Fidelio (Beethoven), Hamburgische Staatsoper, 24.04.2019

  • Vor dem Haus gabe es einen Auflauf von Leuten, so dass der Verdacht aufkam, die Vorstellung würde möglicherweise entfallen. Der Intendant (und Regisseur des Fidelio) Georges Delnon sowie Generalmuskdirektor Kent Nagano hatten das Haus aber offensichtlich weitgehend mit Schülerinnen und Schülern (etwazwischen 14 und 18 Jahre alt) gefüllt, was Unruhe versprach. Die gab es während der Vorstellung auch, zumindest in der Loge, in der ich saß. Insgesamt war es aber auszuhalten und der zum Ende der Oper ausbrechende große emphatische Jubel des jungen Publikums gab dem Intendanten recht. Alle waren glücklich, die Zuschauer, aber auch die Sängerinnen und Sänger der Aufführung, die solche Jubelstürme normalerweise nicht gewöhnt sind.

    Es war die letzte der diesjährigen Aufführungsserie, die nächsten Vorstellungen wird es erst wieder im April und Mai 2020 geben, dann mit Daniel Behle als Florestan. Darauf bin ich gespannt; heute sang der US-Amerikaner Eric Cutler diese schwierige Tenorpartie. Er hat einen langen Atem, seine Stimme besitzt einen klangschönen, angedeutet süßlich-schmelzigen Kern. Sein Einsatz (Gott, welch Dunkel hier) wurde nicht anschwellend, sondern im Forte mit gleichbleibender Schallstärke lang gehalten. Meinen Ohren nach gelang es ihm anschließend aber noch nicht so richtig, mittels stimmlicher Modulation die in der Musik steckenden Emotionen zum Klingen zu bringen. In der Mittellage konnte sich seine Stimme gegen die schallstarke Sopranstimme von Simone Schneider (Leonore) nicht immer durchzusetzen. Schneiders etwas nasaler Stimmklang war anfangs noch gewöhnungsbedürftig, die Stimme klingt aber zu keinem Zeitpunkt hart, grell oder gar schrill, was wegen der hohen lyrisch-dramatischen Anforderungen an eine Leonorenstimme sonst nicht immer der Fall ist. Schon ihre große, koloraturgespickte Arie „Abscheulicher, wo eilst du hin“ überzeugte, in den dramatischen Ausbrüchen des zweiten Aktes hätte sie nicht besser sein können. Frau Schneiders Leistung wurde am Ende einhellig bejubelt (im Frühjahr 2020 wird sie die Leonore in Wien singen, in Hamburg ist dann Elisabeth Teige als Leonore angesetzt, eine Sängerin, von der ich bisher nichts gehört habe).

    Bejubelt wurde auch Katharina Konradi (Marzelline), die sich darüber, wie auch die anderen Potagonisten, sichtlich freute. Ihre vibratoarme, helle, klare, zu schönen Schwebetönen fähige Stimme kann die Sängerin recht schallstark einsetzen, was über die Partie der Marzelline schon hinausweist. Von dieser Sängerin würde ich gern einmal eine Adina hören, zumindest singt sie im Februar 2020 hier die Pamina. Jochen Schmeckenbecher fand ich als Pizarro nicht herausragend. Seiner Stimme fehlt es an einem spezifischen Klang, der diese unter den anderen Stimmen heraushören lässt, auch mangelt es zeitweilig an der notwendigen Bindung der Töne, so dass sich keine richtige Gesangslinie entwickelt. Das schwarze Bösartige, was man von einem Pizarro erwartet, oder das durchtrieben Hinterhältige, welches Delnons Inszenierung nahelegt, vermag Schmeckenbecher zudem stimmlich und auch darstellerisch nicht genügend zu vermitteln. Dafür legte er seine Rolle „zu nett“ an. Die stimmlichen Probleme fielen vor allem im Duett mit Rocco (Wilhelm Schwinghammer) im ersten Akt auf. Schwinghammers Bass klang geradezu basalmisch-kraftvoll im Vergleich mit dem zum Sprechgesang neigenden Schmeckenbecher. Schwinghammer ist immer eine sichere Bank, ich würde ihn fast mit Harald Stamm vergleichen, der immer gut war und einen immer wieder positiv überraschte (Stamm hatte leider das Problem, in Hamburg mit Kurt Moll zu konkurrieren). Jaquino wurde von Sascha Emanuel Kramer und Don Fernando von Kartal Karagedik gesungen, der Erste Gefangene (ausgesprochen klangschön) von Thomas Gottschalk (Mitglied des Chors der Hamburgsichen Staatsoper). Das Philharmonische Staatsorchester spielte unter der Leitung von Kent Nagano fast wie im Rausch, mit großer, sonst bei Nagano nicht so forcierten, dynmischen Bandbreite. Auch er wurde von den jungen Leuten heftig umjubelt.

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Vielen Dank, lieber Ralf, für die geschilderten Eindrücke! Ich hatte erst noch überlegt, ob ich spontan hingehe, entschied mich aber dann als gebürtiger Bremer doch für das Pokalhalbfinale. Zudem hatte ich in den online zu lesenden Kritiken kaum etwas gefunden, das mir größere Lust auf diesen Hamburger "Fidelio" gemacht hätte. Kent Nagano z.B. hat hinsichtlich der musikalischen Leitung schon einiges abbekommen, was wenig schmeichelhaft ist.

    Umso besser, dass es gestern genau anders war! Deine Beurteilung ("Rausch", "dynamische[...] Bandbreite") liest sich wirklich geradezu konträr. Sehr erfreulich. Und das heißt, dass ich mir einen Besuch 2020 natürlich nicht abschminke, denn auch sängerisch scheint es ja hörenswert zu sein (Besetzungswechsel mal außen vor). Katharina Konradi ist mir in der jüngeren Vergangenheit auch schon zwei- bis dreimal positiv aufgefallen - bin gespannt, wie die sich entwickelt.

  • Lieber Ralf,

    die Don Carlo Aufführungen in Duisburg finden am 10. und 17 Mai in der Mercatorhalle statt und werden konzertant aufgeführt. Bereis gekaufte Karten behalten ihre Gültigkeit.

  • Vielen Dank für den Bericht, auch wenn ich mich jetzt ärgere, nicht hingegangen zu sein. Aber auch ich habe ein Auge in Richtung kommende Saison und insb. Daniel Behle geworfen ;)

    Das Philharmonische Staatsorchester spielte unter der Leitung von Kent Nagano fast wie im Rausch, mit großer, sonst bei Nagano nicht so forcierten, dynmischen Bandbreite. Auch er wurde von den jungen Leuten heftig umjubelt.

    Ja, dass Orchester scheint aktuell in wirklich guter Form!

    Zudem hatte ich in den online zu lesenden Kritiken kaum etwas gefunden, das mir größere Lust auf diesen Hamburger "Fidelio" gemacht hätte. Kent Nagano z.B. hat hinsichtlich der musikalischen Leitung schon einiges abbekommen, was wenig schmeichelhaft ist.

    Lieber Leiermann, die Presse hatte seinerzeit wohl recht, aber auch unrecht: Näheres zum damaligen Premieren-Debakel bzw. zu den Folgheaufführungen findest Du hier.

    Der Intendant (und Regisseur des Fidelio) Georges Delnon sowie Generalmuskdirektor Kent Nagano hatten das Haus aber offensichtlich weitgehend mit Schülerinnen und Schülern (etwazwischen 14 und 18 Jahre alt) gefüllt, was Unruhe versprach. Die gab es während der Vorstellung auch, zumindest in der Loge, in der ich saß. Insgesamt war es aber auszuhalten und der zum Ende der Oper ausbrechende große emphatische Jubel des jungen Publikums gab dem Intendanten recht. Alle waren glücklich, die Zuschauer, aber auch die Sängerinnen und Sänger der Aufführung, die solche Jubelstürme normalerweise nicht gewöhnt sind.

    Da musst Du dich getaäuscht haben, lieber Ralf, denn "unsere" Foren-Leitung meint dazu unzweideutig:

    Das "junge interessierte Publikum" existiert einfach nicht - zumindest nicht im relveanten Maße.

    :untertauch:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Zitat

    ....zumindest nicht im relveanten Maße.

    Das ist der springende Punkt, bzw EINER davon.

    Ich meinte, daß die Anzahl ZAHLUNGSWILLIGER "junger Leute üblichewrweise nicht ausreicht, die Ausfälle wettzumachen, die dadurch entstehen, daß man die treuen Abonenntnen bewusst verprellt,

    Das ist ja nicht nur im Bereiche der Oper so, sondern auch in der Wirtschaft. Die Will ein "junges Management" das Image einer Firma verjüngen und aufpolieren,

    Man wechselt zuerts das Sortiment, dann teilweise das Personal etc. Somit ist Stufe 1 erreicht. daie Stammkunden bleiben aus und es wurde Platz gemacht für Neues.

    Alles jubelt, wie schnell Stufe 1 des Planes realisiert werden konnte. Leider stellt sich meist heraus, daß Stufe 2 - das Anlocken neuer Kundenkreise schwieriger ist als gedacht.

    Da kann auch ein gelegentlich volles Haus nicht darüber hinwegtäuschen. Man muß in letzter Konsequenz auch den Rechenstift zu Hilfe nehmen und Nutzen gegen Schaden abwägen.

    Im stattlichen Theaterbereich (ich springe wieder vom Allgemeinen ins Spezielle) kommt noch dazu der gerne zitierte "Bildungsauftrag"

    Hier sind dann politische Entscheidungsträger an den Hebeln der Macht, die festlegen, was Bildung ist und was nicht. Und hier finden sich oft sehr konservativ denkende Kräfte, die keine Experimente mögen - weil man nie weiss wie die ausgehen. In Deutschland geistert ja derzeit das Schreckgespenst der AfD über vilelen Entscheidungen. In Österreich ist das nicht der Fall - wir haben bereits eine "intakte nicht "verlinkte" ;) Regierung" Interessant wird das Spannungsfeld der Zukunft. Die verblichen Rot/schwarze Koalition hat einige Verträge mit "progressiven" Kräften in Bezug auf Operr und Theater abgeschlossen, in der Hoffnung vollendete Tatsachen zu schaffen. Eine interessante Konstellation. Schau mer mal....:hahahaha:


    mfg aus Wien

    Alfred

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

    sich im Thread Baustelle Avatarpool neu einen auszusuchen und am Threadende (gaaaanz weit untenI zu bestellen

  • Alfred hat wohl nicht ganz unrecht, ich vermute, dass die Karten an die Schulen gestern wohl weitgehend gratis oder zu einem sehr niedrigen Preis abgegeben worden sind. Wenn die Buchungssituation nicht so gut gewesen war, kann man das ja durchaus mal machen. Es gibt dann doch immer die eine oder den anderen, die am Thema Oper hängen bleiben, zumindest wenn, wie gestern Abend, die musikalische Leistung hoch ist. Wenn es die Ausnahme bleibt, wird der finanzielle Schaden auch nicht so hoch sein. Im Übrigen schien Delnons Inszenierung gefallen zu haben, ich fande sie insgesamt eher konservativ und wenig störend. Selbst das helle Licht im Grabkeller kann man vertreten. Vorgestern sahen wir im hiesigen Schauspielhaus eine Dramatisierung der "Stadt der Blinden". Bühnenbild, Inszenierung und Schauspielerei waren zu loben, das Inhaltliche und dessen Transport in den Kopf des Zuschauers war aber kaum zu ertragen. Jedenfalls wurden die Leute dort auch weißblind. Außerdem hört man ja von Verhörmethoden, bei denen immer grelles Dauerlicht eingeschaltet wird. Es ist vorstellbar, das Florestan sich durch das Dauerlicht erblindet (Gott, welch Dunkel hier) fühlt. Andererseits passte aber nicht dazu, dass am Boden verschiedene Schriftstücke liegen, die er sich (nach seiner Arie) durchliest. Wie dem auch sei, nach dem dritten Sehen dieser Inszenierung empfinde ich an diesem Fidelio nichts Störendes mehr, so dass man sich voll und ganz auf das Musikalische konzentrieren kann. Für den aktuellen Parsifal konnte ich mich dagegen trotz der interessanten Besetzung nicht erwärmen. Achim Freyers Inszenierung hat zwar was für sich, ich mag aber grundsätzlich kein Maskentheater, bei dem man die Sängerinnen und Sänger nicht optisch zuordnen kann. Außerdem ist mir im Hinterkopf immer noch die wunderschöne Inszenierung mit den gemalten Bühnenbildern von Ernst Fuchs in Erinnerung. Schade, dass die damals nur für so kurze Zeit gespielt wurde. Ralf Reck

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Außerdem ist mir im Hinterkopf immer noch die wunderschöne Inszenierung mit den gemalten Bühnenbildern von Ernst Fuchs in Erinnerung. Schade, dass die damals nur für so kurze Zeit gespielt wurde.

    War das hier in Hamburg? - Ich habe zufällig noch das Programmheft auf meinem Schreibtisch und grad nachgeschaut: Demnach war war vor Freyer wie Du sicherlich weißt Wilson und davor Everding im Bühnenbild von Günther Schmidt-Bohländer (Premiere 11.04.1976). Die Everding-Inszenierung habe ich Ende der 80er sogar noch zweimal gesehen, einmal mit Peter Hofmann und das zweite Mal, soweit ich erinnere mit Siegfried Jerusalem. Am Pult Ferdinand Leitner, der knapp 80 jährig mit Verlaub noch deutlich jünger wirkte, als die schon etwas angegraute Inszenierung :untertauch:


    Was die aktuelle Inszenierung angeht, so wird sie auch in der nächsten Saison gespielt, die Besetzung ist nicht uninteressant (sie hier) und gesehen haben sollte man sie durchaus :hello:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Lieber Michael, die Inszenierung war damals von August Everding, Ernst Fuchs war für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich. Sie wurde doch, anders als von mit erinnert, über eine längere Zeit gespielt (wenn etwas wirklich gut ist, hat man durchaus das Gefühl, es zu wenig oder zu selten erlebt zu haben). Ich habe diese Inszenierung 1976, 1977 und 1987 gesehen, unter Horst Stein und Eugen Jochum und Ferdinand Leitner. Das war noch die große Zeit an der Hamburgischen Staatsoper. 1976 sangen Weikl** (Amfortas), Talvela* (Gurnemanz), Peter Hofmann* (Parsifal) und Leonie Rysanek* (Kundry), ein Jahr später wieder Weikl*, Moll*, Sven Olof Eliasson und Janis Martin sowie 1987 Franz Grundheber**, Kurt Moll**, Peter Hofmann* und Waltraud Meyer** (das Sternesystem hatte ich mir immer auf die gesammelten Besetzungszettel notiert, sollte in etwa bedeuten *herausragend, **absolute Weltklasse). 2004 kam dann der Wilson-Parsifal, etwas ungemein stilisiertes und langatmiges, unter Metzmacher mit Brendel, Franz-Josef Selig1, Klaus-Florian Vogt1 und Gabriele Schnaut1, 2006 und 2011 unter Simone Young (Brendel1, Rose*, Ventris1-2, Yvonne Naef1 / Wolfgang Koch, Rose*, Vogt*, Denoke1) sowie 2017 der Freyer-Parsifal unter Nagano mit Koch1, Youn1-2, Schager1, Mahnke2. Das ist über die zeit schon ein erstaunlicher Abfall an gesanglicher Hochleistung. Das mag vielleicht auch damit zu tun zu haben, dass man in Hamburg nicht mehr über soviel Geld für den Sängeretat verfügt wie in München oder Wien. Wenn mich aber nicht alles täuscht, kommen solche Besetzungen wie hier früher in den 1970er-1980er Jahren auch anderswo nicht mehr zustande, und das gilt nicht nur für Parsifal. Ralf Reck.

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • In den wärmeren Monaten hat die Staatsoper Probleme Karten zu verkaufen. Als wir am Dienstag bei L'Elisir d'Amore waren, war ein Drittel der Plätze leer und ein größerer Teil des Publikums bestand aus Schülerinnen und Schülern. Da lobe ich mir meine Opern Card und kann auch noch kurzfristig sehr gute Plätze für weniger als 45 Euro bekommen.