Die Pflege der eigenen kulturellen Traditionen

  • Dem wird jetzt mit der Digitalisierung der Schulen "entgegengewirkt" (für negative Werte von "entgegen"). Da die Konzentrationskiller sich am "freien Markt" durchgesetzt haben, müssen sie ja etwas "richtig" machen. D.h. man muss ein paar Milliarden in die Hand nehmen, damit die sich noch weiter und mit offizieller Segnung der Bildungsinstitutionen verbreiten.

    (Und die, die es sich leisten können, schicken die Kinder auf elektronikfreie Privatschulen. Honi soit qui mal y pense.)

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Dem wird jetzt mit der Digitalisierung der Schulen "entgegengewirkt" (für negative Werte von "entgegen"). Da die Konzentrationskiller sich am "freien Markt" durchgesetzt haben, müssen sie ja etwas "richtig" machen. D.h. man muss ein paar Milliarden in die Hand nehmen, damit die sich noch weiter und mit offizieller Segnung der Bildungsinstitutionen verbreiten.

    (Und die, die es sich leisten können, schicken die Kinder auf elektronikfreie Privatschulen. Honi soit qui mal y pense.)

    Lieber Johannes,


    das ist doch auch eine Frage der Ausgestaltung, man wird hoffentlich nicht einfach Tablets an die Schüler austeilen und sie dann wild im Netz surfen lassen. Wenn ich an Tafeln, Kreide und Tageslichtprojektoren denke ist eine Digitalisierung im Schulalltag mehr als überfällig. Abgesehen von diesen Basics wäre es auch kein Fehler zu vermitteln, wie man eine zielgerichtete Recherche im Netz anstellt und wie man die Ergebnisse anschließend bewerten muss. Dass es gerade bei letzterem bis ins Erwachsenenalter zum Teil gewaltig hapert erleben wir im Moment täglich und schmerzlich....


    Die Argumentation erinnert mich an Prof. Dr. Dr. Spitzers Vortrag "Digitale Demenz", in dem er sämtliche Medien einschließlich TV bis ins Jugendalter komplett ablehnt. Ich weigere mich aber schlicht zu glauben, dass es auf einen, sagen wir 14-Jährigen, die selbe Wirkung hat wenn er sich "DSDS" anschaut oder Prof. Dr. Harald Lesch in "Terra X". In dieser Debatte fehlt mir zuweilen eine differenzierte Betrachtung....

    ________________________________________________________________________________________


    Gruß
    Nicolas

  • Deshalb gibt es in China so eine Flut von Klassikliebhabern und über eine Millionen Studenten des Fachs Klavier: Die Mittelschicht hat einen gewissen Wohlstand, den es in Europa leider immer weniger gibt, und damit Geld!

    Verblüffende Theorie, der ich spontan 0 Glaubwürdigkeit zugestehe. In China hat klassische Musik noch den Nimbus der besseren Gesellschaft, der in Europa verlorengegangen ist, die Erziehung ist autoritär, also werden die Kinder an den klassischen Instrumenten gedrillt. Und die Eltern investieren viel in die Karriere der Kinder, auch wenn sie wenig haben. Klassische Musik heißt Aufstieg. Hat immer noch mit den Minderwertigkeitskomplexen der im Opiumkrieg unterlegenen Chinesen zu tun.


    In Mitteleuropa ist klassische Musik nicht mehr mit gesellschaftlichem Aufstieg verbunden, die Kinder sollen überhaupt nur Spaß haben, und man investiert auch kaum in sie, es soll alles gratis sein. In Privatschulen gibt man die Kinder nur wegen der vielen Ausländer in den öffentlichen Schulen. Chöre wie die Wiener Sängerknaben können ihr Niveau nicht mehr halten, als nächstes kommt dann das Staatsopernballett dran.

  • Lieber Holger, einem Vergleich zwischen Deutschland und China, wie Du ihn anstellst, kann ich nicht folgen. :( In einem will ich nachhaken. Sind mehr als eine Million Musikstudenten im Vergleich zu einer Gesamtbevölkerung von rund 1,4 Milliarden denn so viele?

    man müßte erstmal wissen, ob es Studenten einschließl. Schüler an Musikschulen sind oder tatsächlich Musikhochschulstudierende.

  • Lieber Holger, einem Vergleich zwischen Deutschland und China, wie Du ihn anstellst, kann ich nicht folgen. :( In einem will ich nachhaken. Sind mehr als eine Million Musikstudenten im Vergleich zu einer Gesamtbevölkerung von rund 1,4 Milliarden denn so viele?

    Ja, lieber Rüdiger. Jerome Rose, der hier in Münster eine Meisterklasse mit Konzert gab, in vielen internationalen Jurys sitzt und viele chinesische Schüler hat, meinte sogar, es seien noch viel mehr. (Ironisch sagte er: "Die wollen alle Lang Langs werden!") Indien nebenan hat China was die Bevölkerungszahl angeht fast überholt und dort gibt es im Vergleich weit weniger Musikstudenten des Fachs Klavier. (Chinesen dominieren die internationalen Wettbewerbe, Inder aber nicht. Obwohl Bösendorfer auch in Indien Flügel verkauft und eine indische Familie dort die Generalvertretung hat.) Das ist einfach so, dass es in China eine breite Mittelschicht gibt, die von dem Wirtschaftswunder dort profitiert hat. Und zum Status dieser Mittelschicht gehört es offenbar, dass die Kinder Musikunterricht bekommen. In Europa dagegen - gerade auch in Deutschland - dünnt diese Mittelschicht immer mehr aus. Die Schere zwischen reich und arm geht auseinander. Frage mal, wie es heute mit den Musikschulen aussieht. In den 70iger Jahren, also in meiner Jugendzeit, war das ganz anders. Dazu kommt die Belastung der Schüler. Wenn das Gymnasium von 13 auf 12 Jahre verkürzt wird, in diesen 12 Jahren aber der Lehrstoff von 13 Jahren durchgepaukt wird, dann sind Schüler dermaßen ausgelastet, dass sie für kaum noch etwas außerhalb der Schule Zeit haben. Das sind alles Negativfaktoren.


    Schöne Grüße

    Holger

  • In den 70iger Jahren, also in meiner Jugendzeit, war das ganz anders. Dazu kommt die Belastung der Schüler. Wenn das Gymnasium von 13 auf 12 Jahre verkürzt wird, in diesen 12 Jahren aber der Lehrstoff von 13 Jahren durchgepaukt wird, dann sind Schüler dermaßen ausgelastet, dass sie für kaum noch etwas außerhalb der Schule Zeit haben. Das sind alles Negativfaktoren.

    Das sehe ich teilweise anders. Abitur hatte bei uns generell 12 Klassen, und ich glaube, wir waren damit für das Studium gut gerüstet und sahen höchstens einzelne Fächer (wie Russisch oder Staatsbürgerkunde) als Negativfaktor. Wir spürten auch den Druck durch das Elternhaus, es "zu etwas zu bringen" und in der Schule möglichst fleißig zu sein. In der erweiterten Oberschule (9. bis 12. Klasse) hatten wir noch bis Sonnabend mittag Unterricht, wir hatten Dienstags sogar noch am Nachmittag 2 Stunden und an allen Wochentagen mindestens 5 Unterrichtsstunden. Dazu kamen Hausaufgaben, Sport, Tanzstunde, die erste Liebe usw. Aber in unserer Abiklasse mit 28 Schülern waren ca. 50 %, die trotzdem freiwillig ein Instrument lernten oder musizierten, von Klavier über Akkordeon bis zur Violine, von der Gitarre bis zum Chorgesang, die ins Jugendtheateranrecht und ins Jugendkonzert gingen. Unser großer Vorteil war, daß das Lernen eines Instrumentes größtenteils kostenlos oder nur mit geringen Kosten verbunden war, auch das Anrecht im Theater war für max. 2,00 DDR-Mark sehr erschwinglich.

    Der Rückgang der musischen Bildung in Deutschland ist meiner Meinung nach systembedingt.


    Herzlichst La Roche

    Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!

  • Hallo,


    die Bekanntmachung junger Menschen mit ihren eigenen kulturellen Wurzeln ist ein Problem, das jede ältere Generation kennt. Es ist die Wiederholung der Wiederholung in unserer Menschheitsgeschichte.


    Junge Menschen auf der Suche nach sich selbst sind nur schwerlich für "das Alte" zu begeistern, wenn es verordnet wird schon gar nicht.


    Als Wahlunterricht angeboten, wird es eine kleine Gruppe sicher ansprechen, mehr ist mE nicht drin.


    Nette Grüße


    Karl

  • Welchen Stellenwert die kulturellen Traditionen in anderen Ländern haben, kann man aktuell am Beispiel Frankreich sehr deutlich sehen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken! (seit 5.11.2019)

    Von allem anderen, insbesondere Formulierungen des Forenbetreiberts wie "hätte man die Leute kalt gestellt" (4.12.2019 um 18.04 Uhr), distanziere ich mich ausdrücklich!

  • Auch wenn in Frankreich jetzt hunderte Millionen zur Erhaltung der Nationalkathedrale gespendet werden, scheint mir das Land kulturell und gesellschaftlich dennoch ruiniert zu sein. Es wird ja achselzuckend hingenommen, wenn, gerade ein Monat her, meterhohe Flammen am Portal von St-Sulpice in Paris lecken und, auch nicht lange her, die bedeutende Kathedrale von St-Denis (wie damals von glorreichen aufgeklärten Revolutionären) geschändet und beschädigt wird.

    Sport lässt Menschen besser aussehen - Wein aber auch.

  • das ist doch auch eine Frage der Ausgestaltung, man wird hoffentlich nicht einfach Tablets an die Schüler austeilen und sie dann wild im Netz surfen lassen. Wenn ich an Tafeln, Kreide und Tageslichtprojektoren denke ist eine Digitalisierung im Schulalltag mehr als überfällig. Abgesehen von diesen Basics wäre es auch kein Fehler zu vermitteln, wie man eine zielgerichtete Recherche im Netz anstellt und wie man die Ergebnisse anschließend bewerten muss. Dass es gerade bei letzterem bis ins Erwachsenenalter zum Teil gewaltig hapert erleben wir im Moment täglich und schmerzlich....


    Die Argumentation erinnert mich an Prof. Dr. Dr. Spitzers Vortrag "Digitale Demenz", in dem er sämtliche Medien einschließlich TV bis ins Jugendalter komplett ablehnt. Ich weigere mich aber schlicht zu glauben, dass es auf einen, sagen wir 14-Jährigen, die selbe Wirkung hat wenn er sich "DSDS" anschaut oder Prof. Dr. Harald Lesch in "Terra X". In dieser Debatte fehlt mir zuweilen eine differenzierte Betrachtung....

    Wenn die entsprechenden Warner von Neil Postman vor 40 Jahren bis zu Spitzer u.a. heute recht haben, ist es eben nicht in erster Linie eine Frage der Ausgestaltung. Sondern für Menschen unter ca. 16 sind elektronische Medien tendenziell immer neurophysiologisch und psychologisch schlecht.

    Jemand wie Postman würde vermutlich sogar sagen, dass Lesch in mancher Hinsicht schlimmer ist als Bohlen. Denn Bohlen ist relativ klar als trashige Unterhaltung zu erkennen, während Lesch etwas, mit dem man sich eigentlich länger als 20 min befassen müsste, um es halbwegs zu verstehen, in Unterhaltung verwandeln muss, weil das Fernsehen alles tendenziell in Unterhaltung verwandelt. (Das würde ich nicht ganz so ernst sehen, aber es ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen.)

    Nun kann ich natürlich nur bedingt beurteilen, inwieweit die recht haben. Ich merke aber an mir selbst, was für ein Konzentrationskiller Internet usw. ist. Und das als jemand, der bevor er 17 war keinen Computer hatte, noch mit sehr begrenztem Computereinsatz in den 1990ern studiert hat usw., also in den mutmaßlich prägenden Jahren fast nur mit Büchern, Stiften, Kreide bzw. eben menschlicher Interaktion gelernt hat.

    Und so ähnlich wie beim Klimawandel sind die Folgen, die Spitzer u.a. prophezeien, so schädlich, dass man lieber vorsichtiger sein sollte. Zumal die kommerziellen Interessen an der "Digitalisierung" ja transparent sind. Aufgrund der schnellen Obsoleszenz von Computern etc. ist das eine öffentliche Unterstützung der entsprechenden Branchen auf Jahre. Und wie viele Lehrkräfte oder Psychologen für die Verhaltensgestörten könnte man stattdessen von dem Geld einstellen?!?

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Das sehe ich teilweise anders. Abitur hatte bei uns generell 12 Klassen, und ich glaube, wir waren damit für das Studium gut gerüstet und sahen höchstens einzelne Fächer (wie Russisch oder Staatsbürgerkunde) als Negativfaktor. Wir spürten auch den Druck durch das Elternhaus, es "zu etwas zu bringen" und in der Schule möglichst fleißig zu sein. In der erweiterten Oberschule (9. bis 12. Klasse) hatten wir noch bis Sonnabend mittag Unterricht, wir hatten Dienstags sogar noch am Nachmittag 2 Stunden und an allen Wochentagen mindestens 5 Unterrichtsstunden. Dazu kamen Hausaufgaben, Sport, Tanzstunde, die erste Liebe usw. Aber in unserer Abiklasse mit 28 Schülern waren ca. 50 %, die trotzdem freiwillig ein Instrument lernten oder musizierten, von Klavier über Akkordeon bis zur Violine, von der Gitarre bis zum Chorgesang, die ins Jugendtheateranrecht und ins Jugendkonzert gingen. Unser großer Vorteil war, daß das Lernen eines Instrumentes größtenteils kostenlos oder nur mit geringen Kosten verbunden war, auch das Anrecht im Theater war für max. 2,00 DDR-Mark sehr erschwinglich.

    Der Rückgang der musischen Bildung in Deutschland ist meiner Meinung nach systembedingt.

    Das glaube ich auch, lieber La Roche. Die Bedingungen bei Euch waren ungefähr so wie bei uns auch - nur war die DDR vorbildlich, was den unbezahlten Musikunterricht anging. Das wäre wirklich eine gute Idee gewesen, das nach 1989 zu übernehmen. Aber der Kapitalismus denkt leider anders. Bedauerlich!


    Heute ist es leider schlimmer. Gegen 12 Jahre Gymnasium wäre gar nichts einzuwenden, würden die Lehrpläne entsprechend korrigiert, um die Belastung zu reduzieren. Genau das passiert aber nicht, wogenen Eltern und Lehrer Sturm laufen. So haben Schüler heute nicht selten einen 9 Stunden-Tag und können das Pensum nicht ohne Nachhilfe schaffen, was zu der sozialen Schieflage führt, dass Kinder von Besserverdienenden begünstigt werden (was PISA ja auch kritisch zu unserer BRD sagt, dass in kaum einem Land der Bildungserfolg so abhängig ist vom Einkommen der Eltern wie bei uns). Da gibt es wirklich jede Menge, was am System zu verbessern wäre! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Wenn die Generationen nach uns, unsere Kinder und unsere Enkel irgendwann keine andere Möglichkeit mehr sehen, die Welt zu retten oder zumindest zu verbessern, als uns zu erschießen, dann kann ich mich, wenn ich mich grad in der Welt der Erwachsenen so umschaue, eigentlich nur noch hinstellen und sagen: Nur zu! Ihr habt recht damit! - Sowas nennt man dann wohl Revolution ...

    Da würde ich die lieben Kleinen aber bitten mit dem Erschießen bei sich selbst zu beginnen, schließlich ist ihre längere Lebensspanne eine deutlich länger anhaltende Belastung für den Planeten als die vergleichsweise wenigen Jahre, die mir dann noch hienieden beschieden blieben. Das wäre dann auch endlich mal ein Beispiel für "die Revolution frisst ihre Kinder (noch im revolutionären Moment selbst)" das in seiner geradezu digitalen Geschwindigkeit alle anderen Revolutionen aus der analogen Geschichte toppen würde. Sonst müssen immer erst Massen massakriert werden, bevor die Revolution endlich ihre eigenen Drecksäcke verschlingt. Den Umweg über die Unschuldigen sparen die sich dann einfach und fangen eben bei sich selbst an. Und ich hab' mei Ruh', Hergottsakrament!


    Grüße

    Garaguly

  • Nein, das sind ausschließlich Studenten des Fachs Klavier an Hochschulen.


    Schöne Grüße

    Holger

    das wäre dann allerdings tatsächlich eine sehr, sehr hohe Zahl.


    lt. MIZ hat in Deutschland ca. 9000 Instrument-Studierende (von denen also die Klavierstudierenden nur einen, wenn auch erheblichen Teil darstellen).


    http://www.miz.org/downloads/s…sikberufe_Studienfach.pdf


    das wäre dann in China im Verhältnis zur Bevölkerung der ca. 7fache Anteil von allein in der Klavier-Hochschulausbildung befindlichen (also die 1 Million) im Vergleich mit den in Dt. in der gesamten Instrumental-Ausbildung befindlichen.



    ich frage mich jetzt allerdings doch, wie sieht es mit den Ausbildungskapazitäten aus? Wikip. verzeichnet 11 Musikhochschulen/Konservatorien in China:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…n_der_Volksrepublik_China

    die also im Schnitt jeweils ca. 91000 Klavierstudierende haben müßten.


    die älteste Musihochschule Chinas in Shanghai hat allerdings nur 1300 Studierende, was einer großen europäischen Musikhochschule entspricht.


    https://en.wikipedia.org/wiki/Shanghai_Conservatory_of_Music

  • ich frage mich jetzt allerdings doch, wie sieht es mit den Ausbildungskapazitäten aus? Wikip. verzeichnet 11 Musikhochschulen/Konservatorien in China:

    Das kann nicht stimmen, sondern das ist nur eine Auswahl der vielleicht bekanntesten. Allein in Deutschland gibt es weit mehr als nur 11 Musikhochschulen, nämlich 31. Im riesigen China werden das mehrere Hunderte sein. ^^


    Schöne Grüße

    Holger

  • Dass der Wohlstand in China dafür verantwortlich ist, dass dort verglichen mit Deutschland mehr Leute Musik studieren, halte ich immer noch für abwegig.


    Tendenziell ist man in China mehr auf Arbeit und Karriere fokussiert als hier. Ein wesentlicher Punkt scheint zu sein, dass die klassische Musik dort als Karrieregebiet angesehen wird, hier eher nicht.

  • @Johannes & @All:


    ich will mir hier keinesfall anmaßen Spitzers Forschungen grundsätzlich anzuzweifeln. In seinem Vortrag, im Buch sicher noch viel detaillierter, legt er ja auch Versuchsergebnisse vor welche seine Thesen untermauern. Ergebnisse aus Experimenten lassen aber immer auch einen gewissen Interpretationsspielraum offen sobald vom Experiment auf allgemein geschlossen wird. Vermutlich insbesondere bei Psychologie und Verhaltensforschung, scharfe Abgrenzungen und Vorhersagen sind hier ja eh mit Vorsicht zu genießen.


    Anscheinend wurde im 18/19 Jahrhundert vor einem seinerzeit neuen Massenmedium gewarnt:


    "Johann Adam Bergk etwa, Privatgelehrter, Übersetzer und kantianischer Philosoph, lieferte 1799 das Leitmotiv aller Kassandrarufe: Aus "geschmack- und gedankenloser Lektüre" folge "unsinnige Verschwendung, unüberwindliche Scheu vor jeder Anstrengung, grenzenloser Hang zum Luxus, Unterdrückung der Stimme des Gewissens, Lebensüberdruss und ein früher Tod", rief er aus Leipzig herüber."


    https://www.welt.de/kultur/his…enschen-krank-machte.html


    Heute gilt Lesen dagegen als (fast schon) elitäre, in jedem Fall bildende Freizeitbeschäftigung, und als das kognitive Training schlechthin. Auch hier bin ich zumindest erstaunt, dass man scheinbar komplett auf das Lesen an sich abstrahiert hat, der Inhalt scheint auch hier quasi keine Rolle zu spielen....


    Klar ist, wenn ich mir selbst Dinge aneigne hat dass eine ganz andere Qualität im Vergleich zum Konsum einer Terra X- Folge. Das eine ist meines Erachtens nicht Ersatz für das andere, das ist dann aber eine Frage des Konsumverhaltens. Mehr oder weniger bewusst geht der Mensch ja von sich selbst aus, so geht es selbstredend auch mir. Ich hatte wohl das Szenario im Kopf, dass ich nach 9 1/2 Stunden außer Haus (8 Stunden Arbeit, 1 Stunde Pause, 30 Minuten Wege) zuhause bin und nach sonstigen Erledigungen und Haushalt noch 1 1/2 Stunden freie Zeit habe. Mein Arbeitsalltag besteht aus Email lesen und schreiben, Telefonieren und ab und an Diskussionen im Rahmen einer Besprechung. Da ist die konzentrierte Lektüre am Abend ein eher seltenes Ereignis. Da will man meistens einfach nur entspannen. Geht bei mir mit Lesch deutlich besser als mit Bohlen.


    Aber Spitzer bezieht sich ja auf Jugendliche und Kinder. Damit werde ich demnächst ganz praktisch konfrontiert werden. Meine Tochter ist jetzt 12 Wochen alt, bald geht es los :-).....

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    Gruß
    Nicolas

  • Das kann nicht stimmen, sondern das ist nur eine Auswahl der vielleicht bekanntesten. Allein in Deutschland gibt es weit mehr als nur 11 Musikhochschulen, nämlich 31. Im riesigen China werden das mehrere Hunderte sein

    die Anzahl ist immer noch unplausibel. Um eine Million Klavierstudierende zu versorgen, müßte es ca. 2000 nach europ. Maßstäben große musikalische Ausbildungsstätten im Hochschulrang geben (mal einfach 500 Klavierstud. pro Hochschule angesetzt)


    nach offiziellen Angaben gibt es in ganz China ca. 2900 Hochschulen (Unis und andere) überhaupt, da ist die Musik mit drin.


    https://de.wikipedia.org/wiki/…n_der_Volksrepublik_China


    Nun kann es auch an Unis praktische Musikausbildung geben wie in den USA üblich und auch in Dt. vorkommend (Mainz und Münster).


    hier wird allerdings die Zahl 11 bestätigt:


    The training of professional musicians and music teachers in the People’s Republic of China takes place at eleven Conservatories and Art Institutions strategically placed throughout the country. All but the Conservatory of Chinese Music in Beijing deal primarily with training in Western-style music, though all offer programs in Chinese music. The most prestigious institutions are the Central Conservatory of Music in Beijing and the Shanghai Conservatory, and these take only the very best students from all over China. Others take students only from their own or neighbouring provinces but standards remain high throughout. Entry is by audition. [...]

    Last update April 2019

    https://idmmei.org/record.php?id=303


    also aus meiner Sicht ist die Angabe "1 Million Klavierstud. in China" weiterhin erheblichen Zweifeln ausgesetzt.


    Dass der Wohlstand in China dafür verantwortlich ist, dass dort verglichen mit Deutschland mehr Leute Musik studieren, halte ich immer noch für abwegig.

    die Angabe selbst bezweifele ich weiterhin - s. oben.


    Das soll aber nicht in Zweifel setzen, daß auch in China wie in ganz Ostasien ein äußerst starker Impetus zur Pflege europäischer "klassischer" Musik.


    Ich würde allerdings dem wachsenden Wohlstand doch eine wesentliche Rolle zubilligen, denn meiner bescheidenen Beobachtung nach kann man eine solche Tendenz fast weltweit feststellen: wo nur ein wenig eine Mittelschicht existiert, die es sich leisten kann, kommt es zu Bemühungen und Aktivitäten in dieser Richtung. Sicher ist Ostasien da bei weitem der Vorreiter.


    habe mal ein wenig in Madagaskar, einem ganz armen Land, wo aber auch dort eine gewisse Mittelschicht sich herausbildet, recherchiert. Es gab mehrere Bemühungen um Gründung einer Musikhochschule, die es jetzt formell auch gibt, wenn auch noch ohne wesentlichen Gehalt. Und ein - eventuell doch bezeichnendes - Kuriosum: es existiert im Netz eine komplette, den großen europäischen MHS abgeschaute madagassische fake-Musikhochschule, die jemand, der das Königtum in Madagaskar wieder einführen und König werden will, erstellt hat - mit allem drum und dran und echt existierenden Lehrkräften.


    empfehlenswert.

    http://conservatoire-cnsmm-madagascar.blogspot.com/

  • die Anzahl ist immer noch unplausibel. Um eine Million Klavierstudierende zu versorgen, müßte es ca. 2000 nach europ. Maßstäben große musikalische Ausbildungsstätten im Hochschulrang geben (mal einfach 500 Klavierstud. pro Hochschule angesetzt)


    nach offiziellen Angaben gibt es in ganz China ca. 2900 Hochschulen (Unis und andere) überhaupt, da ist die Musik mit drin.


    https://de.wikipedia.org/wiki/…n_der_Volksrepublik_China


    Nun kann es auch an Unis praktische Musikausbildung geben wie in den USA üblich und auch in Dt. vorkommend (Mainz und Münster).


    hier wird allerdings die Zahl 11 bestätigt:

    Die Frage ist, ob man da überhaupt die europäischen Maßstäbe anlegen darf. Da müsste man das chinesische Hochschulsystem besser kennen. Jedenfalls ist es sehr unplausibel, dass ein Milliardenvolk wie die Chinesen nur ein Drittel der Ausbildungsstätten unseres kleinen 87-Millionen-Volkes zu Verfügung hat, um den Bedarf an professionellen Musikern zu decken. Da brauchte man mehr Informationen - worauf bezieht sich die Zahl und auf welchen Zeitraum etc. Jedenfalls wurde sie genannt, wenn ich mich recht erinnere in einem Filmportrait von Lang Lang. Also wird sie wohl stimmen - nur weiß man natürlich nichts Näheres darüber.


    Schöne Grüße

    Holger

  • und sahen höchstens einzelne Fächer (wie Russisch oder Staatsbürgerkunde) als Negativfaktor.

    Herzlichst La Roche

    Die russische Sprache ist für mich das wichtigste, was ich in der Schule gelernt habe. Ich habe noch immer 100 russische Schachbücher und Dostojewski und Tolstoi habe ich nur im Original gelesen. Gut, meine Muttersprache ist eine Slawische.

    Über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden. Künstker reden ja nur übers Geld (Sibelius)

  • Die russische Sprache ist für mich das wichtigste, was ich in der Schule gelernt habe.

    Liebe ipel,

    zunächst herzlich willkommen bei Tamino.

    Mit dem Negativfaktor der russischen Sprache als Schulfach, das nimm bitte nicht persönlich. Ich habe eine "Fremdsprachenphobie", auch bei Latein und Englisch steht im Abitur und im Hochschuldiplom genau wie in Russisch nur eine "4". Mich haben Sprachen wenig interessiert.

    Später habe ich es bereut. Ich habe 3 Jahre im Ural (Permer Oblast) gearbeitet, und brauchte stets einen Dolmetscher, leider. Mir stehen auch Russen bzw. Bürger aus dem slawischen Sprachraum wesentlich näher als englischsprechende Menschen. Hängt sicher mit meiner DDR-Erziehung zusammen.


    Herzlichst La Roche

    Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!