Hänsel und Gretel, Zürich 20. April

  • Robert Carsen ist nicht bekannt als Regisseur, der inszeniert, um zu provozieren. Allerdings löste sein Inszenierung von Hänsel und Gretel nach der vorweihnachtlichen Premiere heftigste Reaktion aus, sowohl pro wie contra. Auch hier im Forum fanden sich einige sehr negative Stellungnahmen, wobei mir allerdings auffiel, dass die heftigste Ablehnung von Mitgliedern kam, die die Oper in Zürich gar nicht gesehen hatten. Grund genug für mich, um mir ein eigenes Bild zu machen.

    Vorab: Humperdincks Hansel und Gretel ist die allererste Oper die explizit für Kinder geschrieben wurde, er sprach mit seiner Schwester öfter von einem “Kinderstubenweihfestpiel“, was durchaus ironisch als Seitenhieb auf Wagner zu verstehen ist, dem er zeitweise assistierte. Carsens Konzept geht in die Richtung „wie kann man Kinder und Heranwachsende für einen Märchenstoff begeistern?“ Sicher nicht mit einer betulichen und werkgetreuen Umsetzung. Welches Kind weiss heute, welcher Arbeit ein Besenbinder nachgeht – Besen kommen heute aus Fabriken in China und dementsprechend hausiert Peter mit fernöstlicher Fabrikwareund geht keiner geregelten Tätigkeit ausser dem Suff nach. Kann der arme Besenbinder ein kleines Häuschenbesitzen? Nein, also lebt die Familie in einem klapprigen Wohnwagen in einer heruntergekommenen grossstädtischen Graffitti-Wüste (Prekariat eben) und Hänsel und Gretel verirren sich nicht im dunklen Walt, sondern im Grossstadt-Dschungel, der bevölkert ist mit Skatboardern und Breakdeancern und sie träumen sich in eine Welt, die ihnen all das bietet, was sie sich nicht leisten können, in ein Konsum-Schlaraffenland.

    In der Pause konnte ich mich an einer Diskussion zwischen Eltern und Kindern bzw. Heranwachsenenden beteiligen. Dabei kristallisierte sich heraus: je jünger die Zuschauer waren, desto mehr Zusprach fand die Inszenierung. Im weiteren Verlauf der Vorstellung liess ich mich darauf ein, meine ursprüngliche Erwartungshaltung zu überdenken, und siehe da – die Inszenierung hat mir doch recht gut gefallen. Von Petra Fischer vom Jungen Schauspielhaus stammt die Bemerkung : «Man soll ein wenig anders aus dem Theater rausgehen, als man reingegangen ist.» Das ist Carsen in meinem Fall gelungen.

    Gesungen wurde ganz wunderbar. In der jetztigen Wiederaufnahme waren alle Rollen bis auf die Mutter / Hexe (Marina Prudenskaja) von Mitgliedern des Ensembles gesungen, allen voran glänzte in der Rolle der Gretel eine kindlich frische Olga Kulschynskaya (hervorragende Textverständlickeit) die ihren internationalen Durchbruchvor einigen Jahren ja hier in Zürich als Giulietta an der Seite von Joyce DiDonato hatte.

    Macht Euch selber ein Bild anhand des Trailers

    Hänsel und Gretel Zürich

    „Denn das weiss das Publikum nicht und mag es nicht wissen, dass um ein Kunstwerk zu empfangen, die halbe Arbeit an demselben vom Empfänger selbst verrichtet werden muss. Ferruccio Busoni

    In diesem Sinne grüsst Richard


  • Norbert

    Hat das Thema freigeschaltet
  • Lieber Souffleur,

    vielen Dank für diesen interessanten Bericht, der sich wohltuend von den einseitig negativen Stellungnahmen von Leuten abhebt, die - wie Du richtig schreibst - diese Produktion gar nicht gesehen habe. Ich freue mich immer, wenn Opernfreunde voller Neugier und mit Offenheit in eine Vorstellung gehen und auch bereit sind, Erwartungshaltungen zu überdenken. So soll es sein, und der Aussage von Petra Fischer kann ich nur aus ganzem Herzen zustimmen: "Man soll ein wenig anders aus dem Theater rausgehen, als man reingegangen ist." Das macht gutes Theater aus.

  • Lieber Souffleur, auch ich bedanke mich. Mit Vergnügen habe ich Deinen Bericht gelesen. Zur Wirkung von Theater und Hänsel und Gretel im speziellen, fällt mir noch eine kleine Geschichte ein: Vor etwa fünfundzwanzig Jahren besuchten meine damals fünfjährige Tochter und ich Hänsel und Gretel in der Berliner Staatsoper. Ich weiß nicht mehr, wer sang und wie es war. Aber als die Hexe zum Schornstein herausfuhr, rutschte meine Tochter auf meinen Schoß, wo sie dann auch blieb. Das vergesse ich nicht. Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Ein Satz von Souffleurs Besprechung scheint mir symptomatisch: "Je jünger die Zuschauer waren, desto mehr Zuspruch fand die Inszenierung"...

    Somit ist also Carsens Inszenierungen nicht unbedingt für Erwachsene geeignet.

  • ... Somit ist also Carsens Inszenierungen nicht unbedingt für Erwachsene geeignet.

    Dieser Umkehrschluss ist nicht logisch. Es gibt ja durchaus Erwachsene (ich selber bin 72 Jahre), die logische moderne Inszenierungen schätzen

    „Denn das weiss das Publikum nicht und mag es nicht wissen, dass um ein Kunstwerk zu empfangen, die halbe Arbeit an demselben vom Empfänger selbst verrichtet werden muss. Ferruccio Busoni

    In diesem Sinne grüsst Richard