Romantische Klavierkonzerte - Jenseits der Hyperion Serie

  • Ich hatte ja geschrieben, dass ich Feedback gegeben wollte. Also, Ivan Shekov hat leider zwei Wochen lang nicht geantwortet, ich hatte ihm auf seine bulgarische Adresse eine E-Mail geschickt.

    Vielleicht kommt ja noch etwas.

    Lieber Rainer,


    ich schaue heute Abend mal, ob ich noch seine alte Adresse finde! Der Mann ist inzwischen ja schon 79 Jahre alt! Wer weiß, wie es ihm gesundheitlich geht!

    Nach wie vor bin ich begeistert von der Entdeckung Pancho Vladigerov. In der letzten Zeit habe ich mich besonders seinem ersten Klavierkonzert gewidmet, und bin beeindruckt von der überaus farbigen Instrumentation, den eindrucksvollen Melodien, den pathetischen der und auch folkloristisch angehauchten Passagen. Dieses gilt natürlich für seine anderen Klavierkonzerte ebenso, aber diese Meisterschaft, welche er bereits mit 18 Jahren erreicht, erinnert mich etwas an das 1. Klavierkonzert von Rachmaninow, welches auch bereits mit 18 Jahren geschrieben wurde.

    Ganz genau - die Instrumentation ist sehr farbig! Sehr schön sind auch seine kammermusikalischen Sachen. Ich habe davon mal was in Bulgarien von einem Schülerorchester aufgeführt gehört. Das ist aber schon lange her!

    Ganz anderes Thema und Stil, daneben habe ich beim Stöbern auf YouTube mal in das Klavierkonzert von Ignaz brüll hinein gehört. Dieses ist, glaube ich, zwar auch auf der hyperion Serie zu finden, aber nicht auf Spotify.


    Schade, die CD mit den Klavierwerken ist bei jpc schon vergriffen! Sonst hätte ich sie mir durch Deinen Hinweis gleich bestellt! :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

  • Hallo zusammen ,

    Ich möchte ein Klavierkonzert vorstellen, bei dem mich sehr eure Kommentare oder Meinungen interessieren würde. Ich muss immer wieder sagen ich bin überaus dankbar für die vorschlagsfunktion auf YouTube, durch die ich auf dieses, vermutlich völlig unbekannte Klavierkonzert gestoßen bin.

    Das Klavierkonzert beginnt verhalten , um sich dann schnell zu steigern. Dann folgt ein zweites Thema, welches ich in seiner Einfachheit sehr ergreifend empfinde. Dieses Thema wiederholt und steigert sich ebenfalls in verschiedenen Ausführungen. Der zweite Satz ist zweigeteilt. Ab Minute 4 beginnt das zweite Thema, welches sich, ähnlich wie ich es beim Klavierkonzert von Atterberg beschrieben hatte, in einem langen melodisch Atem entwickelt. Dass ich nun dem dritten Satz nicht die Bedeutung der beiden ersten beiden zubillige, soll meiner Bewunderung für dieses Klavierkonzert in keinster Weise Abbruch tun. Man sagt ja dem Klavierkonzert von Atterberg eine gewisse Ähnlichkeit zu Rachmaninoff nach. Nun könnte man die Schlussfolgerung ziehen, dieses Klavierkonzert von Melchers habe ebenso Ähnlichkeit mit Rachmaninoff. Aber auch nach wiederholtem Hören möchte ich sagen, es ist etwas ganz Eigenes. Es erschließt sich einem nicht gleich, und steckt musikalisch voller Überraschungen. Nun stellt sich natürlich wieder die Frage warum wird es nie...(Aber dieses Thema hatten wir zur Genüge diskutiert.. .). Zum Glück gibt es YouTube und Spotify (auf welchem man ist auch finden kann).


    Viele Grüße

    Rainer

  • Nachdem mein Beitrag zu Melcher Melchers Klavierkonzert, welches ich immer noch gerne höre, keine Resonanz hervorgerufen hatte, hier eine neue, absolut unbekannte Entdeckung:

    Mitja Nikisch war der Sohn des bekannten Dirigenten und war damals bekannt als Leiter eines Tanzorchesters. Das Klavierkonzert ist sein letztes Werk, welches er mit 37 kurz vor seinem frühen Tod vollendete.

    Zum Teil recht modern, in keinster Weise Unterhaltungsmusik, voller Leidenschaft, und stilistisch nicht in der Rachmaninoff Nachfolge stehend, wie viele hier diskutierte Komponisten wie Wiklund, Garuta, Hannikainen, etc.

    Randbemerkung: YT hat mir dieses wieder "zugeschickt", ich bin dankbar für den Tipp, auf den ich sonst nie gekommen wäre...

  • Jetzt habe ich mir die Freude bereitet, dieses in der Tat wohl völlig unbekannte Klavierkonzert von Mitja Nikisch anzuhören.


    Allenthalben interessant und reizvoll. Auf die Schnelle kann ich den sehr geschlossenen Lyrizismus des ersten Satzes - der mir von Rachmaninoff doch nicht so weit entfernt scheint - schwer in Einklang bringen mit der späteren herben akkordischen Aggressivität ... die mich aber keineswegs per se stört, sondern nur im Kontext. Im Finalsatz überwiegt ein dramatisches Element betont osteuropäischer Prägung, würde ich vermuten.


    All das ist natürlich ein Ersturteil, das vielleicht einer Prüfung unterzogen werden müsste.


    Vielen Dank an Heisenberg!


    Vielleicht nehme ich mir morgen den Melchers vor.


    Ansonsten ist eine meiner Entdeckungen der letzten Monate auch der oben benannte Vladigerov mit seinen fünf Klavierkonzerten:



    Die Box stellt eine recht frische Kompilation (2020) älterer, zuletzt nicht mehr verfügbarer Einspielungen von unmittelbarer Authentizität dar. Dirigent ist der Sohn des Komponisten.


    :) Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Auch ein freundliches Guten Morgen und Willkommen von mir.

    Zumindest was den Vladigerov angeht, bist du mir um einiges voraus.;)


    Ich habe diesen Thread vor vielen Monaten gefunden, ein bisschen geschmökert, dann wieder vergessen bzw. kryptisch oder unbewusst bearbeitet... Du hast jetzt schon mal bewirkt, dass ich mir grade zwei Atterberg- CDs bestellt habe; gelesen habe ich schon ein paarmal von ihm, aber....:rolleyes:


    Was Medtner angeht glaube ich, dass man den irgendwann mit Rachmaninow zusammen betrachten und hören sollen könnte. Die Unterschiede sind manchmal ganz gering (es heisst, die beiden seien befreundet gewesen), aber man kann sie auch als Gegenpole betrachten, die Freundschaft evtl. gesucht haben. Beide haben eine ganze Reihe von Werken für Klavier und Orchester geschrieben, die es zu betrachten und zu hören herausfordert. Überdies soll ein begonnener Thread über deren (und anderer Komponisten) Klaviersonaten weitergeführt werden :untertauch:8):)8o

    Du hast eine ganze Reihe von Komponisten genannt, die ich noch nachschlagen muss..:yes:;)

  • Was Medtner angeht glaube ich, dass man den irgendwann mit Rachmaninow zusammen betrachten und hören sollen könnte. Die Unterschiede sind manchmal ganz gering (es heisst, die beiden seien befreundet gewesen), aber man kann sie auch als Gegenpole betrachten, die Freundschaft evtl. gesucht haben.

    Ja, das glaube ich auch. Diese seltsam symbiotische Beziehung wurde mal in einer Rundfunksendung diskutiert.


    Die Nähe zu Rachmaninoff liegt auf der Hand. Mir geht es so, dass ich den Personalstil Medtners nicht wirklich hören geschweige denn beschreiben kann. Mag natürlich auch nur mein Problem sein und tut der Tatsache keinen Abbruch, dass ich ihn nicht nur genauso interessant finde wie Rachmaninoff, sondern - quasi umgekehrt - zur Zeit (im Zweifelsfall) lieber höre. Es ist nicht schwer, sich an den Klavierkonzerten 2, 3, und "Paganini" zu überhören ... Jede Einsteigerin und jeder Einsteiger ins mühsame Pianistengewerbe meint, "Rach23" spielen zu müssen - ich verstehe schon lange nicht mehr, warum eigentlich ...


    :) Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Die Nähe zu Rachmaninoff liegt auf der Hand. Mir geht es so, dass ich den Personalstil Medtners nicht wirklich hören geschweige denn beschreiben kann

    Ich halte mich ja aus den romantischen Klavierkonzerten mangels Kenntnisse ziemlich 'raus, aber hier würde ich gerne zwei Bemerkungen machen.


    1. Rachmaninoff und Medtner sind beide große Melodiker und arbeiten mit ähnlichen Harmonien. Das führt dazu, dass man bei kurzem Hineinhören immer Ähnlichkeiten wahrnimmt.

    2. Medtner ist IMO, anders als Rachmaninoff, ein großer Meister der Form, die allerdings bei ihm schon sehr komplex (er ist ein Freund der Polyphonie) ist. Viele Sonaten erschließen sich erst nach mehrmaligem Hören (nicht unähnlich Reger!) während Rachmaninoff doch ziemlich süffig ist :).


    3. (auf eine dritte kann ich dann doch nicht verzichten ;)) Das ist auch für den Unterschied im Verkauferfolg nicht unwichtig....


    just my two (three) cents.


    PS: es gibt einen Thread, der momentan bei Medtners romantischer Sonate steckengeblieben ist. .... Da könnte man Unterschiede herausarbeiten ... :P

  • Deine Cents sind schon ihr Geld wert, Axel. ;):) Ich würde diese Harmonien als russisch spätromantisch deklarieren und Rachmaninoff hat hierbei auch riesig Schule gemacht. Noch schöner wäre es freilich, ich könnte sie musiktheoretisch präziser beschreiben ... :untertauch:


    :) Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Ich will nun wirklich nicht kneifen, und auch nicht mit "Gemach, Gemach" abwiegeln. Doch ich tue mich schwer, manches in Worten so einfach an die Tafel zu schreiben (um unseren Thread zu befruchten). Da ist schon gleich mal der Komplex Melodie vs. Harmonik bei beidem Künstlern. Habe mal versucht, da und dort mitzusingen (bei den Klavierwerken). Das ist bei Rachmaninow zuweilen ganz schwierig, bei Medtner schon deutlich leichter. Die Harmonik dagegen ist bei R. schon "da" bei opus 1., während Medtners Harmonien ihre Faktur so langsam, über die Jahre hinweg "finden". Ich finde ausserdem, dass zumindest die ersten Klaviersonaten teils etwas russisch oder vaterländisch klingen (lyrisch ?), Rachmaninow`s Melodielinien klingen irgendwie mehr cool, vielleicht sogar ausdrucksarm bis elegant / glatt (irgendwie :/).


    Und, lieber astewes und WolfgangZ, der Einfluss des Musikgeschäfts auf unsere Rezeption wird bei einigen Forianern IMHO total unterschätzt, vielleicht auch weil man ihn im Einzelfall nicht recht abschätzen kann. Rachmaninow hatte von Anfang an eine international ausgerichtete Musiksprache, viele seiner Werke schwappten nicht nur schnell über den Ozean, sondern wurden auch gerne bei den Briten und von den Skandinaviern gehört. In unserem deutschsprachigen Ländern und im franz. Raum wurde sie langsamer bekannt.

  • Ah astewes,

    wo war nochmal gleich deine nette Bemerkung ;)^^:D ?


    Also ich könnte dich schon mit ihm bekannt machen 8o

  • Habe mal versucht, da und dort mitzusingen (bei den Klavierwerken). Das ist bei Rachmaninow zuweilen ganz schwierig, bei Medtner schon deutlich leichter. Die Harmonik dagegen ist bei R. schon "da" bei opus 1., während Medtners Harmonien ihre Faktur so langsam, über die Jahre hinweg "finden". Ich finde ausserdem, dass zumindest die ersten Klaviersonaten teils etwas russisch oder vaterländisch klingen (lyrisch ?), Rachmaninow`s Melodielinien klingen irgendwie mehr cool, vielleicht sogar ausdrucksarm bis elegant / glatt (irgendwie :/ ).

    "elegant / glatt" finde ich eine gute Beschreibung. Süffig ist wahrscheinlich in der Musikkritik nicht so bekannt wie beim Weinverkosten :). Aber ja, Rachmaninoff stellt dem Hören wenig Widerstand entgegen. Wie Du sagst, hat man auch nicht den Eindruck von Entwicklung. Rachmaninoff bearbeitet seine Werke gerne (?), weil er unzufrieden ist, ob zu recht, sei dahingestellt.


    Gefühlt hat Rachmaninoff eine Nähe zu den Minimalisten wie John Adams (nicht nur weil ich ihn gerade höre ..... ;)), ohne dass ich das momentan präzisieren könnte. Medtner ist viel verschrobener. das Vaterländische in der Melodik ist IMHO nur Material für die Verarbeitung. Hier ist er wohl der Meister 8-). Das "Coole" entdeckt man erst nach dem dritten (?) Hören ...