CHARPENTIER, Gustave: JULIEN OU LA VIE DU POÈTE

  • Gustave Charpentier ( 1860 - 1956 )

    Julien ou La vie du poète

    (Julien oder Das Leben des Dichters)


    Poème lyrique in einem Prolog und 4 Akten

    Libretto: Gustave Charpentier

    Originalsprache: Französisch


    Uraufführung: Paris 1913


    PERSONEN DER HANDLUNG

    Julien, Dichter, Tenor

    Louise, auch die Schönheit, das junge Mädchen, die Großmutter und das Straßenmädchen, Sopran

    Hohepriester, auch Bauer und Magier, Bass

    Zelebrant 1), auch Stimme aus dem Abgrund, Tenor

    Glöckner, Tenor

    Messgehilfe, Tenor

    Holzfäller, auch Bohèmien 2) und Kamerad, Tenor

    Steinklopfer, auch Stimme aus dem Abgrund und Kamerad, Bass

    Arbeiter, auch Kamerad, Tenor

    Maler, auch Kamerad, Bass

    Stimme aus dem Abgrund, Tenor

    Student, Tenor

    Bäuerin, Alt

    Mädchen aus dem Traum und Chimären 3), Soprane, Alte

    Kleine Blumenhändlerin, stumme Rolle

    Stimmen aus der Ferne, Tempeldiener, Weise, Diener und Dienerinnen der Schönheit, Musen, Liebende, auserwählte und gefallene Dichter, Holzfäller, Dammbauer, Bauern, Bäuerinnen, Zigeunerinnen, Stimmen der Nacht, Bretoninnen, Stimmen des Sturms, Fest- und Karnevalsmenge, Kellner, Prostituierte, Studenten, Maler, Modelle, Feen, Sirenen 4), Straßenjungen, Lehrlinge, Bauernkinder, Arbeiterkinder, Tempeltänzerinnen, Festtänzerinnen, Tänzerinnen des Moulin Rouge 5), Volk


    Ort und Zeit der Handlung: Italien, Traumland, nicht näher benanntes slawisches Land, Frankreich, Ende des 19. Jahrhunderts


    INHALTSANGABE


    PROLOG

    Ein Künstlerzimmer in der Villa Medici 6), Rom

    In einer Bettnische schläft Louise. Julien kommt herein. An der Tür winkt er seinen Kameraden zu, deren fröhliche Gesänge man noch von draußen hört, während sie sich entfernen. Er küsst die schlafende Louise zärtlich, und geht an seinen Schreibtisch. Dort preist er die Schönheit seines ersten Romans. Er träumt von seinem künftigen Ruhm. Dann legt er sich auf ein Sofa und schläft ein.

    Louise erwacht und kommt aus der Bettnische. Sie betrachtet den Schläfer, der auch im Traum von seinem Werk spricht. Sie hat gemerkt, wie sehr er in seine Dichtkunst verliebt ist und sich dadurch mehr und mehr von ihr entfremdet. Was mag er im Traum erleben? Fungiert sie nur noch als seine Muse?


    ERSTER AKT (Begeisterung)

    Im Traumland

    1. Bild: Am heiligen Berg. Ein mit Blumen bewachsener Pfad führt hinauf. Auf dem Gipfel der Tempel der Schönheit

    Sechs Traummädchen kommen mit Blumen und Palmen fröhlich den Pfad herab.

    Dann erscheint auf dem Weg ein Zug von Pilgern und Liebenden – unter ihnen Louise und Julien. Sie singen ein Loblied auf die Schönheit der Natur und die Liebe. Louise und Julien lassen die Pilger an sich vorbeiziehen. Nun preisen auch sie ihre gegenseitige Liebe. Schließlich steigen sie ebenfalls den Weg zum Tempel hinauf. Aus der Ferne hört man ein Loblied auf den Dichter und seine Geliebte. Eine Wolke senkt sich von oben herab und gibt bei ihrem Verschwinden das zweite Bild frei.


    2. Bild: Eine dunkle Schlucht am Weg zum Berge

    Eine Stimme aus dem Abgrund fordert die Träume auf, wieder zurückzukehren. Chimären weben Nebel und Trugbilder, um den heiligen Berg vor den unglücklichen Dichtern zu verbergen, die sich in der Schlucht befinden. Die unglücklichen Dichter flehen "die Flamme" an, die sie in der Vergangenheit belebte und ihnen Hoffnung auf Ruhm gab. Wenig später hört man sie nur noch in weiter Ferne. Julien schaudert's. Er möchte ihnen helfen. Noch einmal beschwören Louise und Julien Schönheit und Liebe. Die Nebel schwinden und die Szenerie geht in das nächste Bild über.


    3. Bild: Der prächtige Chor des Schönheitstempels

    Hier sind der Hohepriester, die Traummädchen, Tempeldiener, Tempeltänzerinnen, Liebhaber, Geliebte und auserwählte Dichter versammelt. Mit ihnen rufen Louise und Julien die „Flamme“ an. Sie wollen ihre Vergangenheit aufgeben, ihr Leben künftig nur noch der Schönheit weihen und alle Menschen lieben. In einem Ensemble preisen alle, jeder mit seinen Worten die Schönheit.

    Unterdessen spotten auf dem Gesims der Glöckner und der Messdiener über diese Farce und den Schnupfen des Hohepriesters. Der Hohepriester warnt Julien vor den Schattenseiten eines Lebens im Ruhm, das er sich in jugendlicher Hoffnung wünscht. Dieses Leben wird ihn durch düstere Zeiten und Leiden führen. Auch die unglücklichen Dichter lassen sich noch einmal vernehmen. Aber das alles schreckt Julien nicht ab. Er bleibt standhaft. Der Hohepriester nimmt nun seinen Wunsch an, den Leidensweg zu gehen. Der Hohepriester und die Tempeldiener ziehen sich hinter den Altar zurück. Die Anwesenden drücken ihre Bewunderung aus. Nur der Glöckner und der Messdiener spotten erneut, dann verschwinden sie, weil es Zeit zum Läuten ist.

    Während Julien zum Gebet niederkniet, beschwören der Zelebrant und die Übrigen die Schönheit.

    Eine Glocke ertönt. Die Szene verdunkelt sich. Über dem Altar zucken Blitze. Die Traummädchen – von Celesta und Harfe begleitet – und ein unsichtbarer Chor stimmen mit geistlichen Gesängen in die Beschwörung mit ein. Schließlich hört man ferne Orgelmusik.

    Nebelschwaden enthüllen langsam Louise, nun als „die Schönheit“. Julien bittet die „Schönheit“, ihn wie wie eine Mutter ihr Kind zu behüten. Sie ermahnt ihn, sich vor Hochmut zu hüten und immer zu lieben. Sie wirft ihm einen Kuss wie einen Segensspruch zu, dann entschwindet sie langsam. Unter dem Ruf der Chores „Aime! (Liebe!)“ fällt der Vorhang.


    ZWEITER AKT (Zweifel)

    Idyllische Landschaft mit Bauernhaus in einem slawischen Land. Abend im Sommer.

    Julien schläft vor dem Haus. Der Bauer, die Bäuerin und ihre Tochter beobachten ihn. In der Nähe arbeiten Holzfäller, Dammarbeiter, Bauern und Schnitter, deren Gesänge man zwischendurch hört. Sie künden von der Last der Arbeit. Zigeuner ziehen vorbei. Dann erwacht Julien. Er ist durch viele Länder gereist und wollte den Leuten die Liebe predigen, um ihr Leid zu mindern. Nun muss er enttäuscht feststellen, dass die Menschheit nicht bereit war, ihm zuzuhören. Überall wurde er verspottet und verjagt.

    Der Bauer rät ihm, nicht hochmütig zu sein; er könne nicht vollbringen, was selbst Gottes Sohn nicht vermochte. Er bietet ihm an, bei ihnen zu bleiben, um zur Ruhe zu kommen und zu vergessen. Doch Julien zweifelt daran, dass seine Illusionen aus dem Traum überleben werden. Bauer, Bäuerin und Tochter gehen ins Haus. Julien starrt auf die untergehende Sonne. Aus der Luft hört man zarte Musik.

    Dann geht der Mond auf. Ein Chor der Stimmen der Nacht spricht Julien Mut zu. Das junge Mädchen, die Bauerntochter, bringt ihm einen Krug Wasser. Sie versucht, Julian zu überreden, bei ihnen zu bleiben. Julian betont, dass niemand seinen Schmerz heilen könne. Dazwischen hört man immer wieder die Stimmen der Nacht, die ihn beruhigen wollen. Als er von seiner Erinnerung an Louise spricht, die ihm das Schicksal entrissen habe, erklärt das Mädchen, dass es auch Louise heiße. Sie fragt, ob sie ihm Louise nicht ersetzen könne, doch er weist sie sanft zurück. Ihre Liebe könne für ihn nur Bitterkeit und Gewissensbisse bedeuten.

    Der Bauer tritt heraus und bietet Julien mit einer Geste sein Haus an. Er dulde draußen keine Liebeleien. Das Mädchen und der Bauer gehen ins Haus und die Tür schließt sich. Julien erinnert sich an die mahnenden Worte des Hohepriesters.

    Julien erhebt sich und im Fortgehen spricht er die Stimmen der Nacht an, was die Zukunft ihm wohl bringe. Sie aber können ihm keine Antwort geben. Er will das Geheimnis seines Lebens ergründen: Erfolg oder Tod seiner Hoffnungen! Das junge Mädchen lehnt sich aus dem Fenster und schaut dem Fortgehenden nach.


    DRITTER AKT (Machtlosigkeit)

    Wilde Gegend an der bretonischen Küste mit einem verfallenen Herrenhaus, einem Kruzifix und einer ärmlichen Kirche

    Julien sitzt grübelnd auf der Terrasse des Herrenhauses. Die Großmutter, die die Züge Louises trägt, betrachtet ihn kummervoll. Bretonische Frauen beten vor dem Kruzifix zur Jungfrau Maria, danach gehen sie in die Kirche. Julien vertraut dem Himmel seinen Kummer an, während man von oben Stimmen im Sturm „Ho,ho“ rufen hört. Entfernt erklingt Orgelmusik, die Julien an den Traum aus Akt 1 erinnert.

    Die Großmutter ist näher an Julien herangetreten. Sie erinnert ihn an seine Mutter und rät ihm zum Gebet. Doch Julien fühlt sich verflucht. Von fern hört man Flüche. Dann zieht die Gruppe der unglücklichen Dichter mit gotteslästerlichen Worten vorüber. Julien will ihnen folgen. Die Großmutter warnt ihn vor Hochmut und Stolz, Sünden, derentwegen auch Luzifer 7) verflucht wurde. Julien wundert sich, woher die Großmutter, die nicht lesen und schreiben kann, diese Weisheit hat. Aber er ignoriert ihren Rat und sendet einen Fluch gen Himmel. Die Großmutter fällt wie tot zu Füßen des Kruzifixes.


    VIERTER AKT (Trunkenheit)

    1. Bild: Abgelegener Teil eines der äußeren Boulevards in Paris mit der Terrasse eines Gasthauses und Eingang zu einer Wandershow. Nacht.

    Julien ist gealtert, sein Äußeres wirkt verwahrlost. Er reflektiert über sein verlorenes Leben, dem er entfliehen möchte. Unterdessen erklingt aus dem Gasthaus fröhlicher Lärm.

    Ein maskiertes Straßenmädchen tritt aus dem Gasthaus und nähert sich Julien. Sie flüstert ihm ein, dass es nichts Besseres gäbe als Rotwein, um den Kummer zu vertreiben. Sie winkt einem Kellner des Gasthauses. Dieser füllt zwei Gläser und bringt sie ihnen. Während das Mädchen trinkt, versucht sie, Julien zu umgarnen. Sie behauptet, eine Muse zu sein. Dazwischen hört man wieder die Stimmen der Chimären aus dem ersten Akt. Des Mädchens Stimme weckt in Julien eine Erinnerung an frühere Zeiten. Als er sich dagegen wehrt, enthüllt sie ihr Gesicht und Julien erschrickt, denn er glaubt, in ihr seine gealterte frühere Liebe (Louise) zu sehen. Er fühlt sich wie in einem Albtraum und wendet sich ab. Mit einer einladenden Geste, ihm zu folgen, tanzt das Mädchen in Richtung Gasthaus. Einige Maskierte kommen heraus und ziehen sie mit sich in das Lokal.

    Als Julien allein ist, lässt er noch einmal sein Leben an sich vorüberziehen. Er bereut, dass er es aus Stolz an seine Trugbilder vergeudet hat. Wehmütig denkt er an Louise. Aus dem Gasthaus ertönt Ballmusik.

    Burschen und Mädchen strömen herbei, singen und tanzen fröhlich umher. Julien, der sehnsüchtig die Menge betrachtet, beschließt nun, Erlösung zu finden, indem er sich der Fröhlichkeit und dem Alkohol hingibt. Er geht auf die Menge zu.

    Auch Figuren aus dem ersten Akt huschen über die Szene: Der Glöckner, der Messdiener, die Traummädchen – als Feen gekleidet – und weitere Feen und Sirenen. Es wird dunkel und die Szenerie geht über in das


    2. Bild: Place Blanche im Stadtteil Montmartre. Ein Kabarett „Theater des Ideals“ in der Mitte. Karnevalsabend.

    Eine bunte Menge ist hier versammelt. Auch der Glöckner, der Messdiener, die Traummädchen und Feen sind dabei. Es herrscht bunter Trubel. Tänzer führen eine blasphemische Parodie der Tempeltänze aus dem ersten Akt vor. Ein Magier preist eine Kabarettvorstellung an, auf der er „die unübertroffene Schönheit“ vorstellen will. Später kommen auch Julien und das Straßenmädchen hinzu. Das Straßenmädchen preist sich Julien als die „Schönheit“ an. Julien erinnert sich, einst die Schönheit getroffen zu haben. Aber er ist zu der Erkenntnis gekommen, dass diese nur Lüge ist. Schon stark angetrunken, verkündet er – unter dem Beifall der Menge – dass die Menschen nur Lasttiere seien und die Wahrheit im lärmenden Jubel liege. Das Straßenmädchen wiederholt seine Worte und schleppt ihn dann ins Kabarett.

    Der Pöbel tobt weiter. Er preist die Trunkenheit. Sie bedroht das Kabarett, bewirft es mit Unrat und greift den Magier an. Die Feen und Tänzerinnen flüchten ins Innere. Die Menge flieht. Es wird dunkel.

    Aus dem Inneren hört man das Straßenmädchen trällern. Sie tritt heraus und Julien folgt ihr. Beide sind betrunken.

    Plötzlich ertönen Stimmen, die Julien an frühere Tage erinnern. Ein geheimnisvolles Licht lässt im Hintergrund nach und nach den Tempel der Schönheit aus dem ersten Akt erscheinen. Die Stimmen beten die „göttliche Flamme“ an. Julien bittet das Straßenmädchen, zu singen. Doch sie lacht ihn nur aus. Die Vision verschwindet wieder. Noch einmal versucht er, das Mädchen zum Singen zu bringen, die wiederum nur spöttisch lacht. Dann bricht er zu ihren Füßen zusammen.


    1) der Unterpriester, der eine Messe zelebriert

    2) so wurden Leute genannt, die zur Bohème, einer Gruppe unkonventioneller Künstler gehörten (vgl „Louise“ von Charpentier, „La Bohème“ von Puccini)

    3) Mischwesen aus der griechischen Mythologie, steht auch für eingebildete Wahrnehmungen (Trugbilder)

    4) Fabelwesen der griechischen Mythologie, die Odysseus bei seinen Irrfahrten durch ihren Gesang zu betören versuchten

    5) weltbekanntes Kabarett in Paris

    6) in Rom eine Villa aus dem 16. Jahrhundert, die u.a. die Akademie der schönen Künste beherbergt.

    7) wörtlich „Lichtbringer“, in der christlichen Mythologie oberster der Teufel, der – ursprünglich Erzengel – wegen seines Hochmut in die Hölle verstoßen wurde

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Anmerkungen

    „Julien“ ist die Fortsetzung von Gustave Charpentiers erfolgreicher Oper „Louise“. Während in „Louise“ – eingebettet in eine realistische Handlung (Liebe zwischen Louise und Julien und Familiendrama bei Louises Eltern) – vor allem das bunte Leben der Künstler (Bohèmiens) in Paris eine entscheidende Rolle spielt, ist es in Julien – abgesehen von dem Prolog – in meist imaginären Szenen das Seelenleben des Poeten.

    Wie in „Louise“ erfordert das Werk eine Vielzahl an Personen, wobei dieselbe Person in den einzelnen Akten in verschiedenen Gestalten auftritt (z.B. Louise als die Schönheit, das junge Mädchen, die Großmutter und das Straßenmädchen oder der Hohepriester, zugleich der Bauer und der Magier). Gustave Charpentier bezog in der Oper die Musik aus seinem 1889 entstandenen sinfonischen Poem „La vie du Poete“ mit ein.

    Das Werk hatte einen weit geringeren Erfolg als „Louise“ und wurde nach wenigen Aufführungen wieder abgesetzt. In der Folgezeit wurde es nur noch selten aufgeführt (z.B. 1914 in der MET mit Geraldine Ferrar und Enrico Caruso oder 2001 in Dortmund). Von der Dortmunder Aufführung gibt es eine gekürzte Audio-Aufzeichnung, die man auch auf youtube anhören kann:

    Von der Aufführung aus der MET soll es auch einen Mitschnitt geben, den ich aber nirgendwo im Angebot gefunden habe.

    Weitere Opernprojekte von Gustave Charpentier blieben Fragmente.

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Hallo,

    wer sich die Mühe machenwill:Bei Premiereoperaintl in den USA kann man eine Verfilmung der Dortmunder Aufführung - in allerdings reichlich bescheidener Qualität - bekommen.

    Schöne Grüße

    wega