Hamburgische Staatsoper: Bühne frei, 30.11.2019

  • Eigentlich wollten wir in die Laeiszhalle zu einem Programm der Singakademie, kamen aber eine Stunde zu spät, es hatte bereits um 19 Uhr angefangen. Der nächste Weg sollte zum Cinemaxx-Kino am Dammtor führen, die davor liegende Oper war aber noch hell erleuchtet und es hatte offenbar noch nicht begonnnen. Wir besorgten uns noch Karten, saßen im Hochparkett in Reihe 12 auf den Plätzen 6 und 7, für jeweils 21 Euro mit der Operncard. Das Thema des Abends hieß, wie seit 30 Jahren Anfang Dezember, Bühne frei (für die zumeist neuen Sängerinnen und Sänger des Hauses; zugunsten der Deutschen Muskelschwundhilfe), allerdings nicht unter der Moderation des Intendaten, sondern von Gustav Peter Wöhler, der seine Schwierigkeiten mit einem riesigen, ihm über den Smoking gehängten, dicken Weihnachtsmann-Mantel hatte; und singen musste er auch noch (nicht mal schlecht, mit seiner Band: „Drive“, „Message in a bottle“, „Love is a verb“).

    Das Resüme vorweg, es war nicht nur zu kurz (ohne Pause von 20:00 Uhr bis etwa 21:20 Uhr), sondern auch zu wenig, was da geboten wurde. Unter Simone Young trugen die Solisten noch große Arien vor, einmal vor und einmal nach der Pause. So konnte man sich eine Meinung über die stimmlichen Qualitäten bilden. Das war diesmal kaum möglich, die vorgetragenen Stücke hatten zumeist Liedcharakter und waren, nachdem man sich gerade eingehört hatte, schon wieder zu ende.

    Was gefiel: Die aus Österreich stammende, neu zum Ensmble gehörende und mit einem samtweichen Mezzosopran ausgestattete Ida Aldrian mit „Mariä Wiegenlied“ von Max Reger und an erster Stelle zu nennen der allerdings bereits auch an anderen Häusern große Rollen singende Turkmene Dovlet Nurgeldiyev, dessen Tenorstimme mit Cesar Francks „Panis angelicus“ unter die Haut ging (zusammen mit dem usbekischen Bariton Alexey Bogdanchikov). Diese schon arrivierten Sänger wurden ergänzt durch weitere, bereits seit 1986 am Hamburger Haus engagierte Protagonisten wie die Mezzosopranistin Renate Spingler und dem Tenor Peter Galliard (der sich mit einem Schweizer Jodellied meiner vom Publikum abweichenden Meinung nach keinen Gefallen tat). Beide tragen den Titel Kammersänger/in. Wöhler, der den Vortragenden mit seinen Interviews nicht soviel Bemerkenswertes entlocken konnte, erhielt mit seiner an Frau Spingler gerichteten Frage, ob man für den Titelerwerb eine besondere Qualifikation vorweisen müsse, allerdings die interessanteste Antwort des Abends: Eigentlich nicht, man müsse nur lange genug am Haus und diesem verbunden sein; zum Glück sei diese aus monarchischer Zeit stammende Sitte an den Staatstheatern erhalten geblieben. Wöhler bemerkte, dass er fast 15 Jahre am Deutschen Schauspielhaus engagiert gewesen sei, es aber nicht in den Dauervertrag geschafft habe. Frau Spingler bestätigte, dass eine Festanstellung erst nach 15 Jahren erfolge, was allerdings nur den wenigsten Sängerinnen und Sängern gelänge. Im Übrigen überreichte Herr Wöhler jedem Auftretenden ein Weihnachtspaket, welches aber erst nach Weihnachten zu öffnen sei. Da das Publikum so um überraschte Gesichter bei den Sängerinnen und Sängern gebracht wurde, verkürzte diese Geschenkübergabe nur die für Gesang zur Verfügung stehende Zeit.


    Wie wurde diese Zeit noch genutzt: Die zum Operstudio gehörende kanadische Mezzosopranistin Kady Evanyshyn begann recht nervös mit „Amor“ (Cabaret Songs von William Bolcom), die neu zum Ensemble gehörende Sopranistin Elbenita Kajtazi sang ein kosovarisches Lied („Agimet Shqiptare“ von Avni Mula) und erinnert anschließend an das jüngste Erdbeben in ihrer albanischen Heimat, die slowakische Mezzosopranistin Jana Kurucova, ebenfalls neu im Ensemble, sang „Minuit chretiens“ von Adolphe Adam und der junge, polnische Bass Hubert Kowalczyk (Opernstudio) beeindruckte mit weit tragender Stimme, die man ihm angesichts seiner schlanken Gestalt nicht zugetraut hätte, mit einer Mischung aus Max Reger, Michael Buble und Rupert Burleigh: „Knecht Ruprecht goes to New York“. Auf diesen Sänger wird man achten müssen, ihn würde man gern mit einer richtigen Opergesangsnummer wieder hören. Einen habe ich noch vergessen, Kammersänger Jürgen Sacher trat auch auf, allerdings mehr als Stichwortgeber für Renate Spingler und Ida Aldrian (Adventslied „Wer klopft an?“). Den knapp 1.000 Besuchern der Veranstaltung (der zweite bis vierte Rang war offensichtlich nicht in den Verkauf gelangt) hat es insgesamt, gemessen am Beifall, auch für Gustav Peter Wöhler und seine Band (Ulrich Rode, Gitarre; Kai Fischer, Klavier; Olaf Casmir, Contrabass) offenbar ausnehmend gut gefallen. Die Sängerinnen und Sänger waren von Rupert Burleigh am Klavier begleitet worden.

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv