Don Giovanni (Mozart), Hamburgische Staatsoper, 06.11.2019

  • Der Eindruck dieser Don Giovanni-Aufführung ist zwiespältig, gespielt (Philharmonisches Staatsorchester unter Adam Fischer) und gesungen wurde gut bis sehr gut, die Inszenierung von Jan Bosse war allerdings der Tiefpunkt der insgesamt sechs von mir gesehenen Giovanni-Inszenierungen. Julia Kleiter (Donna Anna) sang mit hell timbrierter Stimme recht schön; ich vermisste bei ihr etwas den Klangfarbenreichtum, mit der die Partie auch berührender gestaltet werden könnte. Alllerdings wurde ihre zweite große Arie auch durch handwerkliche inszenatorische Mängel beeinträchtigt, denn grelles Scheinwerferlicht blendete immer wieder durch die sich drehenden Bühnenaufbauten in das Publikum hinein. Im Grunde ist das eine Unverschämtheit, sowohl dem Publikum, als auch der Sängerin gegenüber, die dadurch nicht die volle Konzentration der Zuhörer erhält. Gleiches hat Anna Lucia Richter (Zerlina) auszuhalten, deren zweite Arie „vedrai, carino“ ebenfalls gnadenlos durch Scheinwerfer gestört wird. Sowohl optisch als auch vom Stimmklang her unterschied Frau Richter sich kaum von Julia Kleiter, ich hätte mir die Stimme etwas weicher, lieblicher, im Sinne von Edth Mathis gewünscht. Die Elvira wurde von Federica Lombardi mit etwas mehr Klangfarbe gesungen, sie hätte sich in der Laut­stärke manchmal vielleicht etwas zurücknehmen können.

    Dovlet Nurgeldiyevs (Ottavio) Stimmführung, seine Klangfarbenvarianz, sein Messa di voce und die Brillianz der Stimme waren vorbildlich, nur gelegentlich kam es mir vor, als ob die Koloraturen etwas verschliffen wurden. Auch Nurgeldiyev wurde von der Regie behindert, so hatte er seine zweite Arie am Rande einer Drehscheibe gehend zu absolvieren, was seine Konzentration auf den Gesang behindert. Deshalb blieb er bei den gehaltenen Tönen stehen und wurde während der Arie in den Bühnenhintergrund gefahren, so dass er z. B. von den links im Zuschauerraum Sitzenden nicht mehr gesehen werden konnte. Weshalb mutet man Sängern eigentlich zu, während schwerer Arien noch auf einem Laufband zu gehen, warum lassen die Sängerinnen und Sänger so etwas gefallen.

    Ganz großartig war der Auftritt von Alexander Tsymbalyuk als Komtur, seine „Don Giovanni“-Rufe beim letzten Auftritt erschütterten Mark und Bein, wie man so sagt. Einen stimmlich beeindruckenderen Komtur habe ich auf der Bühne bisher nicht gehört. Kyle Ketelsen (Leporello) und Andrè Schuen (Giovanni) waren als Freundes- bzw. Diener/Herr-Paar bestens eingespielt. Ketelsen verfügt über einen viril klingenden, kräftigen Bassbariton, der beim beifallsfreudigen Publikum gut ankam, bei Schuen war optisch, schauspielerisch und vor allem auch stimmlich (Serenade im 2. Akt) nachzuvollziehen, warum ihm die Frauen reihenweise erliegen. Massetto sang Alexander Roslavets, dem von der Regie eine Straßengang mit Totschlägern zugeordnet worden war.

    Nun zu dem mich am meisten störenden Inszenierungsas­pekt. Bosse hat eine ständig auf der Bühne hampelnde und zu Mozarts Musik zappelnde, zum Glück stumme Figur, genannt Amor/Tod (Anne Müller) eingefügt, welche ständig um die Protagonisten herumschlich oder Musiker aus dem Orchester (über eine Treppe) auf die Bühne führte und sich zum Schluss mit dem sterbenden Giovanni vereinte. Ich empfand diese Figur und insbesondere das ihr aufoktroyierte Bewegungsmuster als ausgesprochen unästhetisch und ablenkend. Dazu wurde ab und an, zum Beispiel während der Ouvertüre, eine spinnenartig über den Vorhang krie­chende, gollumartige Figur projiziert, bei der es sich offenbar um eine Videoeinspielung mit der Schauspielerin Anne Müller handelte. Ihre schauspielerisch-tänzerische Leistung will ich nicht herabqualifizieren, immerhin erhielt sie viel Beifall beim Schlussapplaus, ich empfand ihre Rolle und die Art der Darstellung aber als sehr störend und letztlich die ganze Aufführung beeinträchtigend.

    Das Bühnenbild bestand im Wesentlichen aus halbrunden, ineinander verschachtelten, burgartigen, lange nicht mehr instand gehaltenen Gemäuern, die mittels der Drehbühne zu Plätzen und Räumen erweitert werden konnten. Die Kostümierung war nicht weiter bemerkenswert, manches erschloss sich dabei nicht, so waren die Damen und Herren des Chors beidgeschlechtlich (Kleid und Hose in einem) eingekleidet, außerdem wurde viel Glitzer und Lametta-artiges (die Masken) eingesetzt.

    Zusammenfassung: Musikalisch wird die Aufführung Mozarts Werk gerecht, der Inszenierung wünscht man den Weg, den Don Giovanni am Ende geht.

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Lieber Ralf,


    danke für die Schilderung. Musikalisch wurdest du ja wenigstens entschädigt. Mich hätte allerdings die geschilderte Inszenierung aus dem Opernhaus vertrieben. da sie mir auch die Musik verleidet hätte.

    Diese Inszenierung ist wiederum ein Beispiel für die Frage: Was soll der Unsinn?? Glauben die Regisseure tatsächlich, immer wieder krampfhaft die Werke mit etwas von den Autoren der Oper nicht Gewolltem "bereichern" zu müssen? Du hast Recht, lieber Ralf: Eine solche Inszenierung sollte - wie die meisten der modischen Machwerke - möglichst schnell wieder dort verschwinden, wo sie hingehört: im Orkus.


    Liebe Grüße

    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Lieber Ralf, das sind ja wirklich sehr ambivalente Eindrücke, die du in der Vorstellung gewonnen hast: Danke für den Bericht! Er weckt natürlich die Lust, den Hamburger Giovanni zu sehen, nur sehr begrenzt. Und da mir deine Opernbesprechungen bislang immer sehr verständig verfasst erschienen und du mir offen für neue Zusammenhänge vorkamst, kann ich mir gut vorstellen, dass auch ich mit einigen großen Fragezeichen aus der Vorstellung käme.

    Da das Ganze aber sängerisch anprechend war, sind solche Erlebnisse aus meiner Sicht eher leicht zu verschmerzen. Der nächste Opernabend ist wieder ganz anders...

  • Tja, Don Giovanni und Hamburg scheint ja so eine Sache zu sein: Ich erinnere mich noch dunkel an die Marelli-Inszenierung, die zumindest ein echer Hingucker gewesen ist, allerdings aufgrund des zu betreibenden Aufwandes - das Haus musste wg. Auf-/Abbau des Bünhnebildes jeweils am Vortag und am Tag nach der Aufführung geschlossen bleiben - nur wenige Male lief. Die letzte Inszenierung von Doris Dörrie war schon ein ziemlicher Reinfall (siehe hier). Trotzdem werde ich mir morgen noch einen eigenen Eindruck zur aktuellen Neuproduktion verschaffen. Und als eventuell vorweggenommene Entschädigung geht es heute schon in Le nozze di Figaro um zum einen Frau Karg bei ihrem Debüt als Gräfin zu bewundern und zum anderen, weil sich einmal mehr das Ensemble Resonanz unter Riccardo Minasi die Ehre geben wird.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.