"Tannhäuser" Bayreuth 2019

  • Ich bin mit einiger Erwartung ins Kino gegangen und habe es ernüchtert verlassen.

    Lieber Hans, mir hat Dein Beitrag sehr gut gefallen. Ich war schon gespannt darauf. Deine genauen Beobachtungen finde ich sehr anregend. Danke. :hello:

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold 1876

  • Hallo,

    die Geschichte des Thannhäuser ist schnell erzählt:

    Ausleben der sexuellen Triebe bis zum Exzess im Venusberg mit der anschließenden Feststellung, daß nach Lust und Ekstase die Ernüchterung bis zur kompletten emotionalen Leere folgen kann.

    Und dies immer wieder neu, da der gesunde Mann von der Natur aus als eine programmierte Samenschleuder gesehen werden darf.

    Auf der anderen Seite die idealisierte und damit reine Liebe zwischen Mann und Frau, die im Sängerwettstreit propagiert wird.

    Kein Wunder, daß der Thannhäuser das so nicht stehen lassen kann, er hat den Mut, den nicht in Einklang zu bringenden Konflikt der verschiedenen Arten von Liebe aufzuzeigen.

    Damit rückt nun unvermeidlich und unerbittlich Religion und Moral in den Mittelpunkt der Geschichte, ist die gezeigte selbstaufopfernde Liebe die Lösung des Problems?


    Das alles kleidet Wagner nun in Dichtung, Gesang, Musik, Darstellung und Bühnenbild.


    Das Wichigste bei Wagner ist dabei das Wort, der Text, umrahmt von oft wunderschöner oder dramatischer Musik, neben der stimmlichen Leistung wird vom Sänger/ der Sängerin auch darstellerischen Können verlangt, Dirigent und Orchester bleiben unsichtbar und sorgen - hoffentlich - mit der speziellen Bauweise des Festspielgrabens für diesen einzigartigen Klangfluss, der über die Bühne den Zuschauerraum erreicht.

    Choreographie und Bühnenbild ergänzen den Gesamteindruck, sie sind das notwendige visuelle Beiwerk, unser Sehsinn ist ja sehr stark ausgeprägt, ist Nummer 1.


    Da liegt aber das Problem. Die Priorität unserer Sinne steht der Intention Wagners entgegen.

    Anstatt die Geschichte über den Text aufzunnehmen und sich tiefer reinzufinden, mitzuerleben, was Thannhäuser treibt und zerreißt, sein Handeln zu verstehen und sich in der Person wiederzufinden, wird das bei einer Überbetonung der Choreographie und des Bühnenbildes von vornherein unterbunden.

    Damit scheitert dann das künstlerische Projekt Wagners.


    Es grüßt


    Karl

  • Auch von mir vielen Dank für die Beiträge von Marcel Joho, von 9079wolfgang, von William B.A., auch von Hans Heukenkamp und Karl. Ihr habt mit den heutigen Abend gerettet, lieber schaue ich mir eine Volksmusiksendung an. Und der besonders wertvolle Beitrag von Thomas Pape hat mich darin noch bestärkt: Der Tannhäuser kommt mir heute abend nicht auf den Bildschirm!

    Dieser Beitrag von mir ist keine Diskussionsaufforderung, das ist meine Meinung (und nicht nur meine).


    Auch Chrissys Reaktion auf carusos Behauptung, Künstler nicht zu kritisieren oder gar zu verreißen ist angemessen. Die Antwort von Bertarido war so auch zu erwarten.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Lieber Uli!


    Wenn sich auf der Opernbühne die Probanden mit Exkrementen bewerfen, dann können einige bestimmte Taminos dem noch viel Positives abgewinnen. Danke, das ist nicht mein Niveau! Das war auch mein letzter Beitrag!


    Gruß Wolfgang

    W.S.

  • Auf die Bühne wird gehoben, was schon lange Teil der Popkultur, wahrscheinlich sogar ein sie konstituierendes Element geworden ist. Beschwatzt wird, was im öffentlichen Raum sowieso permantent präsent ist. Das ist Affirmation. Die ist im Theater immer langweilig. Weil Kratzer ein guter Theatermann ist, weiß er das und will es mit einem Feuerwerk von Einfällen überspielen. Allein - es reicht nicht.

    Auch von mir großen Dank für dein mega-spannnendes Feedback. Es drängt sich dabei unwilllkürlich auf, dass dein "Das ist Affirmation" bereits Bestandteil der OperTannhäuser bildet. Kenne Premiere-Video davon allerdings bisher nicht.

    Dein Feedback macht höchst neugierig, sich diese Inszenierung quasi im Aktenzeichen-XY-Modus reinzuziehn, um dabei auch mal zu checken, ob und inwieweit dieses Moment in Kratzers Arbeit gebrochen wird.


    Ebenso herzliches Dankeschön an 9079wolfgang, Chrissy und La Roche dafür, diesem Thread mit dem nötigen Potential aufzurüsten, um den gewünschten Unterhaltungs-Faktor einzulösen. :thumbup:

  • Der Tannhäuser ist nicht gerade meine Lieblingsoper (ihr wisst, dass das LUCIA und die REGIMENTSTOCHTER sind). Trotzdem muss ich attestieren, dass die Querelen hier nicht so heftig waren, aber dafür die vielen Beiträge eine sehr konkrete und lebendige Beschreibung der Inszenierung gegeben haben. Als Fall einer kontroversen Opernbesprechung ist das hier ein Highlight im Forum; das ist jetzt keine Ironie, denn der Sinn einer Opernbesprechung ist es ja, dem Hörer ein genaues Bild aus eigener Sicht zu geben! Das kann natürlich dazu führen, dass Leser wie ich umso stärker geneigt sind, sich das nicht anzusehen, aber ich weiß genau, warum.

    Der Hauptgrund, wie ich ihn aus euren Kritiken entnehme, ist der, dass die Musik erst an dritter oder 4. Stelle kommt. Gute Sängerleistungen werden vom Dirigat zunichte gemacht, die Inszenierung wird vom optischen Overkill erdrosselt (Schlingensief war darin ein Meister). Besonders die Sache mit den Clowns und dem Zirkus ist doch recht abgegriffen. Daher werde ich mir heute Abend statt des Tannhäuser Louis Malles "Zazie dans le métro" in den DVD-Schacht schieben ("Schäbiger Schurke, was schiebst du schnell die scheußliche Scheibe in den schaurig schönen Schacht?").

    Die Basis sprach zum Überbau: "Du bist ja heut schon wieder blau!" / Da sprach der Überbau zur Basis: "Wasis?" (Robert Gernhardt)

  • "Das Jahr 2019 könnte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem Deutschland endgültig auf den identitätspolitischen Repräsentationszug aufgesprungen ist." schreibt die Soziologin Sandra Kostner in der Faz.

    Lieber hans,


    den Artikel kann ich leider nicht lesen - ohne dass die FAZ dafür Geld haben will. Somit fehlt mir bedauerlicher Weise die Verständnisvoraussetzung für Deinen Beitrag.


    Auf die Bühne wird gehoben, was schon lange Teil der Popkultur, wahrscheinlich sogar ein sie konstituierendes Element geworden ist. Beschwatzt wird, was im öffentlichen Raum sowieso permantent präsent ist. Das ist Affirmation. Die ist im Theater immer langweilig.

    "Die ist im Theater immer langweilig" - ist das nicht auch "Affirmation"? Oder das:


    Was sie für das Land vermutet, ist für Bayreuth gewiß.

    Klingt das nicht auch sehr affirmativ - eine Vermutung wird durch Adffirmation schließlich zur Gewissheit?



    Wenn Hacks' Satz, daß im Kunstzusammenhang die Gesellschaft mit der Gesellschaft die Gesellschaft verhandelt, für diesen Tannhäuser brauchbar sein soll, muß man das Verb tauschen. Hier wird nicht verhandelt, hier wird gezwitschert.

    Kannst Du diese vor Geistreicherei überschäumende Journalistensprache mal so übersetzen, dass auch ich sie verstehe? :D


    Schöne Grüße

    Holger

  • Teuerster LaRoche!

    Auch Chrissys Reaktion auf carusos Behauptung, Künstler nicht zu kritisieren oder gar zu verreißen ist angemessen.

    Es macht mir wenig Freunde, Künstler zu kritisieren, gar sie zu verreißen. Es ist einfach viel befriedigender, gute Leistungen zu beschreiben und zu würdigen.

    Kannst Du bitte genauer lesen und versuchen, die Botschaft eines Satzes richtig zu verstehen? Dass ich Künstler nicht kritisieren würde, habe ich nie behauptet. Stimmenliebhaber hat ja ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit gebracht, dass ich mitunter die Protagonisten eine Aufführung kritisiere. An der Knappheit der Kritik ist leicht erkennbar, dass mir das wenig Freunde macht.


    Freundliche Grüße

    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Ich komme zum gegenteiligen Schluß wie Dr. Pingel (allerdings auch bei etwas unterschiedlicher Ausgangslage: ich mag Open eher partiell, z.B. von Händel, mag Wagner eher nicht, finde pc laaaangweilig, bin eher der Meinung, man sollte Opern nicht aus der Zeit reißen etc.), werde mir die Sendung heute Abend aber zumindest teilweise ansehen - die Diskussion hier hat mein Interesse entfacht.


    (Ohne Korrekturfunktion dauert es wesentlich länger, einen Beitrag zu schreiben, weil man sorgfältiger vorgehen muß). Das reduziert tendentiell die Anzahl der Beiträge.

  • Und Mist - die Klammer hätte ich auch auf den letzten Satz ausdehnen müssen. Ohne Korrekturfunktion werden auch die Threads mühsamer zu lesen sein.

  • Kannst Du diese vor Geistreicherei überschäumende Journalistensprache mal so übersetzen, dass auch ich sie verstehe?

    Und wer ist in der Lage, die vor Geistreicherei überschäumende Philosophensprache so zu übersetzen, daß sie von Nichtphilosophen verstanden wird?


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Und wer ist in der Lage, die vor Geistreicherei überschäumende Philosophensprache so zu übersetzen, daß sie von Nichtphilosophen verstanden wird?

    Das ist eine schöne rhetorische Spielerei. Um wirklich überzeugend zu sein, musst Du mir schon ein konkretes Beispiel geben. Philosophen bemühen sich nämlich (jedenfalls aus meiner Schule), sich allgemeinverständlich auszudrücken und gerade keinen "Fachjargon" zu sprechen.

  • Inspiriert von der "Kritikerrunde" (Bayern Klassik) im Anschluss an die Vorstellung und von allen (!) Beiträgen hier möchte ich mir die Sendung der Premiere in 3sat heute Abend nicht entgehen lassen. Musikalisch habe ich die Radio-Übertragung sehr genossen - mit kleinen Einschränkungen, wobei ich bezüglich Gergiev weitaus nicht soo kritisch war wie die Kritiker im Anschluss und die Kritiker in den Printmedien. Da war ich schon eher enttäuscht vom 1. Akt Lohengrin - und zwar enttäuscht von Thielemann; hat der vielleicht nicht genug geprobt?

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Am Dirigat der Ouvertüre kann ich schon mal nichts Schlechtes entdecken. Ich kennen die Ouvertüre ziemlich gut, weil ich sie als eines der besten Stücke Wagners öfters anhöre. Im weiteren Verlauf scheint der Dirigent manchmal ein klein wenig zu schleppen, aber nicht dramatisch. Nichts, was ein so harsches Urteil wie oben aus der der Presse zitiert rechtfertigt.


    Der Film dazu hat mich allerdings ziemlich ratlos gelassen.


    Die Inszenierung: naja, erinnert so ein bißchen an einen ad hoc- Workshop mit sehr beschränkten finanziellen Mitteln. Karg und unpassend. Zumindest schon mal nicht eklig.

  • Musikalisch mE kein großer Wurf, aber auch nicht so schlecht, wie in den Kritiken zu lesen. Mein Verdacht ist, dass da aus politischen Gründen nochmal "nachgetreten" wurde. BILD - nun nicht gerade an Themen der Hochkultur interessiert - hat regelrecht gegen Gergiev gehetzt. In den Feuilletons geht es natürlich etwas feiner zu. Die Inszenierung ist mE mal wieder eine von der Sorte, die Wagners Werk als soundtrack für mehr oder weniger spaßige Ideen eines Regisseurs missbraucht. Ich finde sie banal und albern, gerade wenn man parallel zu dem was man sieht auf den Text achtet.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Irgendwie fühle ich mich verarscht, wenn die Sänger in einem geschlossenen Auto sitzen, vor sich hinhampeln, und die Stimmen genauso gut rüberkommen, als stünden sie auf freier Bühne. Playback??? Mikrofone sind zumindest nicht sichtbar, Kabel auch nicht.

  • Geschlossenes Auto? Mir schien, dass es keine Frontscheibe gibt. Dennoch vermutlich mit Richtmikrophonen aufgnommen, da man auch deutlich das wackeln des Wackeldackelmittelfingers gehört hat.

    Sport lässt Menschen besser aussehen - Wein aber auch.


  • Lieber Holger,

    der zitierte Satz eröffnet den Artikel von Fr. Kostner, den ich verlinkt habe. Dessen erster Absatz ist für jeden lesbar. Leider sind Quellen im Internet zunehmend hinter Bezahlschranken verborgen.

    Den Begriff "Affirmation" wollte ich durchaus nicht sprachwissenschaftlich verwenden, sondern meine Kritik an der leitkultur-kompatiblen Inszenierung in ihm bündeln.

    Das Verhandeln auf dem Theater, von dem Hacks spricht, habe ich immer als Angelegenheit großer Ernsthaftigkeit - mit der man ja auch eine Komödie auf die Bühne bringen muß, daß es gut wird - verstanden.

    Diese Ernsthaftigkeit hatte ich erhofft, habe sie aber vermißt. Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Für mich war das mal richtig gutes Theater, wenn auch nicht nach meinem Geschmack. "Richtig gutes Theater" ist es für mich dann, wenn es mich fesselt und berührt. Szenisch hat mich nur wenig gestört. Die Idee mit der Dragqueen fand ich OK, aber etwas weniger (prominente) Präsenz wäre mir lieber gewesen. Die Videoeinspielungen waren mir zu viel, vor allem im 2. Aufzug. Als Fernseh-Zuschauer konnte man sich auch überhaupt nicht vorstellen, wie das live vor Ort wirkte. Auf entsprechende Berichte wäre ich neugierig. Die Uhren-Werbung habe ich überhaupt nicht verstanden und war also für mich störend. Musikalisch war ich schon beim reinen Hören sehr zufrieden (Radio), aber mit der Szene hat das für mich erst richtig Sinn ergeben. Ich wüsste nicht, welche Tannhäuser-Aufführung (nicht mal die mit Botha in Wien) oder -Aufnahme mir musikalisch besser gefallen hätte. Die Buhs von Publikum und Kritik für Gergiev finde ich zu überzogen. Oder bezogen sich die Buhs nicht auf das Dirigat der Premierenvorstellung, sondern auf die kolportierten Meldungen über mehrmaliges Zuspätkommen bei Proben und somit fehlenden Respekt gegenüber Gepflogenheiten bei den Bayreuther Festspielen? Wenn dem so wäre, bin ich gespannt auf die Buhs für Anna Netrebko bei ihren zwei Lohengrin-Gastspielen.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Hallo,


    als Kind habe ich all die Märchen- und Sagenbücher immer wieder gerne gelesen, wie hat das die Phantasie angeregt.


    Mit dem Alter merkt man, daß bei den Märchen viel mehr dahintersteckt, oft sind es Karikaturen des menschlichen Verhaltens.


    Geschichten wie "Von dem Fischer und seiner Frau", "Der alte Großvater und sein Enkel" und "Des Kaisers neue Kleider" lassen tief in uns hineinschauen.


    Und gelegentlich kann man staunend feststellen, sie haben nie von ihrer Aktualität verloren. Absolut zeitlos.


    Hat es schon damals gegeben, wird sich wohl nie ändern.


    "Des Kaiseres neue Kleider": Ein wirklich unsterbliches Märchen oder sogar ein Sachstandsbericht?


    Es grüßt


    Karl

  • Trotz selbst auferlegtem Verbot habe ich nicht widerstehen können. Die Ouvertüre mit dem Video fand ich furchtbar, es wird anscheinend immer mehr Mode, Ouvertüren zu illustrieren. Witzig fand ich den Hinweis, daß "Die Biogasanlage mangels Interesse geschlossen" sei. Musilkalisch fand ich sie gut, die Bläsereinsätze zu Beginn kamen makellos, die Tempi ließen keine Langeweile aufkommen, die Violinenläufe waren deutlich vernehmbar trotz darüberliegender Bläsergruppe beim Pilgerchormotiv (habe ich schon anders gehört). Es wurde musikalische Spannung aufgebaut, der Auftakt war trotz des mich störenden Videos gelungen. Ich konnte ja die Augen schließen.

    Als sich der Venusberg auftat, war ich verunsichert. Bin ich in der richtigen Oper oder ist das eine Parodie? Anleihen bei den sieben Zwergen und bei der Loveparade haben sich förmlich aufgezwungen, die etwas dünn geradene Venus gab sich alle Mühe, den Herrn im bunten Kostüm zu betören. Was sie an ihm fand, das konnte sich mir allerdings nicht erschließen, dazu kam er optisch doch zu mißlungen rüber. Warum Venus einen Clown bei sich behalten möchte, ist mir unklar geblieben, aber der Herzog von Manua hatte ja auch einen. Meine Laune wurde nicht besser, zumal ich gesanglich Sehnuscht nach der Tannhäuser-Inszenierung von 1982 an der Staatsoper Ostberlin (mit Wenkoff, Casapietra, Dvorakova uva.) bekam. Gegen 21.00 Uhr, nach dem Venusakt, war meine Laune auf dem Tiefpunkt angelangt.


    Ich fand Trost auf dem SWR bei Andy Borg. Tannhäuser blieb abgestellt.


    Ein Wort noch zu Gergijew. Zu Beginn seiner Laufbahn wurde er von allen Kritikern hochgejubelt. Er war der kommende Mann. Als er seine Sympathie für Putin bekannte, änderten viele Kritiker ihre Meinung, wobei wohl politische Bekenntnisse dafür entscheidend sein könnten, weniger seine musikalischen Leistungen. Ich sympathiere mit Gergijew, auch musikalisch. Trotzdem fand ich z.B. sein Eröffnungskonzert (2015?) in München nicht gelungen, fast lustlos, und auch im Venusakt fehlte mir Schwung, Leidenschaft und Dramatik. Vielleicht war er danach besser in Form.


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • zumal ich gesanglich Sehnuscht nach der Tannhäuser-Inszenierung von 1982 an der Staatsoper Ostberlin (mit Wenkoff, Casapietra, Dvorakova uva.) bekam.

    Premiere hatte diese Inszenierung im Dezember 1977, die Fernsehproduktion (mit einmaligem Mitschneiden einer Live-Vorstellung im Juni 1982 als Tonspur des Films) fand im Jahre 1982 statt (siehe auch mein hiesiges Besetzungsarchiv der Staatsoper Berlin).

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Merci. Komplett auf youtube zu sehen.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • "Des Kaiseres neue Kleider": Ein wirklich unsterbliches Märchen oder sogar ein Sachstandsbericht?

    Falls es jemand nich kennen sollte - hier der Text aus Wikipedia:


    »Das Märchen handelt von einem Kaiser, der sich von zwei Betrügern für viel Geld neue Gewänder weben lässt. Diese machen ihm vor, die Kleider seien nicht gewöhnlich, sondern könnten nur von Personen gesehen werden, die ihres Amts würdig und nicht dumm seien. Tatsächlich geben die Betrüger nur vor, zu weben und dem Kaiser die Kleider zu überreichen. Aus Eitelkeit und innerer Unsicherheit erwähnt er nicht, dass er die Kleider selbst auch nicht sehen kann und auch die Menschen, denen er seine neuen Gewänder präsentiert, geben Begeisterung über die scheinbar schönen Stoffe vor. Der Schwindel fliegt erst bei einem Festumzug auf, als ein Kind sagt, der Kaiser habe gar keine Kleider an, diese Aussage sich in der Menge verbreitet und dies zuletzt das ganze Volk ruft. Der Kaiser erkennt, dass das Volk recht zu haben scheint, entscheidet sich aber, „auszuhalten“ und er und der Hofstaat setzen die Parade fort.«


    Ja, lieber Karl, man wird auch in Bayreuth die Parade fortsetzen ... was denn sonst.

    Stilwidrig empfand ich den Einsatz eines Citoën-Wohnmobils, bei so viel der Helden, tapfer, deutsch und weise, - hätte der Szene ein VW-Modell besser zu Gesicht gestanden.




  • Stilwidrig empfand ich den Einsatz eines Citoën-Wohnmobils, bei so viel der Helden, tapfer, deutsch und weise, - hätte der Szene ein VW-Modell besser zu Gesicht gestanden.

    Soweit es sich aus Auszügen der Inszenierung beurteilen lässt, wird das Citoën-Wohnmobil in Kratzers Inszenierung doch der Venus-"Fraktion" und eben nicht der Wartburg-Gesellschaft zugeordnet. Das wäre dann nicht stilwidrig.

    Momentan auch nicht sicher ob "deutsch" in Wolframs Gesang sich überhaupt auf nationale Identität bezieht und nicht eher eine andere Bedeutung trägt.

  • Ich habe gestern die ganze Zeit über gedacht "Wann kommt denn nun endlich Kurt Felix um die Ecke und löst den ganzen Spaß auf?".


    Da fiel mir dann irgendwann ein, dass der ja nun schon seit 7 Jahren tot ist.

    >>So it is written, and so it shall be done.<<

  • Zitat von hart

    Stilwidrig empfand ich den Einsatz eines Citoën-Wohnmobils, bei so viel der Helden, tapfer, deutsch und weise, - hätte der Szene ein VW-Modell besser zu Gesicht gestanden.

    Vielleicht, lieber hart, hat ja der Regissuer europäisch oder gar global gedacht und von daher angenommen, dass ein VW-Modell nicht ratsam wäre, da ja VW zutiefst in den Diesel-Skandal verwickelt ist und Citroen (möglicherweise) nicht? Vielleicht ist ja aus diesem Grunde auch, wie im Film während der Ouvertüre zu sehen war, die Biogas-Anlage geschlossen worden? Also Kratzer for Future?


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).