Der Tamino Adventskranz 2019

  • Liebe Musikfreunde,


    ich nehme hier eine Anregung auf, die Hans gegeben hat (und hoffe gleichzeitig, dass ich ihm nichts vorwegnehme und hingegen in seinem Sinne diese Initiative starte):


    Statt eines Kalenders, der einen unbarmherzig in das Joch eines unerbittlichen Datums zwingt, und zu tagesgenauer, intensiver Fronarbeit zwingt, möchte ich hier einen bunten Strauß, eine Blütensammlung, einen Weihnachtsstern aufstellen; quasi einen Adventskranz, der nicht jeden Tag brennen muss, manchmal aber sogar mehrfach am Tag entzündet wird.


    Das soll heißen, das an jedem Tag auch gerne mehrere Beiträge eingestellt werden können; ebenso kann es aber auch sein, dass vielleicht an einem anderen Tag niemand etwas postet; dann ist es auch gar nicht schlimm.


    Es sollen alle Beiträge willkommen sein, die in irgendeiner Weise mit der Vorweihnachtszeit oder auch dem Weihnachtsfest selbst zu tun haben. Es gibt keine Anmeldung oder feste Einteilung, jeder postet, so viel oder so wenig er oder sie möchte, ganz spontan, an einem oder mehreren Tagen.


    Dabei können alle möglichen Quellen genutzt werden, egal ob Musik, Bilder, Texte, alles ist erlaubt. Einzig gilt es dabei, das Copyright zu beachten! Wobei dies nur ein Grund mehr ist, gerne auch Selbstgemachtes einzustellen: ob es das Weihnachtslied des Holzwurms ist, ein selbst geschriebenes Gedicht, ein selbst gemaltes Bild oder ein selbst vorgetragenes Weihnachtslied - alles das könnte eine Anregung sein.


    Selbstverständlich können auch "ganz normale" youtube- und Musiklinks gepostet werden, ob Weihnachtsoratorium oder Bing Crosby, allerdings sollte es nicht nur ein unkommentiertes "Kopieren-und-Einfügen"-Konglomerat werden, das nichts Individuelles und Eigenes enthält, und das nichts weiter als eine Linksammlung ist.


    Genug der Präliminarien! Freuen wir uns gemeinsam auf den 1. Advent, der schon binnen weniger Minuten anbricht.

  • Türchen Nr. 1:


    Das erste Türchen bringt eine Aufklärung über althergebrachte Irrtümer um das Fest der Feste. Allerhand Mythen ranken sich um Weihnachten. Etwa dass das Fest früher besinnlicher war. Dass es öfters weiße Weihnachten gab. Und dass der Weihnachtsmann eine Erfindung von Coca-Cola ist.

    Doch was davon stimmt – und was ist bloß ein populärer Irrtum?


    Wer war zuerst da: Das Christkind oder der Weihnachtsmann?

    Eigentlich weder noch. Im Mittelalter brachte nämlich der Heilige Nikolaus am 6. Dezember Geschenke.


    Wie kam das Christkind auf die Welt?

    Die Protestanten hatten zwar nichts gegen die Geschenke einzuwenden, wohl missfiel ihnen aber der katholische Heilige Nikolaus. Martin Luther kritisierte diesen vorweihnachtlichen Kult: Er forderte stattdessen die Besinnung auf die Geburt des Kindes von Maria – also das Christkind. In protestantischen Haushalten war es fortan die Aufgabe des Christkinds, in der Nacht auf den 25. Dezember Geschenke zu verteilen. Die Katholiken hielten vorerst am Nikolaus-Brauch fest. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschenkte das Christkind auch die Kinder in katholischen Familien. Von da an wurde im Dezember eben zwei Mal beschert.


    Erfand Coca-Cola den Weihnachtsmann?

    Nein. Das war ein deutscher Einwanderer in den USA: Der gebürtige Pfälzer Karikaturist Thomas Nast zeichnete in den 1860er Jahren für die Zeitschrift Harper’s Weekly jenen gemütlichen, bärtigen Santa Claus, wie er heute allseits bekannt ist. Der Heilige Nikolaus inspiriere ihn, wobei der „echte“ Nikolaus - eine eher hagere Gestalt – mit dem heute populärem Weihnachtsmann optisch nicht allzu viel gemein hatte. Der Getränkehersteller sorgte jedoch für eine Vereinheitlichung des Outfits von Santa Claus – und trug im Laufe des 20. Jahrhunderts fraglos wesentlich zu seiner größeren Popularität bei.


    Feiern alle am 24. Dezember Weihnachten? Nein. Die Zeit um die Wintersonnenwende war seit alters her Anlass für Feste. Bereits die Römer beschenkten einander zu den Saturnalien zu Ehren des Gottes Saturn zwischen dem 17. und 23. Dezember. Dass das Weihnachtsfest am 25.12. stattfinden soll, beschloss das Konzil von Konstantinopel im Jahr 381. Für katholische Christen beginnt Weihnachten am Vorabend des 25. Dezember – also am „Heiligen Abend“. Bei Christen der anglikanischen Kirche findet die Bescherung erst am Morgen des 25. Dezembers statt. Russisch- und serbisch-orthodoxe Familien feiern in der Nacht vom 6. auf den 7. Jänner. Juden wiederum begehen während der christlichen Adventzeit das achttägige Chanukka.

    Ereignete sich die Geburt Jesu tatsächlich in einem Stall?

    Wahrscheinlich nicht. Der Ausdruck Stall findet sich nicht in den Weihnachtsgeschichten der Bibel. Dass Jesus zwischen Ochs und Esel geboren wurde, schloss man vor allem daraus, dass er in eine Futterkrippe gelegt wurde – und die vermutete man eben in einem Stall.


    Wie viele waren die „Heiligen Drei Könige“ tatsächlich?

    Ursprünglich könnten es zwischen zwei und zwölf Personen gewesen sein:
    Im Matthäus-Evangelium ist von entsprechenden Männern die Rede – allerdings werden sie als Sterndeuter bezeichnet. Erst knapp 200 Jahre später wurden sie zu Königen, um einer alten Prophezeiung

    zu entsprechen. Der drei Geschenke wegen – Gold, Weihrauch und Myrrhe – war später die Rede von drei Männern. Die Botschaft „C. M. und B.“, die Sternsinger hierzulande mit Kreide auf die Türstöcke schreiben, steht übrigens nicht für Caspar, Melchior und Balthasar. Es bedeutet „Christus mansionem benedicat“. Übersetzt heißt das: Christus segne dieses Haus.


    War der Weihnachtsstern der Halleysche Komet?

    Nein. Der berühmte Komet raste im Jahr 12 v. Chr. an der Erde vorbei. Jesus dürfte aber eigentlich zwischen 7 und 4 v. Chr. geboren worden sein. Kometen waren auch im Altertum bekannt – sie galten aber als schlechtes Omen.


    War Weihnachten früher wirklich besinnlicher?

    Nein. Als noch der Heilige Nikolaus regierte, galt der Advent gar als Zeit der Ausgelassenheit, der Spiele und der Maskerade. Die Besinnlichkeit spielt erst seit etwa hundert Jahre eine Rolle.


    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

  • Beitrag von operus ()

    Dieser Beitrag wurde von Alfred_Schmidt aus folgendem Grund gelöscht: Vermutlich ein Fehler Der Beitrag enthält NUR eine Zitat ().
  • Türchen 2

    Draußen schneit's, es ist soweit,

    begonnen hat die Weihnachtszeit.

    Der Opa holt vom Abstellraum

    den Weihnachtsschmuck

    und schmückt den Baum.


    Sein Enkel hilft. so gut er kann

    und freut sich auf den Weihnachtsmann.

    Zum Schluss die Lämpchen dran noch schnell,

    den Stecker rein, schon strahlt er hell.


    Da wird der Opa nachdenklich.

    Wie war das früher eigentlich?

    Die Kerzen waren da noch echt,

    aus Wachs mit Docht,

    das war nicht schlecht.

    Der Enkel aber glaubt es kaum:

    "Echte Kerzen an einem Baum???"


    Die Zeit jedoch bleibt niemals steh'n

    und fünfzig weit're Jahr vergeh'n.

    Der Enkel - längst erwachsen schon-

    hat heute selbst 'nen Enkelsohn.


    Und wieder schneit's

    zur Weihnachtszeit.

    Ja, wieder mal ist es so weit.

    Der Opa holt vom Abstellraum

    wie jedes Jahr den Plastikbaum.


    Sein Enkel hilft so gut er kann

    und freut sich auf den Weihnachtsmann.

    Der Christbaumschmuck wird angebracht.

    Schon strahlt der Plastikbaum voll Pracht.


    Da wird der Opa nachdenklich.

    Wir war das früher eigentlich?

    Da war der Weihnachtsbaum noch echt,

    frisch aus dem Wald,

    das war nicht schlecht.

    Der Enkel aber glaubt es kaum:

    "Im Wohnzimmer 'nen echten Baum???"


    Die Zeit bleibt doch auch jetzt nicht steh'n

    und nochmals fünfzig Jahr vergeh'n

    Der Enkel - längst erwachsen schon -

    hat wiederum 'nen Enkelsohn.


    Und schneit' auch draußen noch so sehr

    das Weihnachtsfest,

    das gibt's nicht mehr.

    Man holt nichts mehr vom Abstellraum

    und hat auch keinen Weihnachtsbaum.


    Der Enkel denkt auch nicht daran,

    hat nie gehört vom Weihnachtsmann.

    Auch vieles andre gibt's nicht mehr.

    Die ganze Welt wirkt ziemlich leer.


    Da wird der Opa nachdenklich.

    Wie war das früher eigentlich?

    Da man wirklich echt

    ein Fest mit Baum

    das war nicht schlecht.

    Der Enkel aber glaubt es kaum

    und fragt erstaunt: Was ist ein Baum???"


    Robert Sontheimer


    Allen Taminos und den Lesern und Freunden unsere Forums wünschen wir in der Weihnachtszeit Gesundheit, Zufriedenheit und die Kraft mitzuwirken, dass unsere Welt

    in ihrem Reichtum und all' ihrer Schönheit erhalten werden kann.


    Herzlichst

    Operus - (Ingrid und Hans)


    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ganz herzliche Bitte: Die verschiedenen Advents Treads zusammenzuführen. Danke.

    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Beitrag von Alfred_Schmidt ()

    Dieser Beitrag wurde vom Autor gelöscht ().
  • Der Adventskranz scheint mir eine gute Alternative zum Adventskalender zu sein. Ich werde Alfred ein paar meiner Fotos aus dem legendären Winter 2010 schicken, da wird es mit dem Copyright überhaupt keine Probleme geben.

    Es steht dir frei, dir über dies und das keine Meinung zu bilden und so deiner Seele die Unruhe zu ersparen (Marc Aurel)

  • Beitrag von operus ()

    Dieser Beitrag wurde von Alfred_Schmidt gelöscht ().
  • Lieber Alfred,

    danke, dass alles rasch in bester Weise gelöst wurde. Wir haben jetzt unseren gewünschten Advents- Thread. Also alles in bester Ordnung. Verzeihe, wenn ich Dir heute einige Arbeit gemacht habe. tut mit leid. Wir dürfen es immer wieder erleben. Du erscheinst manchmal als Grantler, was ein echter Wiener meistens ist- hast aber dann doch ein großes, hilfsbereites Herz. Und diesen Beitrag bitte ich nicht zu löschen oder die Aussagen zu dementieren. :hello:<3

    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • noch´n Gedicht,

    selbst verfaßt,

    also kein Problem mit copywrong



    Es ist schon wieder Weihnachtszeit,

    wie sich´s gehört, es draußen schneit,

    und drinnen sitzen die Taminos

    in Opern, Tonhallen und Kinos.


    Denn Weihnachtszeit, das heißt Musik

    von Händel, Haydn oder Grieg,

    die Ruhe und Besinnung schenkt,

    den Blick auf´s Wesentliche lenkt.


    Und kräftig wird auch selbst gesungen,

    der inn´re Widerstand bezwungen,

    und aus den Kehlen quillt herfür:

    Hammersbald?? Mach hoch die Tür!!


    Engel über Felder rauschen,

    wir den Flügelschlägen lauschen,

    Tochter Zion sehr sich freut,

    daß sie im Munde aller Leut´.


    Die stille Nacht ist nicht so still,

    weil jedermann doch singen will,

    vom Frieden und auch vom Frohlocken,

    begleitet vom Klang mächt´ger Glocken.


    Weihnachten ist für die Herzen,

    mit Tannenbaum und Licht der Kerzen,

    jedoch das Huhn im Bratenofen

    denkt, Weihnachten ist für die Doofen;

    auch Pute, Festtagsgans und Barsch

    finden, Weihnacht ist nur für den...






  • :thumbup::thumbup::jubel::jubel:

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Türchen 2:

    Wenigstens am Heiligen Abend und an den Weihnachtsfeiertagen läuft der stupide, unerbittliche
    Mechanismus der Welt für einige Stunden langsamer ab, so dass wir uns erlauben können, ungehindert dem gesunden Menschenverstand zu folgen, dem unerschütterlichen guten Willen. Wir leisten uns das vollkommene, uneigennützige Vergnügen, andere mehr zu lieben als uns selbst.

    Wie seltsam uns das vorkommt, wie unnatürlich glücklich wir sind! Für ein paar Stunden wenigstens reinigen wir unsere Herzen von schlummerndem Groll.

    Wir erkennen, dass Hass eine Krankheit ist, dass hinter Misstrauen und Hochmut oft einfach Angst steckt und dass die Gemeinheiten anderer – kurioses Geflecht menschlicher Beziehungen! - letzten Endes vielleicht auf Lieblosigkeiten unsererseits beruhen.

    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

  • Adventsgedanken zur Weih-Nacht


    Viele, die an Weihnachten denken,

    träumen von Lebkuchen und Bergen von Geschenken.


    Doch was ist "weihevoll" an dieser Nacht?

    Wer hat darüber einmal nachgedacht?


    Wer glaubt denn heute noch daran,

    dass der geboren wurde, der nicht sterben kann?


    Und das ist meine Hoffnung im Adventskranzlicht:

    wer an Jesus glaubt, stirbt ebenfalls nicht.


    -selbstverfasst und daher copyright-unbedenklich- liebe Grüße Don Gaiferos

  • Wir leisten uns das vollkommene, uneigennützige Vergnügen, andere mehr zu lieben als uns selbst.

    Lieber Erich,


    dieser sehr schöne Satz hallt noch lange in mir fort und begleitet mich heute durch den Tag.


    liebe Grüße

  • Der Adventskranz

    Vier Kerzen brannten am Adventskranz.

    Es war so still, dass man sie reden hörte.

    Die erst seufzte: " Ich heiße Frieden, aber

    die Menschen wollen mich nicht." Ihr Licht erlosch.


    Die zweite Kerze sagte: "Ich heiße Glaube, aber

    die Menschen mögen von Gott nichts mehr wissen"

    Ein Luftzug löschte sie aus.


    Die dritte sprach traurig: " Ich heiße Liebe, aber

    die Menschen denken nur noch an sich selbst und nicht an andere".

    Ein letztes Aufflackern und sie erlosch.


    Da kam ein Kind ins Zimmer, sah die dunklen Kerzen und weinte.

    "Habe keine Angst", meldete sich die vierte Kerze zu Wort:

    "Ich heiße Hoffnung und solange ich brenne, Können wir die Kerzen

    der Liebe, des Glaubens und des Friedens neu entzünden."


    (Verfasser unbekannt)


    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Als Einleitung zu unserem Cäcilienfest am vergangenen Samstag sangen wir in der Vorabendmesse, gleichzeitig die Vorabendmesse zum 1. Adventssonntag,

    1. 12. 2019. Ein schwieriger Chorsatz auf ein altes Adventslied, den wir intensiv geübt hatten und der uns wirklich gut gelang, ist dieser:

    Hugo Distler, 1908 geboren, schuf diesen mitreißenden Satz. Nachdem Distler einer Gestellung an die Front im Zweiten Weltkrieg nicht mehr entgehen konnte, setzte er am 1. November 1942 seinem Leben ein Ende. Genau 77 Jahre später, am 1. November 2019, erlebte ich zum letzten Male live in der Kölner Philharmonie in einem mitreißenden Konzert den großen lettischen Dirigenten Mariss Jansons mit dem Bayerischen Rundfunk-Sinfonieorchester. Er dirigierte unter anderem Richard Strauss "Vier letzte Lieder" und Johannes Brahms' Vierte Sinfonie. Als ich ihn auf dem Podium sah, war ich sehr besorgt. In den Morgenstunden de 1. Dezembers, nur wenige Stunden, nachedem wir Hugo Distlers Chorsatz "O Heiland, reiß die Himmel auf" gesungen hatten, und wenige Stunden, bevor wir am Sonntagmorgen in der St. Johanneskirche in Lette das Choralamt zum 1. Adventssonntag sangen,

    starb Mariss Jansons.

    Wir können zwar beileibe nicht so schön singen wie der o. a. Thomanerchor, aber wir haben sicherlich ganuso intensiv gesungen. Im Nachhinein läuft mir bei dem eben geschilderten Zusammenhang noch ein Schauer über den Rücken. Ich werde diesen Zusammenhang nie vergessen.


    Liebe Adventsgrüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Türchen 4:


    Weihnachten – da hat fast jeder eine Vorstellung davon – wollen wir zumindest annehmen.

    Nicht immer die richtige, aber immerhin.

    Aber was ist ADVENT ?

    Schon allein das Wort ist eher kryptisch. Natürlich kennt es jeder – und verbindet es mit der Vorweihnachtszeit – ist ja auch kaum zu übersehen, durch die zahlreichen Adventmärkte und Adventstandeln mit ihren kunsthandwerklichen, aber teilweise auch kitschigen Produkten mit Zuckerwatte, Lebkuchen und Fertigpunsch aus dem Container.

    ADVENTUS, eigentlich adventus Domini, ist abgeleitet vom lateinischen Begriff Adventus, was Ankunft bedeutet, aber eigentlich in der Spätantike und im Mittelalter immer auf die prunkvolle Ankunft eines Herrschers Bezug nahm.

    Wir sehen hier auch ungewollt, dass Behübschungen und Euphemismen immer schon beliebt waren, denn „prunkvoll „war die Ankunft des Erlösers (Geburt Christi) – mit Sicherheit nicht.

    Übersetzen wir es also frei als „Ankunft des Herrn“ oder „Ankunft Christi“ - wobei in diesem Zusammenhang die Erwartung, bzw Wartezeit auf die Ankunft gemeint ist.


    Natürlich kennen alle einen Adventkranz und Adventkalender und Adventbäckerei,

    Und dann gab es die Adventbräuche, Nicht alle waren angenehm.

    Beispielsweise das Adventfasten, welches streng eingeteilt war und offiziell von der katholischen Kirche erst 1917 abgeschafft wurde, bzw wird es kirchenrechtlich nicht mehr verlangt

    Die Einteilung der Fastentage im Advent waren durch die Jahrhunderte hindurch unterschiedlich , betrugen aber summa summarum stets 40 Tage – wie in der noch heute üblichen vorösterlichen Fastenzeit,

    Die 4 Adventsonntage, wie wir sei heute kennen wurden durch Papst Gregor I. , den „Grossen ( ca 540-604) eingeführt. Sie sollen die 4000 Jahre lange Wartezeit zwischen Sündenfall und Erlösung symbolisieren, welche in jenen Tagen angenommen wurde.


    Die meisten Adventbräuche sind in Vergessenheit geraten, bzw, werden nicht mehr praktiziert,

    Geblieben sind die Mistelzweige an der Haust/Wohnungstür, das Turmblasen und der Adventkranz. Unter Umständen werden im ländlichen Bereich noch einige ältere Bräuche durchaus gepflegt, in der Großstadt ist manches einfach nicht praktikabel.


    Der Adventkranz wurde 1839 vom evangelischen Theologen und Sozialpädagogen Johann Hinrich Wichert erfunden und im Rauhen Haus (eine Art Waisenhaus und Besserungsanstalt für „verwahrloste Kinder“) im Beetsaal aufgehängt.

    Er bestand aus einem Wagenrad, wo 4 große weiße (für die Sonntage) und ca 18-20 kleine rote Kerzen angebracht waren, je nach Länge der Adventzeit. Die Verwendung von Tannengrün für Adventkränze ist um das Jahr+ 1860 zu datieren,

    Als Österreicher benutze ich hier die österreichische Schreibweise, nämlich ADVENTKRANZ – um Gegensatz zur deutschen; ADVENTSKRANZ.


    Erst 1925 finden wir den Adventkranz in einer Katholischen Kirche, nämlich in Köln.


    Adventkränze waren in meiner Jugend in kirchennahen Kreisen üblicherweise mit vier Kerzen bestückt, und zwar drei violetten und einer rosafarbenen. Die rosa Kerze war für den 3. Adventsonntag gedacht, welcher den Namen Gaudete trägt, wegen der Freude, die er vermitteln soll (Gaudete in domino semper)

    In Schulen und Geschäften fand man hauptsächlich Adventkränze mit 4 roten Kerzen, später auch mit gelben. In den letzten Jahren gab es überhaupt keine Regeln mehr, Es gab alle Farben, die Kränze waren mit Gewürzsträußen, kleinen Christbaumkugeln, vergoldeten oder versilberten Nüssen oder Zwergtannenzapfen geschmückt etc etc.

    Ist ja alles recht hüsch aber am eigentlichen Sinn vorbei….


    Ein kleiner Hinweis zum Schluss; Die Reihenfolge in der die Kerzen anzuzünden sind ist entgegen dem Uhrzeigersinn.



    Allen Mitgliedern, Mitlesern und Sympathisanten des Forums

    wünsche ich einen beschaulichen Advent


    Alfred Schmidt

    Tamino Klassikforum

    Wien



    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

    sich im Thread Baustelle Avatarpool neu einen auszusuchen und am Threadende (gaaaanz weit untenI zu bestellen

  • Danke, lieber Alfred, wieder einiges gelernt.

    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Was immer gewesen, der Tag folgt der Nacht.

    Nach stürmischen Stunden die Sonne lacht.

    Nicht grübeln und trauern um vergangene Zeit,

    den Blick in die Zukunft zum Leben bereit.

    Ein Herz voller Güte, voll Freude und Lust.

    In schweren Stunden der Wille zum Du musst

    die Pflicht erkennen,das Werk vollenden,

    die Arbeit meistern mit fleißigen Händen.

    Advent ist die Zeit des schöpferischen Besinnens,

    daraus wächst die Kraft des neuen Beginnens.

    (Hans A. Hey)


    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Da wir ja ein Musikforum sind, möchte ich heute zwei Ereignisse beisteuern, die sich beide am 4. Dezember zugetragen haben und für die beide der gleiche Komponist ursächlich war:


    Vor 176 Jahren wurde in Leipzig das Oratorium "Das Paradies und die Peri" von Robert Schuman uraufgeführt. Daraus habe ich das folgende Musikbeispiel ausgesucht:

    Es singt Christian Gerhaher und es dirigiert Nikolaus Harnoncourt das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks.


    Vor 174 Jahren wurde in Dresden Schumanns Klavierkonzert a-moll op. 54 uraufgeführt. Hier spielt, allerdings in Leipzig, unter Leitung von Riccardo Chailly Martha Argerich:


    Viel Vergnügen beim Hören und liebe Adventsgrüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Türchen 5: Rorate Coeli desuper…


    Advent ist die Zeit der Hoffnung, eine Zeit der Vorbereitung, aber auch eine der Einstimmung. Zumindest die Christenheit besinnt sich auf die Geburt Jesu, der Idee nach Sohn Gottes, gewiss aber Mensch und überbürdet mit zweitausend Jahren ebenso anthropomorpher wie anthropozentrischer Theologie. Neben dem Hinterfragen steht unzweifelhaft auch das Tröstende, weil in Bildern abrufbare des Glaubens.


    Der Advent ist eine dunkle Jahreszeit. Das mag in Städten nicht so wahrgenommen werden, die schon vor über hundert Jahren über Beleuchtung in Straßen und auch den Häusern verfügten, wenngleich auch nicht in heutiger Lichtverschmutzungsqualität. Auf dem Land war das anders. Karl Heinrich Waggerl erinnert in seinen Weihnachtsgeschichten an eine Rorate-Messe, die im ländlichen Umfeld Salzburgs in den sehr frühen Morgenstunden stattfand. Rorate-Messen finden tatsächlich als Lichtermessen vor Sonnenaufgang statt (oder abends nach Sonnenuntergang). Waggerl war Ministrant und schlug sich über unbeleuchtete Pfade durch den noch unberührten Schnee in bitterer Kälte zur Kirche, in der selbst das Weihwasser gefroren war. Die Gemeinde saß im unbeheizten Kirchenraum, die Kerzen vor sich auf der Bank, die kondensierende Atemwolken sichtbar machten. Alles war still, und dann kam sie, die Stimme des Pfarrers, „Rorate Coeli“, „Tauet Himmel den Gerechten“. Während der Messfeier hatte der Messner in der Sakristei im Ofen Kastanien geröstet, die nach der Kirche wärmten. Waggerl freute sich freilich auch über seinen Ministrantenlohn, hielte er den ganzen Advent in seinem Dienst durch: einen ganzen Gulden.


    Ich gebe zu: in den 60er Jahren in Dortmund aufgewachsen waren mir Rorate-Messen kein Begriff. Sie fanden in meiner Gemeinde nicht statt. Selbst aus Waggerls Erzählung hatte ich zunächst nicht auf diese liturgische Sonderform geschlossen. Eine kurze Nachforschung zum Rorate Coeli brachte dann die Erkenntnis, dass das eine eigenständige Messfeier im Advent sei. In früheren Zeiten hatte die Ausübung des Glaubens eine andere Bedeutung für die Menschen, war auch intensiver in den Tagesablauf einbezogen. Schwer vorstellbar, dass Menschen heute in aller Herrgottsfrühe zu Kirche stapfen, um um Wärme im Winter zu bitten, denn was sagt der Satz „Tauet Himmel, den Gerechten, regnet ihn herab ihr Wolken“ anderes als „Wärmet unsere Seelen“? In meiner Kindheit war es immerhin noch üblich, am Aschermittwoch morgens vor Schule oder Arbeit in den Aschemittwochsgottesdienst zu gehen und sich mit dem Aschekreuz bezeichnen zu lassen.


    Und so machte ich mich auf die Suche, ob es sie denn in Dortmund gäbe, die Rorate-Messen. Und es gibt sie als Advents-Angebot der Probstei-Kirche. Diese Kirche, ursprünglich ein Kloster am Rand des mittelalterliche Dortmund, also innerhalb der Wälle, im letzten Kriege böse geschunden und teilwiederaufgebaut, liegt inmitten des pulsierenden Dortmunder Geschäftslebens. In der Adventszeit ist der Riesenweihnachtsbaum, eine Attraktion des Weihnachtsmarktes und Touristenattraktion ihr steinwurfweit entfernter Nachbar, ebenso die viele Buden eben jenes Weihnachtsmarktes, auf dem man das Gefühl gewinnt, dass Weihnachten eine lärmende Party ohne geistlich-geistiges Fundament sei. Ich will hier das Christliche nicht überbetonen, zumal auch der Koran die Geburt Jesu in seiner 3. Sure erwähnt (wenngleich die Geschichte ein wenig anders und auch nachvollziehbarer erzählt wird), erwähne es vor allem seiner meditativen Kraft wegen. Besinnung ist überreligiös und auch für Nichtglaubende erfahrbar.


    Hier, in eben dieser Propstei-Kirche, wird Advent im alten Verständnis erlebbar. Nicht täglich, aber einmal wöchentlich, nicht frühmorgens sondern am frühen Abend um 18:30 Uhr finden sie statt, die Rorate-Messen. Angesichts der winterlichen Nachbarn dieser Kirche ist die Uhrzeit sinnvoll: die Menschen streben zum Weihnachtsmarkt, den man mit einiger Häme auch Glühweinmarkt nennen könnte, einem Crescendo von Gedudel und Geräusch. Es ist die Lautheit des Städtischen, die an sich hinzunehmen ist, im Zusammenhang mit Weihnachten und Advent unangenehm aufstößt.


    Man geht zur Kirche in den Gang zum Klosterhof, wo der Eingang zur Kirche ist, öffnet die Tür, betritt den Kirchenraum, die Tür schließt sich und….Ruhe…Friede. Eine versprengte Gruppe Menschen sitzt in den Bänken, vor sich eine kleine Kerze. Wenn irgendwo der Gegensatz von Welt und Advent erfahrbar ist, dann hier. Der freundlichen Aufforderung des Geistlichen folgend, gehen wir alle zu Beginn der Messfeier von unseren Bänken unter die Orgel –eine wunderbar klingende Sauer-Orgel. „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“, so zitierte der Pastor einen unbekannten Stasi-Offizier, der über seine Erlebnisse der Wendezeit berichtet hatte. Wo Licht ist, ist Zuversicht, ist Mut ist Entschlossenheit. Und einer gab zum Anderen das Kerzenlicht weiter, das der Geistliche in die Gemeinde gab. Eine kleine Kerzenprozession zieht nun zurück zu den Bänken unter dem Wechselgesang „Tauet Himmel den Gerechten“. Die Liturgie ist um die Predigt verkürzt, die Messe ist still und kommt ohne laute Töne aus, und genau das ist das Wunderbare der Rorate-Messe: mitten im geschäftigen Getriebe von Stadt und säkularisierter Weihnacht gibt es diesen meditativen Ort, der als Ruhepol erfahrbar ist. Weihnacht hat mit uns selbst zu tun. Und es liegt auch an uns, den Advent in unserem Sinne zu begehen. Da hilft es wenig, Dinge zu beklagen, die uns nicht behagen, zumal sie ja offensichtlich anderen eine wie auch immer geartete Freude oder Ablenkung bereiten. Auf uns selber kommt es an.


    Wir haben angesichts der derzeitigen Weltenlage viel zu hoffen, viel zu wünschen. Der Weihnachtsmarkt zeigt eine Welt der Betäubung, des Verdrängens, des Konsums und der Selbstdefinition eben darüber und ist insofern symptomatisch für unserer überhitzte westliche Gesellschaft, von der man meinen könnte, dass sie kurz vorm Kollaps stünde. Und inmitten dieses Glühweinnarkotkums die Ruhe, der Frieden und der Wunsch Rorate coeli desuper,et nubes pluant iustum: aperiatur terra,et germinet Salvatorem.“ – „Tauet Himmel, von oben, ihr Wolken, regnet den Gerechten: Es öffne sich die Erde, und sprosse den Heiland hervor


    Ich wünsche Euch eine schöne, friedliche, besinnliche und auch nachdenkliche Zeit des Advents.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Lieber Thomas,


    Deine Worte zum Advent und dem Weihnachtsfest haben mich tief berührt, und ich möchte Dir dafür herzlich danken.


    Besinnung und Stille sind in unserer von Hektik erfüllten Zeit kostbare Güter geworden, und es ist schön zu hören, daß es selbst in Großstädten wie Dortmund noch Nischen gibt, wo man sie erleben und auf sich einwirken lassen kann.

    Die Rorate-Messen der Adventszeit sind auch mir eine kostbare Erinnerung an die Kindheit, als diese Zeit noch erfüllt war von Geheimnis und Erwartung auf das kommende große Fest. In meiner Heimatgemeinde fanden diese Messen zweimal wöchentlich statt, jeweils morgens um 6 Uhr. Es gehörte schon ein bißchen Selbstüberwindung dazu, daran teilzunehmen, doch man wurde durch das Geschehen und die anheimelnde Stille dafür reichlich entschädigt.

    Jahrelang habe ich nicht mehr daran gedacht, und deshalb bin ich Dir dankbar, daß Du meiner Erinnerung aufgeholfen hast. Ich habe mir mal das Missale Romanum von 1955 zur Hand genommen, nicht das neue mit seiner versachlichten, nüchternen Sprache, und mir da das Rorate-Meßformular herausgesucht. Interessant fand ich die Einleitung dazu, denn da heißt es:"Kraft eines besonderen Privilegs darf in deutschen und österreichischen Diözesen im Advent (…) eine besondere Rorate-Messe gehalten werden, an Samstagen sogar mit 'Gloria'."

    Es handelt sich also, was mir gar nicht mehr bewußt war, um einen Brauch im deutsch-österreichischen Kulturraum. Ich denke, daß der Ursprung wahrscheinlich im Alpengebiet zu finden ist, das ja reich ist an Sitten und Gebräuchen aus ferner Vergangenheit.

    Du hast so schön den Introitus, den Eingangsvers der Messe, zitiert, der dieser Messe seinen Namen gegeben hat. So möchte ich meinen bescheidenen Beitrag mit den Worten des Graduale schließen: "Tollite portas, principes, vestras: et elevamini, portae aeternitas: et introibit Rex gloriae." Ihr Tore, werdet höher, öffnet euch, ihr ewigen Pforten, denn Einzug will halten der König der Herrlichkeit.

    Welch ein Kontrast zu der realen Welt des Konsums und der hektischen Geschäftigkeit! Wohl dem, der sich einen solchen Ruhepol erhalten kann.


    Auch ich wünsche allen eine ruhige, friedvolle und besinnliche Adventszeit!


    Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Auch von mir herzlichen Dank für deine Ausführungen zu den Roratemessen, lieber Thomas.

    Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, dass die Roratemessen nur bis zum 16. Dezember einschließlich durchgeführt werden können. Die Roratemesse im eigentlichen Sinne ist die Messe am 4. Adventssonntag, dieses Jahr am 15. Dezember. Ab dem 17. Dezember bis einschließlich 23. Dezember, also die letzten 7 Tage der Adventszeit vor dem Heiligen Abend, gibt es eigene Texte, die sogenannten O-Antiphonen. Ohnen ihnen vorgreifen zu wollen (ich werde darauf am entspreenden Tage zurückkommen), darf ich vielleicht erwähnen, dass wir seit vielen Jahren mit der Choralschola meines Stammchores, St. Johannes Baptist Lette, bei unserem Sangesbruder, Diakon ein einer münsterländischen Kirchengemeinde, an einem dieser sieben Tage, die entsprechenden O-Antiphonen singen, und zwar stets um 21 Uhr, ausschließlich bei Kerzenlicht. Damit unsere Augen nicht getrübt und usnere Sinne wach sind, lädt uns unser Sangesbruder stets zu einem leckeren Adventsmahl in ein gemütliches italienisches Kellerrestaurant ein, das der Kirche direkt gegenüber liegt.

    Auch in diesem Jahr werden wir wieder dort auftreten, und zwar am 18. Dezember, wenn die O-Antiphon beginnt mit den Worten:

    "O Adonai, et Dux domus Israel" - O Adonai, Herr und Führer des Hauses Israel.


    In froher Erwartung des zweiten Advent


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich habe mir mal das Missale Romanum von 1955, zur Hand genommen, nicht das neue mit seiner versachlichten, nüchternen Sprache, und mir da das Rorate-Meßformular herausgesucht. Interessant fand ich die Einleitung dazu, denn da heißt es:"Kraft eines besonderen Privilegs darf in deutschen und österreichischen Diözesen im Advent (…) eine besondere Rorate-Messe gehalten werden, an Samstagen sogar mit 'Gloria'."

    Es handelt sich also, was mir gar nicht mehr bewußt war, um einen Brauch im deutsch-österreichischen Kulturraum. Ich denke, daß der Ursprung wahrscheinlich im Alpengebiet zu finden ist, das ja reich ist an Sitten und Gebräuchen aus ferner Vergangenheit.

    Lieber Nemorino,


    der gute, alte und vorkonziliare Schott. Den habe ich auch, abgestaubt bei meiner Mutter. Hab vielen Dank für Deine freundlichen Worte und Ergänzungen. Die Vermutung, dass Rorate-Messen im alpenländischen Bereich beheimatet sind, hatte ich auch gewonnen, als ich mir die Biographie von Karl-Heinrich Waggerl angeschaut hatte. Berührend bei diesem Autor, dass er so intensiv und offenbar in der Rückschau beglückt über seine kirchengeprägte Kindheit schreibt, obwohl er selber später Atheist war. Es ist wohl die Kraft der Bilder und die Kraft der Momente des Empfindens, die den Wert religiöser Mystik ausmachen und -wie bei Waggerl zu sehen- über den Glauben hinaus wirken.


    Zurück zum Schott: mit der Liturgiereform wurde eingeführt, dass Messen in den jeweiligen Landessprachen abgehalten werden durften. Deswegen bleiben sie nach wie vor römisch, da die Messtexte in Rom verfasst und wohl auch dort übersetzt werden; für das Kirchenvolk ist die Landessprache wohl leichter zu verstehen als Latein. Etwas anderes wurde allerdings auch noch eingeführt, nämlich der von einem auf drei Jahre erweiterte Lesezyklus, den die evangelische Kirche später auch übernommen hat (da gibt es allerdings keine Verpflichtung zur täglichen Messfeier). Der Tisch des verkündeten Wortes wurde also deutlich reicher gedeckt. Allerdings bekamen die einzelnen Wochentage ihre eigenen Messetexte, und die kollidieren ab dem 17. Dezember mit den Rorate-Messen, weshalb eigentlich nach dem 16.12. keine Rorate-Messe mehr gefeiert werden darf. Eigentlich. In St. Johannes Baptist, wie die zur Propsteikirche gehörige Gemeinde heißt, wird die letzte Rorate-Messe am 18.12. gefeiert


    Liebe Grüße sendet der Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Lieber Willi,


    das Abfassen unserer Beiträge hat sich überschnitten. Auch Dir danke für die Vertiefung. Die von Euch gesungenen Antiphone sind -nehme ich an- gregorianisch oder sind es neuere Kompositionen? Arvo Pärt hat sie wunderbar vertont (O Adonai bei 1:47):



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Liebe Freunde,

    danke für die Schilderung der bewegenden Form der Messfeiern, die ich als evangelischer Christ so nicht kannte und Eure Adventswünsche. Der 4. Dezember 1944 ist die Schreckensnacht von Heilbronn. Bei dem damaligen Großangriff fiel fast die ganze Innenstadt in Schutt und Asche. Fast 7.000 Menschen starben und das alte schöne Heilbronn gab es nicht mehr.Zum Gedenken gibt es jährlich Feiern. In der Kilianskirche wird jedes Jahr ein beeindruckendes Konzert gegeben. Gestern war es Beethovens großartige "Missa solemnis". Es war ein ergreifender Augenblick als das Agnus Dei mit den Worten Dona nobis pacem ausklang und die etwa 1.000 Besucher stehend, dem jetzt einsetzenden Glockengeläut schweigend eine Zeit - die ewig schien - zuhörten.

    Mich schauerte und eine Kindheitserinnerung stieg in mir auf. Als wir dem Inferno entronnnen waren wurden wir in einen Landort evakuiert. Während der Fahrt auf dem Lastwagen schrie eine bekannte Frau zu meiner Mutter: Jenny, Jenny, wir sind alle Bettler." Meine Mutter antwortete: "Nein, ich bin die reichste Frau der Welt, Hansi und ich haben überlebt." Worte, die mir gestern wieder einfielen und mich bewegten. Ja, wir waren und sind reich und durften fast unser ganzes Leben in Freiheit, Frieden und Wohlstand genießen.

    Auch ich wünsche Euch bewegende Momente in dieser besinnlichen Advents- Zeit, die Nachdenklichkeit, Erinnern und Dankbarkeit schenken.

    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ab dem 17. Dezember bis einschließlich 23. Dezember, also die letzten 7 Tage der Adventszeit vor dem Heiligen Abend, gibt es eigene Texte, die sogenannten O-Antiphonen.

    Lieber Willi,


    diese O-Antiphonen sind mir wohlbekannt; in der Abtei Maria Laach habe ich sie oftmals hören können. Allerdings haben sie ursprünglich nichts mit der Meßfeier zu tun, sondern es sind die Antiphonen zum "Magnificat" der Vesper, die in den Tagen vom 17. bis 23. Dezember in besonders feierlicher Form gehalten wurde.

    Nach der Liturgiereform haben diese Antiphonen auch Einzug in die Messe gehalten, werden da aber, wenn überhaupt, selektiv gesungen, meist zur Kommunionausteilung. Heutzutage sind die Gestaltungsformen ja sehr freizügig, früher war das alles durch die sogenannten Rubriken streng geordnet.


    Ich finde es aber wunderschön, daß ihr mit eurer Schola diese alte Tradition fortführt. Leider ist die Gregorianik in ihrer Bedeutung für die Liturgie sehr beschnitten worden. Fein, daß es noch Orte gibt, wo sie gepflegt wird. Wenn ich in der Nähe wohnte, würde ich am 18.12. ganz sicher dabei sein (nicht beim Adventsmahl^^!).


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).