Als einziges der späten Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart hat das große Es-dur-Konzert Nr. 22 KV 482 bisher noch keinen eigenen Thread. Für mich zählt es zu den schönsten und wichtigsten Schöpfungen des Salzburger Meisters, und deshalb möchte ich diese schmerzliche Lücke hiermit schließen.
Mit fast 36 Minuten Spieldauer setzt Mozart mit diesem Konzert einen Rekord, den er auch in den folgenden Werken dieser Gattung nicht mehr getoppt hat. Doch das ist noch nicht alles: auch an musikalischem Reichtum ist es seinen sämtlichen anderen Konzerten überlegen. Mozart vollendete es am 16. Dezember 1785, und nur wenige Tage später brachte er es bei einem Konzert der "Wiener Tonkünstlersocietät" selbst zur Uraufführung. Das Publikum war so begeistert, daß der Komponist den zweiten Satz wiederholen mußte, obgleich gerade dieses Stück in c-moll alles andere als die damals in Mode befindliche "galante Gesellschaftskunst" bedient. Das reich besetzte Orchester sieht neben den obligatorischen Streichern eine Flöte, Fagotte, Hörner, Pauken und Trompeten vor, und zur Überraschung der Zuhörer erstmals auch zwei Klarinetten. Dafür fehlt hier die Oboe. Der Klarinettenton gibt den Holzbläsern ein ganz spezifisches Timbre, zumal Mozart den Bläsern eine sehr dominante und individuelle Rolle zuteilt.
Das Werk hat folgende Satzfolge:
1. Satz: Allegro
2. Satz: Andante
3. Satz: Allegro - Andante cantabile - Tempo I
Der Komponist hat keine Kadenzen hinterlassen, so daß die Pianisten hier ganz frei disponieren können. Entweder bringen sie eigene "Zutaten", oder aber man greift üblicherweise auf die Kadenzen von Saint-Saens zurück.
Nun zum Werk selber: Der Kopfsatz ist von jener Es-dur-Festlichkeit erfüllt, wie sie uns später in seiner großen Sinfonie KV 543 wieder begegnet, die nicht von ungefähr in der gleichen Tonart steht. Auf weite Strecken besteht der Satz aus schwungvoll rauschenden Passagen, die in der relativ kurzen Durchführung zu höchster Virtuosität gesteigert werden.
Wie schon angedeutet, ist das prachtvolle, aber tiefernste Andante ein wahres Wunder an Koloristik, es stellt eine Variationsfolge über ein dreiteiliges Gesangsthema dar. Wie der Komponist hier mit den Klangfarben spielt und einen beseelten Dialog zwischen dem Klavier und den Bläsern führen läßt, ist höchst originell und im Rahmen seiner Konzerte ohne Beispiel. Das ständige Schwanken zwischen Dur und Moll gibt dem Satz einen elegischen, anrührenden Ausdruck, der fast resignative Züge annimmt. Kompositionstechnisch ist dieses Stück der Höhepunkt des Werks.
Doch nun folgt ein Rondo-Finale von heiter beschwingtem Charakter, das plötzlich, und damit dem Es-dur-Schwesterwerk KV 271 ähnlich, von einem "Andante cantabile" unterbrochen wird, in dem wiederum die Holzbläser deutlich den Ton angeben. Eine höchst reizende Episode, die von einer kadenzartigen kurzen Übergang zur Reprise überleitet. Heiter, fast lustig und glanzvoll wird das großartige Konzert zu Ende geführt.
Es gibt kein anderes Klavierkonzert von Mozart, das mich häufiger an Beethoven denken läßt wie dieses, auch nicht die beiden berühmten Moll-Konzerte KV 466 & KV 491, die nicht den Farbenreichtum und die außerordentliche Virtuosität vorzuweisen haben. Schade, daß Beethoven sich nicht, wie im Falle von KV 466, entschließen konnte, auch für das Konzert KV 482 zumindest eine Kadenz für den Kopfsatz zu schreiben. Das hat, neben etlichen anderen, auch der englische Komponist Benjamin Britten versucht, der von seinem Freund Svjatoslav Richter dazu angeregt wurde. Es blieb beim Versuch, denn gelungen kann man seine Arbeit nicht bezeichnen. Herausgekommen ist ein ziemlich unverdauliches, reizloses Stilgemisch, das fast "musicalhafte" Züge annimmt. Erst gegen Schluß, wenn Britten sich Themen des 2. und 3. Satzes zuwendet, kommt eine gewisse Schlüssigkeit auf. Insgesamt aber bleibt Brittens Kadenz ein Fremdkörper, der den Absichten des Komponisten nicht gerecht wird. Gut gemeint ist eben oft das Gegenteil von Kunst.
Ich habe mich deswegen ausführlich mit der, von Anfang an umstrittenen, Britten-Kadenz beschäftigt, weil Svjatoslav Richter diese auf nachstehender CD verewigt hat, so daß sich jeder interessierte Musikfreund selbst einen Eindruck verschaffen kann:

Svjatoslav Richter (Klavier) und das Philharmonia Orchestra London, Dirigent: Riccardo Muti (Aufnahme: 4/1979, Abbey Road Studios, London).
Insgesamt ein imposantes Tongemälde, von Richter souverän und fast im Stile von Beethoven aufgeführt, so daß die Kombination mit dessen Konzert Nr. 3 durchaus einen Sinn ergibt. Auch was die Spielzeit angeht, so kommt Mozart diesmal ganz in die Nähe der großen Beethoven-Konzerte.
Mir ist bewußt, daß Beethoven erst 15 Jahre alt war und noch in Bonn lebte, als Mozart sein Konzert Nr. 22 schrieb, aber auch wenn es nicht von Richter interpretiert wird, weisen manche Passagen schon auf den kommenden Beethoven hin, im ersten Satz auf sein Op. 15, manchmal sogar auf das Es-dur-Konzert op. 73 (nicht nur wegen der gleichen Tonart), und das Andante erweckt bei mir Reminiszenzen an den 2. Satz des B-dur-Konzerts op. 56. Trotzdem bevorzuge ich insgesamt eine lockerere, leichtere Spielart, als Richter dem Werk angedeihen läßt.
Einsam an der Spitze meiner Lieblingsaufnahmen dieses Konzerts steht folgende Aufnahme:

Misuko Uchida (Klavier) und das English Chamber Orchestra, Dirigent: Jeffrey Tate (Aufnahme: London, 7/1986).
Der Japanerin steuert eigene Kadenzen bei, und die sind nicht nur wohlgelungen, sondern treffen auch schier nachtwandlerisch Mozarts Ton und den Geist dieses herrlichen Werkes. Das Spiel der Künstlerin ist eine wahre Freude, sie weiß den dramatischen Momenten ebenso gerecht zu werden wie den virtuosen und eher lockeren Passagen. Köstliches, perlendes Klavierspiel, erfüllt von hörbarer Freude am Spiel und an Mozarts Musik. Und Jeffrey Tate ist ein einfühlsamer, schier idealer Begleiter. Das gilt insgesamt auch für die Gesamtaufnahme, der obige CD entnommen ist.
Noch zwei außergewöhnliche Aufnahmen möchte ich nicht unerwähnt lassen, die beide ebenfalls von höchster Qualität sind, sowohl künstlerisch als auch klangtechnisch:

Das Spiel des Franzosen Robert Casadesus läßt vielleicht eher an Richter denken, was auch mit Szells martialischer Orchesterführung zu tun hat, während Alfred Brendel mehr der eleganten Spielweise huldigt, trefflich unterstützt von Neville Marriner. Beide spielen eigene Kadenzen.
Wer kräftige Akzente bevorzugt, für den wäre auch der junge Daniel Barenboim keine schlechte Wahl:

Diese CD ist ebenfalls einer GA entnommen, die Barenboim in den 1970er Jahren einspielte.
LG Nemorino










