Horst Janssen. Große Kunst auf nichts als Papier

  • Bei Ausmisten der materiellen Überreste vergangenen Lebens, wie es einem das Alter gebietet und zur Last werden lassen kann, bin ich heute an Materialien Horst Janssen betreffend geraten Und als ich das alles gerade in der Papiertonne versenken wollte und kurz noch einmal einen Blick einen Text warf, der sich auf ihn und sein künstlerisches Werk bezog, kam in mir plötzlich die Frage auf, ob man diesen Grafiker und Zeichner, der wohl zu den Großen seines Faches im zwanzigsten Jahrhundert gezählt werden darf, nicht zum Gegenstand und Thema eines Threads hier im Tamino-Forum machen könnte.


    Was haltet ihr davon?
    Kennt jemand hier im Forum diesen Künstler und sein Werk, könnte dazu etwas in kommentierender Form beitragen und wäre möglicherweise interessiert daran, in ein Gespräch darüber einzutreten?


    Ich meinerseits fände das sehr schön, habe ich mich doch einmal in nun viele Jahre zurückliegender Zeit intensiv und auf gleich mehrfache Weise mit dem Menschen und Künstler Horst Janssen beschäftigt, nachdem ich durch verschiedene Artikel von Joachim Fest, der eine wunderliche Freundschaft zu ihm pflegte, auf ihn aufmerksam geworden war.
    Gern wäre ich bereit, das, was dabei herauskam, in einen solchen Thread einzubringen.

  • Lieber Helmut Hofmann,

    in den letzten Wochen hatte ich auch schon an Horst Janssen gedacht und mir dann darüber Gedanken gemacht, dass dieser große Künstler so ziemlich aus der Öffentlichkeit - zumindest aus meiner subjektiven Sicht - verschwunden ist. Aus meiner privaten Sicht kann er allerdings nicht entschwinden, weil ich eine Originalgrafik von ihm im Wohnzimmer hängen habe. Da ich Dich für einen Menschen von Kultur halte, gehe ich mal davon aus, dass Du der Papiertonne keine Janssen-Originale übergeben wolltest, sondern dass es sich um Veröffentlichungen über Janssen handelt.


    Natürlich weiß ich einiges über Horst Janssen, der nicht nur als Radierer Besonderes leistete, sondern auch ein nicht alltägliches Leben führte. Allerdings weiß ich über ihn doch viel zu wenig, denn dass es da eine Verbindung zu Joachim Fest gab ist mir völlig neu; zwar hatte ich vor Jahren Fests »Begegnungen« gelesen, aber inzwischen habe ich das Buch verschenkt und kann da nicht nachschlagen ...


    Ein Riesenärgernis war für mich der Besuch im Horst-Janssen-Museum zu Oldenburg; ein von außen gesehen architektonisch spektakulär aussehender Bau, aber drinnen konnte man uns - meine Frau war mit dabei - noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung vermitteln, was dieser Künstler in seinem Leben geleistet hat von Janssen-Arbeiten war da kaum etwas zu sehen, das war etwa vor zwei oder drei Jahren, vermutlich hatte irgendeine Sonderausstellung, deren Sinn sich uns nicht entschloss, die Janssen-Grafiken verdrängt.


    »Janssen, richtig aquarellieren kannst Du nicht!« Diese Provokation wollte Janssen nicht auf sich sitzen lassen und aquarellierte 1977/78 tüchtig drauf los; so entstand dann 1984 »PHŸLLIS«, ein Buch mit spärlichem Text und vielen Bildern. Aktuell möchte bei ebay jemand 580,00 Euro + 9,50 Euro Versand dafür haben ...

  • Schon hatte ich die Hoffnung aufgegeben, dass es eine Reaktion auf meine diesen Thread einleitende Frage geben würde. Mein Verdacht schien sich zu bestätigen, dass keiner hier im Forum diesen Horst Janssen kennt, obgleich es sich bei ihm um einen der bedeutendsten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts handelt. Sein jüngster Biograph, Henning Albrecht, schloss die Einleitung seines 2016 erschienenen Buchs ("Horst Janssen. Ein Leben", Hamburg 2016) mit den Worten ab:

    "Am Ende finden wir in Janssen doch (...) einen ariste maudit, verflucht und begnadet zugleich. Und ein genialisches, schreckliches Kind, einen sozialen Kretin und einen der größten Künstler des 20. Jahrhunderts." Und Joachim Fest, in dem Janssen seinen einzigen wirklichen Freund sah, meinte, er sei "ein Mensch, wie ihn keine Phantasie erdenken konnte".


    Ja, ich hatte schon aufgegeben, und dann lese ich Deinen Beitrag, lieber hart, - und bin nicht nur hoch erfreut, sondern auch erleichtert.

    Natürlich wollte ich nicht wegwerfen, was ich von und über Horst Janssen besitze: Sechs signierte Radierungen (eine zweifarbig) und eine Bleistiftzeichnung mit einem Original-Schmutz-Abdruck seines Nikotin-Fingers drauf. Und überdies alle von ihm herausgegebenen Bücher mit Abbildungen von seinen Werken.

    Woran zu erkennen ist:

    Dieser Mensch und Künstler hat mich fast zwei Jahre lang voll und ganz in Beschlag genommen. Und ich muss - ist wohl so eine Art Zwangsneurose - halt immer schriftlich in Worte zu fassen versuchen, was bei meiner Beschäftigung mit Kunst, Literatur und Musik herauskommt.

    Das hatte ich in der Hand, vor der geöffnete blauen Tonne stehend. Und darunter war - halte Dich fest - ein veritables abgeschlossenes Roman-Manuskript, - 150 DINA4- Seiten mit dem Titel "Aber der Himmel Papier". Die Handlung dreht sich um eine Figur, die Horst Janssen darstellt.

  • Es ist wohl in der Tat – und nicht nur aus der subjektiven Sicht von hart – so, dass dieser große Künstler, der zu seinen Lebzeiten einen hohen Bekanntheitsgrad genoss, aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden ist. Die Tatsache, dass es hier außer dem – dankenswerten - Beitrag von hart keine weiteren Äußerungen über ihn gab, darf wohl durchaus als Indiz dafür gewertet werden.

    Und so denke ich denn, es könnte ganz sinnvoll sein, diesen Thread zur Vermittlung einiger Informationen über das Leben und das künstlerische Schaffen von Horst Janssen zu nutzen. Dies in der Hoffnung, dass dadurch vielleicht Interesse an diesem – tatsächlich bedeutenden – Künstler geweckt wird.


    https://de.wikipedia.org/wiki/…stJanssenPortr%C3%A4t.jpg

  • Horst Janssen.
    Chronologischer Abriss seines Lebens und künstlerischen Schaffens und Gedanken zum Verständnis seines Werks


    1950/51: In dieser Zeit schuf Janssen etwa 40 Holzschnitte, mit deutlicher Orientierung an Edvard Munch. Motive: Tierdarstellungen und immer wieder das Thema Mann und Frau. Darin sind die Spannungen reflektiert, die er in seiner Beziehung zu Gabriele (Frau von Fritz Gutsche) erlebte. Typisch der Holzschnitt Mann und Frau vor der Gesellschaft. Mit dem Holzschnitt hat Janssen zu seinem eigentlichen Ausdrucksmittel gefunden: der Grafik. Die Grafik erzwingt als künstlerisches Medium einen Abstand zu den unmittelbaren Empfindungen, die ein darzustellendes Objekt im Künstler auslöst.

    These:

    Um von seiner starken Emotionalität und Egozentrizität hin zu künstlerischem Ausdruck finden zu können, braucht Janssen die distanzschaffende Grafik.
    Später (1956/57) neben Schwarz-Weiß -Holzschnitten auch Farbholzschnitte. Hier schon ein typisches Stilmerkmal erkennbar: Das Arbeiten mit eng geführten schraffierten Linien, die einen Flächeneffekt erzeugen, der von einer scharfen umgrenzenden Linie eingefangen wird. Typisches Beispiel: Der Farbholzschnitt „Zwei Schwestern“ (1957). Die „Strichelmethode“ wird später bei seinen Zeichnungen ins Extrem getrieben, wobei dann die für die Grafik erforderliche scharfe Begrenzungslinie immer mehr wegfällt.

    1952: Janssen beginnt mit der Lithografie. Gelegenheit zum Lithopressen hatte er aber erst in der Papierfabrik von Guido Dessauer in Aschaffenburg (1954). Hier erkennbar seine Neigung, den Ausdruck etwa eines Frauengesichts dadurch zu steigern, daß die Schulterpartie leicht nach innen gekrümmt wird (Beispiel: Lithographie „Helga Gatermann“, 1954). Diese Technik entwickelt Janssen bei seinen Radierungen später weiter.

    1956/57: Es liegen zwei Dutzend Holzschnitte vor. Im Unterschied zu der üblichen Technik, große schwarze Flächen zu kombinieren, löst Janssen die Flächen in feine Muster mit unterschiedlichen Hell-Dunkel-Werten auf, so daß die Drucke sehr belebt und von innerer Bewegung erfüllt wirken (Beispiel: „große Schlittschuläufer“, 1957).

    1957/58: Einstieg in die Technik der Radierung. Die Anregung kommt von Paul Wunderlich. Janssen entwickelt aus der Technik und dem Material die ihm gemäße Erzählung. Auffallend der Witz, der von vornherein in seinen Radierungen erkennbar ist. Im Zeitalter der Abstraktion und des Tachismus arbeitet er von Anfang an gegenständlich und bleibt dabei. Es entstehen, bedingt durch die Technik, Figuren, die es vorher bei ihm nicht gab. Er filettiert den Körper und setzt ihn aus seinen anatomischen Elementen neu zusammen, wobei er ganz bewußt Disproportionen und Verzerrungen anstrebt, um den künstlerischen Ausdruck zu verstärken und den Figuren innere Dynamik zu geben.

    Auffällig bei den großen Radierungen von 1958: Hoher technischer Aufwand, die Schraffur dominiert, neben langen, parallel geführten Strichen auch ein Gewusel von sehr kurzen, das bewußt plaziert wird, um bewegte Flächeneffekte zu erzeugen; die Deformation der menschlichen Figur dient der Steigerung der Dynamik. Janssen legt größten Wert darauf, daß seine Radierungen nicht statisch wirken, sondern voll von innerer Bewegung sind (Beispiel: „Promenade“, 1958).

    These:

    Typisch für Janssen ist ein hoher Audruckswille, der wohl in seiner von extremen Gefühlsschwankungen geprägten Egozentrizität wurzelt. Er will sich immerzu artikulieren, hat ständig etwas mitzuteilen. Daher von allen Zeitgenossen bestätigte Redseligkeit. Er dominiert jedes Gespräch, verlangt Anerkennung und Bestätigung, und wenn sie ihm nicht zuteil wird, kann er aggressiv werden. Von daher auch erklärlich seine schriftstellerische Tätigkeit, die große Zahl von Buchveröffentlichungen, und schließlich auch die Tatsache, daß er über 1000 Selbstporträts geschaffen hat.
    Gut künstlerisch zum Ausdruck gebracht wird Janssens überdimensionales Mitteilungsbedürfnis durch die kolorierte Radierung „Unter der Oberfläche“ (Oktober 1982) (s.u.!): Ein großer Vogel sprengt ihm die Hirnschale und will davonflattern. Hierzu ein Bericht des mit ihm befreundeten Juristen Erich Meyer-Schomann. Janssen soll um 1980 herum folgendes gesagt haben:
    „Du mußt dir einfach meinen Kopf als brodelnden Suppentopf vorstellen. Wenn ich den Deckel nicht ständig lüfte und Dampf ablasse, dann explodiert mir die Chose.“ ( An und für ihn, S.290).

    Erklärlich wird von daher auch seine Gegnerschaft zur Moderne. Er muß(!) gegenständlich zeichnen, weil nur die menschliche Gestalt und die reale Welt, die den Menschen umgibt, Medium sein kann, mit dem für ihn existentiell relevante Aussagen gemacht werden können.
    In der Art, wie der Mensch, und vor allem sein Gesicht, künstlerisch gestaltet wird, soll zum Ausdruck gebracht werden, was Menschsein heißt und in welchen Formen es sich existentiell verwirklicht. Die Landschaftsbilder, die Fülle der Gegenstände, die die menschliche Welt ausmachen (bis zum Hemden- und Hosenknopf!, siehe Novemberbuch!), die Porträts, die immer wieder aufs neue variierten Totentänze, - all das reflektiert für ihn die ganze Bandbreite menschlichen Erlebens und Seins. Die für ihn elementare und beängstigende Bedrohung menschlichen Seins durch den Tod konnte er nur mit menschlichen Gestalten und zur menschlichen Welt gehörigen Gegenständen künstlerisch zum Ausdruck bringen.
    Mit den Strukturelementen der informellen Kunst wäre ihm das nicht möglich gewesen. Sie können seinem Ausdruckswillen nicht genügen, sind letzten Endes untauglich. Um die Bedrohtheit jeglicher Form durch die Vergänglichkeit darzustellen, ist Form als Ausgangspunkt erst einmal nötig. Janssen braucht sein Gesicht, um in „Hannos Tod“ die Vergänglichkeit des Menschen sichtbar und erlebbar werden zu lassen. Immer wieder hat man, besonders bei seinen Radierungen, den Eindruck, daß Janssen alles daran setzt, dem Betrachter regelrecht unter die Haut zu gehen.

    1959: Kleine Radierungen: „Nana-Mappe“ (11 Radierungen) = Erste Gruppe, die als Serienwerk erschien (erotische Motive dominieren). Im Lauf der folgenden Jahre entstanden insgesamt 47 Radierungszyklen (1995 in einem Werksverzeichnis katalogisiert). Außerdem 1959: Aquarelle, Lithos, Zeichnungen. Eine Besonderheit: Die „Telefonradierungen“, Zufallskritzeleien, mit denen er die von Dubuffet ausgelöste Welle der naiven „art brut“ aufgriff. Die früher strenge Linienführung löst sich in scheinbare Wirrnis auf. Janssen sucht die authentische Situation, in der er seinem zeichnerischen Spieltrieb freien Lauf lassen kann. Das zur gleichen Zeit auftauchende Vorhaben, die Ölmalerei wieder aufzugreifen, wird nicht verwirklicht.

    Janssen befindet sich zu dieser Zeit in einer Experimentierphase. Er nutzt die bildnerischen Mittel der Moderne, um sich in seiner ganz anderen künstlerischen Orientierung weiterzuentwickeln. Bisher war bei seinen Radierungen die Flächenätzung an die Zeichnung gebunden. Mit dem weitgehend der augenblicklichen Eingebung überlassenen Gekritzel der „kleinen Radierungen“ löst sich die Flächenätzung von der Fesselung an die Zeichnung. Von da an kann sich die Spannung zwischen Zeichnung und Flächengestaltung, die Janssens Radierung so herausragend macht, frei entfalten.

    60er Jahre

    1961: Ausstellung von Farbholzschnitten unter dem Titel „Arbeiten Herbst 1961“. Rückkehr zu großen Formaten. Sie zeichnen sich durch stärkere, aber auch sehr differenzierte Farbigkeit aus. Im Jahr 1962 keine Ausstellung, obwohl er immerzu gearbeitet hat (Radierungen, Zeichnungen, Lithos, Aquarelle). Im Herbst 1960 hatte er Verena geheiratet. Während der Ehe mit ihr entwickelt Janssen die Technik der Bleistiftzeichnung zum Höhepunkt.

    1963: Unter dem Titel „Neue Handzeichnungen“ stellt Janssen im November (in der Warburgstraße) die Arbeiten der letzten Jahre vor. Neu und überraschend war die Abkehr von der klaren Umrißlinie. Die Figuren und Gegenstände werden mit winzigen, mit spitzem Bleistift eng nebeneinander gesetzten Strichen von innen heraus entwickelt. Durch weitere und engere Führung dieser winzigen Striche entstehen Licht- und Schatteneffekte und damit auch Konturen.
    Alles, was dargestellt wird, gewinnt auf diese Weise eine in der Bleistiftzeichnung bisher nicht gekannte Dynamik. Janssen setzt, besonders bei der Darstellung der menschlichen Gestalt, wieder die Technik der Verzerrung und der Neukomposition von Gliedmaßen ein, um diesen von der Zeichentechnik her schon gegebenen Dynamik-Effekt zu erhöhen (Typ. Beispiel: „Pique Dame“, 1963).

    An der Zeichnung „Zwei Mädchen“ (1964) (s.u.!) lässt sich gut die Eigenart der Janssenschen Zeichenkunst, wie überhaupt sein ganzer künstlerischer Stil ablesen. Die Art, wie die weibliche Figur zeichnerisch dargestellt ist, hat etwas Gewaltsames. Die Glieder werden verbogen, verzerrt und zu anatomisch skurrilen Gebilden kombiniert. Das Ganze gewinnt dadurch eine ungewöhnliche Dynamik.
    Der Betrachter fühlt sich in die Bewegung, die das Ensemble der Gliedmaßen ausstrahlt, förmlich hineingezogen. Man hat den - für Janssen typischen! - Eindruck, daß der Künstler einen förmlich nötigt, die Dinge mit seinen Augen zu sehen, und zwar nur mit seinen Augen. Die Innenspannung des Bildes wird noch dadurch gesteigert, daß von rechts eine verknöcherte Hand hineinragt und sich in das weiche Fleisch zu graben scheint.
    Ins Extrem getrieben wird diese auf ein gewaltsames Sich-selbst-Ausdrücken in der Konzentration auf das Motiv des weiblichen Arms im Jahr 1969. Janssen scheint hier seine Seelenqual im Zusammenhang mit der Trennung von Verena regelrecht aus sich herauszuschreien.

    Das grundlegende Theorem der Moderne, daß der Rezipient von Kunst mitschöpferisch tätig sein muß, daß in der Kommunikation zwischen künstlerischem Produkt und Betrachter das Kunstwerk in seiner spezifischen Aussage erst entsteht, ist für Janssen inakzeptabel. Er hat als Künstler etwas zu sagen, und das bringt er dem Betrachter mit all den künstlerischen Mitteln, über die er verfügt, so nahe wie möglich.

    Die Mittel sind hier die das Papier förmlich zum Beben bringende Feinstrichtechnik und das gewaltsame Verzerren der weiblichen Anatomie. Der Betrachter kann demgegenüber nicht distanziert bleiben. Er wird in die dem Kunstwerk inhärente Dynamik hineingezogen. Der Begriff „Neue Häßlichkeit“, in der Kunstkritik damals auf Janssen angewendet, wird seinen künstlerischen Intentionen nicht gerecht.
    Mit seinen Zeichnungen wird Janssen in den sechziger Jahren deutschlandweit bekannt. Die Ausstellung in der Kestnergesellschaft 1965 wandert durch fast alle große Städte Deutschlands bis hinunter nach Basel.
    Weitere Arbeiten in den sechziger Jahren: Dichterporträts, sieben Blätter mit dem Titel „Von der Traurigkeit zur Hoffnung“, Plakate, Poster, Postkarten.
    Die künstlerische Phase der Feinstrichzeichnung erschöpft sich bei Janssen gegen Ende der sechziger Jahre. Er gerät wieder einmal in eine tiefe Krise, mit all den für ihn typischen Folgen.

    70er Jahre

    Janssen wendet sich der Landschaft als neuem Thema zu. Die Hinwendung setzt 1969 ein und ist eng mit Gesche verbunden, mit der er eine ganze Reihe von Reisen unternimmt. Die Landschaft als Gegenstand der künstlerischen Gestaltung war in der damaligen Zeit ein großes Wagnis: unmodern! Er sucht (in seinen eigenen Worten) „nach einem Gegenstand, in dem das Selbst sich verlieren kann“.
    Techniken: Bleistift- und Farbstiftzeichnung, Radierung, Aquarell, lavierte Federzeichnung. In diesem Zusammenhang entdeckt er den japanischen Maler Katsushika Hokusai, der starken Einfluß auf ihn ausübt ( àsein Buch „Hokusai´s Spaziergang“, Hamburg 1972 / weitere Bücher zum Thema Landschaft: „Norwegisches Skizzenbuch“, 1973; „Landschaft“, 1974; „Tessin“, 1972; „Minusio“, 1973).

    Das „Zeichnen nach der Natur“ versteht Janssen als einen Akt der Selbstbefreiung, als Ausbruch aus einem Gefängnis, in das er, wie er meint, in der letzten Zeit geraten ist. Er will in der Begegnung mit der Natur die Unmittelbarkeit des schöpferischen Prozesses zurückgewinnen.
    In seinen Worten: „Wenn ich also landschaftere, da gehe ich nicht nur in die Landschaft - da gehe ich ein in die Landschaft. Das ist nicht Kopfsache - das greift in alle Organe.“ Landschaft wird für ihn zu einer „Lebensform“.

    Zeichnen nach der Natur ist aber nicht einfach Abbilden von Natur und Landschaft. Wie alles bei Janssen sind auch seine Landschaften durchweg Inszenierungen. Die Inszenierung spielt in Janssens Leben und in seiner Kunst eine zentrale Rolle. Als Mensch und Künstler inszeniert er sich immerzu selbst. Er zwingt seinen Mitmenschen auf, wie sie ihn zu sehen haben: in den Rollen, die er in bestimmten Situationen jeweils spielt. Auch die Landschaften der siebziger Jahre sind aus Natur- und Landschaftselementen komponierte Inszenierungen, in denen Janssen vorgibt, wie nach seiner Meinung Natur zu sehen ist. Er nötigt dem Betrachter auch hier wieder eine bestimmte Sichtweise auf, nur nicht mit der „Gewaltsamkeit“, in der er das in seinen Zeichnungen der 60er Jahre tat. Die Landschaftsbilder weisen eine bei Janssen neue und ungewohnte Zartheit auf, vor allem wenn sie laviert oder aquarelliert sind.

    Die Radierung „Große Landschaft“ (1970) (s.u.!) lässt erkennen, wie Janssen eine Landschaft komponiert, um den von ihm intendierten Eindruck von Weite und Leere zu erreichen.
    Der Horizont wird so tief gelegt, daß der Himmel fast zwei Drittel der Bildfläche einnimmt. Er wirkt als weiter leerer Raum, in dem sich keinerlei begrenzte Konturen finden. Das schwarze Gebilde oben ist wohl ein Radierfehler. Aus einer unruhig gewellten und teilweise sogar zerklüfteten Landschaft ragen bizarre Gebilde schwarz in diesen Himmel: Eine ferne Galerie von schwarzen Weidenstämmen, deren blattlose Äste wie spitze Nadeln in den leeren Himmel stechen. Das dunkle Gebilde im linken Vordergrund ist wohl auch eine Krüppelweide, die, wie alles
    auf diesem Bild tot wirkt. Ein Ast ragt seitwärts heraus, wirkt wie verkrüppelt und scheint sich regelrecht auf den Boden zu stützen, um Halt zu finden. Alle Gebilde, die dieses Bild aufweist, wirken kantig, scharf konturiert, bizarr und vor allem so spitz, daß man meint, sich zu verletzen. Offensichtlich, und darin liegt eben das Element der Inszenierung, soll ein regelrecht in die Augen stechender Kontrapunkt zu der Weite und Leere des Himmels gesetzt werden, der mit der Intensität, die von ihm ausgeht, gleichsam die Evokation der vom Künstler gewollten Aussage bewirkt.

    Befreiung, Öffnung, Ausbrechen, - das heißt in dieser Zeit für Janssen auch: Kopie. Gerhard Schack und Joachim Fest vermitteln ihm einen Zugang zu den großen Epochen der europäischen Kunst seit der Renaissance, und Janssen erschließt sich das Werk großer Maler durch die Kopie ( à Quartband Kopie, 1977).
    Er tut das auf seine Weise: Bei aller Orientierung an der Vorlage legt er in fast alle Kopien eine gehörige Portion Janssen. Typisch etwa die „Allegorie der Fruchtbarkeit - nach Botticelli, in der eine in der Manier von Botticelli gezeichnete Dame ein Kind an der Hand führt, das den Kopf von Janssen trägt. Insofern er sich damit auch bestimmte Zeichentechniken aneignen will, versteht er einen Teil seiner Arbeit als „Quasi-Mundraub“.

    1971 entsteht Hokusai´s Spaziergang“, eine Folge von Radierungen, in denen Janssen die Technik der Radierung weiterentwickelt und die Zeichnung in so scharfen Konturen anlegt, daß die Flächenätzung, als ihr Gegenpol, eine deutlich höhere Aussagekraft gewinnt. Das grundlegende Verfahren ist dabei, nicht von der rahmenbildenden Zeichnung auszugehen, sondern die Radierung von innen heraus zu modellieren.

    1972: „Hannos Tod“. In allen Phasen seines Schaffens, so auch in der 70er Jahren, spielt das Selbstbildnis eine große Rolle. Janssen hat über tausend Selbstporträts gezeichnet und radiert, ein in der Kunstgeschichte einmaliger Sachverhalt. (Eine Auswahl im Quartband „Selbstbildnis 1945-1993).
    Die Gründe dafür sind vielfältig. Es geht wohl einerseits um einen immer neuen Anlauf zur Selbstfindung in den Phasen starker seelischer Erschütterung. Im Buch „Selbstbildnis“ bekennt er, daß es ihm nicht gelungen sei, sich selbst zu erkennen. Ein ebenso starkes Motiv ist aber wohl in Janssens ausgeprägter Neigung zur Selbstinszenierung zu finden. Er will seinem Publikum sagen: Seht her, das alles kann ich sein. Ich kann ein gigantischer Säufer sein („Selbst Suff“, 1964), ein ausgelassen fröhlicher Mensch („Selbst singend, 1965) oder einer, der keinem Konflikt aus dem Wege geht („Selbst dramatisch“, 1965).
    Originaltext Janssen: „Vor der Todesangst versage nur ich nicht. Ich sage: Tod, kannst du nicht schon heute kommen? Aber wie ich in der Zeitung lese, auf den Seiten mit den Traueranzeigen - der Tod ist gerade beschäftigt.“
    In „Zeichnungen“ (1970) weist er darauf hin, daß „eine komödiantische Veranlagung“ ihn in den Stand setze, „mir mein Gesicht nach Bedarf ganz überzeugend mal heiter-jung, mal melancholisch, mal wild und ein anderes Mal wildverwüstet-aufgeschwemmt und geradezu aufregend erscheinen zu lassen“.

    In „Hanno´s Tod“ (27 Radierungen, die, auf Anregung von Joachim Fest hin, in sieben Tagen entstanden, Dezember 1972) geht es um Vergänglichkeit und Tod, ein Thema, das Janssen ebenfalls durchgehend beschäftigt, ja sogar gequält hat.
    Die Radierfolge lässt wieder den starken Ausdruckswillen Janssens erkennen. Unter Einsatz aller technischen Mittel der Radierung will er den Betrachter erschüttern. Durch eine zunehmend fließende Linienführung lässt er die Konturen seines Gesichts mehr und mehr zerfließen, bis nur noch ein skelettierter Schädel mit ein paar daran hängenden Hautfetzen übrigbleibt.

    1973: Mit dem Auftritt von Bettina wendet sich Janssen von der Landschaft ab und wieder der Figur zu. Er beginnt im Februar 1973 mit der „Bettina-Suite“ (Radierungen), die erst 1975 abgeschlossen wird. Ebenfalls 1973 beginnt er den „Füssli-Zyklus“ ( 36 Radierungen ), der auch erst 1975 abgeschlossen wird. Auffällig ist, daß in stärkerem Maß als bisher erotische Motive in die Radierungen Eingang finden. In die Jahre 1973/74 gehört auch die Radiersuite „Caspar David Friedrich“.

    1973/74: Radierzyklus „Caprice I“ - Thema: Tanz. Auf dem letzten Platz erscheint der Tod im Solotanz. Das Thema wird fortgesetzt mit dem Zyklus „Totentanz“ ( 11 Blätter ). Es geht Janssen um die wüste Dramatik, die für ihn im Geschlechterkampf liegt, und er steigert diese Dramatik dadurch, daß er den Mann als Knochengerippe auftreten lässt. Das Thema „Alter Mann und junges Mädchen“ rückte offensichtlich durch die Begegnung mit Bettina in das Zentrum seiner Arbeit.
    Es ist unübersehbar, daß Janssen die vielen Frauen, die er an sich herangezogen hat, als Stimulans für seine künstlerische Produktivität verwendete. Scharf formuliert: Er gebrauchte und verbrauchte sie. Danach stieß er sie ab. Janssen ( in „Hinkepott“ , 1987 - 1.Band seiner Autobiographie): „Ich wütete kritzelnd und gravierend und ätzend los und die Stimulanzen wurden mir von den niedlichsten Weibchen wiederum aller Zeiten und Welten geschenkt“.

    1975: Das „November-Buch“ erscheint (zu einem der schönsten Bücher des Jahres gewählt). Es war bereits 1974 entstanden und ist Birgit Jacobsen gewidmet. Es enthält Texte, Zeichnungen und Collagen.

    1976: Der „Swanshall-Zyklus“ ( 60 Blätter ) erscheint, von Frielinghaus gedruckt und offensichtlich auf ihn zugeschnitten. Janssen hat sich (wie schon im „November-Buch“) der kleinen Form und dem Stillleben zugewendet. Auch dahinter steht wieder eine Frau: Birgit Jacobsen, die er im Januar 1974 kennenlernt. Das Buch „Swanshall“ erscheint 1977. Die Hinwendung zu den kleinen Dingen (eine Nußschale, ein Stück Holz, vertrocknete Blumen, Kieselsteine usw.) bedeutet nicht eine Abwendung von der großen Welt im Sinne einer Flucht. Janssen spielt mit den Formen der kleinen Objekte und entwickelt aus ihnen Linien und dynamische Strukturen, die an große Landschaften erinnern.
    Im Dezember 1976 erscheint die „Molière-Suite“, Selbstbildnisse in Form von (fast ausschließlich) Kaltnadelradierungen.

    Ab 1977 begann er mit kleinen Aquarellen und veranstaltete am Ende des Jahres eine Ausstellung in seinem Haus. Die Aquarellarbeiten wurden 1978 fortgesetzt. Im Gegensatz zu früher lässt er jetzt Farben scheinbar unkontrolliert aus- und ineinanderlaufen und entfernt sich damit weit von der alten Mahlau-Technik des Aquarellierens.
    1978 macht das Stadtmuseum Oldenburg eine Ausstellung von Janssen-Plakaten. Es waren damals 76. Nach weiteren vier Jahren hatte er schon die doppelte Menge zustandegebracht.
    1979 beginnt er wieder mit dem Zeichnen. Hauptthema: Stillleben. Im Gegensatz zu früher wählt er aber nicht mehr vertrocknete Blumen, sondern frisch erblühte. Um einen angemessenen Farbeffekt zu erreichen, setzt er Buntstifte ein.

    80er Jahre

    1980 erscheint eine Selbstbild-Kassette mit 17 neuen Radierungen. Zuvor schon, aus Anlaß seines 50. Geburtstages wurde das Buch „Ergo“ veröffentlich (mit fast hundert Selbstporträts mit eingeschobenen Texten).

    1980: Drei große Radierserien:
    1. „Nigromontanus“ (Ernst Jünger zum 85. Geburtstag gewidmet),
    2. „Caprice 2“ (angeregt durch Rothschild kopiert er auf 17 großen Radierungen französische Berühmtheiten des 17. Und 18. Jhs.),
    3. „Evelyn“ (71 Radierungen für eine Ausstellung in der Galerie von Evelyn Hagenbeck, Oktober 1980).

    1981: Mit dem „Wiedensahler Totentanz“, der „Mortadito-Serie“ und sechs großen Blättern (alles Zeichnungen) ist Janssen wieder bei seinem Lieblingsthema, dem Totentanz, in dem Gerippe in grotesken Verrenkungen ineinander verschränkt sind.
    Dahinter steckt seine, jetzt mit dem Alter noch wachsende, Angst vor dem Tod, die nicht nur zu permanenter künstlerischer Beschäftigung mit dem Thema führt, sondern auch zu einem schon brutal zu nennenden Umgang mit seiner Gesundheit. Man kann das, wie so vieles in Janssens Verhalten, als eine infantile Reaktion verstehen. So wie er immerzu von allen geliebt werden will, und dieses Liebe oft mit allen Mitteln erzwingt und immer aufs neue auf die Probe stellt, so will er wohl auch mit dem ruinösen Strapazieren seiner Gesundheit zeigen: Siehst du, Tod, einen Janssen schaffst du nicht so einfach.

    Deshalb will er auch, wenn schon, dann von eigener Hand sterben. Das war für den 30.1.1980 geplant und angekündigt. Das Jahr 1979 nannte er sein „Suizidaufbaujahr“. Zu dieser Zeit verwandelt sich seine Wohnung in eine gigantische Mülldeponie und er macht äußerlich den Eindruck eines Menschen, der langsam völlig vergammelt.
    Zum Thema „Infantilität“ bei Janssen: Er sagt von sich selbst in Hinkepott (1987): „Ich zeichnete liebend und liebte zeichnend und da war kein Platz in der Zeit, wo ich endlich hätte ein Mann werden können.“

    Menschen aus seiner engeren Umgebung bezeugen, daß er es liebte, Mit „der Größte“, „I A“ und „Gottvater“ angesprochen zu werden. Das klingt nach Selbstironie, jedoch deutet vieles in seinem Verhalten darauf hin, daß er das doch in gewissem Maß ernst nahm.
    Johann M. Burchard, der Psychiater, der Janssen 1974 behandelt hat, bemerkt: „Sein Kreativgenie geht seinen Stil und verwandelt alles, jedes opus will sagen: Hier bin ich, seht mich, habt mich lieb. Und: Ich bin groß, der beste der Liebste. ... Er liebt und will Nähe als Symbiose. In Taxis, Kneipen, Läden lässt er Geldscheine regnen. Seine Allmacht wird manifest.“ (An und für ihn, S.197f.)

    1981 entstehen auch weitere Bücher: „Anmerkungen zum Grundgesetz“ , „Angeber Icks“ und „Querbeet“. Mit 36 Jahren hatte Janssen seine ersten kleinen Texte veröffentlicht und seitdem ein Buch nach dem anderen herausgegeben (insgesamt an die hundert Veröffentlichungen).
    Seine Sprache ist so originell wie seine Kunst: Er formuliert spontan, aus dem Bauch heraus, ohne große Rücksicht auf Syntax und flüssigen Stil und gebiert dabei viele Wort-Neuschöpfungen. Diese immense schriftstellerische Tätigkeit ist wieder als Hinweis auf sein niemals erlahmendes, gewaltiges Mitteilungsbedürfnis zu verstehen, das auch wohl der tiefste Quell seiner künstlerischen Produktivität ist.

    Zu behaupten, Janssen sei nicht nur „der Meister von Stift und Pinsel“ gewesen, mindestens ebenso habe er die Sprache beherrscht, wie das etwa Manfred Bissinger tut (An und für ihn, S.300) ist wohl unangebracht. Beim Schreiben fehlt ihm offensichtlch das, worüber er als bildender Künstler in vollendeter Form verfügt: die handwerklichen Fähigkeiten. Er lässt seine Augenblicksgefühle einfach unkontrolliert in die Sprache purzeln. Dabei kommt manchmal Überraschendes und Originelles heraus, aber zuweilen (wie in seiner Kunst nie!) Peinliches. Beispiel: „Andererseits ist alles voll Annettchen. Wo ist meine >Fluchtmöglichkeitdanach< - WENN!???“ (Laokoon, S.18/19).

    1982 erscheint der Zyklus „Paranoia“ und das gleichnamige Buch, in das 40 Blätter aus der Serie aufgenommen sind. Es handelt sich um mit Pastellfarben und Buntstift kolorierte Zeichnungen (Selbstporträts), die mit zu dem Bedeutendsten gehören, was Janssen geschaffen hat. Während er sich in der Molière-Suite in äußerlichen Kostümierungen darstellt, kann man die Zeichnungen der Paranoia-Serie als Selbstporträts in seelischen Masken verstehen, in denen sich sein Lebensgefühl zu dieser Zeit ausdrückt. Die Bilder weisen eine bei Janssen ungewohnte Farbigkeit auf. Er will mit diesem Mittel die ohnehin hohe Expressivität seiner Selbstporträts noch steigern. Deshalb auch häufig ungewöhnliche und stark kontrastive Farbkombinationen.

    1983: Radierserie „Das Pfänderspiel“. Mit dem gleichnamigen Buch, in die sie eingearbeitet ist, reagiert Janssen auf die politische Situation 1982/83 (atomares Wettrüsten). Zu diesem Thema veröffentlicht er auch einen Aufsatz in der „Zeit“.

    1984 erscheinen die Serien „Phyllis“, „Die Litze“ und „Brief an Miriam“. Es geht dabei um das Thema Erotik, neben dem Totentanz der zweite, von ihm immer wieder gestaltete Themenschwerpunkt. Bei „Phyllis“ und „Die Litze“ (beide als Buch erschienen) handelt es sich um lavierte Bleistift- und Tuschezeichnungen, bei „Brief an Miriam“ um 27 Radierblätter. Das Liebesspiel wird in immer wieder neuen Varianten von, wie üblich bei Janssen, völlig verdrehten und mit Knochen und Körperteilen angereicherten Stellungen von einzelnen Paaren dargestellt.
    In den 14 Radierungen „Postscriptum“ arbeitet Janssen wieder mit Skeletten, diesmal aber mit ausgeprägt heiterem Akzent.
    1984 erschien auch der Radierzyklus „Dosen und Steine“, in dem sich Janssen wieder den kleinen Gegenständen zuwendet, dabei aber seine ganze Kunst der in Schattierungen abgestuften Strich- und Flächenätzung entfaltet.
    1984 wurde der Radierzyklus „Eiderland“ begonnen, 1985 abgeschlossen. Es sind vorwiegend kleine Formate, ganz auf Frielinghaus und seine Vorliebe für farbige Papiere zugeschnitten.

    1985: Zu dem Buch von Joachim Fest „Der tanzende Tod“ schafft Janssen eine Totentanzfolge mit dem Titel „The time after“. Es handelt sich um 36 lavierte Zeichnungen, von Janssen als „Radiervorlage“ bezeichnet. Eigentlich hatte Fest Radierungen erwartet. Zum Thema Totentanz hält Janssen am Neujahrstag 1986 einen Vortrag in der Lübecker Kirche St. Marien.
    In diesem Jahr wendet sich Janssen (auf Anregung von Hans-Jürgen Heitmann) wieder der Lithographie zu. 1985 und 1986 entstehen insgesamt 84 Lithographien, zusammengefaßt unter dem Titel „Tinsdaler Steindruck“. Sie wurden nicht in der geplanten Auflage von 100 Exemplaren ausgedruckt, existieren nur in wenigen Stücken, zum Teil allerdings koloriert. Siebzehn dieser Drucke beziehen sich auf seine Tochter Lamme, die inzwischen zu ihrem Vater zurückgekehrt ist und bei diesem künstlerisch inspirierend wirkt.

    1986: Janssen schafft eines seiner großen Meisterwerke: die 24 großformatigen Radierungen, die unter dem Titel „Laokoon“ erscheinen. In Buchform erscheinen sie (im Gertrudenformat) mit dem Titel „Laokoon - Die Bäume der Annette“. Sie sind, wie alle großen Werke Janssens, die künstlerische Reflexion der Beziehung zu der noch sehr jungen (erst zwanzigjährigen) Annette Kasper aus Pforzheim, entstanden allerdings erst nach der Trennung von ihr.
    Über die Empfindungen, die die Beziehung zu ihr bei ihm ausgelöst hat, schreibt er das Buch „Swanshall verkehrt“ (1987). Der Trennungsschmerz schlägt sich in bizarr ineinander verschlungenen Baumästen nieder, die allesamt, in der Art wie sie gebogen sind, die Form eines A bilden. Die extrem und fast schon unnatürlich ineinander verschlungenen Radierlinien und -flächen lassen wieder die für Janssen typische Gewaltsamkeit erkennen, mit der er seinen Schmerz hinausschreit und dem Betrachter förmlich aufzwingt. Der Titel „Laokoon“ erklärt sich von daher.

    Wie immer bei ihm wird Natur nicht einfach abgebildet, sondern in ihren Formen und Gestalten dem situationsspezifischen Ausdruckswillen dienstbar gemacht, ohne daß allerdings ein Schritt zu weit in die Abstraktion vollzogen würde. Die Grundform von Baum und Geäst muß erhalten bleiben (genauso wie die einer menschlichen Gestalt oder eines Gesichts), damit die künstlerische De-Formation die Expressivität entfalten kann, die Janssen haben will, um beim Betrachter die intendierte Wirkung zu erzielen.
    In den 80er Jahren erscheint eine ganze Reihe von Büchern, 1988 der Band „Frauenbildnisse“, 1989 „Landschaften“ und noch weitere sieben Bücher. Ferner erschien 1989 der zweite Band seiner Autobiographie („Hinkepott 2“ ), eine Sammlung von Briefen an Johannes Gross. Ebenfalls auf 1989 datiert: „Caprice“, eine Sammlung von Zeichnungen und Notizen auf altem, teilweise fleckigem und löcherigem Papier.

    90er Jahre


    Im Mai 1990: Janssens „Söllersturz“ mit einer Erblindung durch Verätzung der Augen mit Säure. In den folgenden Monaten mühsames Kämpfen um Augenlicht und die Fähigkeit, wieder zeichnen zu können. Neue Inspiration durch Heidrun Bobeth.
    1990 erscheint „Bobethanien“ ( Heidrun Bobeth gewidmet), eine Sammlung von beinahe 100 aquarellierten Federzeichnungen mit Landschaftsmotiven. Auffällig die für Janssen ungewöhnlich starke Farbgebung. Dahinter steht wohl die Freude über das halbwegs wiedergewonnene Sehvermögen. Auch hier wieder, wie in „Laokoon“, eine starke Bewegung in den natürlichen Formen, ineinander verschlungene Äste und Zweige, bizarr verzerrte Bäume, - Janssens Landschaften sind unübersehbar Seelenlandschaften von starker Expressivität. Janssen nannte diese Blätter „Liebesgedichte“.

    1991: Die Erotik-Suite „Drollerei“. Zufällig auf dem Papier entstandene Farbkleckse nutzt er als Ausgangspunkt für die Entwicklung von erotischen Konfigurationen, Federzeichnungen, die ziemlich grob aquarelliert werden. Er nennt das „Pornographien“ und „Purzelbäume der Libido“, bei denen die Frau „immer die Siegerin“ sei. Die weibliche Anatomie ist in der für Janssen typischen Weise wieder völlig verzerrt. In Buchform erschien die „Drollerei“ 1991.
    Wichtige Buchveröffentlichungen der neunziger Jahre: „Eros, Tod und Maske“ (1992), „Nature Morte“ (1993) und „Selbstbildnis“ (1994).

    1993: Janssen beginnt mit der Arbeit an der „Lamme-Suite“, Es entstehen 100 Pastelle und Aquarelle, in (im Vergleich zu „Bobethanien“ und der „Drollerei“) gedämpfter und sorgfältig dosierter Farbgebung. Gleichzeitig setzt er die Arbeit an den Wiesenbildern fort, mit denen er 1988 begonnen hatte. Der größte Teil der „Lamme-Suite“ wird in das 1994 erscheinende Buch „Lamme - 72 Zeichnungen zu einem Tagebuch“ aufgenommen. Seine Tochter Lamme ist zu seinem zentralen Lebensinhalt geworden.

    1994: Im Frühjahr entstehen Federzeichnungen und Aquarelle mit Landschaften, die im sog. „Altonaer Tagebuch“ zusammengefaßt werden. Janssen hatte im Januar 1994 einen ersten Schlaganfall erlitten. Die Zeichnungen sind seiner Handlähmung abgerungen und weisen eine wesentlich geringere innere Dynamik und Bewegtheit in der Linienführung auf als etwa „Bobethanien“.

    1994/95 entsteht eine Reihe von 25 aquarellierten Federzeichnungen mit Schindeldächern als Motiv. Sie ist noch unveröffentlicht.

    Bei der Arbeit an Illustrationen zu einem Lichtenberg-Buch erleidet Janssen erneut einen Schlaganfall, an dem er am 31. August 1995 stirbt.

    1997 erscheint ein Sammelband mit Farbradierungen. („Farbradierungen 1958 bis 1995“). Er hatte erst im Jahre 1988 intensiv mit der Arbeit an der Farbradierung begonnen und immer wieder neue Techniken und Verfahrensweisen ausprobiert.

  • Wenn ich in Hamburg bin, werde ich mir das Museum auf jeden Fall anschauen. Ich bin Malerei und bildender Kunst ja sehr verbunden, mit ihm in der Vergangenheit aber einfach nicht in Berührung gekommen. Was ich von ihm an Abbildungen gesehen habe, ist aber wirklich sehr eindrucksvoll!


    Schöne Grüße

    Holger

  • Nachtrag:

    Aus der obigen Darstellung des Lebens und Schaffens von Horst Janssen dürfte ersichtlich geworden sein:
    Frauen spielten in seinem Leben eine große, weil auf seine künstlerische Produktivität als Quelle der Motivation und Inspiration maßgeblich sich auswirkende Rolle.
    Dazu Janssen selbst: „Ohne die richtige Frau geht es nicht.“ Und: „Allein bin ich gut, zu zweit bin ich eine Katastrophe, ich kann nicht allein sein.“

    Folgende Namen sind zu nennen (die „Affären“ sind nicht berücksichtigt):
    Gabriele Gutsche 1947-51
    Judith Schlottau 1951-53
    Helga Gatermann 1954
    Jill Strohn 1954
    Marie Knauer 1955-59 - erste Ehe - Tochter Lamme (Geb.1956)
    Birgit Sandner 1959 - zweite Ehe (von Dezember bis Silvester dauernd)
    Verena von Bethmann-Hollweg 1960-68 - dritte Ehe - Sohn Philipp (geb.1961)
    Gesche Tietjens 1969-73
    Bettina Sartorius 1973 (Januar bis April)
    Birgit Jacobsen 1974-76
    Viola Rackow 1976-78 (gleichzeitig noch eine Annette und eine Beatrice)
    Kerstin Schlüter 1978-79
    Annette Kasper 1985-86
    Heidrun Bobeth 1990-91

  • Das hatte ich in der Hand, vor der geöffnete blauen Tonne stehend

    Oh! Das wäre für die Papiertonne doch zu schade gewesen! Nachdem man hier Zeile für Zeile gelesen hat, weiß man, dass man eigentlich nichts gewusst hat. Ab den 1960er Jahren kam man ja - wenn man sich auch nur ein bisschen für Kunst interessierte - an Janssen einfach nicht vorbei; man erkannte seinen Strich und Stil auf Anhieb und wusste natürlich, dass er viele Weiber zerschlissen hat ... und »Hinkepott« hatte man irgendwann auch mal gelesen ...


    Dieser chronologische Abriss ist eine ganz hervorragende Arbeit, die man nicht hoch genug einschätzen kann; eine wahre Fundgrube an Fakten und Daten, die es möglich machen sich einmal mit den einzelnen Schaffensphasen Janssens näher zu beschäftigen, wie ich gerade bei einem groben Herumklicken im Internet feststellte, gibt es eine Menge zu entdecken.


    Mein ganz persönliches Highlight bei der Lektüre des Beitrages war der mir bis dato unbekannte Begriff »im Gertrudenformat«, auch mein Rechtschreibeprogramm kennt diesen Begriff nicht und unterstreicht ihn rot. Nun, das Internet macht es möglich, solche Wissenslücken recht schnell zu schließen, so konnte ich also Galerie und Verlag St. Gertrude kennenlernen ...


    Das ist nur ein herausgegriffenes Beispiel für den Wert solcher Beiträge, die es möglich machen als Rosinenpicker tätig zu werden und den Beitrag nach eigenem Gutdünken zu erweitern - danke, Helmut Hofmann, für Deine Mühe!

  • Es freut mich, dass ich Dir, lieber hart, mit meinen Ausführungen zu Horst Janssen von Nutzen sein kann.
    Was ich da wegwerfen wollte, dann aber doch hier ins Forum eingestellt habe, ist übrigens Bestandteil eines richtigen kleinen Büchleins, bestehend aus diesem Text und 25 Kopien von wichtigen Janssen-Werken. Auf dem Deckel hatte ich eigenhändig ein koloriertes Bleistiftporträt von Janssens markantem Gesicht angefertigt und das Ganze dann ordentlich binden lassen.
    Verrückt! Denn ich konnte damit gar nichts anfangen, wollte es also nicht etwa jemandem schenken.


    So weit kann man kommen, wenn man in den geradezu magischen Bann dieses großen Künstlers gerät.
    Gestern Abend habe ich zu einem meiner Lieblingsbücher von ihm gegriffen, dem „November-Buch“ mit der Widmung „November“ für Birgit Jacobsen zum 19.10.1975“ – voll mit kolorierten Zeichnungen, Fotos und Texten von ihm, alle um das zentrale Thema kreisend, das er einleitend mit den Worten anspricht:
    „Bitte, Madame – November – eine gute Gelegenheit, mit dem Tod zu kokettieren. Es soll ja Leute geben, die ein solches frivoles Vergnügen abschätzig werten. Ich meine, daß solche Koketterie eine angemessene Form ist, diesem Kerl sogar 365 Gedenktage im Jahr einzurichten. Ich jedenfalls kokettiere. (…)
    Da ich nicht nur kokett bin, sondern auch zur Gefühlsduselei neige, ist mir der November eine rechte Metapher für das Sterben, für das letzte Gefecht vorm Übergang auf die andere Seite. Der November ist also noch nicht der Tod, sondern er ist das Sterben, was ja bekanntlich eine sehr dramatische Szene ist. Man könnte sagen: die lebensvollste Szene überhaupt; wo sich auf engstem Raum noch einmal alles Leben versammelt, damit der Tod es so recht bequem in einem Griff zu fassen kriegt.“

    Und als ich zu blättern begann, mein Blick auf all die vielen, in dunklen Strichen und Farben gestalteten morbiden Herbst-Motive fiel, da war er in leichtem Anflug wieder da: Dieser Bann, in den man bei diesem Horst Janssen geraten kann.

  • ich habe diesen Thread beim Stöbern im Forum soeben entdeckt. Deine Beschäftigung mit dem Werk und Leben Horst Janssens ist eine Bereicherung für das Forum. Dieser Künstler ist mir selbstverständlich ein Begriff. Seine Radierungen zu Schubert sind mir bekannt. Ein Blatt ist in meinem Besitz und hängt gerahmt an der Wand.


    Und, verehrter Helmut Hofmann, sei versichert, Horst Janssen hat einen Kreis von Menschen, denen seine Kunst am Herzen liegt.


    .

    Die Beschäftigung mit Musik, selber spielend, hörend, im Nachdenken über sie und in der Diskussion im Forum soll Freude bereiten.

    Den Bratschenklang liebe ich wie der anderer tief klingender Instrumente: Bariton-Saxophon, Bassklarinette, Fagott, Kontrabass spiele ich neben anderen selber. Schubert ist mein Lieblingskomponist. Musik geniesse ich.

    .

  • Sehr zu empfehlen ist das Buch von Christine Brückner Wenn Du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen (1983)

    Es handelt sich sich fiktive Monologe von elf Frauen, die in der Literatur, Geschichte oder Musik zwar eine Rolle spielen, aber kaum zu Wort kommen.

    In vierzehn Texten präsentiert sie zornige und aufsässige Frauen, die sich auch immer durch Klugheit, Mut und Geschick auszeichnen. Die Illustrationen der Frauenportraits schuf Horst Janssen.


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    Es grüßt Vera

  • ich habe diesen Thread beim Stöbern im Forum soeben entdeckt. (…) Dieser Künstler ist mir selbstverständlich ein Begriff. Seine Radierungen zu Schubert sind mir bekannt. Ein Blatt ist in meinem Besitz und hängt gerahmt an der Wand.


    Das freut mich aber, lieber moderato. Ich dachte schon, weil es nur einen einzigen Beitrag zu meinen Ausführungen gab, der von einer Kenntnis Janssens zeugte, dieser Künstler sei unter den Mitgliedern des Tamino-Forums völlig unbekannt.
    Große Bekanntheit scheint er ja zurzeit auch allgemein nicht zu genießen, - ganz in Gegensatz zu seinen Lebzeiten. Im Grunde ist das schade, denn er hat ein höchst bedeutsames künstlerisches Werk hinterlassen. Immerhin ist nach den Biographien von Stefan Blessin aus den achtziger Jahren eine neue Biographie über ihn erschienen: Henning Albrecht, Horst Janssen. Ein Leben. Hamburg 2016.
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    Apropos Schubert: Janssen hat eine ganze Reihe von Porträts großer Künstler, Maler Musiker, Dichter u.a. angefertigt, die seine Fähigkeit zeigen, in höchst treffender Weise den Charakter und das Wesen einer Persönlichkeit zu treffen.
    Am meisten, sozusagen unablässig, hat er allerdings sich selbst porträtiert, und unter den sieben Werken, die bei mir im Flur (aus Lichtschutzgründen) hängen, findet sich natürlich auch eine solche Radierung.
    Diese regelrechte Besessenheit, sich künstlerisch mit sich selbst auseinanderzusetzen, ist alles andere als Ausdruck von Eitelkeit. Dahinter steht ein großes Thema von Janssens Kunst: Zeit und Tod.

    Joachim Fest hat das in seinen mit dem Titel „Die schreckliche Lust des Auges“ versehenen „Erinnerungen an Horst Janssen“ so kommentiert:
    „Nie hat ein Künstler seine Daseinsnöte mit soviel entblößender Kälte zum Material von Kunststücken gemacht: das Selbstbildnis weder als Selbstentlarvung noch als Selbstbeweinung geschaffen, sondern als eine Art ins Farbenfrohe getauchtes Schlachtefest. Jeder dieser Köpfe scheint aus einer anderen Welt zu kommen und die bestehende bereits von jenseits der Schattenlinie wahrzunehmen.“

  • Seit dem 28. September 2019 zeigt die Kunsthalle Emden eine Ausstellung zum 90. Geburtstag von Horst Janssen unter dem Titel "Kosmos Janssen. Horst Janssen und die Bildende Kunst". Die Ausstellung ist bis zum 26. Januar 2020 zu besuchen.



    Liebe Grüße


    Portator