar eine gültige Auslegung der Symbole zu bieten - sind aus meiner Sicht viel mehr eine intellektuelle Betrachtung, der man folgen mag oder nicht. Die Bewertung der interpretation ist davon übrigens nicht - oder nur kaum - betroffen.

    So beanstandeten Schuberts Freunde teilweise die Traurigkeit der Lieder. Zeitweise wurde klangschön aber ohne Dramatik vorgetrage - zeitweeise war es umgekehrt.

    Daß es zu Schuberts Winterreise viele Deutungsversuche und Betrachtungen gibt ist eigentlich hoch erfreulich und irgendwie nicht in unsere oberfkächliche und schnellebige Zeit passend. Andrerseits, Weder Schubert noch Wilhelm Müller hätten sich je vorstellen können, daß knapp 200 Jahre nach ihrem Tod sich ein japanischer Wissenschaftler mit ihrem Werk auseinandersetzen würde. Daß dies aber dennoch geschah ist erfreulich, zeigt es doch, welche Bedeutung diesem Zyklus beigemessen wird.


    mfg aus Wien

    Alfred

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

    sich im Thread Baustelle Avatarpool neu einen auszusuchen und am Threadende (gaaaanz weit untenI zu bestellen

  • Daß dies aber dennoch geschah ist erfreulich, zeigt es doch, welche Bedeutung diesem Zyklus beigemessen wird.

    Das Erfreuliche und Gewinnbringende an diesem Buch ist auch - wenn ich das ergänzend zu Alfred Schmidts Beitrag anmerken darf -, dass man, wie ich in meiner Rezension ja schon andeutete, immer wieder und in vielfältiger Weise Informationen darüber erhält, wie die "Winterreise" in Japan rezipiert und verstanden wird, - und dies sogar versehen mit aus dem kulturellen Selbstverständnis hergeleiteten Erklärungen.

    Hierzu ein repräsentatives Zitat:

    "Der japanische Musikkritiker Hidekazu Yoshida ... äußert sich in seinen Werken mehrfach über die >Winterreise<. Den Kern seiner Aussage sieht man, wie ich meine, in den folgenden Sätzen, in denen er seine Meinung über Dietrich Fischer-Dieskaus Gesang schildert:

    >Tatsächlich ist die Winterreise wohl ein Liederzyklus über Verzweiflung und Resignation. Aber wenn ich durchgehend einer solchen Gesangsstimme zuhöre, löst sich die Trauer im blauen Himmel auf, und schmilzt im weißen Schnee.<

    In der Nachkriegszeit entstand in Japan "eine Art seltsames Elite-Denken und die >Winterreise" wurde zum >Genussmittel< im Studierzimmer. Hierbei summte man die Lieder ... vor sich hin und glaubte, sein Leid sei etwas Elitäres."

    Das wird von Tokihiko Umezu durchaus kritisch gesehen.


    Übrigens: Ich erinnere mich an einen Bericht von Fischer-Dieskau von einem Schubert-Liederabend in Tokio. Er habe, so ungefähr seine Worte (ich kann das im Augenblick im Original nicht wiederfinden) noch nie ein derart gespannt, hochkonzentriert, ja gebannt lauschendes Publikum erlebt.