Johannes Brahms Werke - Welches sind Eure Lieblingsinterpretationen?

  • Hallo,


    Sinfonie Nr.1 c-moll Op.68


    Manche bezeichneten diese Sinfonie gleichsam als Beethovens 10.. Eine gewisse Kritik seiner Zeitgenossen konzentrierte sich auf die sehr traditionelle Gesamtkonzeption und den sehr ernsten Gesamtcharakter. Brahms arbeitete insgesamt über 14 Jahre an diesem Werk. dabei wurde der 1. Satz in seiner Grundkonstruktion schon 1862 geschrieben und Clara Schumann zugebracht. Erst in den jahren 1874-76 wurde die Sinfonie komplettiert. Die Uraufführung erfolgte 1877 unter der Leitung von F.O. Dessoff in Karlsruhe, wenige Tage danach die nächste Aufführung unter der Leitung des Komponisten in Mannheim. Die Geteilte Einleitung des Finalsatzes ist bist dahin unerhört und die Entwicklung zum strahlenden Glück im Finale ist IMO noch intensiver, ja inniger als in Beethovens Neunter.


    Den 1. Satz nahmen wir in der 10. Jahrgangsstufe durch. Ich erinnere mich, dass unser Lehrer eine eigene Schallplatte mitbrachte, welche er in den USA erwarb. Ulkig war die Tatsache, dass sie deformiert bzw. gewellt war ! Daraufhin besorgte ich mir auf MC die Aufnahme mit Böhm und den Wiener Philharmonikern. Diese Aufnahme empfand ich ziemlich unbeweglich.


    Nun standen mir 3 Aufnahmen auf CD zur Verfügung: Wand/Münchner Philharmoniker (live), Maazel/Wiener Philharmoniker (live), Sawallisch/London Philharmonic Orchestra. Daher werde ich zwei hieraus nominieren. Die beiden Aufnahmen sind aufnahmetechnisch superb eingefangen, während man bei den Wiener Philharmoniker mit Maazel mitten im Orchester sitzt, sitzt man bei den Münchner Philharmoniker mit Wand in der 1.-3. Reihe. Beide Interpretationen sind rhythmisch straff und sehr transparent. Sawallisch und das LPO sind auch phantastisch, aber der Live-Eindruck ist halt doch spannender.


    Günter Wand, cond

    Münchner Philharmoniker


    (Hänssler Profil, DDD, live, 1997)


    Brahms: Symphony No. 1 / Beethoven: Symphony No. 1


    Lorin Maazel, cond

    Wiener Philharmoniker


    (Vienna Philharmonic Records/Edition Kurier, DDD, live, 1985)


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    LG Siamak

  • Klaviersonate Nr.1 C-Dur Op.1


    Brahms’ 1. Klaviersonate entstand erst nach der 2. (fis-moll) und bekam die Opuszahl 1. Brahms persönlich spielte die Uraufführung im Leipziger Gewandhaus 1853. Der Klaviersatz ist sehr vollgriffig und die Sonate hat insgesamt symphonisches Ausmaß. Interessant: Der A-Teil des 2. Satzes verarbeitet ein altdeutsches Minnelied. In den Ecksätzen arbeitet Brahms sehr beweglich mit den Motiven und man hört in der Durchführung ein ausgeprägtes durchbrochenes Spiel. Brahms Kompositionstechnik hat sich schon in diesen Frühwerken etabliert.


    Erstmalig hörte ich während der Studienzeit diese Sonate aus der Gesamtaufnahme des Brahmsschen Klavierwerkes mit Julius Katchen auf LP. Von den drei Klaviersonaten Brahms’ brauchte ich zum Verständnis am meisten Zeit bei der Ersten.


    Auf CD standen mir 5 Aufnahmen zur Verfügung. Nach 2 Hörrunden kann ich nun 3 Lieblingsaufnahmen nominieren.


    Julius Katchen, p


    (DECCA, ADD, 1965)



    Dies ist für mich die beeindruckendste Interpretation dieser extrem kompakten Sonate. Julius Katchen stehen derart stupende manualtechnische Fähigkeiten zur Verfügung, dass selbst im vollgriffigsten Bereich der melodische Bogen, die atmende Phrasierung ausgekostet wird, man hört ein Top-Symphonieorchester !


    Sviatoslav Richter, p


    (DECCA, DDD, live, 1987)


    Brahms: Piano Sonatas Nos.1 & 2


    Es ist erstaunlich, wie der 70-Jährige höchstmusikalisch und sonor mit dieser Sonate umgeht, und dies noch live.


    Alexander Melnikov, p


    (HM, DDD, 2011)


    Brahms: Piano Sonatas Nos.1 & 2


    Auch hier trifft man auf eine sehr organische und sonore Darstellung. Klanglich kommt noch hinzu, dass Melnikov auf einem historischen Bösendorfer Flügel der Brahms-Zeit spielt.


    LG Siamak

  • Gerade mal wieder ene Schallplatte aufgelegt. 1. Klavierkonzert von Brahms, Berliner Philharmoniker, Emil Gilels und Eugen Jochum. Immer wieder lese ich gute Kritiken und Gejammere darüber, dass es keine guten Einspielungen bzw. großartige Pianisten mehr gibt. Ich bin erstaunt, weil außer dem Alter der Aufnahme gar nichts für sie spricht (ungefähr gleich dem Alter der lobenden Kommentatoren). Jochum walzt das Tempo platt, Gilels spielt gut, kann aber auch nichts herausreißen und die Berliner Philharmoniker spielen auf höchstem Niveau - wie auch sonst. Trotzdem: Verschenkte Lebenszeit für gehobene Langeweile. Um mich zu wiederholen: London Symphony Orchestra, Ltg.: Vaclav Neumann, Sol.: Seta Tanyel: Eine Offenbarung, eine Jahrhundertaufnahme, der Meilenstein schlechthin!



    Ist zwar auch nicht taufrisch, dafür aber unerreicht. (Ich habe mich gerade durch einige bemerkenswerte Interpretationen des Konzertes durchgehört: Weissenberg, Grimaud, Gvodic, Grinberg, Wang und trotzdem: s.o.

    "His philosophy was to transmit the music to the public and not boring the public. A concert is not a lecture, a concert you go for enjoyment." WTH

  • Es gibt sie noch am großen Urwaldfluss als MP3 für 3,87 €. Ich habe sie gerade bei Youtube auf dem Kopfhörer. Vor allem klanglich gefällt sie mir über die Maßen. Wenn ich das richtig gelesen habe, ist sie wohl bei Collins Classics herausgekommen.


    Liebe Ostergrüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Gerade mal wieder ene Schallplatte aufgelegt. 1. Klavierkonzert von Brahms, Berliner Philharmoniker, Emil Gilels und Eugen Jochum. Immer wieder lese ich gute Kritiken und Gejammere darüber, dass es keine guten Einspielungen bzw. großartige Pianisten mehr gibt. Ich bin erstaunt, weil außer dem Alter der Aufnahme gar nichts für sie spricht (ungefähr gleich dem Alter der lobenden Kommentatoren). Jochum walzt das Tempo platt, Gilels spielt gut, kann aber auch nichts herausreißen und die Berliner Philharmoniker spielen auf höchstem Niveau - wie auch sonst. Trotzdem: Verschenkte Lebenszeit für gehobene Langeweile. Um mich zu wiederholen: London Symphony Orchestra, Ltg.: Vaclav Neumann, Sol.: Seta Tanyel: Eine Offenbarung, eine Jahrhundertaufnahme, der Meilenstein schlechthin!



    Ist zwar auch nicht taufrisch, dafür aber unerreicht. (Ich habe mich gerade durch einige bemerkenswerte Interpretationen des Konzertes durchgehört: Weissenberg, Grimaud, Gvodic, Grinberg, Wang und trotzdem: s.o.

    Lieber Harry,


    ich habe nun nach Deinen insistierenden Nennungen der Aufnahme mit Seta Tanyel diese gehört. IMO ist es eine sehr gute Aufnahme. Aber für 1989 finde ich sie aufnahmetechnisch nicht so differenziert. Und Tanyel spielt brillant. Dabei kommen die Zwischentöne nicht so heraus. Auch die Stimmen in der linken Hand sind kaum hörbar. Für Dich ist es eine Jahrhundertaufnahme, für mich eine sehr gute unter vielen. Ich danke Dir für Deine Hinweise auf diese sehr gute Pianistin der Wiener Schule, Sie und Rudolf Buchbinder dürften sich aus der Studienzeit gut kennen.


    LG Siamak

  • Hallo,


    Sinfonie Nr.2 D-Dur Op.73


    Im Gegensatz zur 1. Sinfonie erstellte Brahms diese Komposition recht ‚rasch‘ im Laufe des Jahres 1877. Im selben Jahr wurde sie unter der Leitung von Hans Richter in Wien uraufgeführt und wurde enthusiastisch aufgenommen. Für mich klingt der 1. Satz sehr erhaben mit einer Portion Melancholie. Das Finale ist IMO eine Art Ekstase mit überbordender Dur-Energie.


    Ich bin ja kein ‚Sinfonie-Experte‘. Daher habe ich nur drei Aufnahmen auf CD: Karajan/BP (1963), Schuricht/WP (live in Luzern, 60er) und Sawallisch/LPO (1990). Ich finde doch, dass eine Aufnahme in jeder Hinsicht hervorsticht:


    Herbert von Karajan, cond

    Berliner Philharmoniker


    (DG, ADD, 1963)



    IMO ist sensationell der Gesamtsound. Hier wird mit schneidender Präzision und doch einer Wärme in der Phrasierung musiziert. Die Aufnahmetechnik ist IMO überragend.


    LG Siamak

  • Hallo


    Klaviersonate Nr.2 fis-moll Op.2


    Diese Sonate entstand vor der Op.1, Brahms stellte sie noch 1852 in Hamburg fertig. Im weiteren verlauf widmete er sie Clara Schumann, nachdem er das Ehepaar Schumann 1853 kennenlernte.


    Ich mochte diese Sonate vom ersten Anhören. Es ist IMO ein hochromantisches Sturm-und Drang Werk mit feiner klassischer Kompositionstechnik. Alle vier Sätze nehmen in Bann, der Kopfsatz mit seiner attackenartigen Energie, der traumhaft-melancholische 2. Satz, das tolle Scherzo und das Finale mit seiner Steigerung.


    Ich hörte diese Sonate während meiner Schulzeit auf LP mit Claudio Arrau, das Werk war mit den Paganini-Variationen gekoppelt (Philips).


    Nun standen mir 4 Aufnahmen auf CD zur Verfügung, und mich für 3 Lieblingsaufnahmen zu entscheiden, war sehr schwierig. da ich mich bei der ersten Sonate nicht für ihn entschied, tue ich es jetzt, Detlef Kraus !


    Detlef Kraus, p


    (Thorofon, ADD, 1973)


    Detlef Kraus: Johannes Brahms (1833-1897) • Sonate Nr. 2 etc. CD


    Detlef Kraus war Schüler von Wilhelm Kempff, stammte wie Brahms aus Hamburg. Brahms war der Fokus dieses hochgewachsenen Pianisten. Ich erlebte ihn live in Essen im Rahmen ‚Musik an der Uni‘. Der Zyklus wurde vom damaligen Direktor des Humangenetischen Instituts in Essen, Herrn Prof. Passarge, organisiert und moderiert. Kraus war Lehrer an der Folkwang Hochschule in Essen. Bei ihm ist Virtuosität vollständig in die musikalische Aussage integriert. sein Anschlag ist warm und sonor. Die Brahmsschen Zwischentöne blühen auf.


    Julius Katchen, p


    (DECCA, ADD, 1964)



    Ich kann hier nur wiederholen und auf meine Bemerkungen bei der 1. Sonate hinweisen. Hoch virtuos und organisch.


    Sviatoslav Richter, p


    (DECCA, DDD, live, 1987)


    Richter spielt Brahms


    Auch hier: siehe unter der 1. Sonate.


    LG Siamak

  • Für das Violinkonzert D-Dur, op. 77 nominiere ich:



    -Für mich die vielleicht gelungenste Aufnahme des Werkes. Isaac Stern, der 1936 das Konzert erstmals mit Pierre Monteux aufführte, weiß mit einem üppigen, fein differenzierten, niemals "süßlichen" Geigenton zu gefallen und wird von Eugene Ormandy und "seinem" Philadelphia Orchestra engagiert, im Adagio sehr gefühlvoll und im Finalsatz schwungvoll begleitet.



    -Siamak (AcomA02) hatte die Einspielung bereits für mich absolut zutreffend beschrieben und ebenfalls nominiert. Gidon Kremer und Leonard Bernstein widmen sich dem Konzert mit einer Intensität, die nur dann erreicht werden kann, wenn absolute Meister ihres Fachs miteinander musizieren.


    vs.


    Zu der Aufnahme mit Isabelle Faust und Daniel Harding hatte sich Siamak ebenfalls geäußert. Sie hätte es auch bei mir "verdient", zu den Top-3-Aufnahmen zu zählen, setzt im anspruchscollen Solopart sehr schöne, eigene Akzente, aber der Vortrag von der zum Zeitpunkt der Aufnahme 21-jährigen Hilary Hahn begeistert nicht nur mit technischer Makellosigkeit, sondern auch mit einer Leichtigkeit, die nur sehr selten in dieser Form zu hören ist. Sie lässt die Musik aus sich selbst heraus wirken und wirkt wie ideale Symbiose aus dem "Klassizismus" von Isaac Stern und der sensiblen (positiven) "Nervosität" Kremers. Sir Neville Marriner weiß, wem er den Vortritt zu lassen hat, animiert "sein" Orchester aber zu einem klangschönen Spiel ohne Fehl und Tadel.


    U.a. Oistrach/Klemperer, Repin/Chailly, Mintz/Abbado, die beiden Aufnahmen mit Thomas Zehetmair und Frank Peter Zimmermann/Sawallisch hätte ich ebenfalls ohne Bedenken nominieren können, aber es kann halt nur drei Nominierungen geben...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hallo,


    Klaviersonate Nr.3 f-moll Op.5


    Brahms komponierte diese Sonate überwiegend im Oktober 1853. Der 2. ud 3. Satz wurden durch Clara Schumann 1854 in Leipzig und die gesamte Sonate durch Hermann Richter ebenfalls 1854 in Magdeburg uraufgeführt. Für mich gibt es zwei Höhepunkte in diesem starken Werk: der Mittelteil des langsamen 2. Satzes und die ekstatische Coda im Finalsatz.


    Mir standen auf CD 10 Aufnahmen zur Verfügung. Nach der ersten Hörrunde konnte ich 5 Aufnahmen in die engere Auswahl nehmen: Kraus, Katchen, Sokolov, Ashkenazy und Kuijken (fp). Nach der zweiten Hörrunde konnte ich meine 3 Lieblingsaufnahmen benennen:


    Detlef Kraus, p


    (Thorofon, ADD, 1973)


    Johannes Brahms: Sonate F-Moll op. 5, Sechs Klavierstücke op. 118


    Wieder Mal merkt man die langjährige Auseinandersetzung dieses bescheidenen Künstlers mit Brahms. Kaum einer hält den musikalischen Atem so organisch. Die dynamische Bandbreite ist enorm und sein Ton sehr sonor und warm.


    Julius Katchen, p


    (DECCA, ADD, 1964)



    Julius Katchen hat die mit Abstand stärkste manuelle Kpazität. Sein Spiel ist eruptiv und klanglich opulent.


    Vladimir Ashkenazy, p


    (DECCA, DDD, 1991)


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    Ashkenazy überzeugt mit symphonischem Ansatz und sehr organischer Phrasierung. Im Dienste der musikalischen Aussage kommt hier enorme Virtuosität zum Vorschein. Sehr schöne Akustik.


    LG Siamak

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  • Hallo,


    Sinfonie Nr.3 F-Dur Op.90


    Über den Entstehungsprozess dieser Sinfonie ist kaum etwas bekannt. Das Werk wurde 1883 fertiggestellt (Wiesbaden) und in Wien unter Hans Richter uraufgeführt. Es ist IMO ein sehr melodisches und melancholisches Werk.


    Ich konnte auf CD auf 4 Aufnahmen zurückgreifen: Karajan/BP, Scherchen/RTSI, Dohnanyi/Cleveland Orchestra und Sawallisch/LPO.


    Auch hier überragt IMO aufgrund der dynamischen Akzente und des Gesamtsoundes mit Leidenschaft und bewegter Phrasierung die Aufnahme mit Karajan und den Berliner Philharmonikern.


    Herbert von Karajan, cond

    Berliner Philharmoniker


    (DG, ADD, 1964)


    7415100


    LG Siamak

  • Lieber Harry,


    ich habe nun nach Deinen insistierenden Nennungen der Aufnahme mit Seta Tanyel diese gehört. IMO ist es eine sehr gute Aufnahme. Aber für 1989 finde ich sie aufnahmetechnisch nicht so differenziert. Und Tanyel spielt brillant. Dabei kommen die Zwischentöne nicht so heraus. Auch die Stimmen in der linken Hand sind kaum hörbar. Für Dich ist es eine Jahrhundertaufnahme, für mich eine sehr gute unter vielen. Ich danke Dir für Deine Hinweise auf diese sehr gute Pianistin der Wiener Schule, Sie und Rudolf Buchbinder dürften sich aus der Studienzeit gut kennen.


    LG Siamak

    Zunächst mal: Dein Kommentar freut mich. Ein paar Anmerkungen seien erlaubt, weil du einiges durcheinandergebracht hast. Die Aufnahme ist ziemlich gut. Mein Maßstab ist allerdings ein anderer. 1. Ich höre gerne Toscanini. Ein überaus bedeutender Dirigent. Das ändert sich keineswegs dadurch, dass die Aufnahmequalität deutlich schlechter als bei meinem "Lieblingskonzert" ist. Als es noch HiFi Stereo gab (meine Arcus TM 1000 stammen noch aus der Zeit) wurde über gute Aufnahmen kontrovers diskutiert. Die Gegensätze: Eine Aufnahme aus Hörerperspektive - etwa 10 Reihe eines sehr guten Konzertsaals (etwa die Glocke in Bremen :-) oder eine, bei der der Hörer sich mitten im Orchester wähnt. Ich plädiere aus grundsätzlichen Erwägungen für die erste Aufnahmetechnik. Die 2. (sensationelles Beispiel: Yuja Wang mit ihrem 3. Rachmaninoff Klavierkonzert 2019 aus Macao) hat auch was für sich, ist aber eine diametral andere Herangehensweise. Die "linke Hand" ist nicht gut zu hören (stimmt, obwohl die "Mängel" auf meiner Anlage gering sind). Aber: Das liegt an der suboptimalen Aufnahmetechnik. Mit der Interpretation hat das alles noch nichts zu tun.Kommen wir also zur Interpretation: (vorsicht: ich bin nur Hörender) Die Melodiebögen sind hier perfekt erfasst. Nahezu keine Betonung stört das, die Werkauffassung der Pianistin ist perfekt. Die Aufnahme ist lang, aber nicht wegen verschleppter Ecksätze, sondern wegen einem großartigen, sehr langsam ausgekosteten Mittelsatzes. (Viele der "hochgelobten" Solisten "sparen" hier ganz unauffällig Gesamtzeit ein.) Seta Tanyel verzögert oft, aber immer genau passend und in völliger Harmonie mit dem Dirigenten. Das ist natürlich (m)eine Geschmacksfrage, was sonst? Aber ich habe mich durch Aufnahmen mit Andras Schiff, Vladimir Horowitz, Maurizio Pollini, Yefim Bronfman, Steven Kovacevich, Alfred Brendel, Daniel Barenboim, Daniel Wayenberg, Helene Grimaud (!), Gerhard Oppitz, Rudolf Buchbinder, Rene Francois Duchable, Clifford Curzon, Leif Ove Andsnes, Claudio Arrau, John Lill, Wilhelm Backhaus, Vladimir Feltsmann, Julius Katchen, Radu Lupu, Leon Fleisher, Stefan Vladar, Emil Gilels, Glenn Gould, Krystian Zimerman, Andreas Häfliger, Lise de la Salle, Alexis Weissenberg, Lazar Berman, Elisabeth Leonskaja, Rudolf Serkin, Yuri Egorov, Rudolf Firkusny, Maria Grinberg, Pavica Gvozdic, Miki Harasawa, Erik Then Berg, Lars Vogt und Yuja Wang gehört. (Das sind nur die Aufnahmen, die ich habe, nicht erwähnt sind verschiedene Interpretationen mit den genannten Solisten.) Seit You Tube sind auch die nicht mehr erwähnt, (Myra Hess z.B.), die ich nach der großen Fülle des Erhörten nach ein paar Minuten nicht weiterhöre. Ich will auch nicht abtstreiten, dass sich die Qualität mancher Interpretationen (Helen Grimaud) zumindest mir erst nach dem 5. Hören offenbart. Manche der hochgelobten Interpreten fallen bei mir auch gnadenlos durch, Vladimir Horowitz, der mit einer Spielzeit unter 43 Minuten hoffnungslos überfordert ist, ebenso wie Leon Fleisher bei seinem Debut mit sechzehn und knapp 44 Minuten. Da scheinen technische Grenzen zu liegen (siehe die genannten Solisten) (Ob das auch für Yuja Wang gelten würde, sei mal dahingestellt ..., aber die ist zeitlich in ganz anderen Dimensionen unterwegs) Kurz zusammengefasst: für MICH ist Seta Tanyel mit einer makellosen, im Wesen perfekt getroffenen Interpretation unterwegs. (Was ebenfalls nicht heißt, dass es nicht vollkommen konträre Werkauffassungen geben kann, die gegensätzliche Pole repräsentieren (Saint Saens 2. KK mit Melda oder eben Gilels).

    "His philosophy was to transmit the music to the public and not boring the public. A concert is not a lecture, a concert you go for enjoyment." WTH

    Einmal editiert, zuletzt von Harry Baumann ()

  • Für das


    Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-moll, op. 102 nominiere ich:



    Bei allen drei Aufnahmen hat mich die sehr gute Harmonie beider Solisten beeindruckt. Es gibt leider einige Einspielungen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass die Solisten gegeneinander und nicht miteinander musizieren. Bei Gil Shaham/Jian Wang, Gordan Nikolitch/Tim Hugh und Mark Kaplan/David Geringas ist das nicht der Fall. Im Gegenteil, die Solisten hören sensibel aufeinander, nehmen das Spiel des Partners an und auf und verarbeiten es mit dem eigenen Solopart zu einer harmonischen Einheit.


    Die größte Überraschung stellte für mich die Aufnahme mit Bernard Haitink dar, denn hier wird deutlich, dass man keine "Stars" braucht, um das Konzert meisterhaft zu interpretieren. Gordan Niolitch war zum Zeitpunkt der Aufnahme Konzertmeister des LSO und Tim Hugh Solocellist. Bernard Haitink wartet mit einem kraftvollen Orchesterspiel auf. Claudio Abbado agiert etwas feiner, während das transparente Orchesterspiel, zu dem Michael Gielen "sein" Orchester animiert, unübertroffen ist. Besonders weiß der schwungvolle Finalsatz zu gefallen.


    Auf den Plätzen knapp hinter dem Spitzentrio sehe ich die Einspielungen Vadim Repin/Truls Mork/Riccardo Chailly, Wolfgang Scheiderhan/Janos Starker/Ferenc Fricsay und Isaac Stern/Leonard Rose/Eugene Ormandy.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Ich nominiere für das Violinkonzert D-Dur op. 77 diese Einspielungen:

    Christian Ferras ist m.E. zu Unrecht selten erwähnt bis fast vergessen. Er hat in den 60ern die vier "großen" Violinkonzerte mit Karajan und den Berlinern eingespielt.


    wenn nur die Kadenz nicht wäre =O

    Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem Zeitvertreib auffgesetzet und verfertiget (Johann Sebastian Bachs Eigentitel auf dem Titelblatt des Autographs des Wohltemperierten Claviers, Teil I, 1722)

    Einmal editiert, zuletzt von patebino ()

  • Hallo


    Sinfonie Nr.4 e-moll Op.98


    Die ersten beiden Sätze wurden 1884 fertiggestellt und dritter sowie vierter Satz 1885. Im selben Jahr wurde sie unter der Leitung Brahms’ in Meiningen uraufgeführt. Die 4. Sinfonie gehört seitdem zu den beliebtesten Werken Brahms’.


    Ich lernte das Werk während der Oberstufe auf MC mit der berühmten DG-Aufnahme kennen: C. Kleiber/Wiener Philharmoniker ! Ich bin bis heute von dem Werk in dieser Aufnahme geprägt. Ich finde diese Sinfonie kompositionstechnisch zusammen mit der Ersten stärker als die mittleren Sinfonien.


    Mir standen nun 4 Aufnahmen auf CD zur Verfügung: Dohnanyi/Cleveland Orchestra (Teldec), C. Kleiber/Wiener Philharmoniker (DG), Celibidache/SWR Sinfonieorchester (DG) und Sawallisch/London Philharmonic Orchestra (EMI).


    Als Nicht-Sinfoniker konnte ich mich nach einer Hörrunde sofort auf zwei Lieblingsaufnahmen festlegen ! Die musikalische Präsenz, die Phrasierung, die Aufmerksamkeit der Instrumentengruppen, die Transparenz, die Akustik und vor allem: die Leidenschaft im Ausdruck ohne Bombast !


    Carlos Kleiber, cond

    Wiener Philharmoniker


    (DG, DDD, 1981)



    Sergiu Celibidache, cond

    SWR Sinfonieorchester Stuttgart

    (DG, ADD, 1974)


    Celibidache-Edition (The Stuttgart Recordings 1: Brahms-Sinfonien)


    LG Siamak

  • Für das Doppelkonzert op. 102 gefallen mir diese beiden Aufnahmen am besten:


    unübertroffen

    Oistrach, Rostropowitsch, Cleveland Orchestra, George Szell


    Kremer, Maisky, Wiener Philharmoniker, Leonard Bernstein

    Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem Zeitvertreib auffgesetzet und verfertiget (Johann Sebastian Bachs Eigentitel auf dem Titelblatt des Autographs des Wohltemperierten Claviers, Teil I, 1722)

  • Hallo,


    Violinsonate Nr.1 G-Dur Op.78 ‚Regensonate‘


    Brahms schrieb seine erste veröffentlichte Violinsonate zwischen 1878 und 1879, teilweisewährend seines Aufenthaltes am Wörther See. Im letzten, ebenfalls sehr innig-lyrischen Satz zitiert er aus seinem ‚Regenlied‘.


    Diese Sonate übt mit ihrem Grundcharakter auf mich einen beruhigenden und zuversichtlichen Eindruck aus. Erstmalig hörte ich sie während der Schulzeit mit der Einspielung durch Zukerman und Barenboim auf MC (DG).


    Nun standen mir 6 Aufnahmen auf CD zur Verfügung, ‚Klassiker‘ wie Szeryng/Rubinstein (RCA), Schneiderhan/Seemann (DG) und Perlman/Ashkenazy (EMI), sowie Kremer/Afanassiev (DG), Faust/Melnikov (HM) und Kavakos/Wang (DECCA). Nach der ersten Hörrunde standen für mich die 3 Lieblingsaufnahmen fest. Perlmans Ton ist mir zu säuselnd mit permanentem Vibrato.


    Gidon Kremer, v

    Valery Afanassiev, p


    (DG, DDD, 1987)


    Brahms: 3 Violinsonaten / Busoni: Violinsonate No. 2

    Kremer spielt hier für seine Verhältnisse mit mehr Vibrato. Afanassiev hat sich hier wohl durchgesetzt mit seinen langsamen Tempi. Wundervoll bringt Afanassiev den Flügel zum Klingen. Beide Musiker überzeugen mit überragendem Zusammenspiel.


    Isabelle Faust, v

    Alexander Melnikov, p


    (HM, DDD, 2007)


    Horn Trio Op.40 - Violin Sonata Op.78


    Isabelle Faust beeindruckt mit sehr vibratoarmen Spiel und gleichzeitig herbem und schattierungsreichem Spiel. Alexander melnikov harmonisiert blindlings. Der obertonreiche Klang des Bösendorfer von 1875 passt irrsinnig gut.


    Leonidas Kavakos, v

    Yuja Wang, p


    (DECCA, DDD, 2014)



    Hier hören wir IMO eine reizvolle Verstrickung des kristallinen fast impressionistisch klingenden Spiels von Yuja Wang und dem vibratoarmen und variablen Strich von Leonidas Kavakos.


    LG Siamak

  • da muss ich mal wieder meine CD mir Znaider/Bronfman anhören ......


    JPC meldet: … derzeit nicht erhältlich… :(


    Wenigstens jetzt das Cover:


    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Danke.


    Läuft gerade, uns danach Suk/Katchen aus der Decca Legends Serie, auch die finde ich bei JPC nicht.....


    Anhören kann man es aber....



    Kalli

  • Banner Trailer Gelbe Rose
  • Zitat von kalli

    danach Suk/Katchen aus der Decca Legends Serie, auch die finde ich bei JPC nicht.....

    aber doch....


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Hallo,


    Violinsonate Nr.2 A-Dur Op.100


    Brahms komponierte diese Sonate während eines Aufenthaltes am Thuner See 1886. Sie ist IMO deutlich bewegter und mit mehr Dramatik behaftet als die erste Violinsonate. Ich mag es, wenn die Interpreten diese Bewegung auch umsetzen.


    Mir standen 7 Aufnahmen auf CD zur Verfügung. Szeryng/Rubinstein (RCA) und Schneiderhan/Seemann (DG) haben hier wirklich sehr gute Aufnahmen eingespielt. Gidon Kremer wird leider von Valery Afanassiev bei dieser Sonate total ausgebremst und was bei der ersten Violinsonate IMO wunderbar passte lässt hier das Werk auseinanderfallen. Im dritten Satz führt es zu einer Lethargie ! Ich war mir nach der ersten Hörrunde sicher, welche 3 Aufnahmen ich nominieren werde.


    David Oistrach, v

    Sviatoslav Richter, p


    (Melodiya, ADD, live,1972)


    Brahms - Violin Sonatas Nos.2 & 3 / Franck - Violin Sonata in A Major - David Oistrakh (Melodiya, Volume 4) (CD)


    Wir kennen Richter als leidenschaftlich zupackenden Brahms-Interpreten mit motorischem Drive und den Zwischentönen ohne zuviel Pedalisierung. Eine überragende Live-Dokumentation mit sehr guter Tonqualität hören wir hier, man sitzt nahe an den Künstlern.


    Leonidas Kavakos, v

    Yuja Wang, p


    (DECCA, DDD, 2014)



    IMO handelt es sich hier um eine, um die Worte von Harry Baumann zu benutzen, ‚Jahrhundertaufnahme‘. Ich weiß nicht, wie lange die beiden Musiker schon zusammen gespielt hatten, es ist eine wundersame Verstrickung mit dem musikalischen Einsatz höchster Virtuosität auf beiden Instrumenten. Kavakos’ Strich ist sehr variabel und vibratoarm, Wang spielt den schwierigen Klavierpart mit mozartscher Leichtigkeit. Unfassbar, wie im B-Teil des grazilen Mittelsatzes das Tempo angezogen wird.


    Ruggiero Ricci, v

    Julius Katchen, p


    (DECCA, AAD, 1956)


    Various: Virtuoso


    Es handelt sich hier IMO um eine aussergewöhnliche Künstlerkombination. Der damals berühmte Ruggiero Ricci, fast auf gleicher Ebene genannt wie Jascha Heifetz, und der noch nicht sehr bekannte hochvirtuose Julius Katchen. Es handelt sich um eine sehr direkte Mono-Aufnahme (ich finde sie klanglich gut), wobei Ricci, ähnlich wie bei Heifetz, aufnahmetechnisch etwas im Vordergrund positioniert ist. Er spielt selbstverständlich altmodisch mit viel Vibrato, die Kombination mit dem sehr agilen Katchen, Brahms-Spezialist, reisst einen wirklich mit.


    LG Siamak