Klassische Musik in Krisen - und Kriegszeiten

  • Manch einer wird sich fragen:

    Haben die in diesen Zeiten nichts anderes im Kompf, als über klassische Musik zu reden - und welche zu hören ?


    Eine gute Frage.

    Aber wenn man die Geschichte durchforstet, dann war das immer schon so - Klassische Musi - bzw Musik überhaupt, scheint eine Art Kontinuität im Lebendablauf darzustellen.

    Die Idee zu diesem Thread wäre mit - auch in unserer derzeitigen Situation - nicht gekommen, wenn ich nicht zufälligerweise das Buch "Knaurs Geschichte der Schallplatte" gelesen hätte, wo sich Curt Riess auch ausführlich mit den beiden Weltkriegen befasst. Und die damaligen Plattenfirmen konnten feststellen , daß in diesen Krisenzeiten die Nachfrage speziel nach Aufnahmen von "Klassischer Musik" stieg.

    NACH der Kriese gab es indes damals einen Boom von "seichter Unterhaltungsmusik" und "Operette"

    Was machen nun all die Klassikfreunde und "noch nicht -Klassikfreunde", die daheim sind ?

    Langweilen sich die ? Oder Lesen sie ? Vermutlich surfen sie oder im Falle eine "Familienquarantäne" spielen sie - Bett oder Kartenspiel - so vorhanden.

    Wie schaut es mit Tamino aus ? Werden wir öfter gelesen und dienen als Anregung neue Interpreten kennenzulernen oder ältere Aufnahmen aus der heimischen Sammlung zu holen und erneut zu hören ? Früher war das einfach an hand der Einschaltziffern festzuszellen. durch das Übermaß an Robotern etc ist das nicht mehr möglich.

    Macht es Sinn möglichst viele Themen anzuschneiden und die Leute abzulenken ? Oder liest in Krisenzeiten ohnedies niemand mehrBeiträge in einem Internetforum ?

    Fragen über Fragen

    mfg aus Wien

    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Ich weiß nicht, ob Menschen, die mit Pop- und Rockmusik, mit Techno und HipHop musikalisch sozialisiert worden sind, überhaupt auf den Gedanken kommen könnten, dass sie die momentane Großkrise, die ja für viele Menschen auch zu einer inneren, zu einer psychischen Krise zu werden droht, mit der Hilfe klassischer Musik innerlich besser bewältigen könnten. Denn wo kein konkretes Bedürfnis ist, kann auch keine Nachfrage entstehen. Viele Leute werden, wenn sie Musik als Krisenbewältiger heranziehen wollen, auf ihre gewohnte Musik zugreifen und sich da Seelentröstung suchen. Dass sie diese Seelentröstung mit Beethoven oder Brahms gleich in potenzierter Weise bekämen, wissen sie halt nicht und deshalb werden sie nicht danach verlangen.


    Grüße

    Garaguly

  • Es gibt sogar spezielle Musik für Zeiten des Krieges und der Not. Mir fällt da spontan Joseph Haydn ein, der eine "Missa in tempore belli" komponiert hat, die zu deutsch allerdings schlicht "Paukenmesse" genannt wird. Es gibt diverse Aufnahmen, in meiner Sammlung befindet sich diese ältere Ausgabe:

    mit Elsie Morrison (Sopran), Marjorie Thomas (Alt), Peter Witsch (Tenor) und Karl Christian Kohn (Baß);

    Rafael Kubelik dirigiert Chor und Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks (Aufnahme: 7/1963, München).

    Das Werk verdankt seinen Beinamen den "kriegerischen" Instrumenten Pauken und Trompeten im "Agnus Dei", das mit einer wenig zuversichtlichen, ersterbenden Passage "Dona nobis pacem" leise verklingt.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ja, eine der "klassischen" Aufnahmen dieser wunderbaren Messe. Ich habe die gezeigte Ausgabe ebenfalls in der Sammlung, aber dazu auch noch viele andere Interpretationen. Aber diese hier, mit Kubelik am Pult, war in den 80ern meine erste Einspielung dieses Werkes. Und ich habe mich sofort in diese Musik verliebt<3, wenn ich das mal so kitschig ausdrücken darf.


    Ja, und wenn Du schon die Missa in tempore belli ansprichst, dann wäre da auch noch die als "Nelson-Messe" bekannte Missa in angustiis (Messe in der Bedrängnis/Angst) d-Moll von 1798 zu nennen. Der lateinische Titel bezieht sich wohl auf die allgemeinen Ängste, die man zur Entstehungszeit in Mitteleuropa vor den Kriegszügen des revolutionären Frankreich hatte. Der Admiral Nelson kam noch ins Spiel, weil etwa zur Zeit der Fertigstellung der Komposition die Kunde in Wien und Umgebung eintraf, dass Nelson eine französische Flotte in einer Seeschlacht besiegt hatte (was man wohl in österreichischen Landen mit Freuden aufnahm). Ich weiß nur grad nicht, welche Schlacht das war.


    Grüße

    Garaguly

  • Haydn hat sogar eine kleine Kantate (Lines from the battle of the Nile) auf einen Text einer Dame aus der Entourage Lady Hamiltons (Nelsons Geliebter) komponiert, als Nelson und Hamilton ihn besuchten (oder in Wien trafen).


    Noch ein Gedicht hierzu (über die Verliererseite). Das franz. Flaggschiff explodierte, als ein Magazin in Flammen geriet. Aus dem Stumpf ihres Großmastes wurde einige Jahre später angeblich Nelsons Sarg gezimmert. /nauticatrivia


    http://digital.library.upenn.e…ans/works/hf-burning.html

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo


    Ich denke da sofort an Sergei Prokofievs Klaviersonaten Nr. 6-8, welche auch als Kriegssonaten bezeichnet wurden, da sie während des 2. Weltkrieges und damit auch während des großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion geschrieben wurden.

    LG Siamak

  • Wenn auch die Oper einbezogen wird, ist das Thema schier unerschöpflich.

    Ich habe mich einige Jahre lang damit intensiv beschäftigt.

    Wer denn dem Thema nachgehen möchte, dem seinen empfohlen


    Jörg Calließ, Flüchtige Töne - Ewiger Frieden.
    Fünf Präliminarartikel für die Erkundung der Opernbühne in Absicht auf den Frieden,
    in: Ulrich Menzel (Hrsg.), Vom Ewigen Frieden und vom Wohlstand der Nationen,
    Frankfurt/M. 2000, S. 575 - 606;


    Jörg Calließ, Frieden ist in der Oper nicht heimisch.
    Drei Versuche einer Vermessung der Opernbühne in Absicht auf den Frieden,

    in: Hartmut Lück/Dieter Senghaas (Hrsg.), Vom hörbaren Frieden,

    Frankfurt/M. 2005, S. 365 - 410.



    Sowie ein kleiner Text, der im Internet verfügbar ist:

    https://www.bpb.de/apuz/29181/…en-frieden-in-opernwelten


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Schon in der Alten Musik gibt es zahlreiche battaglias. Bei Wkipedia sind sie unter dem Stichwort "Musikalische Schlachtengemälde" verzeichnet.

    Davon kenne ich:

    * Clément Jannequin (1485-1558), La Guerre

    * Monteverdi, Combattimento di Tancredi e Clorinda

    * J.H. Schmelzer, Die Fechtschule.


    Interessant fand ich noch die Nennungen von Beethoven (Wellingtons Sieg), Tschaikowski (Ouv. 1812) und vor allem die berühmte Fassung der amerikanischen Nationalhymne durch Jimi Hendrix auf dem Woodstock-Festival.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Habe mal gelesen - vielleicht bei Walter Kempowski in "Tadellöser & Wolff" - dass in den Untergangswochen des Dritten Reiches der deutsche Rundfunk sehr viel Orchestrales von Wagner und langsame Sätze aus Bruckner-Symphonien gespielt habe.


    Grüße

    Garaguly

  • Es ist sehr schön, daß ihr euch doch so engagiert an diesem Thread beteiligt, aber das Hauptthema - vermutlich von mir im Eifer des Gefechts nicht gut formuliert - sollte sein, wie man in Krisenzeiten wie diesen mit der klassischen Musik umgeht. Curt Rieß behauptete in seinem Buch, der Bedarf an Schallplatten mit klassischer Musik sei im Kriege gestiegen. Die damaligen Machthaber (in verschiedenen Ländern) liessen Platten mit ihren Reden pressen, politischer und Kriegspropaganda und teilweisedazu passender Musik, die aber allesamt in den Regalen verstaubten. Indes war der Bedarf an klassischer Musik gestiegen.

    Ich hatte eigentlich angenommen, daß jene alleinstehenden Klassikkenner, die sonst nur hier mitlesen die Ausgangssperren (wie immer man das definiert) und die damit verbundene Einsamkeit und Isolation dazu nutzen würden sich hier zu registrieren und mitzumachen. Aber bislang konnte ich das nicht bestätigt finden. Nun ja, die Zeit ist noch zu kurz. Und ausserdem sind die Leute von heute anders gestrickt als vor -zig oder gar hundert Jahren.

    Das Problem ist, daß zahlreiche ältere Plattensammler gar kein Internet haben oder siich damit nicht auskennen oder auskennen wollen.

    Von der musikalischen Seite her waren Kriege immer "belebend" (welch zynisches Wortspiel) - Seuchen IMO eher weniger.

    All die "Schlachtengemälde" voll Begeisterung, die man heute sogern verschämt versteckt.

    Ich glaube eigentlich nicht, daß die Begeisterung echt war - sondern eine Art der Verarbeitung von Angst. (Siehe die "italienischen Balkonsänger" - das sind psychohygenische Maßnahmen - oder negativer ausgedrückt - "Kosmetik für die Seele" - "Notrufe". Daher lächle ich nicht darüber...


    mfg aus Wien

    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • dass in den Untergangswochen des Dritten Reiches der deutsche Rundfunk sehr viel Orchestrales von Wagner und langsame Sätze aus Bruckner-Symphonien gespielt habe.

    und auf der Titanic hat das 8 köpfige Orchester unter Wallace Hartley zur Beruhigung der Passagiere bis zum Ende gespielt und ist mit dem Schiff untergegangen...


    mfg aus Wien

    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Habe mal gelesen - vielleicht bei Walter Kempowski in "Tadellöser & Wolff" - dass in den Untergangswochen des Dritten Reiches der deutsche Rundfunk sehr viel Orchestrales von Wagner und langsame Sätze aus Bruckner-Symphonien gespielt habe.

    Beim Tode des "Führers" erklang nach der Bekanntgabe durch Dönitz das Adagio aus Bruckners Siebenter im Reichsrundfunk, höchstwahrscheinlich in der Furtwängler-Aufnahme von 1942.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich muss mich selbst korrigieren. Dieser hochinteressante Aufsatz von Friedrich Karl Engel schließt die Aufnahme von Furtwängler eher aus. Die Tendenz geht zu einer 1943 entstandenen Aufnahme unter Karl Böhm. Offenbar stand das Bruckner-Adagio entgegen der Legende gar nicht so singulär im Zentrum der Rundfunksendung. Es wurden auch Ausschnitte aus Wagners Rheingold und Götterdämmerung (wohl Siegfrieds Trauermarsch) und am Ende der Trauermarsch aus der Eroica gesendet.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich höre momentan keine klassische Musik, noch spiele ich sie. Durch meine Arbeit bin ich total vereinnahmt, gedanklich wie physisch. Ich nutze die wenige freie Zeit zum Schlafen, damit der Körper sich erholt. Musik ist jetzt nicht Teil meines Lebens. Das wird sich wieder ändern. Da bin ich mir sicher.

    .

    Die Beschäftigung mit Musik, selber spielend, hörend, im Nachdenken über sie und in der Diskussion im Forum soll Freude bereiten.

    Den Bratschenklang liebe ich wie der anderer tief klingender Instrumente: Bariton-Saxophon, Bassklarinette, Fagott, Kontrabass spiele ich neben anderen selber. Schubert ist mein Lieblingskomponist. Musik geniesse ich.

    .

  • Ich muss mich selbst korrigieren. Dieser hochinteressante Aufsatz von Friedrich Karl Engel schließt die Aufnahme von Furtwängler eher aus. Die Tendenz geht zu einer 1943 entstandenen Aufnahme unter Karl Böhm. Offenbar stand das Bruckner-Adagio entgegen der Legende gar nicht so singulär im Zentrum der Rundfunksendung. Es wurden auch Ausschnitte aus Wagners Rheingold und Götterdämmerung (wohl Siegfrieds Trauermarsch) und am Ende der Trauermarsch aus der Eroica gesendet.

    Sehr interessanter Aufsatz. Danke Dir für's Einstellen, lieber Joseph.


    Grüße

    Garaguly

  • Lieber Caruso,

    hab herzlichen Dank für deine aufschlussreichen Hinweise!
    Nach nunmehr 64 Jahren regelmäßigen Opernbesuchs hast du meinen Horizont nochmals erweitert.

    Freundliche Grüße Siegfried