Rienzi in der Deutschen Oper Berlin am 18.4.2019

  • Rienzi

    Auf dem Weg in die Deutsche Oper vertreibe ich mir in der U2 die Zeit damit, Vermutungen darüber anzustellen, welcher Fahrgast wohl ebenfalls die abendliche Vorstellung besuchen wird. Meist liege ich richtig, aber es ist auch nicht besonders schwer, den Mann mit Schlips und die Dame in Pumps als Opernbesucher zu identifizieren.

    Die Inszenierung von Philipp Stölzl war am Gründonnerstag rdentlich besucht. Sie bedient sich ohne Scheu beim Großen Diktator und beim Untergang und ist auch neun Jahre nach der Premiere sehenswert, auch wenn sich Stölzls und Wagners Rienzi-Figuren nicht zur Deckung bringen lassen.

    Elisabeth Teige war sängerisch sicher das Ereignis des Abends. Sie sang kraftvoll und verständlich, außerdem höhensicher. Mir schien, daß demgegenüber die Mittellage ein wenig abfällt. Nie hat sie aber Schwierigkeiten, sich gegen das Orchester zu behaupten. Im fünften Akt hört man dann mehr Senta, als Irene. Mich erfreut ja im Rienzi immer wieder, wieviel schon von den späteren Opern - bis hin zu den Meistersingern - in diesem Frühwerk zu hören, oder wenigstens zu ahnen ist.

    Torsten Kerl sang kräftesparend, was akzeptabel ist. Aber stimmlich war er kein Tribun. Er scheint früh forcieren zu müssen. Dann wird die Stimme eng und das Vibrato deutlich. Ich habe auf dem Rückweg in die Aufnahme, die die DOB mit ihm veröffentlicht hat, reingehört, und auch dort ist diese Tendenz schon festzustellen.

    Als Darsteller, dem von der Regie allerhand abverlangt wird, ist er überzeugend: Seine Volksreden, seine unkontrollierbar zuckende linke Hand im Bunker, sein Geblendetsein, als er zum vorletzen Mal aus den Katakomben aufsteigt, um sich an die Römer zu wenden - der untergehende Tribun ist eine schauspielerische Meisterleistung des Sängers.

    Großartig die Chöre. Wenn beim Friedensfest 83 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne stehen und singen, ist es eine Freude, den Schalldruck im ersten Rang zu spüren.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Hans, ich war seinerzeit in der Premiere. Die Reaktionen des Publikums waren sehr gemischt. Das will aber nicht viel heißen. Es gibt fast immer Proteste und Buhs. Egal, wer inszenierte und singt. Mal verhalten, mal laut. Ich erinnere mich an bildgewaltige Lösungen, die für sich genommen eindrucksvoll auf mich wirkten. Was ich aber dem Regisseur bis heute nachtrage, ist die aufdringliche und an den Haaren herbeigezogene Nazi-Lesart, die auf dem weit verbreiteten Irrtum beruht, "Rienzi" sei Hitlers Lieblingsoper gewesen. In diesem Konzept hatten natürlich die Friedensboten keinen Platz, die mit einer der schönsten Musiken ausgestattet sind, die ich bei Wagner kenne und die schon den typischen romantische Klang vorwegnehmen, der sich später vor allem im "Lohengrin" überirdisch ausgeformt wiederfindet:



    Die bis zur Unkenntlichkeit verhackstückte Fassung mit grölenden Chören hat dem Werk nicht genützt. Sie hat nach meiner Überzeugung vielmehr die alten Vorbehalte bedient, "Rienzi" sei ein unappetitlicher Rumskasten, der überhaupt nicht aufgeführt gehöre. Diese Bemerkungen sollen nicht der Hauch von Kritik an Deinem schönen Bericht sein, für den zu danken ist. Ich war auch schon darauf gespannt, weil ich die Ankündigung Deines Besuchs dieser Vorstellung vernahm.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • auch wenn sich Stölzls und Wagners Rienzi-Figuren nicht zur Deckung bringen lassen.


    Torsten Kerl sang kräftesparend, was akzeptabel ist. Aber stimmlich war er kein Tribun. Er scheint früh forcieren zu müssen. Dann wird die Stimme eng und das Vibrato deutlich.


    Was ich aber dem Regisseur bis heute nachtrage, ist die aufdringliche und an den Haaren herbeigezogene Nazi-Lesart


    Die bis zur Unkenntlichkeit verhackstückte Fassung mit grölenden Chören hat dem Werk nicht genützt. Sie hat nach meiner Überzeugung vielmehr die alten Vorbehalte bedient, "Rienzi" sei ein unappetitlicher Rumskasten, der überhaupt nicht aufgeführt gehöre.

    An all das kann ich mich von meinem Besuch in dieser Inszenierung her (2015 oder 2016, ich hatte lange gewartet in der Hoffnung, dass mal regulär ein anderer Tenor übernimmt, aber diese Hoffnung erfüllte sich - vermutlich schon aus szenischen Gründen - nicht) noch sehr gut erinnern, weswegen ich auch kein zweites Mal reingehen werde.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Für einige hier habe ich höchstens noch ab und an einen Smiley übrig...

  • Rienzi hab ich nur einmal konzertant im Aalto Theater Essen gesehen da dauerte die Aufführung 4 Stunden mit 2 Pausen.


    Die bis zur Unkenntlichkeit verhackstückte Fassung mit grölenden Chören hat dem Werk nicht genützt. Sie hat nach meiner Überzeugung vielmehr die alten Vorbehalte bedient, "Rienzi" sei ein unappetitlicher Rumskasten, der überhaupt nicht aufgeführt gehöre.

    Meine Erinnerungen an Rienzi sind die allerbesten. Ich habe eine konzertante Aufführung in Dresden erlebt, ist sicher schon 20 Jahre her, mit Peter Seiffert und Petra-Maria Schnitzer, dazu ca. 150 Mann verstärkter Chor. Dauer etwa 200 min, sicher waren einige Kürzungen dabei. Es war trotzdem toll, das war gewaltig und keine verhackstückte Fassung und hat in mir den Wunsch geweckt, Rienzi nochmals zu sehen. Ich war dann in Leipzig und war von der Puppenstubenfassung (Kulissen in Puppenstubengröße) etwas enttäuscht. Verklärt habe ich eine Erinnerung an eine Aufführung in den 60-ern in Gera, wo natürlich alles noch anders war. Rienzi war, soweit ich mich erinnere, ein Dr. Horst Wolf aus Dessau a.G.

    Ich finde Rienzi eine wunderbare Oper, weniger von der Handlung, sondern von der Musik. Noch kein Wagner, wie wir ihn kennen, aber auch kein Verdi.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber La Roche,

    in der von dir erwähnte konzertanten Aufführung mit Seifert als Rienzi war ich ebenfalls - ein großartiges Erlebnis. Das müsste im Mai 2001 gewesen sein (lt. meiner Datenbank). Ich finde die Musik herrlich, meiner Meinung nach kann sie ohne weiteres neben französischen Opern bestehen (z. B. Meyerbeer). Aber Rienzi in „der aufdringliche und an den Haaren herbeigezogene Nazi-Lesart“ (Zitat Rheingold) benötige ich wirklich nicht, dann lieber wieder eine konzertante Aufführung.


    Mit besten Grüßen Ramona

  • An all das kann ich mich von meinem in dieser Inszenierung her (2015 oder 2016, ich hatte lange gewartet in der Hoffnung, dass mal regulär ein anderer Tenor übernimmt, aber diese Hoffnung erfüllte sich - vermutlich schon aus szenischen Gründen - nicht) noch sehr gut erinnern, weswegen ich auch kein zweites Mal reingehen werde.

    Eine einzige Vorstellung sang in dieser Inszenierung tatsächlich mal ein anderer Tenor, wenn auch nicht regulär, in einer Repertoire-Vorstellung (ich glaube, es war 2012 oder 2013) sprang ein damals noch relativ unbekannter Tenor ein: Andreas Schager.

  • Meine bisher einzige Begegnung mit Rienzi war eine Aufführung des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden von 1979 unter dem auch in Ölbronn bestens bekannten GMD Siegfried Köhler mit Gerd Brenneis als Rienzi und Jeannine Altmeyer als Irene. Musikalisch ein Hochgenuss , auch die Inszenierung passte, wie ich in Erinnerung habe.