La Forza del Destino, Deutsche Oper Berlin, Castorf-Premiere, 08.05.2019

  • Für einige Minuten waren die 80er-Jahre zurück in der Bismarckstraße. Es wurde gerufen und gepöbelt, Ordner kamen in den Saal. Ich hatte mich schon im Vorfeld über die Gesamtdauer der Aufführung gewundert: 3 Stunden und 45 Minuten hatten mich stutzig gemacht. Frank Castorf hat die Handlung der Oper nach Neapel ins Kriegsjahr 1943 verlegt. Der Krieg in aller seiner Grausamkeit un Sinnlosigkeit ist auch das zentrale Thema von Castorfs Regiearbeit. Offenbar hat em Regisseur jedoch der Stoff der Oper nicht ausgereicht. Wurden im 1. Teil nur kurze Texte eingestreut, schienen die Texte im 2. Teil keine Ende nehmen zu wollen. Das Maß war voll, als Texte zunächst auf Deutsch und dann auf Englisch gesprochen wurden. Dann kamen die Rufe nach Musik, Verdi und nach Respekt für die Darsteller. Währen auf der Bühne die Sinnlosigkeit des Kriegs gezeigt werden sollte, gab es im Publikum förmlich einen Lagerkrieg. Leider ist die Inszenierung insgesamt eine recht langweilige Angelegenheit, die bis zu den Tumulten kaum Widerspruch geerntet hat. Das Publikum schien ratlos bis gelangweilt zu sein, so verhalten war auch er Applaus für die Sänger. Die hinzugefügte Person des Indios wirbelte quer durch die ganze Oper, mal halbnackt in Stöckelschuhen, mal im Glitzerkostüm, mal als Engel. Seine Leistung war sicher von großer Qualität und Intensität, in Bezug auf den Genuss der Oper haben mich seine Aktionen eher kirre gemacht, so die auch die zahlreichen Video-Installationen, die teilweise live von Kamerateams aufgenommen gesendet wurden.


    Musikalisch war der Abend besser als ich es erwartet hatte. Vor allen Dingen die Männer wussten zu überzeugen, was mich insbesondere für Russel Thomas als Alvaro gefreut hat, der vor drei Monaten einen eher durchwachsenen Otello gesungen hatte. Mit seiner dunklen, etwas rauen Stimme umschiffte er die meisten Klippen der Partie und war in er Beifallsskala klarer Punktsieger. Eine starke Leistung bot auch Markus Brück als Carlo. Ich bevorzuge zwar eher weiche Stimmen, aber mit seinem kernigem Bariton und einer Stimmgewalt hat er eine Top-Leistung gebracht, die so manchen Kollegen vor Neid erblassen lassen würde. Als Padre bot der von mir sehr geschätze Marko Mimica eine tadellose Leistung, allerdings fehlte ihm irgendwie das Format für die Partie. Misha (vormals Mikheil) Kiria beherrschte die Bühne bei seinen Auftritten und war ein charismatischer Fra Melitane, der u.a bei Renato Bruson studiert hat. Agunda Kulaeva gab eine passable Preziosilla, nicht mehr und nicht weniger. Zwiespältig bleibt der Eindruck zur Leonora von Maria José Siri. Ich schätze an ihr, wie sie sich mit Haut und Haar auf der Bühne verzehrt. Ich verzeihe ihr in der Regel eine etwas schrille Höhe, da ich insgesamt ihre Stimme mag. Allerdings waren gestern ihre hohen Töne Glückssache. Dirigiert wurde die Aufführung von Jordi Benàcer, der für den ursprünglich mal geplanten Paolo Carignani am Pult stand. Ich fand sein Dirigat mit zahlreichen Tempowechseln sehr interessant. Schon in der Ouvertüre gab es Töne, die ich so noch nie zuvor gehört habe. Manches war recht langsam dirigiert, andere Passagen extrem schnell, mit vielen Rubati gespickt. Allerdings gab es auch Abstimmungsprobleme mit dem insgesamt hervorragenden Chor und verpasste Einsätze (Stephen Bronk als Marchese und Brück, bei Siri bin ich mir nicht ganz sicher).


    Nach fast vier Stunden (warum wurde eigentlich nicht um 18 Uhr begonnen?) Oper, Sprechtheater und Tumulten gab es am Ende Beifall ohne Widerspruch für die Sänger und den Dirigenten und einen Buh-Orkan für Frank Castorf und sein Team, gemischt mit Beifall und Zustimmung, den dieser mit Küsschen für das protestierende Publikum beantortet hat. Allein wegen der überlangen Dialoge habe ich nicht den Nerv, mir diese an sich sehr schöne Oper öfter zu gönnen. So manch einer wird sich, egal ob Neuenfels-Anhänger oder -Gegner, nach der alten Produktion zurückgeseht haben, die ebenfalls für Skandale gesorgt hat und noch Jahre nach der Premiere für Widerspruch gesorgt hat.

  • Lieber Kapellmeister, Dank für Deinen Bericht. Ich war zu feige, mich selbst schon hinzuwagen und wollte erst Stimmen der Mutigeren lesen, bevor ich mich auf den Weg mache. Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Danke, lieber Hans. Es soll sich jedoch jeder sein eigenes Urteil bilden. Vielleicht bist Du ja am Ende völlig begeistert. Ich spare mir jedoch einen zweiten Besuch im September.

  • Lieber Kapellmeister, wurde die Overtûre zu Beginn gespielt ,oder nach dem ersten Bild des ersten Aktes ? Und wurde in der Oper gekùrzt ?

  • Die Deutsche Oper Berlin hat gerade einen eigenen Videoclip veröffentlicht mit (natürlich überwiegend positiven) Kommentaren des Publikums. Die bisher gelesenen Kritiken sind allerdings alle eher neagtiv.


    Also hier kann jeder einen ersten Eindruck gewinnen.


  • Leider hab ichs nicht gesehen. Hätte sicher Spaß gemacht.


    La Roche

    Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag - Goethe, Faust, Vorspiel auf dem Theater, Aussage des Theaterdirektors

  • Lieber Kapellmeister, wurde die Overtûre zu Beginn gespielt ,oder nach dem ersten Bild des ersten Aktes ? Und wurde in der Oper gekùrzt ?

    Lieber Rodolfo39,


    die Ouvertüre wurde zu Beginn gespielt. In Dresden war es die andere Variante, wenn ich mich recht erinnere.

  • Lieber Kapellmeister, Dank für Deinen Bericht. Ich war zu feige, mich selbst schon hinzuwagen und wollte erst Stimmen der Mutigeren lesen, bevor ich mich auf den Weg mache. Es grüßt Hans

    Dem schließe ich mich an. Ich habe eine Karte auf meinem Stammplatz am nächsten Mittwoch und weiß nun wenigstens, auf was ich mich da einlasse. Neuenfels war ja damals wohl schon grenzwertig, aber schlimmer gehts immer. Da ich diese Oper noch niemals erlebt habe, wollte ich, Regisseur hin oder her, in diese Aufführung gehen. Und ich möchte eigentlich bis zum Ende bleiben. Mal sehn (und hören).

    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • "Es ist immer spannend, wenn Menschen sich entäußern, sich angestoßen fühlen. Es kann auch ein sinnlicher, fast ein erotischer Akt sein."


    Das steht in dem Interview mit Castorf (Beitrag #13) zum Skandal, den Neuenfels mit der Forza vor Jahren zu verantworten hatte. Mir wird immer verborgen bleiben, wie man einen Menschen mit dieser Auffassung damit beauftragen kann, ein Bühnenstück gleich welcher Art zu inszenieren. Naja, für wen es sinnlich und erotisch ist, ausgebuht zu werden und Tumulte unter den Zuschauern zu provozieren, der soll das eben tun, wenn er die Reaktion ertragen kann. Irendwie fehlt mir dafür das Verständnis.


    Herzlichst La Roche

    Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag - Goethe, Faust, Vorspiel auf dem Theater, Aussage des Theaterdirektors

  • Ich bin gerade zurück aus der Oper. Kpm. Storch hat zur Inszenierung das Wesentliche geschrieben. So sehe ich das im Prinzip auch. Einräumen muss man den immensen Aufwand dieser Produktion, die Drehbühne war sehr voll geladen einschl. einem großen Militär-Lkw mit offener Seite, sehr opulente Kostümierung des großen Chores. Da habe ich oft viel sparsamere Ausstattungen erlebt. Gestört haben mich die permanten Videoeinblendungen auf der linken Bühnenseite mit sehr viel Blut und brutalen Bildern in Lazaretten und Kriegsschauplätzen, ich habe mich bemüht, da nicht hin zu sehen. Überflüssig die erwähnten Texteinlagen, die auch zu Unmutsäußerungen im Publikum führten. Ich habe zwar einen akademischen Hintergrund, dennoch erschloss sich mir der Sinn dieser Texte, die gar nichts mit der Oper zu tun haben, überhaupt nicht. So zog sich das eben sehr in die Länge. Mir erschließt sich nicht, warum Castorf nach Neuenfels wieder den 2. Weltkrieg als Schauplatz benutzte. Der Schluss passte zu zur Inszenierung: Carlos ist tot,raucht aber im Video noch genüsslich und lange seine Zigarette und die tote Leonora steht am Ende bei noch offenem Vorhang wieder auf. Sängerisch war das dagegen teiweise ein Hochgenuss. Mir gefiel Marie José Siri als Leonora großartig, ihre Stimme füllte den ganzen Saal ohne zu scheppern und das von Anfang an. Russell Thomas als Don Alvaro hat ein glanzvolles Timbre und Markus Brücks grimmiger Bariton passt zur Rolle des Don Carlo. Dazu gefie mir auch Misha Kiria als kecker Melotone. Ein Ausfall war dagegen Agunda Kilaeva als Preziosilla, die völlig tonlos im Rataplanchor agierte und auch sonst wenig zu hören war. Der Indio hat seine Sache eigentlich nicht schlecht gemacht, auch wenn er lange fast nackt im Stringtanga rumlief (das kann Castorf vielleicht erklären) und später goldlackig die Bettler fütterte. Ich habe mir Mühe gegeben, bis zum Ende zu bleiben. Vor mir lichteten sich im zweiten Teil allerdings die Reihen.

    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Ich bin gerade zurück aus der Oper. Kpm. Storch hat zur Inszenierung das Wesentliche geschrieben. So sehe ich das im Prinzip auch.

    :hello:

    Lieber timmiju, Dank für Deinen Bericht! Hast Du im Rang gesessen? Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Hans, danke für die Replik. Da ich in die Oper im Gegensatz zum Konzert in der Regel alleine gehe, sitze ich in der DOB gerne 1. Rang links Loge D Reihe 4 Platz 1, das ist auf der gleichen Höhe wie die 1. Reihe im 1. Rang, nur zwei Preisgruppen günstiger! Und es gibt in der Reihe nur den Platz 1.

    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP