Provinz? Nicht bei uns... Boris Godunow in Krefeld, 8.1.2020

  • Ich war aus verschiedenen Gründen jahrelang in keiner Oper, und auch gestern hatte ich die Wahl zwischen einem leicht zu erreichenden Bundeligaspiel im Hallenhockey und dem Boris in Krefeld. Zum Glück habe ich Boris gewählt, trotz eines Preises von 50 Zechinen. Ich habe ja hier oft das Lob der Provinz gesungen, vor allem die Häuser in Krefeld und in Gelsenkirchen sind Leuchttürme. Wenn ich das recht sehe, gibt es solche Perlen auch im Osten und in Liberec. Ich kannte nicht einen Sänger, aber bis auf einen quäkigen Tenor (Dimitri) waren die Sänger sehr gut, einige so überragend, dass sie sich auch an großen Häusern gut machen würden. Das Stück wurde russisch gesungen; für die Hauptrollen kein Problem, waren es doch meist Russen. Der Chor aber hatte lang geübt. Zum Glück wurde der Ur-Boris gespielt. Zu meinen am meisten negativen Einstellungen im Bereich der Oper gehört der sog. "Polenakt". Der fehlte hier.

    Das Stück hat ja eine große Dichte und Kraft; ich fühlte mich oft an die Wucht Janaceks erinnert. Mussorgsky erkennt man an seinem Stil ja sofort nach den ersten Takten. Die Macher hatten erkannt, dass es im Boris vier große Handlungsträger gibt: der Chor, Boris, Pimen und das Orchester. Alle vier hätten überall in Deutschland mit diesem Stück auftreten können. Die Krefelder selber waren gespalten. Viele verließen das Theater in der Pause, wie mir die Garderobenfrau erklärte. Der Rest aber lauschte gebannt, und der Applaus wollte kein Ende nehmen. Die Regie war kein RT, dazu relativ statisch, was mir gefallen hat, da dabei die Musik noch stärker wirkte. Vor allem gab es bei den Volksszenen kein sinnloses Herumwuseln, wie das viele Regisseure ja verlangen. Die Bühne war schlicht und düster, also angemessen. Nur mit den Kostümen war ich nicht zufrieden. Das war moderne Kleidung, aber sehr schlicht. Da hätte man auch Kostüme der Zeit nehmen können, auch sehr schlicht. Für die modernen Kostüme gab es also keinen Erkenntnisgewinn. Wo ist der, wenn Boris mit einem langen Mantel mit Pelzbesatz auftritt, dazu aber auch einen Schlips trägt?

    Besondere Mühe hatte man sich mit den Übertiteln gegeben. Sie waren nicht übermäßig groß, aber sehr gut zu lesen. Sie kamen auch immer rechtzeitig. Außerdem gab es, zum Entzücken von Dr. Pingel, fehlerlose Wörter und sogar Satzzeichen.

    Einige unserer Kollegen hier haben Berichte über die Oper aufgegeben. Ich werde es anders halten, weil ich wahrscheinlich immer der einzige bin, der sich das ansieht.

    Meine Erkundungsfelder werden hier vor allem die wichtigsten Provinzhäuser sein: Gelsenkirchen (da bin ich Mitglied im Förderverein - gut angelegtes Geld), Wuppertal, Hagen und natürlich - Krefeld. Die nächste Premiere ist hier "Dialogue des Carmélites".

    Was ist das Schlechte an schlechten Büchern? Sie bilden den Heuhaufen, in dem die Nadel der guten Literatur verloren geht (Arthur Schopenhauer)

  • Danke! Komme gerade selbst aus der Oper (Tote Stadt in Kiel) und habe den Bericht mit Vergnügen gelesen. Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Dr.Pingel,


    danke für deinen schönen Bericht. Es ist schon mal etwas wert, wenn wenigstens die Handlung nicht entstellt wurde, obwohl ich mich auch frage, warum man nicht die Kostüme der Zeit genommen hat.

    Ich kenne beide Fassungen, habe sie auch auf DVD und muss auch sagen, dass mir die Urfassung mehr zusagt. Der Polenakt gefällt mir zwar musikalisch, aber irgendwie harmoniert er nicht mit den übrigen Akten.


    Liebe Grüße

    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Ich habe ja hier oft das Lob der Provinz gesungen, vor allem die Häuser in Krefeld und in Gelsenkirchen sind Leuchttürme.

    Wenn ich das recht sehe, gibt es solche Perlen auch im Osten und in Liberec.

    Hallo, Dr. Pingel

    Zuerst einmal danke auch ich Dir für Deinen Bericht, den ich mit Interesse gelesen habe.

    Nicht einverstanden bin ich allerdings mit Deiner Überschrift betr. "Provinz". Das klingt so abwertend und ist eigentlich der billige Wortschatz

    unserer selbsternannten "Experten", die dies aus Neid und mangels jeglicher Kenntnis frustriert gebrauchen.

    Städte mit weit über 100.000 Einwohnern, sind auch ganz sicher keine Provinz.

    Und Du hast völlig recht und ich stimme Dir zu, solche Perlen, wie ich Dich oben zitiere, gibt es auch an kleineren Häusern.

    Außerdem, ob generell eine solch unterschiedliche künstlerische Qualität zu größeren Häusern besteht, wage ich erfahrungsgemäß zu bezweifeln.


    Herzliche Grüße

    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Und Du hast völlig recht und ich stimme Dir zu, solche Perlen, wie ich Dich oben zitiere, gibt es auch an kleineren Häusern.

    Außerdem, ob generell eine solch unterschiedliche künstlerische Qualität zu größeren Häusern besteht, wage ich erfahrungsgemäß zu bezweifeln.

    Hallo, Chrissy, da gebe ich Dir völlig recht. Auch die "kleineren" Häuser wie Chemnitz, Erfurt, selbst Gera können ganz tolle Inszenierungen machen, Du weißt das ja von Liberec am besten. Häufig sind da Sänger am Werk, die prächtige Stimmen haben, aber damit größere Häuser wie Baden-Baden, Berlin, München, Hamburg oder selbst Dresden nicht bis in die hinteren Reihen bedienen können, weil sie da mitunter nicht zu hören sind. Gerade in Chemnitz mit rund 800 Plätzen habe ich Sänger erlebt, die für dieses Theater wie geschaffen waren, den ganz großen Sprung aber nicht gepackt haben. In Chemnitz aber waren sie allererste Klasse!!


    Herzlichst La Roche

    Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!

  • Lieber Crissy, lieber La Roche,


    viele, die außer den berühmten Häusern der Welt alles andere als Provinz abwerten, haben ja keine Ahnung, welche Perlen auch an diesen Häusern existieren, die man oft durchaus in die Nähe der berühmteren Künstler rücken kann.

    Ich empfinde Dr.Pingels Überschrift aber nicht als abwertend, ganz in Gegenteil. Er stellt doch die Frage: Provinz? und zielt damit auf die Aussagen oben genannter Zeitgenossen, die diese abwertende Vokabel gebrauchen. Der Nachsatz "Nicht bei uns" sagt aber, dass er genau diese Häuser eben nicht als "Provinz" ansieht.

    Wir haben hier kein eigenes Ensemble. Unser Leverkusener Forum hatte vor Einbrechen des Regisseurstheaters viele Tourneebühnen aus kleineren, weniger bekannten Häusern, zu Gast und sie haben begeisternde Inszenierungen abgeliefert.

    Die letzten Jahre (seit Einbrechen der Regisseurstheaters) kann ich nicht mehr beurteilen. Inzwischen werden, da hier kaum mehr Interesse an diesen entstellten Werken besteht, in manchen Jahren keine, in einzelnen Jahren vielleicht noch eine einzelne Oper angeboten. Ab und zu ist schon mal eine Tourneebühne mit einer konventionell inszenierten Operette oder einem Ballett zu Gast, was aber außerhalb des von der Stadt angebotenen Kulturprogramms läuft. Die sind aber dann gegenüber den normalen Preisen im Kulturprogramm der Stadt (bei etwa 30€ beginnend) entsprechend teuer (auf den hintersten Plätzen ab 45€ bis 50€, manchmal noch teurer). Da sind die Karten zu den hochwertigen Übertragungen aus der MET oder den Royal Opera House im hiesigen Kino geradezu ein Schnäppchen.


    Liebe Grüße

    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Lieber Crissy, lieber La Roche,


    Ich empfinde Dr.Pingels Überschrift aber nicht als abwertend, ganz in Gegenteil.

    Lieber Gerhard

    Ich gebe zu, ich habe mich da vielleicht etwas mißverständlich ausgedrückt - ich meinte auch nicht Dr. Pingel, habe ihn schon richtig verstanden.

    Du bemerkst völlig richtig:

    Er stellt doch die Frage: Provinz? und zielt damit auf die Aussagen oben genannter Zeitgenossen, die diese abwertende Vokabel gebrauchen. Der Nachsatz "Nicht bei uns" sagt aber, dass er genau diese Häuser eben nicht als "Provinz" ansieht.

    So ist es. Und deshalb schrieb ich in meinem Beitrag 4:

    "Provinz". Das klingt so abwertend und ist eigentlich der billige Wortschatz unserer selbsternannten "Experten",

    die dies aus Neid und mangels jeglicher Kenntnis frustriert gebrauchen.

    Herzliche Grüße und einen guten Start in ein schönes Wochenende

    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Zitat von chrissy

    "Provinz". Das klingt so abwertend und ist eigentlich der billige Wortschatz unserer selbsternannten "Experten",

    die dies aus Neid und mangels jeglicher Kenntnis frustriert gebrauchen.

    Sorry ihr lieben, was soll man da noch dazu sagen, ihr seid also die wahren Experten! :thumbdown:


    Lieber Chrissy, du weisst wie sehr ich dich schätze, aber deine letzten Postings waren eine einzige Frustbewältigung!

    Ich finde das für die ganze Stimmung hier ziemlich bedauerlich!


    Und in jedem Posting von G.W. findet sich das Wort Regisseurstheater, diese ausgepackte Keule ist für mich zusehends unerträglich.


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Ich möchte noch zwei Dinge nachtragen. Großartige Randfiguren im Boris Godunow sind ja Xenia, die Tochter von Boris, und der "Gottesnarr". Ich bin ja ein wenig sozialisiert auf den Karajanschen Boris, da interpretiert die Xenia diese Rolle eher still und resigniert. Auch der Narr ist so angelegt, dass er mehr Trauer als Wut zeigt. Das ist in Krefeld anders. Die Xenia ist laut und erregt, das passt gut, vor allem, wenn sie von einer grandiosen Sopranistin wie Maya Blaustein gesungen wird, die dazu auch noch erst im Opernstudio ist. Der Narr singt sehr differenziert, im Dialog mit Boris allerdings anklagend und stark. Bei Karajan gefällt mir gut, dass der Narr in der Oper das letzte Wort hat.

    In meiner "Opernkarriere" habe ich festgestellt, dass ich manche Opern überhaupt nicht mehr höre, z.B. Cosi fan tutte, Fidelio und vieles aus der italienischen Oper. Das hat mit Qualität überhaupt nichts zu tun. Andre Opern höre ich schon mein Leben lang, ohne dass ich sie über habe. Boris Godunow gehört auf jeden Fall dazu, die andern könnt ihr ja raten, was nicht schwer ist.

    Eine Bitte an die Moderatoren. Wie William es auch schon gehandhabt hat, bitte ich die Moderatoren dringend, dieses Thema nicht in denyellow modus abrutschen zu lassen, was gerade geschieht. Dazu wäre folgendes zu überlegen. Möglichkeit 1: diese Beiträge zu löschen. Möglichkeit 2: diesen thread zu schließen, denn ich finde, dass alles gesagt ist.

    Was ist das Schlechte an schlechten Büchern? Sie bilden den Heuhaufen, in dem die Nadel der guten Literatur verloren geht (Arthur Schopenhauer)

  • Und in jedem Posting von G.W. findet sich das Wort Regisseurstheater, diese ausgepackte Keule ist für mich zusehends unerträglich.


    LG Fiesco

    Lieber Fiesco,


    wer zwingt dich eigentlich, das zu lesen, was dir unerträglich ist?:hahahaha::hahahaha::hahahaha:


    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • An Beitrag 8 lässt sich ablesen, wie der yellow modus entsteht. Das Thema ist nämlich nicht die Sache, also hier Godunow oder die Provinz, sondern andere Taminos, die mal wieder zurechtgewiesen werden müssen. Die verteidigen sich dann oder greifen wieder an usw.

    Dringende Bitte noch mal an den Moderator, den Schluss von #9 zu realisieren, welcher Form auch immer.

    Was ist das Schlechte an schlechten Büchern? Sie bilden den Heuhaufen, in dem die Nadel der guten Literatur verloren geht (Arthur Schopenhauer)

  • Lieber Chrissy, du weisst wie sehr ich dich schätze,


    Lieber Fiesco

    Vielen Dank für Deine Wertschätzung, die ich Dir gern und ehrlich zurückgebe. Darüber freue ich mich und auch ich schätze und mag Dich.

    Sorry ihr lieben, was soll man da noch dazu sagen, ihr seid also die wahren Experten! :thumbdown:


    Nein, ich halte mich nicht für einen Experten, habe das auch noch nie so geäußert.

    Wie jeder andere habe ich einige Spezialgebiete, Vorlieben und darüber hinaus allgemeine gute Kenntnisse.

    Lieber Chrissy deine letzten Postings waren eine einzige Frustbewältigung!

    Ich finde das für die ganze Stimmung hier ziemlich bedauerlich!


    Lieber Fiesco, dem kann und will ich nicht widersprechen. Nur, ich habe die Ursache nicht gesetzt!

    Auf von mir eingestellte Opernbesuche und Beiträge, wurde nicht sachlich, sondern mit Frust und Stänkerei und persönlichen Angriffen geantwortet.

    Und nach einer fast halbjährigen Pause wollte ich nun ein Zeichen setzen und klar mitteilen, daß ich, wenn nötig, auch austeilen kann

    und ich mich von ein paar dieser Leute nun grundsätzlich distanziere und mit ihnen nichts mehr zu tun haben will.

    An mir soll es nicht liegen, zum Forums - Frieden beizutragen.


    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und sende herzliche Grüße

    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Eine Bitte an die Moderatoren. Wie William es auch schon gehandhabt hat, bitte ich die Moderatoren dringend, dieses Thema nicht in denyellow modus abrutschen zu lassen, was gerade geschieht. Dazu wäre folgendes zu überlegen. Möglichkeit 1: diese Beiträge zu löschen. Möglichkeit 2: diesen thread zu schließen, denn ich finde, dass alles gesagt ist.

    Lieber dr. Pingel,


    die Erfahrung zeigt, wenn ich jetzt Beiträge "entsorge", dann fühlt sich jemand auf den Schlips getreten und verlässt das Forum dauerhaft oder zeitweise. Das mag Alfred nicht (verständlich), also komme ich Deiner Bitte nach, indem ich den Thread schließe.


    Viele Grüße


    Norbert als Moderator

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Norbert

    Hat das Thema geschlossen