"Tannhäuser" Bayreuth 2019

  • Hallo,


    ich habe vor einer Stunde in dem Thread "Es raschelt im Blätterwald" auf einen Beitrag von Hans Heukenkamp zu der diesjährigen Neuinszenierung des "Tannhäuser" geantwortet und poste meine Nachricht hier noch einmal, da ich mir vorstellen kann, dass es nach der Premiere hier im Forum einen lebhaften Meinungsaustausch geben wird.


    Wie am vergangenen Samstag (13. 7.) im NDR mitgeteilt wurde, hat sich die im "Tannhäuser" als 'Venus' besetzte Sängerin Ekaterina Gubanova bei den Proben so sehr verletzt, dass sie in der Premiere am 25. 7. durch Elena Zhidkova ersetzt wird. (Am 27. 7. bringt '3sat' eine Aufzeichnung der Premiere.)


    Die vorgesehene Besetzung lautet: Elisabeth - Lise Davidsen / Venus - Elena Zhidkova / Ein junger Hirt - Katharina Konradi / Tannhäuser - Stephen Gould / Wolfram von Eschenbach - Markus Eiche / Landgraf Hermann - Stephen Milling / Walther von der Vogelweide - Daniel Behle / Biterolf - Kay Stiefermann / Heinrich der Schreiber - Jorge Rodríguez-Norton / Reinmar von Zweter - Wilhelm Schwinghammer / Dirigent: Valery Gergiev / Regie: Tobias Kratzer / Bühnenbild und Kostüme: Rainer Sellmaier / Lichtregie: Reinhard Traub / Video-Einspielungen: Manuel Braun


    LG


    Carlo

  • Gould und Davidsen habe ich unlängst in Zürich gehört. Bin gespannt, ob sie ihre Brüllerei in Bayreuth fortsetzen oder ob es dort etwas melodischer zugeht.

  • Am Samstag 27.07. wird ab 20:15 vom 3Sat der Bayreuther Tannhäuser übertragen.

    Wär doch super, beizeiten einen Thread dafür zu eröffnen. Also möglichst ausführliche Ergüsse über die Inszenierung auch vor Kenntnis der Aufführung posten.
    Bitte, bitte, bringt euch am Samstag (und in jedem Fall bereits zuvor) wieder in unterhaltsamer Weise ein.

    Erfüllt geweckte Erwartung zu 150 % (!) und enttäuscht nicht ! :)



    Hallo!


    Ist bereits geschehen!


    Carlo

  • Oper und Gesang zählen nur eingeschränkt zu meinen Leidenschaften, deswegen nehme ich die Hinweise auf das Sängertableau dankbar zur Kenntnis, ohne -ich gestehe es- recht etwas damit anfangen zu können. Und freue mich auf die Eröffnungspremiere im Dortmunder Kino.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • So, angesichts der Hitze muß es ohne Schlips gehen. Gleich verlasse ich das Büro, um ins Kino zu wallen und den Bayreuther Tannhäuser zu sehen.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Das wird wohl nicht den Geschmack der Freunde von werkgerechten Inszenierungen treffen .Nach dem ersten ,Akt gab es keine Buh Rufe. Jetzt geht es mit dem zweiten Akt los. Schaue mir den Videostream des BR an.

  • Warum ist denn die Diskussion über den Tannhäuser im Kapitel Regietheater. Sollen da auch Eindrücke von der musikalischen Qualität der Aufführung eingestellt werden. Das fände ich höchst problematisch.


    Jetzt muss ich mich beeilen, um nicht zu spät zum 3. Akt zu kommen.

    Caruso41

  • Lieber Caruso41,


    als (seit Jahrzehnten) passionierter Rundfunk- und Fernseh-Konsument habe ich mir auch die "Tannhäuser"-Übertragung auf 'Bayern Klassik' mit allen Einführungs- und Pausengesprächen sowie dem abschließenden Resummée der Kritikerrunde angehört und werde mir übermorgen auch die TV-Sendung auf "3sat" ansehen, um zu den akustischen auch die visuellen Eindrücke zu bekommen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass eine Fernseh- oder Kino-Übertragung nie die Wirkung einer live im Theater miterlebten Aufführung haben kann. Ich bin aber grundsätzlich davon überzeugt, dass die Art einer Bühneninszenierung die musikalische Wiedergabe beeinflusst; Musik und Darstellung in der Oper haben eine Wechselwirkung. Insofern sollten im 'Regietheaterforum' auch musikalische Bewertungen Platz haben.


    An der nun wohl einsetzenden Diskussion über den neuen "Tannhäuser" in Bayreuth - wie auch an allen anderen Beiträgen dieser Art - werde ich mich aber nicht beteiligen, da ich hier im Forum (und ich bin "Tamino"-Leser seit 2011) schon oft feststellen musste, wie ein Meinungsaustausch letztlich in Unterstellungen und Beleidigungen endete. Ich halte mich raus, dann komme ich auch nicht rein!


    LG


    Carlo

  • https://www.welt.de/kultur/art…laceholder-01c4eedaca.png


    Die Premiere des "Tannhäuser" kann noch für einige Zeit in der Mediathek von BR Klassikgesehen und gehört werden - aus rechtlichen Gründen wohl nur in Deutschland. Morgen dann die Ausstrahlung auf 3Sat, auf die zuletzt Carlo verwies.


    https://www.br-klassik.de/concert/ausstrahlung-1816820.html


    Wer sich auch am Tag danach von der allgemeinen Begeisterung der Kritikerrunde anstecken lassen will, die ebenfalls Carlo erwähnte, hier ist sie:


    https://www.br-klassik.de/audi…haeuser-bayreuth-100.html

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Wer sich auch am Tag danach von der allgemeinen Begeisterung der Kritikerrunde anstecken lassen will, die ebenfalls Carlo erwähnte, hier ist sie:

    Die Kritikerrunde habe ich nicht gehört, da ich mit Freunden nach der Aufführung erst mal was trinken war! Aber der "allgemeinen Begeisterung", die eigentlich unter allen Besuchern herrschte, könnte ich mich anschließen. Nur Waleri Gergijew hat mir keinen Grund für Begeisterung gegeben! Gar keinen.


    Beste Grüße

    Caruso41

  • Nur Waleri Gergijew hat mir keinen Grund für Begeisterung gegeben! Gar keinen.

    Vielleicht wäre es besser unbefangen zu bleiben, denn ich werde mir noch die Aufzeichnung ansehen, aber: was hat Dich denn am Dirigat gestört?


    Gruss,

    Dirk

  • Vielleicht wäre es besser unbefangen zu bleiben, denn ich werde mir noch die Aufzeichnung ansehen, aber: was hat Dich denn am Dirigat gestört?

    Lieber Dsieb!

    Es macht mir wenig Freunde, Künstler zu kritisieren, gar sie zu verreißen. Es ist einfach viel befriedigender, gute Leistungen zu beschreiben und zu würdigen. Natürlich kann ich auch ansprechen, wenn etwas nicht gelungen ist. Wenn aber gar nichts zu rühmen ist, dann halte ich mich eigentlich lieber zurück.

    Deshalb sieh es mir nach, wenn ich Deine Frage nicht selber beantworte sondern aus der Besprechung von Florian Zinnecker (DIE ZEIT) zitiere:

    Der Kritiker des BR geht auch nicht milder mit dem Dirigenten um:


    Zitat

    von Bernhard Neuhoff (BR)

    Dirigat von Valery Gergiev: Ideenlos, verwackelt und konturlos

    Trüb dagegen sieht's im Graben aus. Dirigent Valery Gergiev ist mit der wunderbaren und schwierigen Akustik des Festspielhauses überfordert. Nach der temperamentvoll gelungenen Ouvertüre kommen wenig Ideen aus dem Graben. Die Massenszenen wackeln, die Instrumente schlurfen den Sängern hinterher, was sicher nicht die Schuld der fabelhaften Musiker ist, der Klang ist oft pauschal und verwaschen, im piano konturlos. Zu wenig Probenzeit, zu wenig Gestaltungsideen und offenbar vor allem zu wenig Vorbereitung auf die einzigartigen Klangverhältnisse in Bayreuth: Das war wirklich keine Weltklasse, was Valery Gergiev hier abgeliefert hat.


    Dem mag ich nichts hinzufügen.


    Beste Grüße

    Caruso41

  • Ich habe nur kurz reingeschaut, daher wage ich auch keine Gesamtbewertung.
    Die Ouvertüre fand ich sehr rasant und ansprechend dargeboten - bzgl. Klangbewertung warte ich lieber noch den Rundfunkmitschnitt ab, weil das im Fernsehen ja oft nicht so gut herüberkommt.

    Am Dirigat wird man dies und das mokieren können, aber wann wurde der Tannhäuser in Bayreuth in den letzten Jahr(zehnt)en denn wirklich absolut überzeugend dirigiert? Wohl kaum in der jetzt auch offiziell erschienen Aufnahme unter Axel Kober vor wenigen Jahren. Auch Thielemanns Dirigate bleiben halbgar in Erinnerung.

    Dass bei Gergiev in einem Automatismus immer auf seine (mutmaßliche) politische Einstellung referiert wird, halte ich bei einer rein künstlerischen Bewertung für absolut irrelevant. Dieser Dirigent polarisiert und hat neben wirklich großartigen Aufnahmen (meist die alten auf Philips) auch sehr durchschnittliche abgeliefert (recht katastrophal der neue Bruckner aus München).

    Die Inszenierungs-Grundidee scheint zumindest nicht völlig an der Sache vorbei.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Es macht mir wenig Freunde, Künstler zu kritisieren, gar sie zu verreißen. Es ist einfach viel befriedigender, gute Leistungen zu beschreiben und zu würdigen. Natürlich kann ich auch ansprechen, wenn etwas nicht gelungen ist. Wenn aber gar nichts zu rühmen ist, dann halte ich mich eigentlich lieber zurück.

    Ach!


    "Rigoletto in Bregenz - Herausforderung zur Diskussion!

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Es macht mir wenig Freunde, Künstler zu kritisieren, gar sie zu verreißen. Es ist einfach viel befriedigender, gute Leistungen zu beschreiben und zu würdigen. Natürlich kann ich auch ansprechen, wenn etwas nicht gelungen ist. Wenn aber gar nichts zu rühmen ist, dann halte ich mich eigentlich lieber zurück.

    Danke, Caruso41, für die Zitate aus den Kritiken, die ja ungefähr Deinem Eindruck entsprechen. Ich verstehe, dass Du nicht zu detailliert "verreissen" möchtest. Mich hatte nur interessiert, was genau am Dirigat zu bemängeln war, manchmal ist es ja gerade etwas, das mich eher neugierig macht. In diesem Fall allerdings wohl eher nicht. Neugierig hat mich dennoch Deine Aussage über "allgemeine Begeisterung" gemacht, deshalb freue ich mich trotzdem auf die Fersehaufzeichnung.

    Viele Grüsse,

    Dirk

  • Ich bin zwar nicht Caruso, aber ich fand das Dirigat zu belanglos und lustlos. Er war fast nie im Einklang mit den Sängern oder dem Chor. Jeder Kapellmeister hätte das besser gemacht. Schade das Axel Kober nicht dirigiert hat. Schade für die Sänger die hervorragend waren und ich kann auch nicht verstehen, warum Herr Eiche als Wolfram so wenig Schlußapplaus bekommen hat.

  • Jeder Kapellmeister hätte das besser gemacht.

    Na na, mit Verlaub. Das klingt ja geradezu so, als habe Gergiev keinerlei Erfahrung mit Operndirigaten, was so einfach nicht stimmt. An der Bayreuther Akustik scheiterten schon so manche Dirigenten, da wäre er wahrlich nicht der erste. Und dass ausgerechnet Axel Kober (der ansonsten kaum von sich Reden machte) das soviel besser gemacht hätte, ist ja nun auch ein wenig weit hergeholt.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Lieber Dsieb

    Neugierig hat mich dennoch Deine Aussage über "allgemeine Begeisterung" gemacht, deshalb freue ich mich trotzdem auf die Fersehaufzeichnung.

    das kannst Du auch. Zumindest dann, wenn Du Dich auf eine ungemein kluge und anregende Inszenierung einlassen kannst, selbst wenn Dich möglicherweise nicht alles überzeugt!

    Vor allem gibt es von den Sängern höchst Hörenswertes! Darüber habe ich bisher nicht geschrieben, aber Lise Davidsen habe ich ja seit ihrem Karrierestart mit meinen Ausführungen hier im Forum begleitet. Da wirst Du das eine oder andere von mir gelesen haben. Und Stephen Gould habe ich kaum je besser gehört, als an diesem Abend. Auch mit den übrigen Solistinnen und Solisten war ich voll zufrieden. Vielleicht wird es ja noch einen Thread in dem Kapitel "Gestern in der Oper" geben. Dann würde ich u.U. eingehender über die Sänger schreiben.

    Ich habe nur kurz reingeschaut, daher wage ich auch keine Gesamtbewertung.

    Selbst wenn Du nur kurz reingeschaut hast und vielleicht auch ein wenig reingehört, kann Dir eigentlich nicht entgangen sein, dass Gergiev kein Verhältnis zu dem Werk gefunden hat und es entsprechend lustlos herunterdirigiert hat. Ich habe noch selten erlebt dass in Bayreuth ein Dirigent so schlimme Abstimmungsprobleme zwischen Graben und Bühne nicht in den Griff bekam. Vor allem jedoch schien er kein Idee gehabt zu haben, wie er den Tannhäuser anlegen und deuten will, Da gäbe es ja durchaus verschiedene Optionen.


    Darum muss ich doch Rodolfo beistehen:

    auch ich kenne etliche Dirigenten an deutschen Staats- oder Stadttheatern, denen ich zutraue, dass sie rein handwerklich eine überzeugendere Leistung geboten hätten. Aber wenn ein Maestro wie Gergiev glaubt, ohne Proben und ohne ausreichende Partiturkenntnis in Bayreuth bestehen zu können, dann muss er sich über die recht massiven Buh-Rufe nicht wundern und nicht darüber, dass ihm ein Axel Kober (den ich allerdings noch nicht live gehört habe und überhaupt nicht beurteilen kann) vorgezogen wird.


    Beste Grüße

    Caruso41

  • Ich habe auf BR-Klassik das Video von der Premiere begonnen und mit Mühe und Not bis zum Ende der Ouvertüre durchgehalten. Ich hatte ganz andere Probleme als meine Herren Vorredner. Was sollte der überaus schwachsinnige Film, mit dem die Ouvertüre unterlegt wurde?:/:/:/


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Tja, liebe Freunde, dann will ich Euch doch mal aufklären, wie "bekanntlich" die Handlung im Tannhäuser geht:

    Heinrich Tannhäuser ist ein Heldentenor ( als Clown!) der sich mit der "Hochkultur" nicht mehr einverstanden erklären konnte.

    So hat er sich mit einer einer Dame (im Paillardenkleid, eng geschnitten), einem Zwergwüchsigen, und einer schwarzen Dragqueen auf eine Jahrmarktsreise in einem VW-Bus begeben durch die Provinz begeben, um die Kultur auch von der unteren Schicht kennen zu lernen. Da sie Hunger haben, überfallen sie einen McDoanlds und fahren einen Polizisten zu Tode.

    Darauf gelangen sie auf den "grünen Hügel" wo Tannhäuser, zum grossen Ärger, der Dame als Tenor wieder aufgenommen wird. Elisabeth, die Tochter des Festivals begrüsst ihn mit einer Ohrfeige, aber er singt wieder im Festspielhaus.

    Im zweitem Akt im während des Sängerkriegs schleicht sich die Truppe um die Dame im Paillardenkleid ins Haus und Tannhäuser wird schliesslich ("nach Rom") durch die Polizei abgeführt.

    Im dritten Akt kommt Tannhäuser nach einer Gruppe Asozialer aus Rom zu zurück, nachdem Elisabeth mit Wolfram, der doch immer schon in die verliebt war, ein Nümmerchen geschoben und sich die Arme aufgeschnitten hat.

    Elisabeth und Tanni entschwinden erlöst im VW-Bus in den Himmel.

    Alles klar...?

    Gesungen wurde ganz ordentlich. Giergiev furchtbar schlampig!!

  • "Was sollte der überaus schwachsinnige Film, mit dem die Ouvertüre unterlegt wurde?":/:/:/


    Lieber Willi! Es gibt für jeden Blödsinn eine Erklärung! Frag mal die "Experten".





    "Alles klar...???" :/


    Lieber Marcel! Nein, auch für mich nicht! Uns fehlt, auch Dir trotz Professorentitel, der gewisse Intellekt!


    Gruß Wolfgang

  • Ich werde jedenfalls, um ein positives Erlebnis zu haben, mir die DVD der Bayreuther Aufnahme von 1978 kommen lassen und hoffen, dass ich dafür "den gewissen Intellekt" habe. Jedenfalls habe ich die Aufnahme schon einmal auf Youtube gesehen und frage mich, warum ich sie nicht längst habe.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Tja, liebe Freunde, dann will ich Euch doch mal aufklären, wie "bekanntlich" die Handlung im Tannhäuser geht:

    Danke, lieber Marcel, für Deine Aufklärung.

    Ich bin ja nicht der große "Wagner - Fan", kenne aber einige gute Tannhäuser Aufführungen.

    In diesen, von Dir beschriebenen Tannhäuser, habe ich wohlahnend nicht reingeschaut und ich merke nun, ich habe nichts verpaßt.

    Das hätte mir Wagner ganz sicher nicht näher gebracht!


    Herzliche Grüße und einen schönen Abend

    CHRISSY


    Bei der Gelegenheit...

    Es macht mir wenig Freunde, Künstler zu kritisieren, gar sie zu verreißen.

    Na, das sagt doch hier der absolut Richtige! Dem es nicht peinlich ist, Fahrradtouren zu erfinden, wo man angeblich Sänger im Nirvana erleben kann

    und nachdem er als Münchhausen entlarvt wurde, seinen Frust in meinem Trovatore Thread abzuladen!

    Aber sei beruhigt, Deine Absicht ist Dir gelungen und die billige scheinbare Siegesfreude, sei Dir gegönnt.

  • Nun ja, ich fange dann auch mal an. Die Premiere habe ich mit meiner Frau in einem Bochumer Kino gesehen. Und war hellauf begeistert. Eine derart packende Tannhäuser-Inszenierung habe ich bislang noch nicht gesehen. Das Wichtigste vorab: die Musik. Da hatte ich mir bereits während der Ouvertüre so meinen Teil zu Gergiev gedacht. Bayreuth geht nicht ohne intensive Proben oder intime Kenntnisse der Akustik. Bei Gergiev gab's beides nicht und so klang es auch. Nicht schlecht aber auch ziemlich uninspiriert. Die Sänger dafür superb. Das war alles schallplattenreif.


    Sodann die Inszenierung. Als der Schlussapplaus anhob (mit den obligaten Buhs, von denen ich annehme, dass sie von Bayreuth genau dafür bezahlt werden, denn ein Regisseur, der in Bayreuth nicht bebuht wird, hat was falsch gemacht und sollte nicht weiter beschäftigt werden) saß ich in meinem Kinosessel und dacht mir: und jetzt das Ganze noch mal.


    Was war so anders?


    Kratzer verknüpfte Filmisches mit Theater, Schauspiel und Oper. Und: er ließ die Sänger spielen, ein Novum. Keine dämlichen Gesten wie Tische umschmeißen um Zorn und Verzweiflung zu zeigen, nein, von wenigen Ausnahmen abgesehen Gesten mit Augenmaß. Immer wieder ergänzen Einspielfilme die Aufführung, und durch diesen Trick schafft Kratzer es, abweichend vom Libretto, Venus und ihre Welt in allen dfrei Akten präsent sein zu lassen. Die von Wagner so entworfenen gegensätzlichen Welten prallen immer wieder aufeinander, weichen aber auch starre Grenzen auf. Die Wartburggesellschaft kommt weniger spießig rüber als das sonst der Fall ist. Wahrscheinlich, weil sich Venus mit ihrer Welt klever hineingemogelt hat.


    Die Welt der Venus: das sind die von der Gesellschaft abgelehnten Spielarten der Erotik, die ja ihrerseits nur die Fortpflanzungserotik gelten lässt. Lustvolle Erfüllung gibt's bei Venus, in deren Gefolge Grass' kleinwüchsiger Oskar Matzerath steckt und ein mir bis gestern nicht bekannter, aber göttlicher Transvestit. Diese stummen und lediglich mit Gesten spielenden Rollen sind die Würze der Inszenierung.


    So erlärt sich auch der Film zur Ouvertüre: er zeigt das lustvolle Leben Tannhäusers bei Venus, deren Hügel hier ein Citroen-Wohnmobol ist. Jaja, Citroen, Liberté und eine Reminiszenz an Coluche und den Film "Brust oder Keule" (Tanni ist bei Venus dieser freie Clown, während er als Heinrich Tannhäuser gesellschaftlichen Zwängen unterliegt, Selbstironie beim Passieren einer Biogasanlage ("Mangels Nachfrage geschlossen"), und es ist der mutwillig überfahrene Polizist, der Tannhäuser in Zweifel zu seiner Venus stürzt. Hier endet die Ouvertüre und es beginnt das Spiel. Bekanntlich geht Tanni stiften und versucht, im zivilen Leben wieder Fuß zu fassen. Die Wartburg ist nun das Haus auf dem grünen Hügel und immer wieder gelingt Kreizer die ästhetische Grenzüberschreitung im Sinne Ernst Michalskis: Festspielbesucher als zur Wartburg schreitende Gäste, die Sänger im Zivil als Bayreuth-Securities. Und eine Venus, die nicht aufgibt: am Ende des ersten Aktes dringt sie mit Ihrem Wohnmobil bis zum Hügel vor.


    Im zweiten dringt sie filmisch in den Hügel ein. Wie die drei Damen der Zauberflöte um Mohr Monostatos. Ihre Begleiter sehen das alles eher spielerisch, Venus ist es bitter ernst. Der eigentliche zweite Akt läuft fast schon konservativ: historische Halle, historische Kostüme, die Subversion ist tatsächlich der librettoergänzende Einbau der Venus in den Akt. Was für ein Gewinn für das Ganze. Alle Beteiligten schnurren auf menschliches Normalmaß, und das Wunderbare an der Inszenierung von Kratzer ist, dass seine Figuren mit Anspielungen agieren, die in der DNA unserer Generation liegen und verstanden werden, wie es in früheren Inszenierungen vergleichbare Anspielungen gegeben haben mag, die heute nicht mehr verständlich sind. Natürlich wird Tanni nicht von der Polizei zur Romfahrt abgeführt, die verhaften ihn zwar aber sorgen dafür dass die ehrwürdigen Herrschaften nicht zu unerlaubter Gewalt greifen (warum nur habe ich bei der Szene, als Katharina Wagner die 110 gewählt hat, nur an Tamino gedacht?).


    Akt drei ist der bewegendste, und auch hier hilft Kratzer nach durch die unglaubliche Gestik und Mimik der hinzugefügten Schauspieler. Und so ganz koscher ist die Welt auch nicht: die Pilger kommen zurück, exculpiert, und plündern die Höhle der Venus. Elisabeth bekennt, dass auch sie weltliche Gefühle hat und diese stets unterdrückt. Wolfram schlüpft in die Maske des Tannhäuser und vernascht Elisabeth, die sich aber auch nur dem hingeben will, dies als weitere Hinzufügung zum Textbuch (das Tannhäuser übrigens immer mit sich mitführt und zerreißt, als er erzählt, dass ihm keine Sündenbefreiung zuteil wurde).

    Tanni will zurück zur Venus und Wagner zieht die Notbremse. Wolfram verweist auf Elisabeth, Tannhäuser besinnt sich und stirbt, während davon gesungen wird, dass der Pilgerstab plötzlich grün tragen würde.


    Elisabeth tot, Tannhäuser tot, und mit kirchlichen Erlösungsvorstellungen kann man nun wirklich nichts mehr anfangen. Wohl aber mit dem Angebot des Regisseurs, der filmisch das im Tode vereinte Paar Elisabeth und Tannhäuser im Wohnmobil der Venus weiterfahren lässt; mit dem zum Coluche befreiten Tannhäuser und einer weltlich liebenden Elisabeth. Filmisches Vorbild gefällig? L’amour von Michale Haneke aus dem Jahr 2012. Auch dieser Film endet mit der Wiedervereinigung zweier Leibender als Lebende im Tod. Wollen wir jetzt den Bogen noch weiterspannen und an Sartres „Das Spiel ist aus“ erinnern?


    Nicht nötig. Diese Tannhäuser-Inszenierung gewinnt vor allem durch die Verknüpfung von Film, Schauspiel und Oper. Vielleicht ist nicht jeder Einfall nachvollziehbar, aber der Entwurf insgesamt hält sich schon recht gut an die Vorlage und gibt wunderbare Deutungshilfen.

    Und bis zum Ende der Spielzeit hat Gergiev das mit der Akustik in Bayreuth auch noch raus. Bestimmt.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • "Vielleicht ist nicht jeder Einfall nachvollziehbar, aber der Entwurf insgesamt hält sich schon recht gut an die Vorlage und gibt wunderbare Deutungshilfen."


    Für mich keineswegs nachvollziehbar! Aber, obwohl ich seit frühester Jugend Opernliebhaber bin, für so einen Klumpatsch habe ich weder Augen und Ohren offen! Aber solche Pape-Urteile habe ich schon öfter gehört und gelesen und kann darauf gerne verzichten! Das war es für mich!

  • Na, das sagt doch hier der absolut Richtige! Dem es nicht peinlich ist, Fahrradtouren zu erfinden, wo man angeblich Sänger im Nirvana erleben kann

    und nachdem er als Münchhausen entlarvt wurde, seinen Frust in meinem Trovatore Thread abzuladen!

    Na, das sagt doch hier der absolut Richtige! Dem es nicht peinlich ist, zweitklassige Sänger hochzujubeln, nur weil sie an seinem Lieblings-Provinztheater auftreten, und, nachdem er als jemand entlarvt wurde, der von der Beurteilung sängerischer Leistungen keine Ahnung hat, seinen Frust nun hier abzuladen.

  • Mit Absicht will ich mich in diesem Thread mit ein paar Sätzen ausschließlich zur Inszenierung äußern.


    "Das Jahr 2019 könnte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem Deutschland endgültig auf den identitätspolitischen Repräsentationszug aufgesprungen ist." schreibt die Soziologin Sandra Kostner in der Faz. Was sie für das Land vermutet, ist für Bayreuth gewiß. Regisseur Tobias Kratzer verlagert das Geschehen des ersten Tannhäuser-Akts auf die Straße, ins Video. Ein Road-Movie, Venus und Clown Tannhäuser als Outcasts, identitätspolitisch korrekt gecastete Begleiter im Schlepptau.

    Irgendeine Betriebsnudel nannte Venusberg und Avantgarde in einem Satz. In Zeiten, da vor Ministerien Regenbogenfahnen wehen und selbst der US-Botschafter in Berlin eine gehißt hat, ist ihr Auftauchen im Sängersaal der Wartburg sicheres Zeichen für das Abtraben der Arrieregarde.

    Kratzers Inszenierung ist reine Arbitrage. Bayreuth ist - verglichen mit Bühnen in deutschen Großstädten - spät dran mit Diversity-Statements. Also bringt er sie aus der Metropole in die Provinz. Deswegen ist das Festspielhaus selbst Ort des Geschehens und sind die Pilger die Festspielbesucher. Die Lieferung muß korrekt adressiert sein.

    Wenn Hacks' Satz, daß im Kunstzusammenhang die Gesellschaft mit der Gesellschaft die Gesellschaft verhandelt, für diesen Tannhäuser brauchbar sein soll, muß man das Verb tauschen. Hier wird nicht verhandelt, hier wird gezwitschert.

    Auf die Bühne wird gehoben, was schon lange Teil der Popkultur, wahrscheinlich sogar ein sie konstituierendes Element geworden ist. Beschwatzt wird, was im öffentlichen Raum sowieso permantent präsent ist. Das ist Affirmation. Die ist im Theater immer langweilig. Weil Kratzer ein guter Theatermann ist, weiß er das und will es mit einem Feuerwerk von Einfällen überspielen. Allein - es reicht nicht. Er muß bei anderen borgen: Sein Tannhäuser ist die dritte Wagner-Inszenierung in wenigen Jahren, bei der Protagonisten in einem alten Lieferwagen oder Campinghänger wohnen: Castorfs Mime im Bayreuther Siegfried, Böschs Sachs in den Münchner Meisersingern, nun Venus und ihre Entourage. Zerissene Klavierauszüge oder Textbücher von Wagner-Opern, oder auch zerschlagene Wagner-Büsten, boten schon Katharina Wagners Meistersinger und ebenso Böschs Version.

    Der Einfall, Venus zwischen die Chordamen des zweiten Akts zu schmuggeln, ist gelungen, wird dann aber ausgewalzt. Andere wiederholen sich sogar innerhalb eines Akts. Wolfram flüchtet während des "Gepriesen sei die Stunde" gleich mehrfach in die Kulisse.


    Ich bin mit einiger Erwartung ins Kino gegangen und habe es ernüchtert verlassen. Die Chance, mit Gould, Davidsen, Zhidkova und Eiche einen packenden Tannhäuser zu inszenieren, hat Kratzer nicht genutzt.


    The idea that the avant-garde continues is an absolute delusion of the contemporary art world. -- Camille Paglia

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Nicht nötig. Diese Tannhäuser-Inszenierung gewinnt vor allem durch dieVerknüpfung von Film, Schauspiel und Oper. Vielleicht ist nicht jeder Einfallnachvollziehbar, aber der Entwurf insgesamt hält sich schon recht gut an dieVorlage und gibt wunderbare Deutungshilfen.

    Lieber Thomas,


    das war mal nach sehr, sehr langer Zeit ein toller Beitrag zum Thema Oper. Bei solchen Inszenierungen sollte man halt über den Tellerrand Oper hinausschauen können in Richtung Theater, Film, Literatur. :thumbup::hello:


    Schöne Grüße

    Holger