BERLIOZ, Hector: LA DAMNATION DE FAUST

  • Hector Berlioz (1803-1869):

    LA DAMNATION DE FAUST

    (FAUST’S VERDAMMUNG)

    Legende dramatique in vier Teilen und einem Epilog


    Libretto vom Komponisten bei teilweiser Mitarbeit von Almire Gandonnière,

    beruhend auf der mittelalterliche Legende von Dr. Faust und sehr frei nach Johann Wolfgang von Goethe


    Konzertante Uraufführung am 6. Dezember 1846 in der Opéra comique (Salle Favart), Paris

    Erste szenische Aufführung am 18. Februar 1893: Salle Garnier, Monte Carlo



    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    FAUST (Tenor)

    MEPHISTO (Bariton oder Bass)

    MARGARETE (Mezzo-Sopran)

    BRANDER (Bass)

    DIE FÜRSTEN DER FINSTERNIS (Bässe)

    EINE STIMME VON OBEN (Sopran)

    CHOR: Bauern, Christen, Zecher, Sylphen und Gnomen, Soldaten, Studenten, Irrlichter, Nachbarn, Höllengeister, Seraphim, himmlische Geister


    Die Handlung spielt in Ungarn, Norddeutschland und Leipzig im 16. Jahrhundert.



    INHALTSANGABE


    ERSTER TEIL

    Am Beginn des Werkes steht Fausts ariose Naturbetrachtung, die ihn zu philosophischen Überlegungen führen, die aber der Chor der Bauern stört. Sie überraschen Faust mit einer fröhlichen Melodie, doch vorbeiziehende Soldaten machen die idyllische Szene zunichte. Die Rauen sind auf Ruhm und Ehre aus, und Berlioz unterstreicht das Militärische mit dem populären Rákóczy-Marsch*. Die Situation gefällt dem Gelehrten nicht, und er wendet sich kalt ab:

    Welch kriegerischer Glanz blitzt durch neblichte Ferne?

    Ha, die Söhne der Donau, zum Kampfe gerüstet!

    Mit Stolz schreiten freudig sie hin, zu streiten für die Heimat, für die Freiheit, für Recht!

    Im Siegesrausche erglüh'n ihre Herzen.

    Nur das meine bleibt kalt, selbst dem Ruhme verschlossen!
    * Eine erste Version des Marschliedes entstand vermutlich um 1730 und galt als Lieblingsmarsch von Franz II. Rákóczy (1676–1735). Der Ursprung war jedoch ein Klagelied, das die Unterdrückung der Magyaren durch die Habsburger beweinte. Im Lied fleht das Volk Franz II. Rákóczi zur Rückkehr an. Hector Berlioz nahm eine Bearbeitung des Marsches 1846 in das hier vorgestellte Werk auf und verlegte den ersten Teil dazu eigens in die ungarische Puszta.


    ZWEITER TEIL

    Der Schauplatz wechselt nach Norddeutschland: Faust hält sich in seinem Studierzimmer auf und sitzt über seinen dicken Folianten, die ihm die Nutzlosigkeit seines Lebens verdeutlichen. Er denkt tatsächlich über Selbstmord nach und greift schon nach dem Giftbecher, als ihn ein ferner Chor plötzlich in eine österlich-fromme Stimmung versetzt. Der Gesang erinnert Faust an seine Kind- und Jugendzeit. Gerührt fällt er in den Chorgesang ein.


    An dieser Stelle führen harte Orchester-Akkorde Mephisto ein, dessen ironische Worte von Streichern tremolierend begleitet werden. Als er dann Faust Macht, Glanz und ewige Jugend verspricht, schlägt der Doktor in den Handel ein und Mephisto entführt ihn durch die Lüfte direkt nach Leipzig in Auerbachs Keller. Das dort herrschende bunte und laute Treiben, durch chorische Männerstimmen dominiert, kann Faust nicht aufheitern.


    Es folgt das auffällige, grobe und plumpe Couplet von Brander, in das der Chor johlend laut einfällt. Die Ratte, von der gesungen wird, muss in Würde zu Grabe gebracht werden und das verdeutlicht Berlioz durch eine vierstimmige Fuge auf das einzige Wort „Amen“.


    Der musikalische Charakter ändert sich durch Mephistos Eintritt in die Handlung mittels des witzigen „Flohliedes“. Doch Faust wird auch durch dieses Stück in keine fröhliche Stimmung versetzt, er bleibt missmutig und ist des Treibens müde. Er fährt den Höllenfürsten direkt mit der Frage an, ob er nichts Besseres anzubieten habe, die stumpfsinnige Sauferei der Studenten und Spießbürger ist ihm einfach nur widerlich. Mephisto hat kein Problem damit, Faust etwas Neues zu bieten, und entführt ihn mit seinen Zauberkünsten in die Elb-Auen. Dort versetzt er Faust in den Schlaf, in dem Sylphen und Gnome, die ihm Wichtiges künden:

    Ein schönes Mädchen naht/Gedankenvoll und still,/Verstohl'ner Tränen Glanz
    Ihr Auge weich verklärt./Dies Mädchen dort, sie wird dein Liebchen sein!

    Tanzend verschwinden die Sylphen und Gnome, Mephisto aber bekräftigt die Ankündigung der Seelenlosen - und Faust erscheint Margarete als Traumbild. Erwachend verspricht ihm der Höllenfürst, ihn sofort zu der Schönen zu führen.


    Den zweiten Teil beendet ein Soldatenchor, der die Mädchen, den Kampf um Glück und Ehre preist; in ihn stimmen vorbeiziehende Studenten mit einem Loblied (in lateinischer Sprache) auf das lustige Studentenleben und die „Mägdlein“ ein. Bei Chöre werden schließlich in einer beeindruckenden Weise zusammengeführt - ein Chorsatz von großer Intensität.



    DRITTER TEIL
    Faust findet sich durch Mephistos Zauberei in Margaretes Zimmer wieder. Als Mephisto die Maid kommen sieht, lässt er Faust sich hinter einem Vorhang verstecken, und verspricht ihm, mit „meiner Schar“ ein Hochzeitslied zu singen. Zunächst aber singt Margarete, sich dabei entkleidend, die Ballade vom König in Thule. Kaum, dass die Schöne im Bett liegt, beginnen die irrlichternden Geister einen Tanz und singen dann mit Mephisto das Hochzeitslied:

    Was machst du mir / Vor Liebchens Tür, / Kath'rinchen, hier / Bei frühem Tagesblicke?
    Lass, lass es sein! / Er lässt dich ein, / Als Mädchen ein, / Als Mädchen nicht zurücke.
    Nehmt euch in Acht! / Ist es vollbracht, / Dann gute Nacht / Ihr armen, armen Dinger!
    Habt ihr euch lieb, / Tut keinem Dieb / Nur nichts zu Lieb', /Als mit dem Ring am Finger!


    Als Faust vortritt und das „himmlisch Bild“ anschwärmt, gibt es für die verliebte Margarete kein Halten mehr und sie gibt sich ihm hin. Plötzlich kommt Mephisto, der das Zimmer verlassen hatte, zur Eile drängend und auf die durch seinen Gesang erwachten Nachbarn hinweisend. Die verhöhnen Margarete nicht nur, sondern wecken auch ihre Mutter mit Spott auf. Mephisto und Faust können rechtzeitig verschwinden, doch kann sich das Paar wenigstens noch auf den nächsten Tag verabreden.


    VIERTER TEIL
    Margarete sehnt sich nach Faust mit einer vielstrophigen Ballade, in der ihre ganze Liebe zu ihm zum Ausdruck kommt. Doch wird ebenso deutlich, dass der Geliebte sein Versprechen gebrochen hat und auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Aber auch der Herr Doktor, obwohl weit entfernt, kann seine Margarete nicht vergessen und gesteht sich sein schuldhaftes Verhalten ein.


    Da berichtet ihm Mephisto, dass die Geliebte ihrer Mutter das „unschuldig Gift“, das Faust ihr selbst gegeben hat, um nächstens ungestört bei ihr sein zu können, in einer Überdosis in den Schlaftrunk gab. Daran ist die „Alte“ verstorben und Margarete wurde durch ein Gericht als Mörderin zum Tode verurteilt. Als Mephisto Faust die im Kerker darbende Geliebte zeigt, verlangt er vom Höllenfürsten, alle seine Kunst einzusetzen, um Margarete zu retten. Dazu ist Mephisto natürlich bereit, verlangt aber eine Gegenleistung - und die muss sogar schriftlich und mit Blut festgehalten werden:

    Wohl hab' ich Macht genug, ihren Kerker zu öffnen.

    Doch, was empfing ich schon von Dir für diesen Dienst?

    Faust verspricht ihm seine Seele und unterschreibt mit seinem Blut ein Pergament. Mephisto ruft seine Geisterpferde Vortex und Giaour und das Duo jagt in dunkler Nacht durch die Lüfte dahin.


    Plötzlich ist der Ritt zu Ende und beide stürzen mit ihren Pferden in den Abgrund. Faust und Mephisto werden von Höllengeistern und Fürsten der Finsternis empfangen, die Mephisto, der mit Stolz seinen Sieg über Faust kundtut, überschwänglich feiern. Für deren Gesang hat der Komponist nicht nur eine Kunstsprache eingesetzt (auszugsweise wiedergegeben), sondern er kleidet das in klangmächtige Musik, die für die Zeitgenossen von Berlioz neu (und vielleicht bestürzend) war und nur bei Wagner zu finden ist (beispielsweise im „Fliegenden Holländer“):

    Tradioun marexil fir tru dinxé burrudixé.
    Fory my dinkorlitz,
    O mérikariu! O mévix~! Mérikariba!
    O mérikariu! o mi dara caraibo lakinda, merondor dinkorlitz,
    Merondor dinkorlitz, merondor.
    (usw)

    Faust aber erkennt seine Schwächen und Fehler, während er an den Stationen seines Lebens vorbei in den Abgrund stürzt, die keine klare Gestalt mehr annehmen.


    EPILOG


    Der Epilog ist zweiteilig angelegt, wobei der erste den irdischen Nachklang bildet. Darin berichtet ein Erzähler ohne jegliche Instrumentalbegleitung, dass der Hölle Mund verstummt sei, dass jedes wilde Geschrei der Höllengeburten und die Schmerzensrufe der verdammten Seelen nicht bis hinauf zur Erde dringen. Und die Stimme resümiert, dass sich in des Abgrunds Schlund ein „grausam Geschick“ erfüllt hat.


    Der zweite, kurze Teil zeigt Margaretes Apotheose, ein mit seraphischen Chören vertonter Abschnitt, in dem die Leidgeprüfte in die ewige Seligkeit aufsteigt.



    INFORMATIONEN ZUM WERK


    Es ist für manche Musikfreunde möglicherweise unverständlich, das hier vorgestellte Werk unter den Oratorien einzuordnen. Mich haben zwei Gründe dazu bewogen: Erstens hat Berlioz nie an eine szenische Aufführung gedacht (obwohl opernhafte Züge ohne Zweifel vorhanden sind und Regisseure sich immer wieder herausgefordert fühlten, das Stück auf die Bühne zu bringen); zweitens wird „La Damnation de Faust“ auch im Oratorienführer von Kurt Pahlen und in Propyläens „Welt der Musik“ so eingeordnet.


    Zum Werk selbst ist zu bemerken, dass Berlioz von Goethes Faust (hier nur auf den ersten Teil bezogen) stark beeindruckt war, den er in Gérard de Nervals Übersetzung kennengelernt hatte. Er äußerte schriftlich, dass ihn das „wunderbare Buch“ gefesselt habe und er sich einfach nicht mehr von der Lektüre trennen konnte. 1828 entstand die Schauspielmusik „Huit scènes de Faust“, die er an Goethe schickte, der sich zwar zunächst beeindruckt gezeigt haben soll, nach einer Intervention seines musikalischen Beraters Zelter Berlioz jedoch nicht antwortete.


    Berlioz beschäftigte sich auch weiterhin mit dem Stoff und begann fünfzehn Jahre später auf einer Konzertreise durch Österreich, Ungarn, Böhmen und Schlesien mit der Komposition des hier vorgestellten Werkes. Er schrieb:

    „Ich versuchte weder, das Meisterwerk Goethes zu übersetzen, noch, es nachzuahmen, sondern ließ es lediglich auf mich wirken, in dem Bestreben, seinen musikalischen Gehalt zu erfassen.“


    Als weitere Inspirationsquelle gelten übrigens die Faust-Lithographien von Eugène Delacroix. Dennoch seien hier zwei besondere Unterschiede zu Goethes Werk erwähnt: Berlioz verlegte die erste Szene in die ungarische Puszta - nur um den äußerst populären Rákóczi-Marsch in sein Oratorium einfügen zu können. Zum anderen gibt es den musikalisch geradezu fulminant gestalteten Höllenritt von Faust und Mephisto, der bei Goethe so nicht vorkommt.



    © Manfred Rückert für den Tamino-Oratorienführer 2020

    unter Hinzuziehung des deutschsprachigen Librettos

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    MUSIKWANDERER

  • Diskographische Hinweise


    Die Tamino-Werbepartner Amazon und jpc bieten eine Fülle von Einspielungen des hier inhaltlich vorgestellten Werkes an, die hier gar nicht alle gelistet werden können. Es wurde deshalb nur eine kleine Auswahl getroffen, die aber keine künstlerische Wertung darstellen.


     

     


    :hello:

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    MUSIKWANDERER

  • Weitere Diskographische Hinweise......



    ......eine der beiden Aufnahmen sollte es dann doch noch sein, wegen Nicolai Gedda :!:



    Diese, für meine bescheidene Meinung, wegen der Marguerite von von Otter und dem Méphistophélès von Terfel.


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • ZunÄchst möchte ich Dir, lieber musikwander, von Herzen Dank sagen für diesen profunden Führer durch das Werk, das ich ebenfalls für nicht geeignet halte für eine Darstellung auf der Opernbühne. Hervorragende Einspielungen sind geannnt. Die jüngste unter Nelson bei Erato kann nach meinem Eindruck locker an die besten Vorgängerinnen anschließen, auch wegen Spyres und natürlich wegen des Dirgenten, der zurecht als Berlioz-Spzialist gelten darf. Dennoch ist für mich die von Markevitch vorgelegte Einspielung nach wie vor unübertroffen. Nicht unerwähnt darf Charles Munch bleiben, der unnachgiebig für Berlioz eingestanden ist. Unter seine Leitung gibt es mindesten zwei Versionen des "Faust". Obwohl Übersetzungen ins Deutsche hier im Forum ganz allgemein keinen guten Ruf genießen, möchte ich eine solche vorstellen. Es handelt sich um einen Konuzertmitschnitt vom Lucern-Festival 1950, der von Wilhelm Furtwängler geleitet wird. Die Solisten sind Elisabeth Schwarzkoipf, Frans Vroons, Hans Hotter und Alois Pernerstorfer:



    In deutscher Übersetzung kann der Text des Werkes hier mitgelesen werden.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."


  • Die Studioeinspielung von "La damnation de Faust" aus Boston unter Charles Munch findet sich in dieser prächtigen Box. Den Faust singt David Poleri, die Marguerite Suzanne Danco, den Méphistophélès Martial Singher und den Brander Donald Gramm.


    Ein Mitschnitt aus Tanglewood von 1960 hat sich in dieser Besetzung erhalten. Auch hier wirkt Singher mit:


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    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."