Dr. Pingel´s Führer durch den Bibeldschungel, Buch II. Abraham (Genesis 12-25)

  • Es geht hier um den Erzählstrang, also nicht um Theologie oder Archäologie. Die Wissenschaft hat von diesen Geschichten (die wohl um 2000 ante begannen) weder schriftliche Aufzeichnungen oder archäologische Relikte gefunden, sodass wir davon ausgehen müssen, dass es sich um Sagen handelt.

    Kap.12 Abram und Sarai werden berufen, nach Kanaan auszuwandern. Ein Abstecher geht nach Ägypten, wo es auch schon Plagen gibt.

    Kap. 13 Abram und Lot trennen sich. Vers 16: das Versprechen Jahwes für viele Nachkommen.

    Kap. 14 Melchisedek (überspringen)

    Kap. 15 Der Bund mit Jahwe und die erneute Verheißung von Nachkommen (v.18). Das Reich Abrams soll reichen vom Euphrat bis nach Ägypten. Das ist nie Wirklichkeit geworden.

    Kap. 16 Sarai bleibt kinderlos, deshalb zeugt Abram mit der Magd Hagar den Ismael. Das war damals gängige Praxis. Man muss sich das so vorstellen, dass die Magd das Kind auf dem Schoss der Ehefrau zur Welt brachte. Das Kind heißt Ismael und ist der Stammvater aller Araber.

    Kap. 17 Der Bund wird erneuert, Abram heißt nun Abraham und Sarai Sarah.

    Kap. 18 Jahwe erscheint in Form von drei Engeln und verheißt dem Paar einen Sohn, Isaak. Sarah lacht darüber, denn sie ist schon ziemlich alt. Dann ziehen sie nach Sodom und Gomorrha, die Jahwe verwüsten will wegen der Sündhaftigkeit der Bevölkerung. Hier folgt die berühmte Geschichte um den Kuhhandel Abrahams mit Jahwe, wobei Abraham die Verschonung der Stadt abhängig sein lassen will von der Zahl der Guten. Es finden sich aber keine.

    Kap. 19 Zwei Engel erscheinen in Lots Haus; eine Reihe von Männern verlangt die Herausgabe (als Vergewaltigung gedacht, die von Homosexuellen ausgeht). Die Engel treiben Lot und seine Familie hinaus. Die Stadt wird vernichtet. Lots Frau sieht sich nach der Stadt um und erstarrt zur Salzsäule. Erich von Däniken hat vermutet, dass sie in einen Atomblitz geschaut hatte.

    Lots Töchter machen ihren Vater betrunken, legen sich zu ihm und werden schwanger. Ihre Nachkommen werden zum Volk der Ammoniter und Moabiter.

    Kap. 20. Abimelech und Sarah (überspringen).

    Kap. 21. Isaaks Geburt. Hagar und Ismael werden in die Wüste vertrieben, aber gerettet. (Abimelech und Abraham überspringen).

    Kap. 22 Isaaks "Opferung"; im letzten Moment wird das Kind durch einen Widder ersetzt.

    Kap. 23 Sarah stirbt in Hebron und wird in der Höhle Machpela begraben.

    Kap. 24 Hier beginnt schon die Geschichte Isaaks, ich lasse sie noch liegen. Abraham heiratet seine 2. Frau Ketura. Er stirbt und wird ebenfalls in der Erbgruft Machpela begraben (1968 haben wir diese Höhle in Hebron besucht, sie dürfte wohl nicht echt sein).

    "So starb Abraham in schönem Alter (175), alt und lebenssatt..."

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Exkurs 1: Isaaks Opferung (Gn 22)


    Dieses Kapitel schildert, wie von Abraham die Opferung seines Sohnes auf einem Scheiterhaufen verlangt wird. Dabei ist der Titel ja irreführend, weil es zu der Opferung nicht kommt.- Die Geschichte ist gut erzählt und spannend, denn wenn der einzige legitime Nachfahre geopfert wird, kann ja aus dem großen Volk, wie es verheißen ist, nichts werden. In letzter Sekunde ist ein Widder zur Stelle.

    Dieses Kapitel ist eines der umstrittensten des AT überhaupt. Besonders fromme Fundamentalisten (Christen wie Juden) sehen in diesem Kapitel die Manifestation des absoluten Glaubens. In meinen ersten Berufsjahren habe ich diese fundamentalistische Einstellung oft erlebt; ich wurde auch zum Ziel von Angriffen, weil ich schon damals das Motto hatte: "Inhumanität ist Gotteslästerung".

    Die alttestamentliche Theologie (Hermann Gunkel 1862-1932) sah die Geschichte als Abbild der Ablösung des Menschenopfers durch das Tieropfer, eine sehr schlüssige Erklärung. Wir hatten das schon mal, dass "Auge um Auge..." (ius talionis) an die Stelle der Blutrache tritt. Diese Interpretation lehnen fromme Menschen rigoros ab.

    Im Islam bildet diese Geschichte den Abschluss des Opferfestes, aus Isaak ist Ismael geworden, aus dem Berg Moria die Kaaba. In der jüdischen Tradition ist Moria der Tempelberg.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Exkurs 2: Willst du Gottesfurcht bei Kindern..

    so haue ihnen blau den Hintern.

    Denn es zieht von hinterwärts

    Gottesfurcht ins Kinderherz.


    Das ist nur vordergründig lustig, sondern beschreibt eine traurige Wirklichkeit.

    Angesichts des Textes (oben, Exkurs 1) schrieb mir ein in einer fundamentalistischen sehr hart erzogener Kollege, dass sich die Züchtigung von Kindern häufig auf die sich in Gn 22 manifestierende Grundhaltung beruft.

    Man lese nach, was bei Google unter "Züchtigung" steht. So sind z.B. die Amish absolute Pazifisten, das bezieht sich aber nicht auf ihre Gewalt gegen die eigenen Kinder, die ja auch als "Züchtigung" und nicht als Gewalt verstanden wird. Die Statistiken sagen, dass Gewalt gegen Kinder in der Welt sehr verbreitet ist, besonders aber in allen Religionen (außer dem Buddhismus).

    Der biblische Bezug ist außer auf Gn 22 bei den "Sprüchen" zu finden, etwa Spr. 19,18: "Züchtige deinen Sohn, solange noch Hoffnung ist, doch lass dich nicht hinreißen, ihn zu töten." Das "Kinderevangelium" von Jesus im NT scheinen sie noch nie gehört zu haben.

    In den USA sind regelrechte Handbücher im Umlauf, die den Eltern genau erklären, wie es gemacht wird. Dabei sollen sie auch beten, dass es für die Kinder eine wertvolle Lektion wird.

    Die Hand soll nicht benutzt werden, denn das ist etwas Persönliches; der Stock ist geeigneter. Das Schlagen ist also nicht Rache, sondern Erziehung und fromme Leitung. Der Stock ist nach dem Alter und der Größe des Kindes zu wählen. Es soll durchaus weh tun tun, dazu ist die Haut als Ziel bestens geeignet. Die Eltern sollen erst aufhören, wenn das Kind sich ergeben hat. Danach soll man das Kind auf den Schoß nehmen und umarmen.

    Sogar einjährige Kinder sollen mit kleinen Ruten gezüchtigt werden. Nun fragt sich ja jeder vernünftige Mensch, worin die Sünde eines solch kleinen Kindes bestehen kann. Meistens besteht eine Hauptsünde darin, dass die Kinder in den endlos langen Gottesdiensten unruhig werden. Ich behaupte, dass ein normaler Erwachsener, der einen Gottesdienst von 2 Stunden nicht als Folter empfindet, eben nicht normal ist. In der Zeit der lutherischen Orthodoxie war das die Regel, weil halt auch viel Kantatenmusik verkraftet werden musste.:stumm:

    Da gingen dann die Kirchendiener mit langen Stangen herum, um die Leute aufzuwecken. Kinder sind absolut nicht in der Lage, so lange konzentriert zu sein.

    Wie kommt es nun zu dieser Idee, Kinder mit Gewalt zu erziehen? Nun, für uns steht das Individuum an erster Stelle, für Fromme ist es die Gemeinde, die Kirche. Daher ist Unterordnung die zentrale Botschaft.

    In Deutschland sieht der § 1631 BGB vor, dass Kindern eine gewaltfreie Erziehung zusteht, auch von den eigenen Eltern. Besonders im Süden Deutschlands gibt es religiöse Kommunen (bzw. lokale Gemeinden), die regelmäßig von der Polizei oder den Jugendämtern kontrolliert werden. Da kann es auch vorkommen, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. In der Regel wandern diese Kommunen dann in die USA oder nach Kanada aus.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Kapitel 2: Isaak (hebr. jitzchak). Gn 24-35


    Isaak kommt bei all diesen Geschichten nicht so recht zum Zuge. Man könnte sagen, er ist der Charlie Brown unter diesen Vätern: sympathisch, aber ein Loser. Als Nachkomme Abrahams gibt er, wie auch schon sein Vater, seinem Stamm keineswegs seinen Namen, das tut erst eine Generation später Juda: die Juden heißen nach der Nummer vier! Am Anfang soll er geopfert werden, hinterher hauen ihn alle übers Ohr. Aber zwischendurch hat er eine tolle Frau; die aber gibt ihn der Lächerlichkeit preis, weil sie ihren Sohn mehr als ihren Mann liebt. Zum Ausgleich sieht sie den Sohn nie wieder.


    Kap. 24

    Dies ist die wunderbare Erzählung vom Knecht, der nach Mesopotamien reist, in Abrahams frühere Heimat, um dort für Isaak eine Frau zu suchen. Das ist eine Geschichte, so schön wie eine aus 1001 Nacht. Das richtige Passwort, der magische Spruch, also so etwas wie "Sesam, öffne dich" oder "Mutabor", ist hier (V.17) die Sache mit dem Trinken.

    Die Braut erweist sich als liebreich und als Verwandte, dazu willig, sofort mitzugehen. Das Reisegeld ist ja auch verlockend: Gold, Gold, Gold. Arm war auch sie nicht; später kam noch die Liebe dazu. Also eine Konstellation, die den bei uns hochgepriesenen Liebesheiraten doch deutlich überlegen ist.


    Kap. 25

    Abrahams Tod. Die Geburt von Esau und Jakob. Die berühmte Geschichte, dass Esau um ein Linsengericht sein Erstgeburtsrecht dahingibt.

    Dazu heißt es in Lortzings "Waffenschmied": Die Dummheit bietet selten Zinsen, sonst leistete ja Esau nicht/ für einen Teller dicker Linsen auf seine Erstgeburt Verzicht.


    Kap. 26 (Isaak und Melchisedek: überspringen)

    Bei der Geburt der Zwillinge hält Jakob die Ferse Esaus, was einen "witzigen" Kinderbuchschreiber zu der atemberaubenden Überschrift verleitete "Per Anhalter in die Galaxis". Medizinisch ist das kompletter Unsinn, dass bei einer Zwillingsgeburt der zweite sich rausziehen lässt, indem er die Ferse des Vorgängers festhält.

    Ergreifend ist Vers 22 mit seinem starken Gefühl, wenn eine Frau ihre Schwangerschaft beklagt.


    Kap. 27

    Der erlistete Segen, Jakobs Flucht.


    Exkurs 3


    Analog zu Kain und Abel wird schon im NT bei Paulus darüber räsonniert, warum Esau von Gott verworfen, Jakob aber erwählt wurde. Auch hier ist die beste Erklärung, dass diese Sage den Sieg des Sesshaften (Jakob) über den Nomaden oder Jäger (Esau) bedeutet.

    Unsere fundamentalistischen Freunde kommen bei dieser Frage etwas in Schleudern und retten sich auf diese Insel: Gott ist allmächtig, der darf das. Natürlich ist diese Insel schon lange versunken.


    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Nachtrag zu Exkurs 2:


    Ein Spruch von Walther von der Vogelweide (um 1200)

    Nieman kann mit gerten

    kindes zuht beherten (erzwingen).

    den man z´eren bringen mag
    (den man zu einem Mann von Ehre erziehen kann),

    dem ist ein wort als ein slac (Schlag).

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Kapitel 3: Jakob (hebr. Jaak´ov) Genesis 27-36


    Kap.27 Jakob lebte (wenn überhaupt) etwa im 18.Jh. ante. Sein Zwillingsbruder Esau wird von Jakob um den Segen der Erstgeburt betrogen. Jakob flieht nach Haran, auch um dort eine Braut zu finden.

    Kap. 28 Jakobs Traum (die Himmelsleiter)

    Kap. 29 und 30 Jakob bei Laban, seine Frauen Lea und Rahel. Seine 12 Söhne, die z.T. von den Mägden geboren wurden. Auf dem Schoß der Ehefrau gebaren die Mägde, denn nur so waren die Kinder ehelich. Eine Tochter: Dinah. Laban betrügt Jakob, denn Jakob muss erst Lea heiraten, dann Rahel, die er mehr liebt. (Einmal hatte ich in einer meiner Religionsklassen zwei Mädchen, die Lea und Rahel hießen). Jakob trennt sich von Laban und betrügt ihn, indem er einen Teil von dessen Tieren an sich bringt.

    Kap. 31 Jakobs Flucht mit allen Frauen, Kindern und Tieren. Rahel lässt den Hausgott mitgehen (eine rätselhafte Geschichte).

    Kap. 32 Die berühmte, aber seltsame Geschichte von Jakobs Kampf mit dem Engel am Jabbok. Der Engel schlägt ihn auf die Hüfte, weshalb die Hüfte bei den essbaren Tieren nicht koscher ist. Er bekommt den Beinamen Israel (hebr. Jisrael), was "Gottestreiter" bedeutet. Ein wichtiger Vers in dieser Geschichte ist "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn", wunderbar vertont von Heinrich Schütz in seinen "Exequien".

    Kap. 33 Jakob und Esau versöhnen sich.
    Kap. 34 Das Blutbad zu Sichem (erstmal überspringen)

    Kap. 35 Rahel bekommt endlich ihre Kinder (welche Ironie: Rahel heißt "Mutterschaf") Josef und Benjamin, bei dessen Geburt sie stirbt. Sie wird nicht in Machpela begraben, sondern am Wegesrand.

    Über das Motiv der weinenden Rahel "Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehöret" (Jer. 31, Mt.) hat Heinrich Schütz eine ergreifende Motette in seiner "Geistlichen Chormusik" geschrieben.

    Isaak stirbt mit 180 Jahren.

    Kap. 36 Esaus Nachkommen (überspringen)

    Nachtrag Kap. 34 Das Blutbad zu Sichem

    Das ist eine der Geschichten, die man durchaus gerne in der Bibel vermissen möchte.

    Wer mag, soll sie lesen, sie ist selbsterklärend. Die schweren Untaten werden weder von Jahwe noch vom Vater Isaak gerügt, der sorgt sich nur um seinen guten Ruf.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)