Marta Krásová - Die große tschechische Mezzosopranistin (1901-1970)

  • Mit diesem Beitrag möchte ich die große tschechische Mezzosopranistin Marta Krásová (* 16.03.1901 † 20.02.1970) ehren. Sie zählte zu den großen Publikumslieblingen des Prager Nationaltheaters, wo sie von 1926-1969 unzählige Partien des Opernrepertoires gestaltete. Viele ihrer Paraderollen zum Teil in mehreren Inszenierungen.


    Geboren wurde sie 1901 als Tochter eines Bierbrauers im südböhmischen Ort Prodovín, nahe von Budweis (České Budějovice), wo sie schließlich an der Jeremiáš-Musikschule bei Otakar Jeremiáš, dem Sohn des namensstiftenden Komponisten, ihren ersten Gesangsunterricht erhielt. Dort wollte die musikbegeisterte Marta eigentlich ihre Ausbildung in Klavier und Geige vertiefen, jedoch entdeckte der Violinist Otakar Ševčík durch Zufall ihre Gesangsstimme und ermunterte sie schließlich, ihren Wunsch Lehrerin zu werden aufzugeben um sich stattdessen ernsthaft dem Gesang zu widmen. Den letzten Stein brachte wohl Olga Borova-Valoušková, Solistin des Prager Nationaltheaters, ins Rollen, als sie die junge Krásová singen hörte und fortan ihre weitere Ausbildung höchstpersönlich in die Hand nahm. Obwohl selbst Altistin, riet sie ihrem Schützling zum Sopranfach und empfahl ihr gleichzeitig, dramatischen Unterricht bei Růžena Maturová (die Uraufführungssängerin von Dvořáks Rusalka) zu nehmen. Die war es schließlich auch, welche Krásová schließlich ins Mezzofach drängte. Letzten Schliff holte sie sich bei den Pädagogen Carl Emmerich, Apollo Granforte und Ludmilla Prochazková-Neumannová sowie in Wien beim Pianisten Paul Ulanowsky. Ihr Bühnendebut erfolgte wohl 1922 im Südböhmische Theater von České Budějovice, von wo sie aber noch im selben Jahr vom Leiter der neu gegründeten Oper in Bratislava, Milan Zuna, berufen wurde. Seltsamerweise sang sie zunächst wieder im Sopranfach, nämlich Partien wie Anežka in Smetanas "Zwei Witwen" oder die Julie in Dvořáks "Jakobiner". Spätestens aber nachdem Oskar Nedbal die Leitung der Oper übernahm, war sie wieder im Mezzo- und Altfach angekommen und bediente sowohl Haupt- wie Nebenrollen. Trotz ihrer Jugend finden sich zu dieser Zeit bereits typische Alterspartie wie Marcellina (Figaros Hochzeit), die Knusperhexe (Hänsel und Gretel), Mamma Lucia (Cavalleria rusticana) als auch die Gräfin (Pique Dame) in ihrem Repertoire. Mit dem Bratislaver Ensemble folgten bereits erste Gastspiele nach Barcelona und Madrid.


    In Bratislava wurden ihr gleich zwei große Ehren zuteil: So sang sie 1925 nicht nur die Amneris unter der Leitung von Pietro Mascagni, sondern 1928 auch den Octavian im "Rosenkavalier" in einer von Richard Strauss höchstpersönlich geleiteten Aufführung. Strauss war von der jungen Tschechin derart begeistert, dass er ihr sofort einen Vertrag für Wien anbot, den Krásová in Hinblick auf eine nationale Karriere jedoch ablehnte. Immerhin sollte später als Gast an die Staatsoper kommen, wo sie am 9. April 1934 in einer einzelnen Vorstellung die Amneris in "Aida" unter Leitung von Felix von Weingartner sang.


    krasova_marta-3-650x1024.jpg
    Marta Krásová als Octavian im "Rosenkavalier"


    Nachdem sie in Bratislava bereits im dramatischen Fach erste Annäherungen an Ortrud und Dalila wagte, ging am 19. Juni 1926 zunächst ihr großer Traum in Erfüllung, an der bedeutendsten Bühne ihrer tschechischen Heimat zu singen: dem Nationaltheater Prag. Sie debutierte als Azucena in Verdis "Il trovatore", ein knappes halbes Jahr später bereits "Carmen", die sie noch im selben Jahr in Bratislava debutiert hatte. Einer ihrer letzten großen Erfolge in Bratislava sollte Goldmarks "Königin von Saba" werden, die sie unter der Leitung Nedbals unter u.a. neben Leo Slezak als Assad sang. Es sollten noch einige Gastierungen in Prag folgen, ehe sie 1928 schließlich vom damaligen Leiter des Nationaltheaters, Otakar Ostrčil, ins feste Ensemble übernommen wurde. Zum offiziellen Amtsantritt gab sie widerum die Azucena. Sie wurde schnell zu einer tragenden Säule des Ensembles und erlangte vor allem in den nationalen Opern großes Ansehen. In Smetanas "Verkaufter Braut" sang sie zunächst die Ludmila, ehe auf die Háta wechselte, die sie insgesamt über 300 Mal in allein acht verschiedenen Inszenierungen am Nationaltheater verkörperte. Diese Partie brachte ihr 1933 auch die erste Filmrolle in einer Opernverfilmung des Stückes ein. Kein Spielfilm, sondern eine tatsächlich statisch abgefilmte Operninszenierung.


    Ausschnitt auf YouTube - Die verkaufte Braut (1933)


    Das Nationaltheater Prag sollte für mehr als 40 Jahre die künstlerische Heimat für Marta Krásová werden. Sie ersang sich ein breites Repertoire, dass Sie immer wieder auch an ihre Fachgrenzen brachte. Sie setzte Maßstäbe in Partien wie Carmen, Amneris, Ortrud, Fremde Fürstin und Hexe in "Rusalka", Orpheus, Eboli, Idamante, Dalila, Radmila in "Libuše", Donna Isabella in "Die Braut von Messina"; Marfa in "Káťa Kabanová" und vor allem als Kostelnička Buryjovka in der "Jenufa". Nachdem sie ab 1928 zunächst die Alterspartie der Buryjovka inne hatte, übernahm sie ab 1950 schließlich die Kostelnička Buryjovka von Marie Podvalová. Mit dieser Partie ist sie auch in der 1953 für Supraphon eingespielten Studioaufnahme des Werkes vertreten und liefert ein berührendes Frauenschicksal, welches sie auch anlässlich der Expo 1958 in Brüssel portraitierte.


    krasova_marta-2-1.jpg

    Marta Krásová als Kostelnička Buryjovka in "Jenufa" (Prag 1955)


    Eine große Plattenkarriere hat Krásová dennoch nicht hingelegt. Lediglich ein Soloalbum mit gemischten Rundfunkaufnahmen erschien nur zwei Jahre vor Ihrem Tod. Immerhin finden Sich Gesamteinspielung einiger tschechischen Gesamteinspielungen von "Rusalka", "Die verkaufte Braut", "Jenufa", "Šárka", "Der Kuss" oder "Libuše". Nach und nach tauchen einige interessante Rundfunkaufnahmen mit Krásovás Mitwirkung auf, so zum Beispiel ihr Sesto in einem konzertanten Livemitschnitt von Mozarts "Titus" von 1956, in welchem die junge Sona Červená als Annio zu hören ist. Ebenso ist sie als Filipjewna in "Eugen Onegin" oder Marthe im "Faust" aufgezeichnet. Ebenso finden sich einzelne Arien und Lieder, die vom tschechischen Rundfunk in einer Portrait-CD herausgegeben wurden.


    cr03112.jpg?timestamp=20220113051903


    Trotz ihrer nationalen Tätigkeit war Marta Krásová auch immer wieder auf internationalen Bühnen zu Gast. So sang sie in den frühen 30er Jahren die Amneris an der Semperoper in Dresden, sang in Berlin, Hamburg, Moskau, Paris und Warschau. Einen wichtigen Auftritt hatte sie 1937 beim General Motors Concert in der Carnegie Hall in New York neben keinem geringeren als Richard Tauber. In einem seltenen Mitschnitt dieses Konzertes ist sie als Dalila mit der Arie "Mon cœur s'ouvre à ta voix" zu hören:


    Marta Krásová als Dalila in der Carnegie Hall


    Zu dieser Zeit muss sie wohl auch den Vertrag für eben jene Partie und die der Ortrud im "Lohengrin" an der Metropolitan Opera in New York unterzeichnet haben, welche sie jedoch noch vor dem geplanten Antritt 1939 kündigte. Ihre Aufgaben in Prag sowie der Bau ihrer Villa in dem nahegelegenen Örtchen Vráž u Berouna erschienen ihr wichtiger. Nachdem sie 1935 den Komponisten und Dirigenten Boleslav Jirák geheiratet hatte, wollte sie dort im Grünen und abgeschieden von der Großstadt ihr privates Glück finden. Im Dezember 1946 folgte die Scheidung. Trotz ihres Hauptwohnsitzes in der Prager Innenstadt verlagerte sie diesen zunehmend in ihre Villa nach Vráž, was ihr laut einer Anekdote einmal fast zum Verhängnis geworden wäre. Von ihrer Villa aus hatte Krásová einen Fußmarsch von zwei Kilometern bis zu den nächsten öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen, den sie vor und nach einer Vorstellung bei jedem Wind und Wetter auf sich nahm. Am Tag einer "Carmen" Vorstellung in den 40er Jahren verpasste sie schließlich den Anschluss und entschied sich, stattdessen die komplette Strecke ins 25 Kilometer entfernte Prag auf sich zu nehmen. Im Prager Stadtteil Smíchov erwischte sie dann noch klappriges Taxi, welches sie die letzten Meter ins Nationaltheater brachte, wo die Vorstellung allerdings bereits ohne sie angefangen hatte. Jedoch pünktlich zur Auftrittsarie stand Krásová auf der Bühne - das muss man ihr erst einmal nachmachen.


    df3dfffe7caf616b7bf80d0be39ec824.jpg?itok=EE3v64eO&timestamp=1615673841

    Marta Krásová als Amneris in "Aida"


    Ihren letzten Auftritt am Prager Nationaltheater hatte sie am 28. Juni 1969 in der Partie der Martinka in Smetanas "Der Kuss" neben Drahomíra Tikalová, Beno Blachut und Maria Tauberová. In den letzten Jahren Ihres Schaffens unterrichtete sie und stand sogar als Schauspielerin vor der Kamera. 1966 spielte sie in dem Film "Hotel für Fremde" die Rosická, eine elegante Sängerin in den besten Jahren. Einen zweiten Film konnte Marta Krásová leider nicht mehr fertig stellen. Tragischerweise wurde ihr ein ähnlicher Tod zu teil, wie ihn vier Jahre zuvor Fritz Wunderlich ereilte. An einem Wintertag, den sie eingeschneit mit ihrer Mutter in der Villa verbrachte, stürzte sie die Treppe zum Dachboden hinunter und schlug mit dem Kopf auf die Marmorplatte eines Tisches auf. Aufgrund der Witterung blieb ein herbeigerufener Krankenwagen im Abhang stecken, so dass man versuchte, die Verwundete mit einer Trage auf einen Schlitten ins Krankenhaus zu bringen, wo man allerdings nur noch den Tod der Sängerin feststellen konnte. Das tragische Ende einer großen Künstlerin.


    Mir hat ihre Stimme, die ich durch die Portraitplatte des Tschechischen Rundfunks kennenlernte, auf Anhieb zugesagt. Es offenbart sich ein warmer, inniger Ton mit beseeltem Klang. Kein grober, protziger Ton, eher aus feinerem Netz gewoben. Auch die Höhe ist erstaunlich, findet sich nicht umsonst auch eine Strauss-Ariadne in ihrem Repertoire. Im Rundfunk existiert auch ein atemberaubender Mitschnitt von Isoldes Liebestod, eine Partie, die sie jedoch nie auf der Bühne sang. Beeindruckt hat mich auch ihre Hexe in der "Rusalka", die sie Jahre nach der Studioaufnahme sogar Playback fürs Fernsehen aufgenommen hat. Ihr subtiles Spiel und die feine Mimik berühren und zeichnen eine ganz andere Hexe, als man sie gewohnt ist. Mehr erdiges Wesen mit Vergangenheit denn kinderfressende Horrorgestalt. Man betrachte nur ihre Rollen- und Portraitfotos. Es ist das Bild einer griechischen Tragödin. Rundum eine besondere Künstlerin, die man nicht vergessen sollte.


    Gravestone_of_Marta_Kr%C3%A1sov%C3%A1%2C_Vr%C3%A1%C5%BE_%280375%29.jpg



  • Lieber Parlando, Du hast uns einen wunderbaren Beitrag beschert. Dafür ist herzlich zu danken. Weiter so. Die Sängerfraktion im Forum braucht dringend Verstärkung und Belebung. Marta Krásová ist mir ein Begriff. Ich habe Aufnahmen mit ihr im Bestand, darunter die JENUFA, die allerdings lange nicht gehört wurden. Durch Dich fühle ich mich angeregt, das nachzuholen. Auch um die Porträt-CD werde ich mich bemühen.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent