Don Quichotte, 02.06.2019, Deutsche Oper Berlin

  • Bereits die erste Aufführung nach der Premiere war relativ schwach besucht. Das mag am Bekanntheitsgrad der Oper gelegen haben, aber auch daran, dass die DOB D-Preise verlangt hat. Für mich war das Werk Neuland. Die Musik hat mir gut gefallen, die Handlung finde ich zäh (wegen oder trotz der Inszenierung?) und die musikalische Umsetzung fand ich grandios.


    Der aus Schweden stammende Jakop Ahlbom ist ein Novize als Opernregisseur. Er hat in seinen bisherigen Produktionen "seinen ganz eigenen Theaterstil, in dem sich Pantomime, Tanz, Musik und Illusionskunst mischen" (Zitat Biografie der Deutschen Oper) kreiert. Seine Inszenierung spielt im Foyer eines Theaters/ Cabarets mit Bühne im Hintergrund. Dass die Aufführung musikalisch ein Erfolg war, liegt einerseits am Dirigenten Emmanuel Villaume, Chef der Oper in Dallas, mit dem das Orchester höchst konzentriert musiziert hat und der beim teilweise rhythmisch recht vertracktem Werk Orchester und Bühne bestens im Griff hatte. Wenn ich mich nicht täusche, hat Villaume Ende der 1980er Jahre mal das Symphonische Orchester Berlin (SOB, heute Berliner Symphoniker und nicht mehr subventioniert) dirigiert. Der andere Trumpf war Alex Esposito in der Titelpartie, der für jeden Regisseur ein Glücksfall sein dürfte und auch stimmlich zu überzeugen wusste. Gefühlt 75% des Abends gehörten ihm. Nun zu zwei "neuen Stimmen". Ebenfalls hervorragend war Clémentine Margaine mit ihrer satten, dunklen Mezzostimme, die in allen Registern präsent war. Mit traumwandlerischer Sicherheit hat sie die Tonsprünge der Partie bewältigt. Stimmlich sicher und kraftvoll hat sich Seth Carico als Sancho Pansa und Pferd Rosinante in Personalunion präsentiert. Er gehört sicher zu den talentiertesten Sängern des Ensembles. Allerdings gefällt mir sein Timbre nicht so. Mir klingt die Stimme stellenweise zu hart. Insgesamt war das ein interessanter und unterhaltsamer Opernabend.

  • Na, das macht doch Hoffnung.


    Ich habe diese Oper bislang nie live erleben dürfen, in Washington D.C. habe ich im November 2000 knapp die letzte Vorstellung (mit Raimondi) verpasst.

    Kennen und lieben gelernt habe ich die Oper über die Vorführung der Fernsehaufzeichnung der Götz-Friedrich-Inszenierung an der Komischen Oper Berlin auf Großleinwand in der Urania im Jahre 1999.



    Nach deinem Bericht freue mich nun noch viel mehr auf meine erste Live-Begegnung mit dieser Oper in diesem Monat. :yes::hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Für einige hier habe ich höchstens noch ab und an einen Smiley übrig...

  • Hallo lieber Kapellmeister, für dich war die Oper Neuland, für andere villeicht auch?, daher wäre es meiner bescheidenen Mn angebracht auch den Namen des Komponisten zu erwähnen hier >Jules Massenet <, auch wird nicht erwähnt das Clémentine Margaine die Partie der Dulcinée singt!

    Wir wissen das, aber viele Mitleser vielleicht nicht!

    Nichts für ungut!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Lieber Kapellmeister Storch,

    sei bedankt für den Bericht, der mich gefreut hat. Ich werde nächste Woche die Produktion besuchen und bin gespannt!

    Zwei der Solisten waren übrigens im NEUE-STIMMEN-Thread vorgestellt worden: Clémentine Margaine (#043) und Seth Carico (#406).


    Beste Grüße


    Caruso41

  • Lieber Caruso41,


    Ich freue mich, dass Du auch die Gelegenheit nutzen wirst in diese Produktion zu gehen und bin auf Deine Eindrücke gespannt. Gleiches gilt natürlich auch für den Stimmenliebhaber. Auf die beiden neuen Stimmen hatte ich übrigens in meinem Beitrag hingewiesen, aber Du hast dankenswerterweise auch die passenden Beitragsnummern mitgeliefert.



    Einen schönen Abend


    Kapellmeister Storch

  • Bereits die erste Aufführung nach der Premiere war relativ schwach besucht.

    Heute war's rappelvoll, darunter viele Schulklassen in beiden Rängen (was ja nicht verkehrt ist).

    Der andere Trumpf war Alex Esposito in der Titelpartie, der für jeden Regisseur ein Glücksfall sein dürfte und auch stimmlich zu überzeugen wusste. Gefühlt 75% des Abends gehörten ihm.

    Und der war für mich ein Totalausfall in jeder Beziehung! Mal abgesehen davon, dass er schon physisch nicht die Statur für diese Rolle hat, fand ich das stimmlich einfach nur enttäuschend. Die nötige Tiefe fehlte und war bestenfalls markiert vorhanden, ansonsten fehlte die Wucht und die Bass-Schwärze in der Stimme völlig. In der Uraufführung sang diese Rolle immerhin Schaljapin! (Ich habe Boris Christoff und Ulric Cold im Ohr, Kurt Moll hat diese Rolle auch gesungen.) Das war heute leider nur ein dröges Gesäusel, ohne Farben, ohne dynamische Differenzierung, nervös, mit klanglichen Problemen selbst in der Höhe - es war ein "Don Quichotte" ohne Don Quichotte...


    Wenn er beim großen Schlussjubel alleine auf die Bühne kam, ging die Lautstärke der Ovationen merklich zurück.


    (Noch schlimmer war nur der Juan!)

    die Handlung finde ich zäh (wegen oder trotz der Inszenierung?)

    wegen...

    Ebenfalls hervorragend war Clémentine Margaine mit ihrer satten, dunklen Mezzostimme, die in allen Registern präsent war.

    Aber zwischen dem oberen Register und dem Rest gab es doch einen Bruch, da waren viele harte und hässliche Töne dabei, die mit dem restlichen Klang wenig zu tun hatten. (Ungeachtet dessen war sie insgesamt zweifellos weit besser als ihr Ritter.)

    Stimmlich sicher und kraftvoll hat sich Seth Carico als Sancho Pansa und Pferd Rosinante in Personalunion präsentiert. Er gehört sicher zu den talentiertesten Sängern des Ensembles. Allerdings gefällt mir sein Timbre nicht so. Mir klingt die Stimme stellenweise zu hart.

    Mir gefiel er heute von den dreien mit Abstand am besten. Wäre er ein Bass und kein Bariton, wäre er von der Statur und auch von der stimmlichen Kraft und Präsenz her der ideale Titelinterpret gewesen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Für einige hier habe ich höchstens noch ab und an einen Smiley übrig...

  • Mal abgesehen davon, dass er schon physisch nicht die Statur für diese Rolle hat, fand ich das stimmlich einfach nur enttäuschend.

    Was ist den die richtige Statur für den "Ritter von der traurigen Gestalt"? Wenn man Illustrationen aus der Cervantes-Zeit zugrunde legt, sieht man meist einen großen, hageren Ritter neben einem kleinen, dicken Sancho Pansa. Das ist Esposito natürlich nicht, ein eher bulliger Typ wie Christoff entspricht dem allerdings auch nur bedingt. Ich meine mich zu erinnern, dass im Roman sehr häufig Bezug auf die dünnen Beine des Ritters genommen wird. Die Frage ist aber, ob man das in der Oper unbedingt so genau nehmen muss.

  • Lieber Stimmenliebhaber, lieber Kapellmeister, kann es denn sein, daß ein und derselbe Sänger zwei so unterschiedliche Tage hat? Es grüßt Hans.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Wenn man Illustrationen aus der Cervantes-Zeit zugrunde legt, sieht man meist einen großen, hageren Ritter neben einem kleinen, dicken Sancho Pansa.

    So ist es. (Nicht nur in den Illustrationen, sondern so steht es auch im Roman und so steht es auch mehrfach im Text der Oper.)

    Das ist Esposito natürlich nicht

    So ist es.

    ein eher bulliger Typ wie Christoff entspricht dem allerdings auch nur bedingt.

    Mag sein, aber trotzdem schon weit eher als Esposito. Ich habe Christoff in der Rolle natürlich nicht gesehen, kann mir aber z.B. nicht vorstellen, dass man ihm bei seinen Bühnenauftritten einen weit größeren Sancho zur Seite gestellt hätte. Da muss man einfach auch auf die Relationen achten. Wenn der Sancho natürlich zugleich das Pferd sein muss, auf dem der Ritter reitet, dann wird die Sache natürlich schwierig...

    (NB: Dass Boris Christoff ungeachtet seiner Statur die nötige Bühnenautorität gehabt hätte, um diese Rolle glaubhaft zu verkörpern, davon gehe ich aus, auch wenn ich ihn visuell nur durch einige Videos kenne.)

    Die Frage ist aber, ob man das in der Oper unbedingt so genau nehmen muss.

    Muss man? Muss man hinnehmen, dass in den Übertiteln die deutsche Übersetzung des Textes eingeblendet wird, der merhach die Statur des Ritter ziemlich konkret beschreibt? Und dass das gesehene dann so wenig dazu passt. Ist quasi wie Rigoletto ohne Buckel, was ja "in" ist, mich aber trotzdem nicht wirklich überzeugt. (Dass es stimmlich nicht passte, war weit schlimmer, das gebe ich gerne zu, aber das Optische kam dann eben noch obendrauf.)

    Lieber Stimmenliebhaber, lieber Kapellmeister, kann es denn sein, daß ein und derselbe Sänger zwei so unterschiedliche Tage hat? Es grüßt Hans.

    Ich weiß nicht, welche "Form" der Titelinterpret an anderen Tage hatte und ich weiß auch nicht, was der "Kapellmeister Storch" sich vom Interpreten der Titelpartie erwartet hatte, ich weiß nur, dass dieser Sänger mit seinen stimmlichen Möglichkeiten meine Ansprüche an diese Partie nicht erfüllen kann. Und dass es diesbezüglich auch schon andere kritische Stimmen gab. Diese zum Beispiel:


    https://onlinemerker.com/berli…r-don-quichotte-premiere/


    (wobei ich nicht verstehe, warum dieser Rezensent von der Rolle des "Sancho Panda" schreibt, und der von ihn erwähnte "Zauber" im Piano wollte sich gestern Abend nicht einstellen, da klang die Stimme auch im Piano unruhig, beinahe flackernd. Aber was er zur Applausabstufung bei der Premiere schreibt, war auch gestern Abend so. Carico bekam den meisten, der Titelinterpret unter den drei Protagonisten den wenigsten, zudem schien er mir selbst unzufrieden mit der von ihm erbrachten Leistung zu sein, so etwas kann man manchmal an Mimik und Gestik beim "Solo-Vorhang" des Betreffenden merken.)


    Das Wenige, dass in der Premierenkritik von Peter Uehling zu den Leistungen von Ritter und Diener steht, geht übrigens in die gleiche Richtung:


    https://www.berliner-zeitung.d…f-die-kellnerin--32629018


    Udo Badelt hat im "Tagesspiegel" das Problem mit diesem Titelinterpreten ebenfalls kurz und knapp auf den Pukt gebracht:


    https://www.tagesspiegel.de/ku…n-der-ebene/24409124.html

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Für einige hier habe ich höchstens noch ab und an einen Smiley übrig...