Nabuccos Insult - Klaus Christian Schreiber setzt Verdis Meisterwerk auf dem Braunschweiger Burgplatz nicht in den Sand

  • Von der Oker ins Zweistromland: 20 Mal erwarten jeweils rund 1.200 Zuschauer des traditionsreichen Opern Open Air auf dem mittelalterlich geprägten Braunschweiger Burgplatz Giuseppe Verdis Oper Nabucco. In der sandbedeckten Arena direkt am Braunschweiger Burglöwen zwischen Dom und Burg inszeniert der bekannte TV-Schauspieler Klaus Christian Schreiber angenehm konventionell. Er verkneift sich unnötige Modernisierungen wie Panzerkämpfe. Dafür bietet der Regisseur einen nachvollziehbaren Ansatz der Geschichte um Nabucco, Religionsstreitigkeiten, Abigaille und die Macht. Kein gleißender Blitz trifft Nabucco, sondern er wird vom Schlag getroffen. Ein Schlaganfall geht mit körperlichen Einschränkungen einher und viele Patienten gesunden in der Reha. Und schon ist die Geschichte rund. Zu Beginn graben die Protagonisten als Archäologen direkt vor dem Orchestergraben die Geschichte der Oper aus. Die Darstellung Nabuccos und dieser Ansatz Schreibers kann getrost als „kleiner Wurf“ bezeichnet werden, die dem Regisseur Bravorufe und keine Missfallensbekundungen einbrachte. Gleiches gilt für die Kostüm- und Bühnenbildnerin Corinna Gassauers, deren schlichtes von Sand und den quaderförmigen Relikten der Vergangenheit geprägtes Bühnenbild genauso wie die Kostüme der Protagonisten und der Choristen kongenial zum Regiekonzept passen. Von beeindruckender Intensität ist die Szene, in der sich Nabucco in einem Davidstern aus gleißendem Licht selbst zum Gott der Hebräer ausruft.


    Dazu das von Generalmusikdirektor Srba Dinić in allen Gruppen gut einstudierte und bestens aufspielende Staatsorchester Braunschweig. Der musikalische Spannungsbogen unter Dinićs Stabführung reicht von innig lyrischen Momenten bis zu stärkster dramatischer Wucht der oftmals explosiven Musik von Giuseppe Verdi. Das Orchester folgt seinem Chef bedingungslos von einer Gefühlswallung zur nächsten. Stets hält Dinić die Fäden zwischen Orchester, erweitertem Chor und Solisten zusammen. Ein Sonderlob gilt dem von Georg Menskes und Johanna Motter einstudierten Staatstheaterchor und dem Extrachor. Bis zur letzten Sekunde halten die Chorsänger die Spannung ihrer jeweiligen Darstellung und sind wichtiger Bestandteil des Inszenierungskonzepts. Den weltbekannten Gefangenenchor "Va pensiero" begannen die gefangenen Hebräer äußerst zart und pianissimo und steigerten sich extrem bis zum sieghaften forte. Die Choristen sind halb blau und halb hell geschminkt, um mal Unterdrückte und mal Unterdrücker spielen zu können. Im Zweistromland waren die Völker mal Gewinner mal Verlierer. Der Mensch ist variabel vom Opfer bis zum Täter.


    Ein kaum zu unterschätzender Pluspunkt ist Yulianna Bawarska als Abigaille. Die nabuccoerprobte Sängerin überzeugt stimmlich und darstellerisch vollkommen. Auch in den höchsten und dramatischsten Passagen der machtgeilen Abigaille bleibt sie ohne Fehl und Tadel. Sprünge und Koloraturen bereiten ihrem robusten und doch klangschönen dramatischen Sopran keinerlei Probleme. Von Piano bis zum expressivem Ausbruch; ihre Stimme kennt weder Grenzen noch Schärfen oder andere gesangliche Einschränkungen. Und auch ihr Spiel als Machthungrige ist glaubhaft. Bis hin zum Giftselbstmord. Ivan Krutikov (Nabucco) verfügt über einen Prachtbariton und bewegt sich engagiert zwischen kraftvollem und verzweifeltem Spiel. Krutikov bewältigt nicht nur den Ritt auf dem Pferd und den Schlaganfall, sondern auch alle lyrisch und dramatischen Klippen der Partie. Der seriöse Bass Jisang Ryu ist als Zaccaria schauspielerisch dagegen kaum wahrnehmbar. Sein Zaccaria ist einfach nur anwesend. Dafür lässt er einen mächtigen schwarzen Bass bester italienischer Schule erklingen. Dagegen fällt Rainer Mesecke als Oberpriester des Baals gesanglich ab. Sein Bass klingt etwas unstet und zudem bleibt auch er darstellerisch blass. Kwonsoo Jeon (Ismaele) mit lyrischem aber nicht schmelzendem Tenor ist gesanglich und darstellerisch ein ausgesprochen zurückhaltender Gefährte Fenenas. Die Liebesgeschichte findet kaum statt. Dorothea Spilger stellt die leidende Fenena glaubhaft dar und führt ihre schöne gesunde Stimme bruchlos durch die Register. Etwas störend zu Beginn eine minimale Schärfe, die ihrer Interpretation zwar mehr Gewicht geben könnte, aber den wunderschönen Ton, den sie zu bilden vermag, stört. Umso mehr überzeugt sie in ihrer Arie (Gebet Fenena), die sie herrlich weich und lyrisch mit größter Innigkeit, aber auch Tragkraft, singt. Bravo! :thumbup:


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    Arena-Atmosphäre at its best auf dem Braunschweiger Burgplatz mit 24 ausverkauften Nabucco-Aufführungen

    Nabucco: Ivan Krutikov, Chor und Extrachor des Staatstheater Braunschweig © Bettina Stoess


    17.8.-4.9.2019 auf dem Braunschweiger Burgplatz - http://www.staatstheater-braunschweig.de

  • Dank für den Bericht!


    Ein hübsches Detail verrät die Webseite des Staatstheaters:


    Zitat

    Hinweise: Im Finale des 1. Aktes (nach ca. 40-45 Minuten Spieldauer) ist für eine Dauer von ca. 2 Minuten ein Pferd auf der Bühne. Das Tier wird vor jeder Vorstellung geduscht, sodass für Allergiker*innen keine Gefahr besteht.

    Burgplatz Open Air 2019

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Ich setze noch einen Erinnerungsbeitrag hinzu: In den 1980ern habe ich in einem Xantener Amphittheater (nein, es war nicht das große, nachgebaute Rund, sondern das kleine, bei Birten gelegene Waldtheater) den (Schauspiel-)Figaro von Beaumarchaise

    gesehen. Da saß vor mir ein älterer Mann, dessen Körper-Aura bei jedem Windzug den Kuhstall in meine Nase wehte. Der gute Mann hätte auch eine solche Dusche gebrauchen können...


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Man kann sich seine Sitznachbarn im Theater oder in der Oper nicht aussuchen. Leider bleibt manche Aufführung deshalb vor allem olfaktorisch in Erinnerung. Recht ungern erinnere ich mich an einen Lohengrin in der Deutschen Oper Berlin, bei dem mein Nachbar mit seinen grob profilierten Outdoor-Schuhen vor der Oper einen Hundehaufen erwischt hatte.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Mein schlimmstes Erlebnis mit einem Sitznachbarn war in Düsseldorf bei der Götterdàmmerung , wo ein Ehepaar vorher Essen war mit viel Knoblauch, und sich den ganzen ersten Akt meinte sich unterhalten zu müssen .

  • Man kann sich seine Sitznachbarn im Theater oder in der Oper nicht aussuchen. Leider bleibt manche Aufführung deshalb vor allem olfaktorisch in Erinnerung. Recht ungern erinnere ich mich an einen Lohengrin in der Deutschen Oper Berlin, bei dem mein Nachbar mit seinen grob profilierten Outdoor-Schuhen vor der Oper einen Hundehaufen erwischt hatte.


    Mein schlimmstes Erlebnis mit einem Sitznachbarn war in Düsseldorf bei der Götterdàmmerung , wo ein Ehepaar vorher Essen war mit viel Knoblauch, und sich den ganzen ersten Akt meinte sich unterhalten zu müssen .

    Ja, ja, wie heißt es so schön im Volksmund: Der Mensch an sich ist gut, aber die Leute...

    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER