LESSING, Gotthold Ephraim: EMILIA GALOTTI

  • Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781):


    EMILIA GALOTTI

    Bürgerliches Trauerspiel in fünf Akten

    die literarische Vorlage „Legende um Verginia“ stammt von Titus Livius


    Uraufführung am 13. März 1772 im Herzoglichen Opernhaus in Braunschweig,

    anlässlich des Geburtstages der Herzogin Philippine Charlotte



    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Emilia Galotti

    Odoardo und Claudia Galotti, Eltern der Emilia

    Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla

    Marchese Marinelli, Kammerherr des Prinzen

    Camillo Rota, einer von des Prinzen Räten

    Conti, Maler

    Graf Appiani

    Gräfin Orsina

    Angelo, Krimineller

    Bedienstete



    ERSTER AKT


    Der Prinz von Guastalla liest gerade Anträge, Eingaben und Beschwerden als ihm plötzlich ein Brief mit dem Namen „Emilia“ in die Hände kommt. Sofort fällt ihm jene Emilia ein, in die er seit langem verliebt ist: Emilia Galotti. Er kann sich jetzt nicht mehr konzentrieren und lässt seinen Kammerdiener Marchese Marinelli kommen, um mit ihm eine Kutschfahrt ins Grüne zu machen, die ihn von trüben Gedanken abbringen soll. Jener Marinelli übergibt ihm jedoch ein Schreiben der Gräfin Orsina, das er aber ungelesen in den Papierkorb wirft. Das Interesse an der Gräfin hat er nämlich schon lange verloren, obwohl die Hochzeit bereits geplant war. Und dann bringt Marinelli noch die Nachricht, dass der Maler Conti draußen wartet.


    Die beiden unterhalten sich über Contis Arbeit und Entlohnung. Er hat vor längerer Zeit den Auftrag bekommen, ein Bild der Gräfin Orsina anzufertigen, Er muss leider sagen, dass die Gräfin sich nicht viel Zeit für ihn und die notwendigen Sitzungen genommen hat. Das hat dazu geführt, dass das Bild der Orsina leider nicht besonders gut geworden ist. Er hat aber noch ein anderes Bild mitgebracht, das er für sehr gelungen hält und das der Prinz sehen sollte - der stimmt, neugierig geworden, zu.


    Während Conti hinaus geht, um das Bild zu holen, monologisiert der Prinz über seine Zeit mit der Gräfin, die Liebe und wie sie langsam aber stetig erkaltete. Vielleicht kann er ja auf dem Bild etwas sehen, was ihn einst in die Gräfin verliebt machte? Heute spürt er jedenfalls nichts mehr davon. Er fragt sich, ob er noch einmal den Versuch einer Annährung wagen sollte - und gesteht sich im gleichen Moment ein, dass dieser Schritt keinen Erfolg haben würde.


    Conti kommt mit den zwei Bildern wieder ins Zimmer; er zeigt dem Prinzen zunächst jenes Bild der Gräfin und der konstatiert, dass jedes Gefühl für diese Person entschwunden ist, dass ihm aber auch das Gemälde nicht zusagt. Damit verärgert er zwar den Maler, der lässt sich aber nichts anmerken und deckt das zweite Bild auf - und der Prinz ist hellauf begeistert, zeigt es doch „seine“ Emilia. Er beschließt sofort, Conti beide Bilder abzukaufen und sagt, das Bild der Gräfin werde in der Galerie aufgehängt, das andere jedoch in seinem Schlafgemach. Er schickt den Maler zum Schatzmeister mit der Anweisung, Conti jeden gewünschten Betrag auszuzahlen.


    Abermals monologisierend betrachtet der Prinz Emilias Bild und kommt sehr schnell zu der Überzeugung, dass es zwar gut geworden ist, ihm aber das lebende Original lieber ist. Als er plötzlich Stimmen hört, fällt ihm ein, Marinelli für eine Ausfahrt gerufen zu haben; er bereut es jetzt, und stellt das Bild verdeckt an die Wand. Der Marchese soll die gemalte Peron nicht sehen.


    Der Kammerherr hat eine Neuigkeit aus der Gesellschaft, die den Prinzen elektrisiert: Graf Appiani und Emilia Galotti werden heiraten. Der Prinz gesteht offen, aber aufgeregt, in jene Emilia schon lange verliebt zu sein, und beauftragt Marinelli, die Heirat zu hintertreiben. Die weitere Nachricht, dass die Gräfin Orsina wieder in der Stadt sei, lässt ihn kalt. Dafür erfährt Marinelli, dass er in Kürze aus politischen Gründen die Prinzessin von Massa heiraten wird und deshalb die Orsina nicht wiedersehen kann. Marinelli meint erstaunt, dass er sich neben einer Ehefrau doch eine Mätresse halten könnte, aber die Antwort ist, dass er keine Gefühle mehr für die Gräfin hat. Der Kammerherr verspricht jedenfalls, sich um den Fall Appiani zu kümmern und rät der Hoheit zur Fahrt nach Dosalo, dem Lustschloss des Prinzen.


    Nach Marinellis Abgang sieht sich der Prinz erneut das Bild Emilias an, gesteht sich aber ein, dass es ihn quält, wenn er an die Hochzeit mit Graf Appiani denkt. Er beschließt, wegen Emilia selbst tätig werden, denn dem Kammerherrn traut er nicht so recht. Hilfreich ist dabei sein Wissen um Emilias Gewohnheit, um diese Zeit immer die Messe zu besuchen. Das ist die Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Gerade, als er sich auf den Weg machen will, wird ihm die Ankunft von Rat Camillo Rota angekündigt. Der Prinz lässt ihn zwar eintreten, ist aber mit seinen Gedanken schon auf dem Weg zur Kirche.


    Kaum im Zimmer, kommt Rota auf die Bittschriften zu sprechen, und als der Prinz das zu unterschreibende Dokument sehen will - ein Todesurteil über das dringend zu entscheiden ist - entgegnet Rota, es leider vergessen zu haben. Eine Ausrede, die Rota in den Sinn kam, weil er die Geistesabwesenheit der Hoheit bemerkt hat. Er fügt hinzu, dass die Angelegenheit noch bis zum nächsten Tag Zeit hat. Sofort verabschiedet sich der Prinz und eilt davon, Rota bleibt verwundert zurück und räsoniert über des Prinzen Verhalten



    ZWEITER AKT


    Die Galottis besitzen neben einem Landgut auch ein Haus in Guastalla, in dem sie sich momentan aufhalten. Claudia Galotti sieht ihren Mann auf das Haus zukommen und wundert sich, da sie jetzt mit ihm noch nicht gerechnet hat und geht im entgegen.


    Odoardo fragt nach Tochter Emilia und erhält von seiner Frau die Antwort, dass sie am Tag ihrer Hochzeit unbedingt noch in die Morgenmesse wollte. Sie habe von einem dringenden Bedürfnis nach Gottes Gnade gesprochen. Diese Information beunruhigt Odoardo; er meint, Emilia hätte nicht alleine zur Messe gehen sollen, und kann von seiner Frau kaum beruhigt werden. Er weist den Diener Pirro an, heute keinen Besuch mehr ins Haus zu lassen.


    Nachdem das Ehepaar das Zimmer verlassen hat und Pirro allein ist, kommt der für vogelfrei erklärte Mörder Angelo zu ihm. Er will den am letzten Überfall beteiligten Pirro entlohnen, der ist jedoch über den Besuch nicht erfreut und auch an dem Geld nicht interessiert, lässt sich aber durch Drängen Angelos letztlich doch überreden, es anzunehmen. Als er schon an der Tür steht um sich zu verabschieden, bringt er das Gespräch auf die Hochzeit von Emilia und Graf Appiani zu sprechen. Er erfährt so von Pirro den Tag und den Ort der Trauung, und wer die Hochzeitsgesellschaft bildet. In Pirro kommt der Verdacht auf, dass Angelo ein Überfall planen könnte, doch es ist eben nur ein Verdacht.


    Die Galottis warten auf die Rückkehr ihrer Tochter. Odoardo gibt seiner Frau gegenüber zu, dass er für seinen zukünftigen Schwiegersohn viel Sympathie hegt. Ganz anders ergeht es seiner Frau: Claudia ist sich bewusst, dass sie ihre Tochter durch die Heirat an den Ehemann verlieren wird. Genau diese Traurigkeit fällt ihm an seiner Gattin auf, weshalb er versucht, ihr die Heirat schmackhaft zu machen. Beispielsweise hält er es für einen Vorzug, wenn das Paar in der Stadt, statt auf dem Landsitz wohnt. In diesem Moment erinnert sich Claudia an die Begegnung Emilias mit dem Prinzen und teilt es ihrem Gatten mit. Der reagiert ärgerlich, wobei unklar bleibt, ob es die Nachricht selbst oder die verspätete Unterrichtung durch seine Frau ist.


    Odoardo ist ausgeritten, seine Frau Claudia ist alleine in der Wohnung; sie monologisiert mit Unverständnis über die Sorgen ihres Mannes und seiner Einstellung dem Prinzen gegenüber. Die Abneigung Odoardos dem Prinzen gegenüber ist ihr ja nicht neu, versteht sie aber nicht, denn sie hält das Verhalten der Hoheit für normal. Allerdings fragt sie sich jetzt doch, wo ihre Tochter bleibt.


    Die kommt plötzlich aufgeregt ins Zimmer gestürzt und ist völlig durcheinander. Es sprudelt aus ihr heraus, dass sie in der Kirche von einem Mann angesprochen wurde, der ihr eine Liebeserklärung gemacht habe. Dann habe sie den Mann erkannt: es sei der Prinz gewesen. Sie ist sofort wie kopflos aus der Kirche gerannt, und die Hoheit hinter ihr her. Claudia gibt ihr den Rat, weder dem Vater noch dem Bräutigam von der Begebenheit zu erzählen. Aber Emilia will ihrem Zukünftigen die Begegnung beichten, da sie sich sonst schuldig fühlt. Das kann Claudia nicht nachvollziehen und nur mit Mühe gelingt es ihr, die Tochter von dem Vorhaben abzubringen. Da meldet sich Graf Appiani an.


    Der Graf berichtet Mutter und Braut von seinem Treffen mit Odoardo und ergänzt, dass er die Familie Galotti schätzt und sich freut, bald auch dazu zählen zu dürfen. Ihm fällt aber auf, dass Emilia bedrückt wirkt, was er sich nicht erklären kann. Er will gerade nachfragen, als sich Emilia verabschiedet, um Schmuck anzulegen. Allein mit Mutter Claudia hebt er die natürliche Schönheit hervor und ergänzt, dass ihm kostbare Kleider und Schmuck völlig unwichtig sind. Als Claudia erwähnt, dass auch ihr Schwiegersohn auf sie den Eindruck macht, betrübt zu sein, gibt er Probleme zu. Und die haben mit seinen Freunden zu tun, die ihm nahegelegt haben, den Prinzen über die Heiratspläne zu informieren. Er ist jedoch der Meinung, dass er das nicht muss, weil er freiwillig in den Dienst der Hoheit getreten ist. Aber die Freunde haben immer weiter insistiert und nun hat er sich entschlossen, seine Hoheit doch aufzusuchen und zu informieren.


    Pirro stört die Unterhaltung der beiden mit der Nachricht, dass der Kammerherr Marinelli mit einer Nachricht für Graf Appiani gekommen ist. Der Graf fragt erstaunt zurück, ob wirklich er gemeint sei, statt einer Antwort öffnet Pirro die Tür und lässt Marinelli herein. Der Marchese bittet Claudia um Entschuldigung für die Störung, doch müsse er einen Auftrag seines Herrn erfüllen und mit dem Grafen sprechen. Daraufhin verlässt Claudia den Raum.


    Allein mit Appiani eröffnet Marinelli ihm, dass der Prinz den Herrn Grafen in den prinzlichen Dienst aufzunehmen gedenke und ihn noch heute nach Massa zu seiner künftigen Gemahlin, einer Prinzessin, senden will. Appiani sagt, dass er sich zwar geehrt fühlt, aber wegen der eigenen Hochzeit mit Emilia Galotti die Berufung ablehnen müsse. Marinelli antwortet kalt, dass man solche Feste verschieben kann, doch bleibt der Graf bei der Ablehnung und gibt als Erklärung noch den Hinweis, dass er nicht zum Gehorsam gezwungen werden kann, da er freiwillig in des Prinzen Dienst getreten ist. Die anschließende erregte Diskussion zeigt, dass die beiden Männer keine Freunde sind und es auch nicht mehr werden.


    Nach dem brummigen Abgang Marinellis ist Appiani aufgeregt, spielt aber der eintretenden Claudia gegenüber die Begegnung herunter. Sie hakt jedoch nach, weil die Lautstärke auf einen Streit schließen ließ, doch Appiani gibt ihr keine Information dazu, nur den Hinweis, dass er den Prinzen über die anstehende Hochzeit nicht mehr informieren muss, weil das Marinelli erledigen wird. Dadurch kann nun die Hochzeitsgesellschaft früher als geplant aufbrechen. In gewisser Weise beruhigt geht Claudia daraufhin ab.



    DRITTER AKT


    Marinelli ist zum Prinzen zurückgekehrt und berichtet, dass sein Versuch, die Heirat von Graf Appiani und Emilia Galotti zu verhindern, nicht erfolgreich war. Der Prinz nennt Marinelli daraufhin einen Versager. Marinelli fügt der Nachricht noch hinzu, dass sogar der Versuch, Appiani zu einem Duell anzustacheln, nichts gefruchtet hat. Der Gedanke, dass „seine“ Emilia vor der Hochzeit mit einem anderen Mann steht, ist für den Prinzen unvorstellbar. Marinelli macht den Vorschlag einer Entführung Emilias, was allerdings zu Kollateralschänden führen könnte. Nachfragen bestätigen des Prinzen Verdacht, das damit Todesopfer gemeint sind, hält aber die Methode für aussichtsreich.


    Als sei die Entführung bereits ausgeführt, hört man plötzlich mehrere Schüsse aus der Ferne. Marinelli spielt etwas zynisch den Unwissenden, während der Prinz verwirrt reagiert und fragt, was da geschehen sei. Der Kammerherr gibt unumwunden zu, dass sein Vorschlag einer Entführung soeben ausgeführt worden ist. So langsam kommt der Ablauf ans Tageslicht: Der Überfall auf die Kutsche des Grafen Appiani hat in der Nähe des Tiergartens stattgefunden, wobei es geplant war, dass eine Gruppe von Banditen die Begleitung in Schach halten sollte, während die andere Emilia ergreifen und ins Schloss bringen sollte - angeblich zu ihrer Sicherheit. Am Fenster stehend erkennt Marinelli einen der Banditen, der auf das Schloss zuläuft, und er fordert den Prinzen auf, nach nebenan zu gehen, damit er von dem Banditen nicht gesehen wird.


    Der Bandit ist Angelo und der erzählt Marinelli, dass der Überfall auf die Kutsche erfolgreich war, Graf Appiani jedoch ums Leben gekommen ist. Leider sei aber auch einer der Räuber, Nicolo, getötet worden. Marinelli entlohnt Angelo mit der doppelten vereinbarten Summe. Der sagt, er wolle mit dem Geld über die Grenze, um sich den Nachforschungen der Polizei entziehen. Der Kammerherr beschließt, den Prinzen noch nicht über den Tod Appianis zu unterrichten.


    Als Angelo gegangen ist kommt der Prinz zurück und beide sehen in diesem Augenblick Emilia auf das Schloss zu gerannt kommen. Augenscheinlich ist sie ängstlich, hofft auf Hilfe. Der Prinz überlegt, wie lange er Emilia zum Bleiben bewegen kann, und wie lange es wohl dauern wird, bis ihre Eltern erscheinen. Wird er es schaffen, sie in dieser Zeit für sich gewinnen zu können? In der Kirche ist ihm ja schon der erste Anlauf misslungen. Marinelli meint, dass er Geduld aufbringen und seiner Liebe mit viel Gefühl entgegenkommen muss. Der Prinz befiehlt dem Kammerherrn, Emilia zu empfangen, während er nebenan dem Gespräch lauschen will.


    Während Emilia wartet, kommt Battista, ein Bedienter von Marinelli, hinzu und sagt ihr, dass er sich erkundigen soll, was geschehen ist. Marinelli hält sich ungesehen abseits auf und hört von Emilias großer Sorge um ihre Eltern, ihren Bräutigam und der Hochzeitsgesellschaft. Da tritt Marinelli hervor und beruhigt sie mit der Bemerkung, dass man sich um alles kümmern wird. Er erklärt ihr außerdem, dass sie sich auf dem Schloss des Prinzen befindet, der sich sehr für sie und ihre Familie einsetzen will. Emilia reagiert überrascht.


    Nun kommt der Prinz hinzu und versucht ebenfalls die aufgeregte Emilia, die immer wieder nach ihrer Mutter fragt, zu beruhigen. Er behauptet, dass die Mutter ganz in der Nähe ist. Dem Prinzen unterstellt sie, mehr zu wissen, aber er geht nicht darauf ein, sondern entschuldigt sich für seine Aufdringlichkeit am Morgen in der Kirche. Er bittet Emilia, mit ihm zu kommen und sie folgt ihm eher widerwillig. Marinelli bleibt zurück, damit die beiden Gelegenheit für ein ungestörtes Gespräch haben. Vor allen Dingen soll Claudia Galotti ihre Tochter nicht sehen, die er gerade auf das Schloss zu gerannt kommen sieht.


    Marinelli überlegt, ob er die Galotti ins Schloss lassen soll. Er entscheidet sich für den Empfang und will ihr dabei den Prinzen als zukünftigen Schwiegersohn nahebringen. Da in diesem Augenblick die lauten Rufe der Galotti nach ihrer Tochter und dazu auch noch fremde Stimmen zu hören sind, ruft er Battista und befiehlt ihm, die Begleitung der Mutter Emilias aus dem Schloss zu weisen.


    Als Claudia Galotti beim Eintritt in das Schloss Battista gegenübersteht, erkennt sie ihn als Teilnehmer bei dem Überfall wieder. Darüber ist der Diener beleidigt, und stellt es als eine Rettungsmaßnahme für Emilia dar. Claudia entschuldigt sich bei ihm, möchte aber sofort ihre Tochter sehen. Battista versichert ihr daraufhin, dass sie im prinzlichen Schloss sicher und vor allem gut aufgehoben ist. Während Marinelli jetzt Claudia zu ihrer Tochter führen will, bemüht sich Battista, Claudias Begleitpersonen aus dem Schloss zu drängen.


    In der letzten Szene dieses Aktes ist Claudia mit Marinelli alleine und erkennt in ihm jenen Mann, der mit dem Grafen Appiani in ihrem Zimmer gestritten und ihn mit dem Namen „Marinelli“ angesprochen hat. Das spielt der Kammerherr herunter und nennt den Grafen sogar einen Freund. Nun will er sie zu Emilia führen, sagt so nebenbei, der Prinz sei bei ihr. Das lässt die Galotti den Plan durchschauen und bezichtigt ihn sehr laut, fast schreiend, Graf Appiani ermordet zu haben. Emilia hat das laute Gespräch gehört und ruft nach ihr. Claudia stürzt einfach in das Zimmer, aus dem sie die Stimme vermutet.



    VIERTER AKT


    Der Prinz hat von Marinelli, mit dem er in diesem Augenblick allein im Raum ist, vom Tod des Grafen Appiani erfahren und ist entsetzt. Eine mögliche Schuld will er für sich nicht sehen, genauso wenig wie Marinelli, der ein Unglück zu erkennen glaubt, das nicht vorhersehbar und schon gar nicht eingeplant war. Seine Hoheit ist verunsichert, und Marinelli verstärkt diese sichtbare Unsicherheit mit den Argumenten, dass die Vorkommnisse in der Kirche am Morgen auf die Hoheit einen Verdacht lenken, und wenn herauskommt, dass er in Emilia verliebt ist, auch ein Indiz für seine Schuld an dem Überfall sehen werden.


    Plötzlich kommt Battista hinzu und bringt die Nachricht, dass Gräfin Orsina eingetroffen sei. Der Prinz beauftragt ihn, die Gräfin sofort wieder wegzuschicken. Marinelli fragt er, was die Gräfin hier will, vor allem, woher sie weiß, dass er sich hier aufhält? Doch die Hoheit weiß es nicht und Marinelli weist daraufhin, dass sich die Gräfin wohl kaum von Battista fortschicken lasse. Als Kammerherr wäre er bereit, wenn der Prinz zustimmt, die Orsina zu empfangen, während der Prinz aus dem Kabinett nebenan zuhören kann.


    Dem stimmt der Prinz zu und zieht sich zurück, währenddessen Marinelli die Gräfin Orsina hereinbittet und sie anhört. Die Antwort überrascht nicht: Sie ist auf der Suche nach dem Prinzen, den sie in einem Schreiben um das Treffen auf diesem Lustschloss gebeten hat. Marinelli sagt, dass der Prinz den Brief zwar erhalten, aber nicht gelesen habe. Gräfin Orsina antwortet mit eindeutiger Eifersucht, dass der Prinz wohl eine andere Frau gefunden hat und sie ablegt, wie ein Kleidungsstück. Das will sie jedoch nicht hinnehmen und besteht deshalb darauf, den Prinzen sofort sehen zu wollen; sie ist überzeugt, dass er im Schloss ist.


    Der Prinz hat alles mitgehört und kommt aus dem Kabinett, weil er seinen Kammerherrn aus seiner misslichen Lage befreien will. Als die Orsina ihn sieht, wird sie erkennbar unsicher und weiß plötzlich nicht, wie sie sich verhalten soll. Und der Prinz benimmt sich so, als wäre sie überhaupt nicht da, denn er geht mit der Bemerkung, keine Zeit für sie zu haben, weil er Besuch habe, an ihr vorbei. Indem er sich zur Tür begibt, sagt er zur Gräfin, dass sie ein anderes Mal wiederkommen soll und fordert Marinelli auf, sie hinauszubegleiten.


    Die Worte haben die Gräfin verletzt und Marinelli erzählt ihr von dem Überfall auf eine Hochzeitsgesellschaft; dabei erwähnt er, dass die Braut mit ihrer Mutter beim Prinzen sei. Der Prinz will beide Frauen trösten. Als er hinzufügt, dass die Braut und ihre Mutter der Familie Galotti angehören, wird ihr klar, was da passiert ist. Sie vermutet, dass Helfershelfer des Prinzen jenen Graf Appiani umgebracht haben und nennt den Prinzen einen Mörder. Sie lässt erkennen, dass sie von Spionen weiß, dass der Prinz am Morgen jene Emilia in der Kirche getroffen hat, was Marinelli, sich unwissend gebend, erstaunt zur Kenntnis nimmt. Die Gräfin Orsina gibt sich entschlossen, die Geschichte in der Stadt bekannt zu machen.


    Überraschend kommt Odoardo Galotti zu den beiden hinzu und erklärt aufgeregt, dass er von dem Überfall gehört hat und jetzt Tochter und Gattin sucht, die sich hier im Schloss aufhalten sollen. Als er angibt, von einer schweren Verletzung des Grafen Appiani gehört zu haben, ist klar, dass er längst nicht alles weiß. Marinelli beruhigt ihn mit der Nachricht, dass beiden Frauen weiter nichts geschehen ist und sie sich beim Prinzen aufhalten. Er will aber Galotti bei der Hoheit anmelden und fragen, ob er ihn zu empfangen bereit ist, denn das Verhältnis zwischen den beiden ist, wie Marinelli angibt, gespannt. Odoardo stimmt natürlich zu und als der Kammerherr abgeht, warnt er Odoardo leise vor der Gräfin, die etwas wirr im Kopf sei. Er fügt hinzu, dass er nicht alles, was die Gräfin von sich gebe, glauben soll.


    Kaum ist Marinelli gegangen, erzählt die Orsina Odoardo, dass Graf Appiani leider tot und nicht nur verwundet sei. Außerdem wisse sie zuverlässig, dass der Prinz am Morgen Emilia in der Kirche getroffen und sie umgarnt hat. Galotti ist über diese Informationen schockiert. Als die Gräfin ihm den Verdacht mitteilt, dass der Tod des Grafen kein Zufall, sondern ein Mord war, gerät er vollends außer Fassung. Die Orsina übergibt ihm einen Dolch und erwartet offensichtlich, dass Galotti die Rache übt, die sie nicht ausführen will. Da agiert eindeutig ein eifersüchtiger Racheengel.


    In diesem Moment kommt Claudia hinzu und stellt mit Erleichterung fest, dass ihr Gatte sie endlich gefunden hat. Sie beteuert ihm auch sofort, dass sowohl sie als auch Emilia nichts Unschickliches getan haben. Odoardo nimmt das ohne weiteren Kommentar zur Kenntnis, stellt dagegen die Frage, ob Appiani wirklich tot ist und Emilia den Prinzen am Morgen in der Kirche getroffen hat. Seine Frau bestätigt beides, fügt aber sogleich hinzu, dass die Tochter den Prinzen auf Abstand hält. Galotti wendet sich an die Gräfin Orsina mit der Frage, ob sie seine Frau in die Stadt mitnehmen würde und als die das zusagt, noch ergänzt, er käme mit Emilia nach, wenn er das Gespräch mit dem Prinzen geführt habe.



    FÜNFTER AKT


    Marinelli und der Prinz haben gelauscht und auf diese Weise mitbekommen, dass Galotti die Hoheit zu sprechen wünscht. Der Kammerherr meint, dass er sich für den Schutz der beiden Frauen durch den Prinzen bedanken will. Der Prinz ist ganz anderer Meinung; instinktiv spürt er, dass es zu einem erregten Gespräch kommen und Galotti seine Tochter ihm für immer entziehen wird, zum Beispiel, dass er sie in ein Kloster steckt. Marinelli entgegnet, die Hoheit solle doch einfach Galottis Reaktion abwarten.


    Odoardo Galotti monologisiert, nicht zu wissen, wie er das Geschehene einordnen und sich dem Prinzen gegenüber verhalten soll. Er glaubt zwar, dass der Prinz in irgendeiner Form in das bittere Geschehen involviert ist, ist aber im Zweifel, ob ihm das Recht auf Rache zusteht. Ein Gedanke setzte sich in ihm fest, dass nämlich eine höhere Macht für eine ausgleichende Gerechtigkeit sorgen könnte, wenn nicht heute, dann irgendwann. Odoardo erkennt in dieser Denkweise eine Art Schutzmechanismus vor einem fehlerhaften Verhalten. Über allem steht zunächst für ihn als Vater die Pflicht, Emilias Tugend zu bewahren.


    Marinelli geht auf Odoardo zu und reißt ihn aus seinen Gedanken. Galotti gibt an, dass seine Frau mit der Gräfin Orsina das Schloss bereits in Richtung Guastalla verlassen hat und dass er seine Tochter zwar mitnehmen, aber nicht mehr dorthin zurückkehren will. Auf Nachfrage Marinellis nennt Galotti den Tod von Emilias Bräutigam, Graf Appiani, als Grund für seine Entscheidung. Diese Aussage verwundert den Kammerherrn, der nämlich der Ansicht ist, dass nur der Prinz über den Aufenthaltsort Emilias zu bestimmen habe; und die Hoheit hat beschlossen, dass Emilia mit ihrem Vater nach Guastalla zurückkehren soll. Galotti erhebt Widerspruch, doch Marinelli geht nicht darauf ein, sondern sagt, er werde den Prinzen holen.


    Erneut allein äußert Galotti sein Entsetzen über Marinellis Antwort. Er soll sich von Prinzen vorschreiben lassen, was mit seiner Tochter geschieht? Er bereut es, nicht ausführlicher mit Marinelli gesprochen zu haben, um mehr über des Prinzen Absichten zu erfahren. Insofern kann er ja jetzt nur noch auf die Begegnung mit der Hoheit abwarten.


    Der Prinz tritt ins Zimmer und kommt sofort zur Sache: Seinerseits ist gewünscht, dass Emilia weiter im Schloss bleibt, bis das Trauma des Überfalls überwunden ist. Galotti widerspricht der Hoheit und sagt, dass seine Tochter in ein Kloster gehen wird. Marinelli erhebt Einspruch, weil Emilia zunächst als Zeugin des Überfalls von der Polizei befragt werden muss, zumal es ja ein gezielter Angriff auf Graf Appiani gewesen sein soll. Galotti muss dem wohl oder übel zustimmen. Der Kammerherr will allerdings die Familie bis zum Ende der Befragung trennen und Emilia im Haus des Hofkanzlers unterbringen. Auch dem stimmt Galotti notgedrungen zu, will aber doch erst noch mit seiner Tochter sprechen.


    Nach dem Weggang des Prinzen und Marinellis fragt sich Galotti erneut in einem Monolog, ob er den Prinzen umbringen soll. Oder kann es sein, dass Emilia wirklich bei dem Prinzen zu bleiben gedenkt? Und ist sie es wert, dass man auf ihre Tugend achtet? Ein Gedanke will sich nicht mehr aus seinem Kopf verabschieden und der besagt, aus dem Schloss zu flüchten und Emilia zurückzulassen. Da er jedoch in diesem Moment Emilia auf sich zukommen sieht, muss er den Plan einer Flucht vergessen.


    Emilia möchte von ihrem Vater wissen, was mit ihrem Bräutigam ist und der muss gestehen, dass Graf Appiani gestorben ist. Er setzt noch hinzu, dass die Mutter das Schloss bereits verlassen hat. Das ist für Emilia ein Signal, ebenfalls sofort gehen zu wollen, doch Odoardo sagt ihr, dass der Prinz Einwände hat und sie im Schloss halten will. Emilia äußert Angst vor dem Prinzen, der sowohl ihre Tugend als auch ihre Unschuld bedroht; sie ist sich nicht sicher, der Hoheit auf Dauer widerstehen zu können. Sie bittet ihren Vater, sie hier und sofort zu töten. Die Vorstellung, sein Kind umbringen zu müssen, entsetzt Odoardo, doch er sticht sie tatsächlich nieder.


    In diesem Moment betreten Marinelli und der Prinz den Raum und erleben, dass Emilia stirbt. Der Prinz reagiert mit Entsetzen und ist verzweifelt. Galotti will sich als Mörder seiner Tochter der Polizei stellen, aber der Prinz verweigert das Ansinnen. Er will nicht, dass auch Galotti zu Tode kommt, der nach seiner Meinung Emilia nur schützen wollte. Er wendet sich dem Kammerherrn zu und verbannt ihn zornig des Hofes und des Landes.




    Das Trauerspiel wurde in dieser gekürzten Hörspielfassung gehört (erschienen bei argon in Zusammenarbeit mit dem MDR und SWR): Für die Inhaltsangabe isind die Schuspielführer von Reclam, Harenberg und Knaur sowie Wikipedia hinzugezogen weorden


    Hörbuch-Cover


    Die Mitwirkenden dieser Hörspielfassung:

    Emilia Galotti: Fritzi Haberlandt

    Prinz von Guastalla: Max von Pufendorf

    Marinelli, Kammerherr des Prinzen: Thomas Dannemann

    Odoardo Galotti: Hans-Michael Rehberg

    Claudia, seine Frau: Hille Darjes

    Gräfin Orsina: Dörte Lyssewski

    Conti, Maler: Michael Tregor

    Graf Appiani: Lucas Gregorowicz

    Angelo: Jonas Fürstenau

    Pirro, Diener: Bernhard Conrad

    Battista: Sebastian Schwab

    Kammerdiener: Martin Leutgeb

    .


    MUSIKWANDERER

  • Unvergeßlich ist mir die Thalheimer-Inszenierung am Berliner DT mit dem leider so früh verstorbenen Sven Lehmann.


    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Eine Aufzeichnung aus dem Deutschen Theater gibt es als DVD.


    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz