STRAUS, Oscar: DIE LUSTIGEN NIBELUNGEN

  • Oscar Nathan Straus (1870-1954):

    DIE LUSTIGEN NIBELUNGEN

    Burleske Operette in drei Akten - Libretto von Rideamus (Fritz Oliven)


    Uraufführung am 12. November 1904 im Wiener Carl-Theater



    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Gunther der Kleine (Beiname „Der Große“), König von Burgund (Bariton)

    Ute, seine Mama (Alt)

    Dankwart, sein Papa (Bass)

    Brunhilde, Königin von Isenland (Sopran)

    Siegfried von Niederland, Drachentöter und Sektfabrikant (Tenor)

    Gunthers Onkel Hagen, genannt der „Grimme“ (Bass)

    Gunthers Geschwister:

    Volker, Held (Tenor)

    Giselher, Recke (Sopran)

    Kriemhild, die „minnige Maid“ (Sopran)

    Die Magen* (als Verstärkung gedacht, können wegfallen)

    Gernot, Rüdiger, Hartmut, Muthart, Semmelin, Blödelin, Dietleibe, Leibdiete, Hettel, Vettel

    Ein Vogel (Sopran)

    Außerdem:

    Titzel und Tatzel, zwei junge Drachen (Dackel)

    Ein Reisiger, eine Reisige, zwei Diener (Sprech- und stumme Rollen)

    Chor und Statisterie: Volk, Amazonen, Gäste, Knappen

    Ballettcompagnie

    * Familienmitglieder


    Ort und Zeit der Handlung ist Worms in Germanien in grauer Vorzeit.



    INHALTSANGABE


    ERSTER AKT

    Halle in der Wormser Königsburg. Rechts am Tisch Kriemhild, Giselher, Dankwart, Hagen, Ute und Volker, am Tisch links die übrigen Magen. In der Mitte in einem Lehnstuhl König Gunther mit einem Tuch um den Kopf.


    Gunther ist fix und fertig. Und das liegt an dem Telegramm, das er geraden den versammelten Magen vorgelesen hat:

    „Zum Zweikampf, König Gunther, den mir Dein Wort verhieß,

    Fahr’ ich gen Worms noch heute, erwarte mich am Bahnhof um 4 Uhr 25 präzis.

    Ich will Dich niederstrecken in freislich kurzer Frist.“

    Aufgegeben wurde es von Brunhilde, Königin von Isenland, um deren Hand Gunther sich bemüht hat. Dabei musste er die Bedingung seiner Herzensdame, nur den Mann zu heiraten, der sie in einem Zweikampf besiegt, akzeptieren. Allerdings erfuhr er erst im später, dass kein Mitbewerber den Zweikampf mit ihr überlebt hat.


    Aus dieser fatalen Situation sucht man nun einen Ausweg: Mama Ute schlägt vor, dass die Zugbrücke hochgezogen und die Wilde draußen stehen gelassen wird; Gunther fragt, ob eine Vergiftung Brunhildes oder der Einsatz von Onkel Hagens Spezialdisziplin, nämlich Gegner hinterrücks zu erschlagen, eine Möglichkeit wäre, aus der Situation herauszukommen. In der Halle wäre jedenfalls niemand zu sehen, wenn nachdenkende Köpfe qualmen würden. Kein Vorschlag verspricht jedoch Erfolg. Plötzlich erinnert sich Gunther, dass die Behauptung, Brunhilde habe alle Zweikämpfe gewonnen, nicht stimmt, denn ein gewisser Siegfried von Niederland hat ihr gezeigt, wer die Hosen anhat. Ob man vielleicht diesen Recken einspannen könnte?


    Der Name Siegfried elektrisiert zwei Frauen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Da ist Kriemhild, Gunthers Schwester, die diesen Recken liebt, obwohl sie ihm nie begegnet ist, ihn nur durch Flüsterpropaganda kennt. Und Mama Ute, die um diese träumerische Liebelei weiß, hat die Idee, dass Kriemhild ihn für sich gewinnen muss. Die reagiert so begeistert, dass sie sich kaum bremsen kann. Utes schlägt vor, dass jener Siegfried ihre Tochter aber nur ins Brautbett bekommt, wenn er für Gunther gegen Brunhilde antritt. Die Sippschaft findet die Idee gut, allerdings fragt keiner, wie das in die Tat umgesetzt werden soll.


    Für weitere Überlegungen wäre keine Zeit geblieben, denn plötzlich meldet ein Reisiger jenen Siegfried an, der zur Überraschung aller - sein Horn unüberhörbar blasend und mit zwei kleinen Drachen an der Leine - die Szene betritt. Nach dem Willkommensgruß bestürmt man den Gast mit allerlei Fragen, die auch mit großer Bayreuthwilligkeit beantwortet werden: Ja, er ist der Sohn Siegmunds von Iflheim, und ja, seine Mutter ist eine geborene Siegelinde. Richtig ist auch, dass er Brunhilde besiegt hat, aber bitte sehr, auch den Drachen Fafnir, den Riesen Schildung, den Schmied Mimer, und noch etliche diebische Kaufleute nebenbei. Sein einziges Manko ist, dass er schulisch nur bis zur Obertertia kam, weil Vaters Waffen für ihn viel interessanter waren als alle schulische Weisheit. Rückblickend stellt Siegfried fest, hat er wohl alles richtiggemacht.


    Ute will wissen, ob sich die Kämpfe finanziell für ihn denn auch gelohnt haben? Stolz legt er seinen Kontostand offen: 5½ Millionen mit 6% per Anno. Diese Aussage macht Ute stutzig und sie hakt nach: Dann können aber Bardengesänge nicht richtig sein, die von seinem Geld „auf einer Sandbank im Rhein“ künden. Siegfried grinst und sagt, er kenne diese gesungenen Behauptungen, habe sie aber bewusst nie dementiert, weil die germanische Öffentlichkeit Kapitalisten nicht goutiert. Sein Vermögen, ergänzt er, verwaltet die „Rheinische“ durchaus akzeptabel - womit die Frage wohl ausreichend beantwortet ist.


    Zur Wahrheit gehört aber auch, erklärt Siegfried weiter, dass auch Pleiten, Pech und Pannen zu seinem Berufsalltag gehören. Die „beiden Racker hier“ seien ein Beispiel dafür, denn sie sind Sprösslinge von Spuckefeuer, der lange sein Unwesen in bester Lage der sächsischen Schweiz trieb. Als ihm zu Ohren kam, dass der Gefräßige sich jeden Tag mehrere Wanderer krallte, und sich oft eine Jungfrau als süße Nachspeise gönnte, musste er einfach handeln. Er setzte sich in den Nachtexpress nach Dresden, ließ sich den Weg zum Drachennest erklären und forderte Spuckefeuer heraus. Der Kampf dauerte drei Tage, jeweils von morgens acht bis abends acht, allerdings immer mit einer zweistündigen Mittagspause. Spuckefeuer hat nicht überlebt, aber er war arm wie eine Kirchenmaus und sein Hort bestand nur aus einem uralten, vergammelten Silberbesteck. Damit aber nicht genug, verlangte die Ortsgemeinde, zu der das Drachennest gehörte, unter Androhung einer Klage beim Obersten Thing, dass er sich um die Brut Spuckefeuers, Titzel und Tazel, kümmern müsse. Dieser Forderung hat er sich natürlich gebeugt, denn, wie allseits bekannt, ist man auf hoher See und vor dem Obersten Thing in der Hand Odins.


    Wieder meldet sich Ute zu Wort: Das ist so spannend wie traurig, aber jetzt möge der „Herr Siegfried“ bitte ehrlich antworten: Kann er sich vorstellen, zugunsten eines eigenen Herdes seine Drachenkämpfe einzustellen? Selbstverständlich kann Siegfried das, es ist sogar sein Herzenswunsch und - man höre und staune - er hat sogar schon eine Kandidatin für dieses Heim: Kriemhild! Entzücken breitet sich auf allen Gesichtern aus und Ute schickt sofort ihren Schwäher Giselher stante pede zu ihrer Tochter, doch die rauscht zum Erstaunen aller bereits herein und fällt dem Zukünftigen um den Hals. Das zwingt Hagen an die Rampe, von wo aus er dem Publikum hinter vorgehaltener Hand eine „altdeutsche Liebesscene“ ankündigt. Dem Liebesgeflüster* hören alle mit einer wachsenden Begeisterung zu, und lassen das Paar schließlich hochleben.

    (*teils als „Große Oper“, teils im Salonstil vertont.)


    Die allgemeine Freude währt aber nur kurz, denn in diesem Augenblick rauscht Brunhilde mit Amazonen herein und reagiert ihren Frust, am Bahnhof nicht abgeholt worden zu sein, und vor „dieser Hundehütte“ dann auch noch habe warten müssen, mit einer Tirade vom Feinsten ab. Sie will umgehend mit Gunther kämpfen, ihn abservieren, und sofort zum nächsten Duell weiterreisen. Gunther erstarrt, doch Siegfried sagt ihm leise seine Unterstützung zu. Hagen ist in Erwartung eines aufregenden Kampfes nicht zu bremsen und verkündet die Kampfesregeln:

    „Wer zuerst mit beiden Schultern die Erde berührt, ist besiegt! Es werden 35 Minuten festgesetzt, respektive bis zur Verlobung. […] Ich bitte das verehrte Publikum, die Kämpfer nicht durch Zwischenrufe zu beeinflussen! Teppich vor! Der Kampf beginnt!“

    Brunhilde geht sofort auf Gunther los und ehe der sich versieht, liegt er bäuchlings auf dem Boden. (Wo ist, verflixt nochmal, Siegfried?) Die siegesgewisse Isenländerin wird jedoch von Hagen gestoppt: Gunther hat mit seinen Schultern nicht die Erde berührt, also geht der Kampf weiter - Brunhildes Protest ignoriert er. Zur Überraschung aller geht Gunther plötzlich wie ein Berserker auf die Gegnerin los, und schon liegt sie mit ihren Schultern auf dem Boden (Danke Siegfried!). Hagen hebt grinsend Gunthers Arm zum Zeichen des Sieges hoch.


    Während des Chores (den Hagen aufgeräumt dirigiert)

    „Recken von Alt-Burgund, tuet mit lautem Mund jeglichen Vorzug kund unseres Herrn!

    Kommet von fern und nah, stehet voll Ehrfurcht da. Rufet: Hurra! Hurra! Er hört es gern!“

    stolziert Gunther mit Papa Dankwart an den Magen vorbei und lässt sich feiern. Brunhilde erhebt sich geknickt und protestiert reihum, erhält aber jedes Mal den Refrain „Recken von Alt-Burgund“ ins Gesicht geschrien. Schließlich sinkt sie verzweifelt nieder. Vier Mann bringen derweil einen großen Schild, auf dem eine Lanze zum Festhalten steckt. Drei Männer heben Gunther auf den Schild, wo er sich mit grandioser Pose an der Lanze hält.



    ZWEITER AKT

    Gleiches Szenenbild, während des Hochzeitsmahles. Magen, Hofstaat und Volk in trunkener Stimmung.


    Die Doppelhochzeit von Gunther und Brunhilde sowie Siegfried und Kriemhild hat sich der Wormser Hof einiges kosten lassen: Üppiges Essen, ungarischen Tokajer statt Wormser Met-Bräu, französische Musik statt germanischem Luren- und Hörner-Gedudel. Allerdings gerät die Lage außer Kontrolle, als die französische Banda den Cancan anstimmt: Etliche Gäste vergessen ihre gute germanische Erziehung und steigen auf die Tische (wobei das Meißner zu Bruch geht), andere üben - olympiaverdächtig - den Römer-Weitwurf gegen die Wand.


    Hagen gefällt das Fest - endlich mal wieder Leben in der Bude! Ute kann sich dem Rausch auch nicht entziehen, verliert jetzt aber letztlich doch die Contenance: Die Finanzen stets im Blick (was unterstreicht, wer das Portemonnaie verwaltet) taxiert sie den materiellen Schaden schon jetzt auf 1500 Mark, und das Brötchensende ist noch längst nicht erreicht…


    Jetzt ist Siegfried an der Reihe: Hat er der Schwiegermutter Sorgenfalten gesehen und seine Schlüsse daraus gezogen? Oder ist er die Sause leid, weil es ihn ins Brautgemach zieht? Was auch immer der Grund ist: Er erklärt plötzlich die Festivität für beendet. Nun zeigt sich, dass es Verständige gibt, die aufbrechen, und andere, die körperliche Nachhilfe benötigen, die sie von Siegfried auch erhalten. Von draußen ist dann der mehr oder weniger gelungene Gesang

    „Das ist der Furor Teutonicus, von ihm erzählt schon Tacitus. Kein Tisch bleibt ganz, kein Stuhl, kein Spind, so oft Germanen gemütlich sind!“

    zu hören, und Papa Dankwart entdeckt beim Blick in den Burghof eine „schöne Keilerei“.


    Kriemhild ist begeistert vom resoluten Einsatz ihres Gatten; Hagen sagt hinterhältig, dass er ebenso vorgehen würde, besäße er Siegfrieds Unverwundbarkeit. Kriemhilds Neugierde entspricht Hagens Erwartung: Er erklärt ihr, dass Siegfried einst im Blut eines Drachen gebadet habe und dadurch unverwundbar wurde. Kriemhild staunt. Aber, fügt Hagen hinzu, eine Stelle seines Körpers ist davon ausgenommen und über diese Stelle schweigt der Kerl sich aus. Eigentlich, schleimt er, müsste es ihr doch möglich sein, hinter das Geheimnis zu kommen. Sie fragt nach dem Grund seiner Neugierde, worauf Hagen leutselig erklärt:

    „Siehst Du, Kriemhild, es gibt doch so schlechte Menschen und Siegfried ist so reich!

    Und wenn ihn mal einer ermorden will und er trifft gerade die Stelle?

    Oder im Kriege, wo sie doch überall hinhauen, ohne zu schauen.

    Wenn ich nun die Stelle wüsste, könnt’ ich ihn doch schützen! Verstehst Du?“

    Kriemhild versteht und verspricht Hagen, natürlich auch zur Befriedigung ihrer eigenen Neugierde, ihren Mann danach fragen.


    Als Siegfried zurückkommt, drängt Ute auf Nachtruhe, was zwar allgemein begrüßt, von Kriemhild aber nicht beachtet wird. Sie hält ihren Gatten zurück, schmiegt sich an ihn und spricht ihn auf seine Unverwundbarkeit an. Siegfried bestätigt zwar Hagens Aussage, lässt sich aber sonst nichts entlocken. Kriemhild spielt die Beleidigte und geht verärgert ab; er folgt ihr voll freudiger Erwartung auf die Hochzeitsnacht…


    Nun kommt es zu einem erstaunlichen Auftritt: Brunhilde tritt mit dem meckernden Gunther auf: Er hat sich seine Hochzeitsnacht anders vorgestellt, Brunhilde aber ist daran momentan nicht interessiert. Dafür legt sie ihm dar, welchen Tagesablauf sie favorisiert: Sie will jeden Morgen noch vor den Hühnern aufstehen, um mit ihm zwei Stunden im Rhein zu schwimmen, danach ebenso lange mit ungesattelten Pferden durch die Gegend streifen, um sich danach die stärkende „Erbstwurstsuppe mit trocken Brot“ einzuverleiben. Die angefressenen Kalorien müssen danach aber mit „eineinhalb Stunden Klimmzug-Training“ abtrainiert werden.


    Gunther steht ob dieser Tagesplanung die Verzweiflung im Gesicht geschrieben. Aber es kommt noch schlimmer: Brunhilde will jetzt mit ihm ringen, was ihn in Panik versetzt, weil sein Betrug auffliegen könnte. Deshalb versucht er, der Gemahlin den Ringkampf auszureden. Sie wirft ihm daraufhin Angst vor und behauptet, dass er den Zweikampf nur durch „Zauber“ gewonnen haben kann. Gunther geht wohlweislich darauf nicht ein, worauf sie zeternd in ihr Zimmer stürmt.


    Gunther ruft verzweifelt nach Siegfried, der Brunhildchen für ihn durchwalken soll. Der lehnt aber ab, weil ihm Kriemhild die Tarnkappe abgenommen hat, da sie keinesfalls neben einem Unsichtbaren liegen will. Dabei hatte er sich doch so an die Schlafmütze gewöhnt. Ohne das Schlafgeschmeide kann er natürlich nicht gegen Brunhilde antreten. Als Gunther daraufhin vorschlägt, einfach das Licht zu löschen und mit seiner Gattin im Dunkeln zu kämpfen, sagt Siegfried zu. Er ruft Brunhilde aus ihrem Gemach und ringt sie schnell nieder. In diesem Moment taucht plötzlich die Wormser Sippe mit Lichtern auf. Das Bild, das sich ihnen bietet - Siegfried engumschlungen mit Brunhilde -, erregt sofort Anstoß, lässt es doch die Deutung eines doppelten Ehebruchs zu. Unisono verlangt man Wiedergutmachung, und zwar durch ein Duell zwischen Gunther und Siegfried. Ob sich die Familie wohl über den Ausgang dieses Kampfes im Klaren ist?


    Siegfried, seines Sieges jedenfalls sicher, stimmt zu, Gunther dagegen gerät in Panik. Leise schwört er Hagen darauf ein, ihm beizustehen. Der sieht die Chance, Siegfried endgültig aus dem Weg zu räumen und sagt seine Hilfe zu. Er hat nämlich gesehen, dass Kriemhild die verwundbare Stelle ihres Mannes herausgefunden und entsprechend markiert hat. Ganz so, wie es Hagen ihr vorgeschlagen hat.


    Für den Kampf erhalten beide Männer je eine Keule, Hagen schleicht sich kurz hinaus und kommt mit einer eigenen Keule zurück. Als Gunther zum ersten Schlag ausholt, trifft er seinen Vater Dankwart hinter sich, der davon zu den Träumen geschickt wird. Siegfried kommt nicht zum Schlag, weil ihm Hagen mit seiner Keule von hinten auf die markierte Stelle schlägt.


    Siegfried (gesungen): Verrat! Verrat!


    Die Attacken von Gunther und Hagen auf Siegfried wiederholen sich noch zweimal. Nach Hagens letztem Schlag sinkt Siegfried ohnmächtig zu Boden.



    DRITTER AKT

    Im Burggarten am folgenden Tag. Frühstücksgedecke auf der Burgterrasse; Dankwart ist zunächst allein, dann kommen nacheinander alle anderen, die Männer unausgeschlafen und verkatert wirkend. An einer Stelle ein Vogelbauer mit einem Papagei.


    Siegfried hat die Angriffe von Gunther und Hagen zwar überlebt, aber die Wormser sind weit davon entfernt, dem (vermeintlichen) Ehebrecher zu verzeihen. Als Dankwart sich nach ihm erkundigt, erklärt Hagen, dass er ein Drachenblutbad nehme, da er nicht noch einmal eine Pleite erleben möchte. Doch nun macht Gunther eine Bemerkung, die alle Anwesenden vom Hocker reißt:

    „Und wisst Ihr, was das komischste dabei ist? […] Siegfried ist an der ganzen

    Geschichte unschuldig. Er hat wirklich nur in meinem Auftrag mit Brunhilde gerungen,

    weil sie wieder mal frech war und ich mich nicht getraut habe.“

    Ute findet, nach diesem Geständnis müsse man sich bei Siegfried entschuldigen, was Hagen jedoch kategorisch ablehnt. Er behauptet, dass der Kerl seinem Geltungsdrang freien Lauf lassen, die Geschichte im Lande herumposaunen und damit die ganze Sippe in Verruf bringen würde. Gunther glaubt zu wissen, dass auch Brunhilde nicht mitspielen wird, denn sie hat ihm schon gesagt, dass einer von beiden gehen muss, entweder er oder sie. Dankwart zeigt sich genervt und verlangt, dass man Siegfried schnell „außer Landes“ jagt.


    Das lebhafte Hin und Her ist mit einem Schlag beendet, als Hagen die Frage stellt, was denn mit „Siegfrieds Millionen“ sei? Alle stutzen, doch dann wird es schnell wieder hektisch durch viele vorgetragene Ideen, die jedoch ebenso schnell wieder verworfen werden - bis auf einen: Siegfried muss sterben und Hagen muss die Tat ausführen! Dessen „Gewissensbisse“ sind bei dem Gedanken an den zu erwartenden Geldsegen schnell verflogen. Mama Ute ist die einzige, die in diesem Moment nicht ans Geld, sondern an Kriemhild denkt, denn sie fragt, wie man ihr den geplanten Mord an ihrem Mann beibringen soll? Die Ratlosigkeit der Anwesenden beendet Hagen kurz und bündig mit der Bemerkung, dass möge man einfach ihm überlassen.


    Nun kommt Brunhilde zum Frühstück und erklärt ultimativ, dass ihre und der Familie Ehre nur durch Siegfrieds Tod wiederhergestellt werden kann. Diese Einstellung findet den Beifall aller, ist sie doch ganz auf Linie. Endlich kommt auch Kriemhild und Hagen teilt ihr mit, dass der „große Attila“ um ihre Hand angehalten habe. Zunächst verdutzt erklärt sie sich dann aber sofort bereit, Gattin des „großen europäischen Königs“ zu werden. Auf Utes Hinweis, dass Bigamie unter Strafe stehe, sagt sie spitz, dass Siegfried sterben muss! Erneut gibt es Beifall, der familiäre Einigkeit bezeugt.


    Was die Wormser hinsichtlich ihrer Mordpläne nicht bedacht haben, dass es nämlich erstens anders kommt, als man zweitens denkt, erweist sich bei Siegfrieds Auftritt als richtig: Der bisher so stumme Papagei beginnt plötzlich zu kreischen - jedenfalls empfinden es die Magen so. Siegfried aber, der die Vogelsprache versteht, erfährt von dem Mordanschlag auf ihn. Er wartet nach dem Frühstück, bei dem ihm manche verbale Spitze entgegengeschleudert wird, die er aber stoisch abwehrt, nicht lange, sondern nimmt ein zweites Drachenblutbad und sorgt für eine Rundumversorgung der Unverwundbarkeit.


    Als er zurückkommt geht Hagen sofort aufs Ganze, nimmt sich, hinter Siegfried stehend, sein Schwert, kann den Streich aber nicht ausführen, weil er Kriemhilds Markierung auf Siegfrieds Gewand nicht findet. Der hat jedoch die Bewegungen hinter ihm wahrgenommen, entwendet Hagen das Schwert, der, völlig überrumpelt, vor Siegfried auf die Knie fällt und schlotternd um Gnade fleht. Nach einem Wortgeplänkel einigen sich die beiden auf einen Burgfrieden, der die hinzukommende Brunhilde zu einem Wutanfall reizt, in dem sie Hagen des Betrugs bezichtigt, da er offensichtlich ihre Ehre nicht wiederherstellen will. Sie gibt zu, dass es nicht Siegfrieds Sieg über sie war, sondern seine Stellvertreter-Rolle für Gunther, die sie als eine Beleidigung empfand. Die Situation scheint zu eskalieren, als die Wormser Sippe auftritt, um über Siegfried ein Femegericht abzuhalten. Dem ist jedoch eine Problemlösung eingefallen und die sorgt nicht nur für Erstaunen, sondern auch für angespannte Ruhe: Er schnappt sich sowohl Kriemhild als auch Brunhilde und schlägt vor, dass sich die beiden Holden ihn teilen müssen:

    „Wir machen auch dieser Geschichte ein End‘ / Und einigen uns jetzt auf 50 Prozent.

    Denn so verliert Ihr mich gänzlich / Und so zur Hälfte doch bloß.

    Im Guten geht alles, / Im Guten geht alles famos! Holdrioh!“

    Der Schlussgesang vereinigt alle zu einem fröhlichen Statement:

    „So war’s bei den Germanen / Seit Alters Brauch,

    So taten’s unsere Ahnen / Und wir tun’s auch!“



    INFORMATIONEN ZUM WERK


    Die Operette hat sich schon früh auf mythologische Stoffe gestürzt, um sie genüsslich zu persiflieren. Als Beispiele seien hier Offenbachs „Orphée aux enfers“ und „La Belle Helene“ und Suppés „Schöne Galathee“ genannt.


    Die hier vorgestellte Nibelungen-Persiflage, Libretto von Rideamus (lateinisch „Lasst uns Lachen“, Pseudonym des Juristen und Satirikers Fritz Oliven), Musik von Oscar Straus, ist ein weiteres gelungenes Beispiel in diesem Genre. Hier werden alle jene Klischees, die man noch heute als „typisch deutsch“ ansieht, aufs Korn genommen. Musikalisch besteht die Operette aus Walzern, Märschen und Couplets, also typischen Merkmalen dieser Bühnengattung. Aber die Autoren persiflieren mit treffsicherem Wortwitz und musikalischem Drive den Zeitgeist des wilhelminischen Reiches mit seiner Mischung aus Sentimentalität, kühlem Geschäftssinn und protzigem Heldentum - das „Heil dir im Siegerkranz“ lässt grüßen.


    Straus benutzt zur Charakterisierung der Situationen, Haltungen oder Profile der Handelnden die unterschiedlichsten musikalischen Stiltypen. Da gibt es volkstümlich schlichte Balladen, vaterländisch-angehauchte Hymnen, Märsche und Tänze ebenso wie den Gesangsstil der Wagnerschen Musikdramen. Das Mixtum compositum mit seiner slapstickartigen Drastik hat jedenfalls die Zuschauer seinerzeit sofort begeistert. Andererseits fühlten sich aber auch die Deutschnationalen angegriffen (so 1906 in Graz, als Burschenschaftler den Abbruch einer Aufführung erzwangen) und protestierten gegen diese burleske Operette. 1911 wurden „Die lustigen Nibelungen“ wiederum im Theater des Westens in Berlin erfolgreich aufgeführt. Die Nazis verboten nach 1933 das Stück und es geriet in Vergessenheit. In den 1970er Jahren bekam die Operette eine neue Chance und wurde danach wieder regelmäßig aufgeführt. So zum Beispiel in München, Krefeld/Mönchengladbach und Karlsruhe.



    © Manfred Rückert für den Tamino-Operettenführer 2019

    unter Hinzuziehung des Libretto

    Informationen des Musikverlages Bloch und Wikipedia

  • Diskographische Hinweise


    Bei den Tamino-Werbepartnern Amazon und jpc sind folgende Einspielungen gelistet


    Eine Aufnahme von 1995 in der u.a. Martin Gantner, Daphne Evangelatos, Gerd Grochowski, Hein Heidbüchel und Gabriele Henkel eingesetzt sind, das Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester spielt und Siegfried Köhler dirigiert.




    Nebenstehend eine historische Aufnahme von 1951 mit Hildegard (sic) Rössel-Majdan, Kurt Preger, Margarete Grubinger, Otto Wiener, dem Chor des Wiener Rundfunks, und dem Wiener Rundfunkorchester unter der Leitung von Max Schönherr.