Eine Inzenierung von Fidelio des Theater Ulm in Heilbronn am 9. 11.2019

  • Fidelio als Ulmer Mischung aus verschiedenen vorliegenden Fassungen der Oper wurde in dieser Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf geboten. Diese hatte als Grundlage im wesentlichen das deutsche Libretto von Sonnleithner und Treitschke, das sich in 3 Akte gliedert. Gespielt wurde die Oper jedoch ohne Pause und die gesprochenen Dialoge waren gestrichen. Was als Straffung und Konzentration auf die Musik dienen sollte schuf eher Verwirrung und erschwerte das Verständnis. Es fehlte der verbindende Handlungsstrang der geprochenen Texte. Ein weiteres Erschwernis war, dass das gesamte Geschehen in einem einzigen Raum, einer Art kleinbürgerlichen Wohnküche spielte. Es gab also keinen Kerker. Selbst die Chorszenen spielten sich im Wohnküchen Milieu ab. Fidelio soll ja sowohl bürgerlich,familiäre Atmosphäre, despotische Willkür, Düsternis und Beklemmung in der Kerkerszene und eine Apotheose der Freiheit, der alles überwindenden Liebe und der namenlosen Freude verwirklichen. Diese geforderten Kontraste wurden vom kleinbürgerlichen Mief überlagert und erstickt.

    Eröffnet wurde der Abend mit der III. Leonoren Ouvertüre. Trotz zum Teil guter Leistungen der Instumentengruppen, z. B. der präzise und tonschön spielenden Hörner fehlte der große Atem, der strömende Fluss. Die Wiedergabe unter dem Dirigenten Levente Török wirkte wie ein Puzzle zusammengesetzt aus schönen Einzelteilen.

    Weiter ging es mit einer Änderung der Nummernfolge. Das einleitende Duett Marzelline -Jaquino wurde mit der Arie der Marzelline "O wär ich schon mit Dir vereint" getauscht. Aha, dies sollte wohl bereits am Anfang ein Teil der Ulmer Mischfassung sein. Effekt eher Verwirrung als musikalisch-dramaturgischer Nutzen.

    Gerettet wurde diese Aufführung durch Beethovens geniale Musik, die offenbar unabhängig vom Rahmen und der Atmosphäre, in der sie geboten wird, durch ihre grandios, ergreifende Wirkung überwältigt. Zweiter Pluspunkt waren die Sänger. Leonore Susanne Serling mit in allen Lagen gut ansprechender, tonschöner Stimme, die auch die Höhen problemlos meisterte. Einziges Problem war, dass das zarte Persönchen sich schwer tat, ein kämpferisches Weib glaubhaft darzustellen. Vor allem weil ihr in Maryna Zubko eine sehr resolute Marzelline mit voluminöser, durchschlagskräftiger Stimme gegenüberstand. Dennoch wurde die Leonoren Arie mit Bravorufen bedacht. Markus Franke verfügt über einen schlanken, hell timbrierten, sicher geführten Tenor. Besonders die sentimentalen Stellen seiner Arie gestaltete er so gefühlvoll, dass sie unter die Haut gingen. Erik Rousi als Rocco war am Anfang noch zu zurückhaltend und befangen, dass er im Quartett fast unterging, steigerte sich jedoch im Lauf des Abends zu einer überzeugenden Leistung. Dae-Hee Shin sang den Pizarro mit viel baritonalem Wohlklang fast zu schön, dadurch blieb er jegliche Dämonie weitgehend schuldig. Die anderen Partien waren rollendeckend besetzt und bestätigten den guten sängerischen Standard des Ulmer Theaters. Genau wie Chor und Extrachor, die ebenfalls tonschön sangen mit allenfalls einigen kleinen Wacklern. Ihre Leistung wurde jedoch durch die Küchenatmosphäre gemindert.

    Der uneinheitliche Eindruck setzte sich auch in der Personenregie von Dietrich W. Hilsdorf fort. Auf der einen Seite durchaus gelungene intime Szenen, daneben befremdende übergriffige Handlungen vom jugendlich wirkenden Jaquino Luke Sinclair. Unverständlich, dass beispielweise im Quartett "Mir ist so wunderbar" die Sänger in die äußersten Winkel der Bühne verteilt waren, was die Verschmelzung der Stimmen nahezu unmöglich machte. Auch mit komischen Elementen wollte der Regisseur seine Mischung anreichern. Die Gags wirkten eher peinlich als lustig, zum Beispiel ein hereinkriechender Minister, der von lasziv bekleideten Marketenderinnen wie ein Hund hereingeführt wurde, mit einem läppischen Schild um den Hals mit der Aufschrift "Ich bin der Minister". Vielleicht musste der Regisseur diesen Hinweis geben, weil man die Respektsperson sonst eher für einen Hanswurscht gehalten hätte. Genau so blöd war es, dass Florestan mit einem weißen, sauberen Brautkleid auftreten durfte. So streng schien die Kerkerhaft dann doch nicht gewesen zu sein. Wobei man die Frage stellen kann, wie weit Humor besonders wenn er zum Klamauk wird, zu Beethovens Humanitätsidealen passt.

    Die Mischfassung, die das Ulmer Theater bieten wollte , war eher eine nicht geglückte Vermischung verschiedenster Konzepte, die nicht zusammen harmonierten. Herrn Hilfsdorf fehlte offenbar die Erleuchtung für den richtigen Weg, die den Ulmern durch den legendären Ulmer Spatz doch schon einmal geschenkt wurde. Dennoch eine Inszenierung, die vom Publikum mit lang anhaltendem Beifall belohnt wurde und die zu mehr Fragen und Nachdenken anregt als sie Antworten gibt.

    Herzlichst

    Operus (Hans)


    Nachtrag für unsere Tamino-Freunde: Unser Chronist Willi ist zu Besuch bei uns, weil er hauptsächlich heute am nachfolgenden Tag mit uns zusammen das Konzert des Heilbronner Sinfonie Orchesters "PHANTASTISCH mit Webers Freischütz Ouvertüre, dem Klavierkonzert von Clara Schumann und der Fantastique von Berlioz" besuchen will. Der "Fidelio" war eher eine willkommene Zugabe. Eine Zugabe, die uns allerdings durch die Mischung des Regisseurs noch lange beschäftigte. Wir konnten in unserer 3er Runde Ingrid Hey, Willi und Hans A. Hey die Hilsdorf-Mischung auch nicht klar identifizieren. Vor allem hoffen wir, dass keiner von den diskussionsfreudigen Taminos die Frage stellt. War dieser Fidelio eine traditionelle oder eine moderne Inszenierung? Muss diese Frage überhaupt beantwortet werden? Sollte die Frage nicht völlig unabhängig vom Inszenierungsstil nicht ganz einfach heißen gelungen oder nicht gelungen? Selbst das kann, wie der Bericht ausführt, auch nicht eindeutig geklärt werden, weil die Aufführung beides gelungen und nicht gelungen enthält. Ist das Ziel jedoch Nachdenken und herausfordernde Beschäftigung mit dem Werk, dann hat die Ulmer Mischfassung diesen Zweck jedoch voll erfüllt.

    Über den Besuch des Konzerts heute Abend muss danach Willi für das Tamino Forum berichten. :D

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber Hans,


    danke für diese interessante Rezension, die Entscheidung, das Ganze als Komödie aufzufassen und mit unterschiedlichen musikalischen Elementen bei Unterdrückung der Dialoge zu vermischen, lässt mich ebenfalls ratlos zurück, zumal ich Deine Kritikpunkte gut nachvollziehen kann. Da ich es aber nicht gesehen habe, kann ich natürlich da nichts Tiefergehendes zu sagen, aber immerhin kann ich mit einem kleinen Video dienen, das mehr Aufschluss über die erstellte Fassung gibt:



    Viele Grüße, natürlich auch an Willi, einen schönen Sonntag Euch allen.

  • Lieber Don, schönen Dank für die Grüße, wir haben einen schönen Sonntag gehabt mit Ragna Schirmer, Carl Maria von Weber, Clara Schumann, Hector Berlioz, dem Heilbronner Sinfonieorchester und Professor Alois Seidlmeier, doch davon später!


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Die Mischfassung, die das Ulmer Theater bieten wollte , war eher eine nicht geglückte Vermischung verschiedenster Konzepte, die nicht zusammen harmonierten. Herrn Hilfsdorf fehlte offenbar die Erleuchtung für den richtigen Weg, die den Ulmern durch den legendären Ulmer Spatz doch schon einmal geschenkt wurde.

    Lieber Hans,


    Hilsdorf hat ja den "Ring" in Düsseldorf gemacht. Da fand ich auch, dass ein wirklich schlüssiges Gesamtkonzept fehlte. (Davon gibt es einen kritischen Bericht von mir.) Meine opern- und inszenierungskundigen Wagnerfreunde meinten, dass Hilsdorf früher eigentlich sehr gute Sachen gemacht, heute aber seinen Zenit überschritten hätte, was ich persönlich natürlich nicht beurteilen kann.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber operus, in den 80 Jahren waren die Inszenierungen von Herrn Hilsdorf am Aalto Theater in Essen Kult. Wir sind dort hingegangen, weil er inszeniert hat und wer gesungen hat , hat uns kaum unteressiert. .

  • Hallo und und guten Tag Lieber Rodolfo39,

    Nicht kritisch hinterfragt, sondern interessiert neugierig. Habe ein wenig über ihn gestöbert.

    Was hat ihn den so, aus deiner Sichtweite zum Kult gemacht?

    MfG Wilfried

  • Lieber WIlfried,

    es war ganz einfach die Personenregie. Man hat gemerkt das er sich mit dem Stück befasst hat und die Sänger standen nicht einfach auf der Bühne herum. Die Inszenierungen waren deshalb Kult, weil sie anders waren und teilweise auch aus meiner Sicht provokativ. Ich muss aber leider auch zugeben, das der Ring an der Rheinoper nicht so gelungen war, obwohl da auch eine sehr gute Personenregie vorhanden ist. In Essen hat er damals hauptsächlich Verdi Inszeniert. Das wäre nichts für die Anhänger von werkgerechten Inszenierungen gewesen, es war aber spannend und aufregend.