Beethovens Werke - Welches sind Eure Lieblingsinterpretationen?

  • Zitat von Wolfgang Kaercher

    Christian Gerharher (Gerold Huber)

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    .....mit Link



    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Hallo,


    Klaviersonate Nr.18 Es-Dur Op.31 Nr.3 'Jagd'


    Dieses 3. Werk aus dem Sonatentryptichon mag ich ebenfalls sehr gerne hören. Ich hörte sie erstmalig in der DG-Studio Einspielung des späten Emil Gilels. Leider habe ich diese feine Aufnahme nicht auf CD, ich hatte sie damals auf MC. Auf CD konnte ich in mehreren Durchläufen 9 Aufnahmen berücksichtigen, davon 3 Live-Mitschnitte. Die Sonate spielt mit pianistischen Griffspektakeln und witzig-humoristischen Pointen. J. Kaiser ist der Ansicht, dass es sich bei dieser Sonate um eine Art Neoklassizismus in der Klassik handeln könnte. Als würde Beethoven hier letztmalig stilistisch die Wiener Klassik eines Mozart und Haydn reminiszieren. Je nachdem, wie der Interpret spielt, kann die Sonate auch an einigen Stellen, insbesondere im dritten Satz, dem Menuett wehmtig klingen. Ja, im Menuett würde sich Beethoven von dieser Satzform verabschieden, wie man es in den letzten Takten ritardierend erleben kann. Und als wäre alles eine Art Scherz, hört man im Finale (Presto con fuoco) einen virtuos-fröhlichen Kehraus mit symphonischer Zuspitzung in der Durchführung. Eigentlich kann ich den Live-Mitschnitt Wilhelm Backhaus (1968) von seinem letzten Klavierabend in Österreich nicht bewerten. Nach dem doch wehmütig ausklingenden menuett bricht er quasi ab und bittet um eine Pause. Er spielt danach Schumanns 'Warum' und 'Des Abends' und tritt für immer ab.

    Ich könnte Igor Levit wieder in die Dreier-Auswahl nehmen. Ich tue es nicht, da er IMO das Menuett zu harmlos-rasch formuliert. Allerdings ist seine Pianistik und Geläufigkeit wieder einmal beneidenswert ! Die Sekund-Vorschläge im Verlaufe des Seitenthemas des 1. Satzes bringt er sehr frech, wie kein anderer. Rudolf Buchbinder spielt live technisch überragend-locker. Ich finde aber, dass der sehr freie Umgang mit dem Tempo der Sonate nicht so gut bekommt.


    Hier nun die Auswahl:


    Lazar Berman, p

    (CBS/Sony, ADD, 70er)



    Lazar Berman hatte wenige Sonaten Beethovens im Programm. Die spielte er jedoch imponierend. So auch hier. Man hört jede Note, selbst in den virtuosesten Passagen. Die Textvorgaben werden exakt getroffen. Sehr beeindruckend ist die Sonorität Bermans. Neoklassizismus ist ein Thema beim späten Prokofiev, den Berman wunderbar interpretierte.


    Die anderen Beiden folgen noch.


    LG Siamak

  • Hallo,


    weiter geht es mit der Klaviersonate Nr.18.


    Sviatoslav Richter, p

    (Brillant, ADD, live, 1965)


    Sviatoslav Richter In Concert by Sviatoslav Richter (2001-12-11)


    Sviatoslav Richter spielt schon den ersten Satz mit einer leichten melancholie. Wiedermal zeigt er eine große Entwicklung des Satzes aus einem Guss. Im Scherzo sowie im Finale zeigt er einen ihm typischen motorischen Drive, nahezu kein Pedaleinsatz. Das Menuett spielt er als melancholisches 'Abschiedsmenuett'. Eine packende Darstellung.


    Alfredo Perl, p

    (ArteNova, DDD, 1996)


    Beethoven: Complete Piano Sonatas


    Alfredo Perl habe ich letztlich Levit vorgezogen. Perl überzeugt mit seinem sehr sonoren Anschlag und einer sehr noblen Darstellung aller 4 Sätze. Sowohl der musikalische Witz als auch die Wehmut kommen zur Geltung, aber eben klassisch ausgewogen.


    LG Siamak

  • Hallo,


    Klaviersonate Nr.19 g-moll Op.49 Nr.1


    Ich mag diese zum Teil empfindsame 'leichte' Sonate viel lieber als die andere in G-Dur. Diese beiden OP.49 Sonaten sind noch vor der Op.13 entstanden. Der erste Satz (Andante) sollte nicht zu empfindsam aber auch nicht zu rasch interpretiert werden. E sgibt da einige mozartschen Bezüge, welche J. Kaiser herausstellte.

    Mir standen insgesamt 8 Einspielungen auf CD zur Verfügung. Nach dem ersten Durchlauf war ich mir sicher, welche drei ich bevorziehe.


    Alfredo Perl, p

    (ArteNova, DDD, 1993)


    Beethoven: Complete Piano Sonatas


    Erneut ziehe ich Perl Levit vor. Levit spielt, zwar pianistisch beneidenswert, einfach zu rasch im ersten Satz. Perl dagegen entwickelt empfindsam und motivisch. Auch im Rondo spielt er sonorer und differenzierter im Anschlag, mozartisch.


    Artur Schnabel, p

    (EMI, AAD, 1932-1935)


    Beethoven: Complete Piano Sonatas (2016 Remaster)


    Ich habe leider nur einige wenige der Sonaten mit Artur Schnabel. Völlig einnehmend sind die sonore Klanggebung und die feinen Temposchwankungen, welche zu einer 'natürlichen' Atmung des Werkes führen. Im Rondo spielt Schnabel rasch, ohne an motivischer Substanz zu verlieren.


    Sviatoslav Richter, p

    (Philips, ADD, 1960)


    Beethoven: Piano Sonata No.19 in G minor, Op.49 No.1 - 1. Andante


    Richter mochte diese Sonate sehr. Der erste Satz gelingt sehr sonor und melancholisch. Das Rondo kommt mit der ihm typischen pedalarmen Motorik. Bei ihm kontrastieren die beiden Sätze am stärksten.


    LG Siamak

  • Adelaide, Op. 46

    Beethovens Kompositionen auf dem Liedsektor sind vorwiegend Gelegenheitsarbeiten, und nur wenige davon sind populär geworden. Doch die 1795/96 entstandene "Adelaide" nach einem Gedicht von Friedrich von Matthisson macht da eine Ausnahme. Sogar der gefürchtete Wiener Kritiker Eduard Hanslick fand da warme Worte und nannte das Stück "das einzige Lied von Beethoven, dessen Verlust eine Lücke im Gemütsleben unserer Nation hinterlassen würde."

    Und der Textdichter, dem Beethoven seine Komposition 1801 zukommen ließ, lobte sein Werk mit den Worten: "Mehrere Tonkünstler beseelten diese kleine lyrische Fantasie durch Musik, keiner aber stellte durch die Melodie meinen Text mehr in den Schatten als der geniale Ludwig van Beethoven aus Wien."


    Ich lernte das Lied schon als Kind kennen, mit einer 78er Schellackplatte meines Vaters. In dieser preiswerten 10 CD-Box ist es enthalten:

    Heinrich Schlusnus - Heinrich Schlusnus-Ein Bariton Als Superstar [CD]  Opern/Klassik CDs - MediaMarkt

    Heinrich Schlusnus (Bariton); Franz Rupp (Klavier). Aufnahme: DGG 1930.


    Diese alte Aufnahme zählt noch heute zu meinen Lieblingsinterpretationen, obwohl die Vortragsweise sicherlich altertümlich ist (zu viel Pathos). Doch die Stimme des begnadeten Sängers beeindruckt noch heute durch ihren strahlenden Glanz, trotz der begrenzten Aufnahmetechnik.


    Im Jahr 1969 hat der Tenor Nicolai Gedda mit Jan Eyron am Klavier das Lied wunderschön gesungen und liebevoll gestaltet:

    Nicolai Gedda - Great Opera Tenors (1999, CD) | Discogs


    Doch meine absolute Lieblingsaufnahme gibt es auf dieser CD: Jussi Björling opera arias and songs. Vol. 2. (CD) plade-klassikeren.dk

    Jussi Björling (Tenor); Harry Ebert (Klavier (Aufnahme: 15.7.1939).


    Das ist (für mich) eine Aufnahme für die imaginäre einsame Insel!


    Der "Stimmen-Papst" Jürgen Kesting hat es in seinem Nachschlagewerk "Die großen Sänger" auf den Punkt gebracht: "1939 hat der 28jährige Beethovens 'Adelaide' gesungen, mit zaubrischen Abtönungen bei der vierzehnfachen Wiederholung der singenden Beschwörung des geliebten Namens, mit wunderbaren Farb-Valeurs bei den Wechseln von B nach F, Des und Ges - ein erfüllter Moment des Singens."


    Wer möchte, kann sich hier selbst einen Eindruck verschaffen:



    LG Nemorino


    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Hallo,


    Klaviersonate Nr.21 C-Dur Op.53 'Waldstein'


    Diese Sonate wird als pianistischer Gipfelpunkt im Sonatenschaffen Beethovens erkannt in dem Sinne, dass technisch zu bewältigende Hürden und klassische Form in wunderbarer Art sich ergänzen. Dabei gewinnen die Ecksätze an reichtum und Aussage, wenn sie nicht 'maschiniert' aber auch nicht zu 'musikalisch' gespielt wird. Ich konnte 18 Aufnahmen auf CD in mehreren Durchgängen hören. Daraus dann 3 auszuwählen, war erwartungsgemäß nicht einfach. Daher möchte ich kurz die IMO wertvollen Aufnahmen erwähnen, welche nicht in den finalen 3 genannt werden.

    Von den historischen ragt IMO die Artur Schnabels aus den 30er Jahren weit heraus, da sie die dialektisch-klassische Form der Sonate mit mutigem Zugriff und herrlicher Sonorität präsentiert. Diese Aufnahme kann heute jeder anderen Interpretation standhalten. Die berühmte Oktav-Glissandi-Stelle im Prestissimo des Finales bringt er technisch ehrlich-gelungen, ohne den musikalischen verlauf zu stören.

    Vladimir Horowitz' Konzertmitschnitt aus der Carnegie-Hall aus den 50er ist spannend in der pianistischen Explosivität sowie Sonorität zugleich. Leider wiederholt er, wie andere auch, die Exposition im 1. Satz nicht. Zwar klingt der trocken-staccatoartige Zugriff der Akkordrepetitionen etwas nach Nähmaschine, es ist aber eben doch Horowitz. Die Oktav-Glissandi im Finale nimmt er lisztisch als Oktavketten.

    Emil Gilels' Live-Mitschnitt (nicht gute Aufnahmetechnik) 1964 in Seattle zeigt eine hoch-virtuos klassisch-beherrschte Interpretation. Die Sätze werden jeweils wie aus einem Atem entwickelt. Wegen der deutlich schlechteren Aufnahmetechnik habe ich Pollinis Live-Mitschnitt vorgezogen.

    Sensationell ist auch der Beginn des mitgeschnittenen letzten Klavierabends Wilhelm Backhaus aus Ossiach 1969. Die physische Überwindung ist enorm. Jeder einzelne Ton ist zu vernehmen, der Überblick über Form und Entwicklung immer noch großartig. Die Oktav-Glissandi kommen.

    Boris Giltburg hat für Naxos diese Sonate eingespielt. Leider wiederholt er auch nicht die Exposition im Kopfsatz. Er interpretiert die Sonate mehr im arrauschen Sinne. Dadurch verliert der Kopfsatz etwas an brio. Aber faszinierend ist seine Formulierungskunst und Pedaltechnik.

    Gerhard Oppitz liefert eine tadellose Interpretation ab, welche leider unter der halligen Aufnahmetechnik leidet.


    Nun zu den 3 herausragendsten (IMO):


    Maurizio Pollini, p

    (DG, DDD, live, 1997)


    Beethoven: Piano Sonatas Nos.11, 12 & 21 "Waldstein"


    Pollinis Duktus ähnelt Gilels durchaus. Dieser Live-Mitschnitt ist phänomenal. Es ist geradezu übermenschlich, wie Pollini in den Ecksätzen sich in das Werk hineinschmeißt. Die tempi sind ungeheuer. Es klingt trotz der Geschwindigkeit sehr musikalisch, eben expressionistisch.


    Alfredo Perl, p

    (ArteNova, DDD, 1997)


    Beethoven: Complete Piano Sonatas


    Ich würde sagen, diese Einspielung ist im Sinne der musikalischen und formalen Aussage des Werkes, der Texttreue, der Qualität des Anschlages sowie der Aufnahmetechnik 'perfekt'. Quasi Arraucher Ansatz, aber rhythmisch gespannter. Ich denke, Arrau hat für Perl (auch Chilene) eine Idolfunktion.


    Igor Levit, p

    (Sony, DDD, 2018)



    Levit präsentiert hier eine pianistisch ausgefeilte Aufnahme mit raschen tempi in den Ecksätzen. Man hört durchweg jede einzelne Note. Nichts klingt kantig oder brutal. Es bleibt klassisch. Der 2. Satz ist vielleicht etwas zu statisch. Tolle Akustik.


    LG Siamak

  • Ich hatte eigentlich nicht vor, zu Beethovens Klaviersonaten noch etwas zu posten mit Ausnahme von op. 111. Die geschätzte Arbeit unseres Mitglieds AcomA02/Siamak zwingt mich nun doch dazu, einfach um einen etwas anderen Standpunkt darzustellen. Es ist selbstverständlich sehr persönlich und sollte bitte auch keinen verletzen, nur weil der Standpunkt ein anderer ist.


    Das Gewicht, was hier die Einspielungen von Pollini in der Beethoveninterpretation zu bekommen drohen, ist zumindest in meinen Augen nicht verhältnismäßig. Nicht alles ist so schlecht gespielt wie op 31/2, aber sehr häufig arbeitet er doch etwas undifferenziert mit dem Pedal und der in meinen Augen zu meißelnde und schmeichelnde Klavierklang bekommt etwas Beliebiges und klanglich Langweiliges. Dies scheint mir auch in der Interpretation der Waldstein Sonate vorzuliegen. Mir sind selbstverständlich seine Verdienste um die Chopininterpretation klar. Seine 1972 eingespielten Chopin Etuden sind für mich immer noch das Maß aller Dinge in dieser Sache.


    Aber nun zur Waldsteinsonate. Beethoven Klaviersonate Op. 53 (Waldstein)


    Auf Platz 3 setze ich mal einen Außenseiter:


    Mikhael Pletnev mit seiner Einspielung der Waldsteinsonate


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    Die Interpretation überzeugt auf der ganzen Linie, hier wird durchgehend klar gespielt. Beschleunigungen, Dynamik und harter und weicher Anschlag in seinen Nuancen und und in seiner interpretatorischen Bedeutung sind immer zu erkennen. Der mittlere Satz wird von ihm deutlich anders interpretiert, als von seinen Mitstreitern, aber in jedem Fall interessant. Inwieweit das die Noten hergeben, kann ich nicht beurteilen. Es klingt aber in sich schlüssig. Ein großartiger Klavierklang und vollständige Beherrschung des Anschlags erlauben den Klang als plastische Architektur wahrzunehmen.


    Auf Platz 2


    HJ Lim. Ihre Interpretation geht an die Grenzen. Es sträuben sich manchmal die Nackenhaare. ..... Beethoven eben. Schwankungen in der Geschwindigkeit nicht als Attitude, sondern als Gesetz dieser Musik. Auch der langsame Satz gelingt ihr sehr gut und der Übergang zum Rondo (allegretto moderato) lässt einen kurz das Atmen vergessen. So .... muss das sein. Auch, wenn sie es vielleicht nicht weiß, eine echte Schülerin von Friedrich Gulda.


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    Auf Platz 1


    ich kann es doch nicht lassen: Emil Gilels



    Dem Zauber dieser Interpretation kann man sich nicht entziehen. Nirgendwo ausgefallen und doch unglaublich. Der letzte Satz ist hier von allen am besten interpretiert. Eine unglaubliche Natürlichkeit bei aller beethovenschen Schroffheit. Ein Geheimnis, wie Gilels das spielt.



    Wer gehört hier eigentlich noch rein? Die Einspielung von Igor Levit der gesamten Sonaten ist ein Glücksfall, und selbstverständlich hätte seine Interpretation hier auch auftauchen können. Sie ist, dem momentanen Geschmack geschuldet, knapp ausgeschieden.

  • Ich hatte eigentlich nicht vor, zu Beethovens Klaviersonaten noch etwas zu posten mit Ausnahme von op. 111. Die geschätzte Arbeit unseres Mitglieds AcomA02/Siamak zwingt mich nun doch dazu, einfach um einen etwas anderen Standpunkt darzustellen. Es ist selbstverständlich sehr persönlich und sollte bitte auch keinen verletzen, nur weil der Standpunkt ein anderer ist.


    Das Gewicht, was hier die Einspielungen von Pollini in der Beethoveninterpretation zu bekommen drohen, ist zumindest in meinen Augen nicht verhältnismäßig. Nicht alles ist so schlecht gespielt wie op 31/2, aber sehr häufig arbeitet er doch etwas undifferenziert mit dem Pedal und der in meinen Augen zu meißelnde und schmeichelnde Klavierklang bekommt etwas Beliebiges und klanglich Langweiliges. Dies scheint mir auch in der Interpretation der Waldstein Sonate vorzuliegen. Mir sind selbstverständlich seine Verdienste um die Chopininterpretation klar. Seine 1972 eingespielten Chopin Etuden sind für mich immer noch das Maß aller Dinge in dieser Sache.

    Lieber Astewes,


    danke für Deine Ausführungen und Deine Empfehlungen. Die DG-Studio-Einspielung mit Emil Gilels hatte ich damals auf MC. Die Op.53 war mit der Op.101 gekoppelt. Leider habe ich sie nicht auf CD (wohl aber den Live-Mitschnitt aus Seattle).
    Pollini kommt bei Dir nicht gut weg. Aber welche Einspielung der Waldstein-Sonate mit ihm kennst Du denn, die Studio-Aufnahme von 1988 oder den Live-Mitschnitt aus 1997 ? Übrigens schreibt hier Beethoven insbesondere im letzten Satz erheblichen Pedaleinsatz vor !


    LG Siamak

  • Nicht alles ist so schlecht gespielt wie op 31/2, aber sehr häufig arbeitet er doch etwas undifferenziert mit dem Pedal und der in meinen Augen zu meißelnde und schmeichelnde Klavierklang bekommt etwas Beliebiges und klanglich Langweiliges.

    Lieber Axel,


    jetzt bringst Du mich aber zum Staunen und Schmunzeln! Pollini ist also in der Regel ein schlechter Beethoven-Spieler? Und wieso ist ausgerechnet op. 31/2 schlecht gespielt? Gerade diese Sonate liegt ihm, finde ich. Da ist die Leidenschaft des "Sturm und Drang" wirklich spürbar. Bei keiner Beethoven-Gesamteinspielung ist es freilich so, dass dem Interpreten alle Sonaten gleichermaßen liegen. Das gilt für Brendel, Barenboim usw. und Pollini macht da selbstverständlich keine Ausnahme. Ich habe Pollini noch in den 70igern live mit Beethoven gehört. Er spielte Beethoven mit einer titanischen, unbändigen Kraft. Die Energie, der Revoluzzergeist, all das ist bei Pollinis Beethoven spürbar wie bei Niemandem sonst. Keine der Studioaufnahmen kann das allerdings so richtig vermitteln. Mit dieser Dynamik waren die Tontechniker damals wohl überfordert. Ein Kritiker schrieb in dieser Zeit treffend: Pollini vereinigt die Qualitäten der großen Beethoven-Interpreten Gulda, Kempff und Backhaus. Ich meine, Pollinis Gesamteinspielung gehört zu den Referenzen - wenn ich auch bei einigen Sonaten absolut betrachtet andere Interpretationen dann vorziehe. Und es gibt bei Pollini wirkliche Sternstunden wie op. 106 z.B. Auf seine Interpretation der Waldsteinsonate werde ich noch kommen. Den vorbildlich gespielten Introduzione-Satz hatte ich schon besprochen - und bin auch im Generellen auf die Schwierigkeiten der Interpetation des Kopfsatzes eingegangen. (Bei den Tonrepititionen zu Beginn des Allegro steht pp im Notentext. Einer der Wenigen, die sich bemühen, das zu realisieren, ist Pollini. Im Film weist er übrigens darauf hin, dass ihm Michelangeli gezeigt hat, wie man das technisch hinbekommt.) "Schmeichelnd" und beliebig ist das aber für meinen Geschmack ganz bestimmt nicht - besonders nicht in dem Konzertmitschnitt, den Pollini selbst bevorzugt. Das geht in Richtung Gilels in Seattle. Dass Gilels´ Aufnahme einmalig ist, da bin ich mit Dir wieder völlig einig! Joachim Kaiser schreibt übrigens, dass gerade Rubinstein, weil er von Chopin herkommt, in der Waldsteinsonate Dinge entdeckt, die man sonst nicht hört. (Rubinsteins Aufnahme halte ich für ebenso singulär wie die von Gilels - das ist wirklich ganz großes Klaverspiel und eine Aufnahme für den Olymp.) Pollini hatte zwei Vorbilder: Michelangeli und Rubinstein. Von ABM hat er das Bemühen um Klarheit, von Rubinstein den Versuch, immer den natürlichen Fluss zu wahren. :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger, lieber Siamak,


    Danke für Eure Antworten. Mir war ja schon ein bisschen klar, dass mein Beitrag nicht unbeantwortet bleibt. Das war sicher auch mit der Sinn. Also, wer sich in die Höhle des Löwen wagt, muss auch etwas aushalten können ;).


    Pollini kommt bei Dir nicht gut weg. Aber welche Einspielung der Waldstein-Sonate mit ihm kennst Du denn, die Studio-Aufnahme von 1988 oder den Live-Mitschnitt aus 1997 ? Übrigens schreibt hier Beethoven insbesondere im letzten Satz erheblichen Pedaleinsatz vor !

    Ich habe einen immensen Respekt vor Pollini, daher rührt wahrscheinlich auch meine Enttäuschung. Ich habe für mein Urteil tatsächlich die von Dir angezeigte Aufnahme gestreamt.


    jetzt bringst Du mich aber zum Staunen und Schmunzeln! Pollini ist also in der Regel ein schlechter Beethoven-Spieler?

    um Gottes willen. Ich würde das nie behaupten. Ich habe nur das Problem, was ich zu erklären versucht habe, dass ich, wenn ich Beethoven hören möchte, nie zu Pollini greife. Wenn wir das durch diese Diskussion lösen könnten, wäre ich der erste, der hier begeistert ist.


    BTW die Hammerklaviersonate habe ich auch von Pollini, allerdings in einer ziemlich alten Aufnahme, die bei mir durchaus gut in Erinnerung ist. Es scheint dieselbe Aufnahme zu sein, die in der Komplettbox, die ich wesentlich später gekauft habe auch drin ist.


    Wenn Ihr bereit seid, tatsächlich in die Details zu gehen, würde ich das heute an op.32 / 2 in der Einspielung, die ich beurteilt hatte, sie ist von 2013/2014, wenn ich das im Booklet richtig lese, gerne nachvollziehen und besprechen. Leider habe ich momentan keine Zeit, so dass es noch ein wenig dauern könnte. Wenn Ihr es schafft, mir meine Probleme mit dieser Einspielung zu erklären, hätte ich wahrscheinlich einen wirklich schönen (Folge-)Tag (und Folgewochen :)). Ich war beim Blick auf diese Kassette immer etwas traurig.


    Beste Grüße :hello:,

    Axel

  • Hallo


    Meine Bitte wäre, dass Ihr diese interessante Diskussion im Pollini-Thread oder in einem Thread zu den Beethoven Klaviersonaten weiter führt. Ich denke, dort ist sie besser untergebracht.


    Vielen Dank

    Wolfgang

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Im Zusammenhang mit diesem Thread habe ich mich in den letzten Tagen und Wochen - nach jahrelanger Pause - wieder einmal mit der inzwischen schon fast legendären Ga der Beethoven-Sinfonien unter Franz Konwitschny aus den Jahren 1959 bis 1961 beschäftigt. Und meine neuerlichen Eindrücke sind mehr als positiv.


    Deshalb möchte ich für die

    Sinfonie Nr. 4 B-dur, Op. 60


    nachträglich noch Konwitschnys Aufnahme nominieren. Sie gehört, Carlos Kleiber hin oder her, für mich in die allererste Reihe:


    F./Gol Konwitschny - CeDe.com


    Gleiches gilt für Konwitschnys Interpretation der

    Sinfonie Nr. 3 Es-dur, Op. 55 "Eroica"

    eine wunderbar ausgeglichene, kräftige und spannungsvolle Wiedergabe, die den besten mir bekannten gleichzusetzen ist.:

    Beethoven*, Gewandhausorchester Leipzig, Franz Konwitschny - Symphony No. 3

    In ihrer herben Größe ist sie den berühmten Auslegungen von Otto Klemperer verwandt, wobei mir nicht nur die Klangqualität, sondern auch das Gewandhausorchester Klemperers Philharmonia Orchestra überlegen zu sein scheint.

    Es ist bedauerlich, daß dieser große Dirigent, dessen Wirken nach dem 2. Weltkrieg schwerpunktmäßig in Dresden und Leipzig stattfand, hierzulande vergleichweise wenig bekannt und berühmt ist. Und das ehrwürdige Gewandhausorchester macht seinem Namen alle Ehre. Es ist in sämtlichen Gruppen erstklassig besetzt und beeindruckt mit seinem majestätischen Klang, der von der staunenswerten Technik großartig eingefangen wurde.


    Dieser Nachtrag soll Ergänzung und Korrektur zugleich sein.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Es ist bedauerlich, daß dieser große Dirigent, dessen Wirken nach dem 2. Weltkrieg schwerpunktmäßig in Dresden und Leipzig stattfand, hierzulande vergleichweise wenig bekannt und berühmt ist.

    Nur ganz kurz, lieber nemorino, weil ich das eigentliche Thema nicht verlasen möchte: Konwitschny dürfte aber doch durch sehr viele Platten auch im Westen Deutschlands bekannt geworden sein. Immerhin hat er mit "Tannhäuser" und "Fliegendem Holländer" zwei der erfolgreichsten Nachkriegsopernproduktionen der EMI/Electrola, an der auch das DDR-Label Eterna beteiligt gewesen ist, geleitet, die nie vom Markt verschwunden waren.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold 1876


  • Es herrscht kein Mangel an guten bis sehr guten Einspielungen des "Fidelio". Diese nun gehört zu meines liebsten Aufnahme. Sie entstand 1978 im Anschluss an die damals auch im TV gesendete Aufführung in der Wiener Staatsoper in der Regie von Otto Schenk, die von Leonard Bernstein geleitet wurden. Davon gibt es den Mitschnitt auf DVD. Die Dramatik des Abends im Opernhaus ist nach meiner Beobachtung auch in die Studioproduktion eingeflossen. Gundula Janowitz singt die Leonore. Sie konnte die Frau, die mutig um das Leben des Gatten kämpft, deshalb so glaubhaft machen, weil sie sie sich als Sängerin selbst nicht schonte, alles auf eine Karte setzte und in den dramatischen Szenen stimmlich fast zu Bruch ging. Das habe ich so allenfalls noch bei Martha Mödl im während der Wiedereröffnung des Opernhauses mit "Fidelio" nach dem Krieg beobachtet. Auch davon gibt es den Livemitschnitt, große szenische Ausschnitte in einem BBC-Film und die nachträgliche Studioaufnahme.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold 1876

  • Fidelio

    Lieber Rüdiger,


    eigentlich stand Beethovens einzige Oper bei mir noch nicht auf der Agenda, aber nachdem Du heute die großartige Bernstein-Aufnahme, die ich auf CD besitze:

    The Originals - Fidelio (Gesamtaufnahme) - Fischer-Dieskau, Sotin, Kollo,  Janowitz, Bernstein, Adolf Dallapozza, Ludwig Van Beethoven: Amazon.de:  Musik


    ins Gespräch gebracht hast, will ich hier meine Favoriten vorstellen:


    Beethoven*, Otto Klemperer, Christa Ludwig, Jon Vickers, Gottlob Frick,  Walter Berry, Philharmonia Chorus, Philharmonia Orchestra - Fidelio (1997,  CD) | Discogs   Ludwig van Beethoven / Leonie Rysanek / Irmgard Seefried / Kieth Engen /  Dietrich Fischer-Dieskau / Ernst Haefliger / Gottlob Frick / Friedrich Lenz  / Bayerisches Staatsorchester / Ferenc Fricsay - Fidelio (Gatefold, Vinyl)  | Discogs

    Beide Aufnahmen sind alt, aber bereits in STEREO produziert.

    An erster Stelle steht bei mir die Interpretation von Otto Klemperer aus dem Jahr 1962, mit der (für mich) unübertrefflichen Christa Ludwig in der Titelrolle, aber auch die übrigen Partien, wenn ich mal von der Marzelline (Ingeborg Hallstein) absehe, glänzend besetzt: Jon Vickers als leidender Florestan, Walter Berry als Pizarro und Gottlob Frick als schwarzer, aber mitfühlender Rocco. Und Kl'empereur hat sich mit der Aufnahme m.E. ein (weiteres) Denkmal gesetzt.

    Ferenc Fricsays Einspielung von 1957, eine der allerersten Stereo-Produktionen der DGG, kann ebenfalls mit einer erstklassigen Besetzung aufwarten: Leonie Rysanek als Leonore und Dietrich Fischer-Dieskau als Pizarro sind kaum zu schlagen, und Ernst Haefliger ersetzt mangelnde Kraft durch kluge und maßvolle Gestaltung des Florestan. Auch hier glänzt wieder Gottlob Frick als Rocco, in einer seiner Paraderollen.


    Die von Dir bevorzugte Bernstein-Aufnahme ist klangtechnisch zweifellos den von mir genannten Versionen überlegen, doch obwohl ich ein großer Fan von Gundula Janowitz bin, finde ich sie als Leonore einfach fehl am Platze, weil sie stimmlich dieser Rolle nicht gewachsen ist, wie Du es selber sehr treffend formuliert hast:

    Gundula Janowitz singt die Leonore. Sie konnte die Frau, die mutig um das Leben des Gatten kämpft, deshalb so glaubhaft machen, weil sie sie sich als Sängerin selbst nicht schonte, alles auf eine Karte setzte und in den dramatischen Szenen stimmlich fast zu Bruch ging.

    Man kann das natürlich so wie Du euphemistisch umschreiben und damit positiv bewerten, aber mir persönlich wäre es lieber gewesen, wenn sie die Rolle nicht übernommen hätte. Sie hat sie auch nicht lange in ihrem Repertoire gehabt. René Kollo war nie so recht mein Fall, und als Florestan ist er es erst gar nicht. Die übrige Besetzung ist großartig.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Hallo,


    Klaviersonate Nr.23 f-moll Op.57 'Appassionata'


    Ich hatte schon relativ zu Beginn dieses Threads zwei Aufnahmen, live-Aufnahmen des späten Rubinstein und Arrau, nominiert. Also konnte ich noch eine weitere Aufnahme benennen. Ich musste insgesamt 27 Aufnahmen auf CD in mehreren Durchgängen hören. Außergewöhnlich in ihrer Differenziertheit und Anschlagsraffinesse sind sicherlich Josef Bulva und Andras Schiff. In ihrer technischen Meisterschaft und formalen Übersichtlichkeit ragen IMO Lazar Berman und Igor Levit heraus.

    'Appassionata' im Sinne einer leidenschaftlichen Interpretation mit intensiver pianistischer Verausgabung in den Ecksätzen und sanghaften Variationen im Mittelsatz mit Herausarbeiten einer Mehrstimmigkeit: das waren die Fixsterne meiner Auswahl:

    Richter, Cliburn, Gieseking und Barenboim 2005. Letztlich entschied ich mich für Van Cliburns Live-Mitschnitt aus Salzburg.


    Van Cliburn, p


    (Orfeo, ADD, live, 1964)


    Intermezzo a-Mall Op. 118 Nr 1.Ballade by Van Cliburn (2011-10-25)


    Was Cliburn an diesem Abend in Salzburg präsentiert, ist IMO so erhaben und mit Verve gespielt. Sein Gespür für die dramatische Entwicklung, sein sonorer Anschlag, das rauschhafte Finale. Ich könnte auch Sviatoslav Richter nennen, wollte aber hiermit diesem außergewöhnlichen Pianisten, welcher allzu früh sich zurückzog und dem Starrummel entfloh, ein denkmal setzen.


    LG Siamak

  • Fidelio

    eigentlich stand Beethovens einzige Oper bei mir noch nicht auf der Agenda,

    will ich hier meine Favoriten vorstellen:

    Lieber Nemorino

    Obwohl Beethoven bei mir seit meiner Jugend, gegenüber anderen mit seinen musikalischen Werken zu meinen Lieblingskomponisten zählt,

    ist seine einzige Oper nicht unbedingt mein Lieblingswerk. Einen Favoriten betr. Aufnahmen zu nennen, fällt mir leicht, weil ich nur eine

    einzige Aufnahme als LP habe. Und obwohl ich im Laufe der Jahre auch viele andere Aufnahmen kenne, reicht mir diese.

    Orchester und die Gesangssolisten finde ich durchaus richtig gut - insbesondere "James King" als Florestan.

    Es war damals mein erstes Kennenlernen dieses Tenors. Hervorragend gesungen und gefühlvoll gestaltet seine Arie "Gott, welch Dunkel hier..."

    Da ist er für mich in dieser Partie mit Abstand mein Favorit.


    Herzliche Grüße

    CHRISSY


    Fidelio - Opernquerschnitt | LP (1973, Re-Release) von Ludwig van Beethoven

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Orchester und die Gesangssolisten finde ich durchaus richtig gut - insbesondere "James King" als Florestan.


    Freue mich dass noch ein weiterer ›Kollege‹ sich mit dieser Aufnahme outet … :hello: … lieber Chrissy, ganz deiner Meinung!

    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Freue mich dass noch ein weiterer ›Kollege‹ sich mit dieser Aufnahme outet … :hello: … lieber Chrissy, ganz deiner Meinung!

    Und ich, lieber Maurice, freue mich über unsere übereinstimmende Meinung und Bewertung.


    Herzlichst

    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Zitat von chrissy

    ist seine einzige Oper nicht unbedingt mein Lieblingswerk

    Lieber Chrissy, das geht mir genau so.....die erste Aufnahme bei mir war dieser Böhm Fidelio......

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    ...in dieser Box, das war damals sehr aufwendig gemacht so mit Leinen überzogen. Aber irgenwann war es bei mir mit LPs vorbei, und dann kamen diese CDs!

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    Ich habe zwar noch ein paar andere aber es gibt keine die ich jetzt besonders liebe. :(


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Das Beethoven-Jubiliäumsjahr neigt sich dem Ende zu, aber ein paar wesentliche Werke des großen Komponisten sind hier noch gar nicht gewürdigt worden.


    Ich stelle heute eine seiner wohl bedeutendsten Schöpfungen hier vor, die

    Missa Solemnis D-Dur, Op. 123

    die in den Jahren 1819 bis 1823 entstanden ist.


    Äußerer Anlaß zu dieser Komposition war die Erhebung von Erzherzog Rudolph von Habsburg, mit dem Beethoven eine lange Freundschaft verband, zum Erzbischof von Olmütz. Diese fand am 9. März 1820 statt, doch das Werk wurde nicht rechtzeitig fertig.


    Beethoven arbeitete daran fast vier Jahre. Schließlich wurde das gewaltige Werk erstmals, fernab von Wien und Olmütz, im Februar 1824 in St. Petersburg aufgeführt. Für liturgische Zwecke ist es wegen seiner Länge ohnehin kaum geeignet. Allein das Sanctus (mit Benedictus) benötigt ca. 15 Minuten! Eine Aufführung während des Gottesdienstes würde - zumindest heutzutage - die anwesende Gemeinde völlig überfordern. So finden öffentliche Aufführungen fast ausschließlich im Konzertsaal statt.


    Und nun stelle ich meine drei Lieblingsaufnahmen dieses "Opus Summum" vor. Kennengelernt habe ich das Werk erstmals auf LP, mit dieser Aufnahme:


    BEETHOVEN Missa Solemnis KARAJAN“ (BEETHOVEN SCHWARZKOPF GEDDA KARAJAN  PHILHARMONIA ORCHESTRA LONDON) – Tonträger gebraucht kaufen – A00CiGqm21ZZf

    mit den Solisten Elisabeth Schwarzkopf (Sopran), Christa Ludwig (Mezzosopran), Nicolai Gedda (Tenor), Nicola Zaccaria (Bass), so dem

    Singverein der Gesellschaft für Musikfreunde Wien, und dem Philharmonia Orchestra London, Dirigent: Herbert von Karajan

    (Aufnahme: September 1958, Großer Musikvereinssaal, Wien, STEREO). Es ist eine originale EMI/Columbia-Produktion, der Produzent war Walter Legge.


    Natürlich ist die Aufnahme inzwischen auch auf CD greifbar, in dieser Edition des Labels TESTAMENT:

    Missa Solemnis/Sinf.38 (CD), Schwarzkopf/Gedda/Karajan

    Trotz geringfügiger klanglicher Mängel ist diese Interpretation bis heute mein liebste geblieben.

    Karajan hat Beethovens MISSA später noch mehrmals aufgenommen. Seine bekannteste ist wohl diese:


    Beethoven: Missa Solemnis (Bra)

    aufgenommen im Februar 1966 in der Jesus-Christus-Kirche Berlin. Klanglich ist sie der vorgenannten EMI-Ausgabe überlegen, und auch künstlerisch ist sie von hohem Rang. Es gibt sie in diversen Ausgaben auf CD.


    Und hier, ohne Rangfolge, mein dritter Favorit:

    Beethoven:Missa Solemnis - Otto Klemperer: Amazon.de: Musik

    Otto Klemperer und New Philharmonia Orchestra and Chorus London (Aufnahme: 10/1965, Kingsway Hall, London).

    Die Solisten sind Elisabeth Söderström (Sopran), Marga Höffgen (Mezzosopran), Waldemar Kmentt (Tenor) und Martti Talvela (Baß).


    Leider ist die Auswahl in diesem Thread auf drei begrenzt, sonst würde ich gerne noch die späte Aufnahme unter Karl Böhm genannt haben, die er 1974 mit dem Chor der Wiener Staatsoper und den Wiener Philharmonikern aufgenommen hat (DGG). Es ist eine altersweise Interpretation, mit sehr berührenden Momenten. Wenn ich es richtig sehe, ist es auch insgesamt die langsamste Auslegung des Werkes.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Lieber Nemorino,


    vielen Dank für die Benennung Deiner Favoriten der wunderbaren Missa Solemnis. Das Werk hatte ich mir auch vorgenommen, aber erst einmal will ich nächste Woche endlich meine liebsten Aufnahmen der 9. Sinfonie vorstellen...


    Es stimmt, Karl Böhm ließ sich mit ca. 88 Minuten viel Zeit für seine Interpretation der Missa Solemnis. Fast genau so lange benötigte Carlo Maria Giulini


    ,


    aber Nicolaus Harnoncort überbot mit einer Spielzeit von ca. 95 Minuten beide ohne weiteres:



    Auch wenn sich der Maestro zwischen den Sätzen zumindest einmal eine längere Pause genehmigte, dürfte er netto 90 Minuten locker überschritten haben, was allerdings in keiner Sekunde zu Lasten der musikalischen Qualität ging. Im Gegenteil, wenige Konzerte dieses Werkes haben mich so sehr berührt wie dieses.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Ich habe nur die, von Nemorino ebenfalls genannte LP, die bereits 1958 aufgenommen wurde - und zwar diese:


    Ludwig Van Beethoven, Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig, Nicolai Gedda,  Nicola Zaccaria, Chor Der Gesellschaft Der Musikfreunde Wien*, Philharmonia  Orchester London*, Herbert von Karajan - Missa Solemnis D-Dur Op. 123  (1970, Vinyl) | Discogs


    Es gab damals bei uns auch nur diese Aufnahme, aber ich meine - die ist rundum richtig gut.

    Übrigens war das wohl mein erstes Hörerlebnis, wo ich auf den Namen "Nicolai Gedda" aufmerksam wurde.


    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Fast genau so lange benötigte Carlo Maria Giulini

    Lieber Norbert,


    die Giulini-Aufnahme steht ebenfalls bei mir im Regal, in dieser Ausgabe, die zusätzlich noch die viel zu wenig beachtete C-dur-Messe op. 86 enthält:

    Missa Solemnis von Carlo Maria Giulini | CD | Zustand sehr gut

    Das ist auch eine sehr schöne Interpretation! Hier paßt noch nicht einmal der Spruch "Das Bessere ist des Guten Feind", sondern die Begrenzung auf drei Aufnahmen ließ eine weitere Nennung nicht zu. Was mich bei dieser Aufnahme immer wundert, ist der Einsatz des LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA, statt wie sonst üblich, des PHILHARMONIA ORCHESTRA, zumal ja der zugehörige "Philharmonia Chorus" für die Aufnahme herangezogen wurde. Eine Erklärung dafür habe ich bis heute nirgends gefunden.


    Rein künstlerisch wäre auch die alte Aufnahme mit Arturo Toscanini (RCA) zu nennen, doch sie ist leider klanglich nicht konkurrenzfähig. Grundsätzlich habe ich nichts gegen ordentliche Mono-Einspielungen, doch wenn sowohl ein großer Chor und ein entsprechendes Orchester mitwirken, so gibt es doch mehr oder weniger einen Klangbrei, zumal es sich bei Toscaninis Aufnahmen in der Mehrzahl um Live-Mitschnitte handelt.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Es gab damals bei uns auch nur diese Aufnahme, aber ich meine - die ist rundum richtig gut.

    Lieber chrissy,


    da liegen wir mal wieder auf einer Wellenlänge!


    Ich erinnere mich noch gut, daß die internationale Musikkritik diese Aufnahme damals sehr unterschiedlich beurteilt hat. Viele stießen sich an der angeblich schlechten Tonaufzeichnung, die man darauf zurückführte, daß Walter Legge, der Produzent, "sein" Philharmonia Orchestra nach Wien beordert hatte, weil er den dortigen Singverein als Chor haben wollte, und die Tontechniker mit dem Großen Musikvereinssaal Probleme gehabt hätten. Das wird durch die Tatsache erhärtet, daß die Aufnahme zunächst nur in Mono auf den Markt kam, während die Stereofassung erst zwei Jahre später "nachgeliefert" wurde. Vielleicht bezogen sich die negativen Kritiken auf diese Monofassung. Ich persönlich jedenfalls kann an der Klangqualität der Stereoausgabe keine gravierenden Mängel entdecken, vor allem ist die in #322 gezeigte TESTAMENT-Ausgabe erstklassig gelungen (sie enthält auf CD 2 sogar noch Probenmitschnitte von der MISSA sowie eine schöne "Prager Sinfonie" von Mozart, die zur gleichen Zeit in Wien aufgezeichnet wurde).

    Es gab aber auch Kritiker, die auf Anhieb von dieser MISSA begeistert waren. So hieß es z.B. in einem Artikel der Hamburger ZEIT: ".... mit seinen Soloquartett, dem Chor der Gesellschaft der Musikfreunde aus Wien und dem Philharmonia Orchestra London bringt der Dirigent schon rein klanglich außergewöhnliche Wirkungen zustande. Aber auch die musikalische und geistige Durchdringung des Stoffes mit seiner manchmal verwickelten Kontrapunktik wird von ihm in glänzender Weise gemeistert. (...) haben wir hier alle charakteristischen Merkmale des Karajanschen Stils: klangliche Phantasie, glühendes Temperament, lebendige Kontraste sowohl in den Tempi wie in der dynamischen Gestaltung, alles veredelt durch eine in ihrer Virtuosität einzig dastehenden Dirigierkunst."

    Natürlich muß man berücksichtigen, daß diese Kritik aus dem Jahr 1961 stammt, als viele Aufnahmen, die wir heute kennen und schätzen, noch gar nicht existierten. Trotzdem möchte ich aus der Kenntnis von heute diesem Artikel immer noch in weiten Teilen zustimmen.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Wir haben ja in diesem Thread schon Beethovens Es - Dur KK und auch seine Chorfantasie besprochen.

    Entschuldigung, wenn jetzt dieser Btr. nicht ganz in diesen Thread paßt, aber ich muß das loswerden:

    Gestern Abend sendete der TV - Sender ZDF den ersten Teil der Romanverfilmung "Altes Land".

    Als musikalische Untermalung erklang zweimal ein Ausschnitt vom 2. Satz des 5. KK und dann auch zweimal von der Chorfantasie.

    So spontan gehört wurde mir wieder ganz deutlich klar und bewußt - welch´ wunderschöne, berührende Musik das ist!!!


    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Sonate für Klavier und Violine A-Dur, op. 47 "Kreutzer-Sonate"

    Ein ganz wichtiges, ja herausragendes Werk Beethovens aus der Gattung "Kammermusik" gehört unbedingt in diesen Thread, den Wolfgang Kaercher aus Anlaß des Beethoven-Jubiläumsjahrs 2020 ins Leben gerufen hat. Es ist die sogenannte "Kreutzer-Sonate", die Nr. 9 von insgesamt zehn Werken, die Beethoven für Klavier und Violine komponiert hat.


    Sie wurde nicht vom Widmungsträger, dem Geiger Rodolphe Kreutzer, erstmals zur Aufführung gebracht, sondern von dem Mulatten George Bridgetower, und zwar am 24.5.1803 im Wiener Augarten. Nach der Uraufführung kam es zwischen Beethoven und Bridgetower zu einem Zerwürfnis, und kurzerhand widmete der Komponist sie Rodolphe Kreutzer, dessen Namen sie bis heute wachhält, obwohl dieser sie nicht nur nie gespielt, sondern sogar für unspielbar erklärt hatte.

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    Die "Kreutzer-Sonate" ist weit über die Musikwelt hinaus bekannt und berühmt geworden. Mehrere Schriftsteller haben sich mit diesem Werk befaßt. Der berühmteste ist zweifellos Leo Tolstoi, dessen im Jahr 1889 erschienene Novelle gleichen Namens es zu Weltruhm gebracht hat, ähnlich wie Beethovens musikalische Vorlage. In dieser Erzählung führt die Aufführung des Werks zum Höhepunkt eines Eifersuchtsdramas, das mit einem Mord endet.


    Wie auch immer, das Werk ist wohl, neben der lieblichen "Frühlingssonate" (Nr. 5), das bekannteste und berühmteste aus dieser Reihe. Ich möchte nun hier meine drei Lieblingsaufnahmen vorstellen:

    Heifetz* With Brooks Smith, Erick Friedman, New Symphony Orchestra Of  London*, Sir Malcolm Sargent, Beethoven*, Bach* -

    Jascha Heifetz (Violine) und Brooks Smith (Klavier), Aufnahme: 23.9.1960.

    Heifetz, der wohl berühmteste Geiger des 20. Jahrhunderts, hat in dem langen Zeitraum zwischen 1947 und 1960 sämtliche Violinsonaten Beethovens aufgenommen, doch diese ist die einzige, die in STEREO aufgezeichnet wurde. Heifetz vollführt auf seiner Geige ein wahres Feuerwerk, das seinesgleichen sucht. Nie habe ich die Variationen (Satz 2) in solcher Rasanz und Klarheit gehört; man weiß nicht, ob man nur staunen oder das Kreuz schlagen soll, um einen Ausspruch des Wiener Kritikers Eduard Hanslick hier "auszuleihen".



    Beethoven -

    Henryk Szeryng (Violine) und Artur Rubinstein (Klavier), Aufnahme: März 1960.

    Hier sind Geiger und Pianist auf Augenhöhe, während der Partner von Heifetz hinter den Erwartungen zurückbleibt. Ein wunderbares Zeugnis der Zusammenarbeit zweier großer Künstler, die sich nach dem 2. Weltkrieg zufällig in Mexiko erstmals begegneten.

    Roots Vinyl Guide

    Arthur Grumiaux (Violine) und Clara Haskil (Klavier); Aufnahme: 1957, Wien.

    Natürlich gibt es auch diese "klassische" Aufnahme inzwischen auf CD. Diese beiden Künstler haben nicht nur auf der Schallplatte, sondern auch oftmals im Konzertsaal eine enge Partnerschaft gebildet. Auch von ihnen gibt es eine GA der Violinsonaten, diese hier ist einer der Höhepunkte. Weniger leidenschaftlich, sondern mit einer einzigartigen Noblesse gespielt, sie "sind in einer Weise verwachsen, daß jene menschliche Einheit entsteht, wo Leidenschaft und Ruhe ein und derselben Quelle zu entstammen scheinen", wie es in einer alten Rezension heißt.


    Zu guter Letzt will ich noch sagen, daß es noch eine große Zahl hervorragender Aufnahmen dieser Sonate gibt, aber hier möchte ich mich möglichst an die Begrenzung auf drei halten. Nicht unerwähnt möchte ich aber noch eine Aufnahme lassen, die mich ebenfalls tief beeindruckt hat: Thomas Zehetmair (Violine) und Malcolm Frager (Hammerklavier), aus dem Jahr 1985. Sie entstand beim WDR Köln und wurde von TELDEC herausgebracht. Eine wundervoll ausgeglichene, mitreißende Produktion, voller Inbrunst und Leidenschaft interpretiert.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Hallo


    Klaviersonate Nr.24 Fis-Dur Op.78 'Thérese'


    Dies ist ebenfalls eine Sonate, welche ich sehr mag. Die beiden Sätze kontrastieren stark. Die ersten Takte mit einer sanften Deklamation werden von den Pianisten diskret unterschiedlich betont. Während der erste Satz eher eine lyrische Grundstimmung präsentiert, ist der zweite Satz 'Allegro vivace' geradezu euphorisch und pianistisch ein 'Leckerbissen'. Zwischen der 'Appassionata' und dieser nächsten Sonate liegen 5 Jahre in Beethovens Schaffen. Diese Sonate wird in die 'frühe' Spätphase des Komponisten eingeordnet.

    Mir standen 8 Aufnahmen auf CD zur Verfügung. Ich benötigte etwa 4 Durchgänge, um drei Aufnahmen herauszustellen. Nicht in der Dreiergruppe sind z.B. Pogorelich, welcher teilweise IMO dann doch etwas maniriert aufspielt. Trotzdem mag ich diese Aufnahme, bin halt ein 'Pogo-Fan'. Alfredo Perl spielt herrlich in beiden Sätzen. Aber nun zu den Dreien:


    Andras Schiff, p

    (ECM, DDD, live, 2006)



    Andras Schiff gefällt mir außerordentlich, da er die polyphonen Komponenten herausarbeitet und der emotionale Gehalt trotzdem nicht verloren geht. Bei ihm hört man die Mittelstimmen am besten heraus. Außerdem kommt seine Anschlagsrafinesse dem Stück sehr entgegen.


    Igor Levit, p

    (Sony, DDD, 2018)



    Wieder Mal hat es Levit in die Auswahl geschafft. Die Kontraste zwischen den beiden Sätzen werden von ihm IMO am stärksten geschaffen. Dabei überzeugt er mit pianistischer Delikatesse. Die alternierenden Sekundfiguren im zweiten Satz kommen bei ihm so übermütig witzig pointiert wie bei keinem anderen, welchen ich hörte.


    Walter Gieseking, p

    (Andromeda, AAD, 30er)


    Piano Sonata No. 24 in F-Sharp Major, Op. 78 "À Thérèse": II. Allegro vivace


    Die lyrische Grundhaltung im ersten und die Anschlagsrafinessen im zweiten Satz kommen Gieseking absolut entgegen. Er spielt so delikat, dass die akustischen Einschränkungen der Aufnahmekonditionen keine Rolle mehr spielen. Akzeptabel finde ich, dass Gieseking in der jeweiligen Anfangsgruppe des zweiten Satzes das Tempo leicht verzögert. Bei Pogorelich ist diese vom Komponisten nicht vorgeschriebene Verzögerung dann doch zu extrem.


    LG Siamak