Der Ring des Nibelungen, Staatsoper Berlin, Oktober 2022

  • Den zweiten Durchlauf des neuen Berliner Rings habe ich in der Staatsoper gesehen. Ein paar Splitter und Stimmen - auch meine eigene - dazu will ich in diesem Thread sammeln.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Die Rezension von Matthias Nikolaidis im publicomag hat mir zugesagt und trifft es ganz gut:


    Thielemann unter russischer Regie: aufklärendes Schwarz und tönende Stille


    Zitat

    Der neue „Ring“ an der Berliner Staatsoper, eigentlich ein Geschenk zu Daniel Barenboims 80. Geburtstag, fand unter der Leitung von Christian Thielemann statt. Gelingt die Tetralogie? Musikkritiker Matthias Nikolaidis entdeckte durchaus Schönheiten – und vermisste trotzdem die Seele des Werks.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Modernes Theater muss nicht notwendigerweise eine ästhetische Zumutung für das Publikum und sechs Wochen handwerklicher Dilettantismus für die Mitwirkenden sein.


    Dieses Zitat aus der o.g. Kritik bedarf keines Kommentars.

    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Ich war gestern im Siegfried und bin immer noch völlig überwältigt von den überragenden musikalischen Darbietungen. Das war der beste Siegfried, den ich in 36 Jahren erlebt habe. Das war in erster Linie Christian Thielemann zu verdanken, der die Partitur wie eine riesige symphonische Dichtung zum Blühen gebracht hat und jede einzelne Note zu einem Ereignis gemacht hat. Die Männer-Riege war exemplarisch besetzt, wobei Michael Volle als Wanderer an erster Stelle zu nennen ist. Ich bin ja seit meinem ersten Ring ein großer Fan von Robert Hale. Auch Volle schätze ich seit vielen Jahren, war aber dennoch angenehm überrascht von dieser großartigen Leistung. Ebenfalls hervorragend fand ich Andreas Schager als Siegfried, der die Partie scheinbar mühelos lässig im Trainingsanzug gesungen hat. Johannes Martin Kränze war der erwartet starke Alberich. Stephan Rügamer, als lyrischer Tenor früher nicht mein Fall, hat als Mime durchaus internationales Format ebenso wie Peter Rose als Fafner. Da hätten es die Damen schwer mitzuhalten. Mit Anja Kampe als Brünnhilde war ich durchaus zufrieden, wenn ich sie auch nicht überragend fand. Anna Kissjudit fand ich als Erda eher belanglos. Victoria Randem ist auch nicht unbedingt ein Waldvogel von höchstem Format. Zur Inszenierung können sich andere äußern. Immerhin passiert soviel auf der Bühne, dass keine Langeweile aufkommt. Ich freue mich schon sehr auf die Götterdämmerung.

  • Ebenfalls hervorragend fand ich Andreas Schager als Siegfried, der die Partie scheinbar mühelos lässig im Trainingsanzug gesungen hat

    Man hätte ihm aber doch sicherlich Zeit geben können, sich nach dem Training umziehen zu können.

    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Man hätte ihm aber doch sicherlich Zeit geben können, sich nach dem Training umziehen zu können.

    La Roche

    Alles eine Frage des richtigen Zeitmanagements. In der Götterdämmerung duscht er auf der Bühne und hat dann genug Zeit sich anzukleiden.

  • In der Götterdämmerung duscht er auf der Bühne

    So richtig geduscht, nackt, ohne alles? Donnerwetter.

    Nun höre ich auf zu lästern. Wem´s gefällt. Meine Frau guckt mir beim Duschen schon lange nicht mehr zu.

    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • So richtig geduscht, nackt, ohne alles? Donnerwetter.


    Nein, es gab einen Duschvorhang. Aber das ist nicht so wichtig, Wichtiger - und ärgerlicher - war der vergeigte erste Akt. Die Schmiedelieder, zu denen die Einrichtung des Kinderzimmers zertrümmert wird, beispielsweise. Oder die schon erwähnte blaue Adidas-Trainingshose, die auch schon Graham Vick seinem Siegfried 2015 in Mailand anzog.

    Dafür war die Szene vor der Neidhöhle ein reines Theatervergnügen, dem ich atemlos gefolgt bin.


    Sängerisch waren die Herren das reinste Vergnügen, wenn auch Hr. Schager (ich war im zweiten Durchlauf) es vielleicht gelegentlich ein bißchen sehr lässig angehen ließ.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Selige Öde auf sonniger Höh'!


    Siegfried findet Brünnhilde im Schlaflabor. Lange hat sie dort nicht gelegen, denn Wotan gibt ihr noch stumm ein paar Instruktionen, bevor Siegfried auf seiner Suche durch die Korridore des Forschungsinstituts das Schlaflabor erreicht.


    staatsoper-berlin-siegfried-2022-tcherniakov-118~_h-558_v-img__16__9__xl_w-994_-e1d284d92729d9396a907e303225e0f2d9fa53b4.jpg?version=399f8


    Wenn ich den Tristan (Kleiber/Kollo/Price) gehört habe, zieht es mich weiterhörend danach oft direkt auf den Brünnhildenstein, und ich setze direkt mit dem Dresdner Siegfried (Janowski/Kollo/Altmeyer) fort. "Tristanesker, als das Original!" möchte ich augenzwinkernd sagen.

    Dmitri Tcherniakov verfährt ähnlich. Das Paar, das sich hier findet, gleicht dem, das sich in seiner Tristan-Inszenierung im zweiten Akt erkennt. Bis in Gestik und Mimik der beiden Protagonisten wird die Analogie verfolgt. Es sind dieselben Sänger. Radikal ist die Zeit der leuchtenden Liebe verkürzt. Das Paar sieht dem lachenden Tod entgegen.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Sukzessive erreichen mich die Videos des neuen "Rings" aus der Berliner Staatsoper unter Thielemann in einer ansprechenden Qualität.


    Die Inszenierung ist nicht erwähnenswert. Allein beim kurzen Durchspulen stellt sich Unbehagen ein. Braucht man sich nicht antun. Wieso muss das immer so profan und schlabbrig sein (Tiefpunkt: erster Aufzug "Siegfried").


    Die Videos wurden also in Audio-Files konvertiert und danach entsorgt, so dass man sich auf das Wesentliche, die Musik, konzentrieren kann.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Betrachtet man die Kritiken zum neuen Staatsopern-"Ring", so ergeht sich die Mehrzahl in minutiöser Schilderung des fragwürdigen Konzepts der Inszenierung, um bei den Sängerleistungen dann recht pauschal und oberflächlich zu argumentieren. Dies ist freilich kein Novum und kennzeichnet heutige Opernkritiken zumindest im deutschsprachigem Raum bekanntlich zunehmend. Es nimmt also nicht wunder, dass man relativ wenig Substantielles über die Gesangsleistungen vernimmt. Allzu leicht werden Superlative bemüht, die einer kritischen Überprüfung nicht standhalten. Einige Beispiele:


    "Volle hat die Messlatte für Wotan-Darsteller an diesem Abend nicht nur ganz hoch angesetzt, nein, er ist die Messlatte, an der alle anderen Sänger dieser Rolle sich messen können und sollten. Wie kaum ein zweiter vermochte er mit seiner Stimme sein tragisches inneres Zerwürfnis zu gestalten und mit seinem 'Leb wohl du kühnes, herrliches Kind' wie ein tragischer Shakespeare-Held unterzugehen."

    - Alexandra Richter, bachtrack.com


    "Allen voran Michael Volle, der manchmal an die Noblesse eines Theo Adam erinnert [...] Und er schont sich dabei nicht. Bei Wotans Abschied gibt er alles."

    - Roberto Becker, concerti.de


    Richtig ist fraglos, dass Michael Volle ein intelligent agierender Sänger ist, der die natürlichen Beschränkungen seiner Stimmgewalt durch sehr gute Darstellung zumindest einigermaßen wettmachen kann. Er hat den Hans Sachs erfolgreich interpretiert und sich damit international Lorbeeren eingeheimst. Nimmt man ihm den Schusterpoeten noch ab, so wird es beim Wotan, zumal bei demjenigen in der "Walküre", schwierig. Man glaubt Volle, dass er der Göttervater sein soll, schlicht und ergreifend nicht. Das passt freilich irgendwie zum Regiekonzept, wo Wotan auch kein Gott ist, sondern ein Allerwelts-Typ. Wenn dies aber die neue Messlatte der Wotan-Darstellung ist, dann gute Nacht. Bereits im "Rheingold" kommt Volle an seine Grenzen. Im langen zweiten "Walküren"-Akt kann er noch punkten durch seine gute Gestaltung, aber beim Aktschluss erschreckt sein angekündigtes Strafgericht nicht mehr wirklich. Im Schlussakt ist es dann wirklich etwas tragisch, wenn er beim Wotan-Abschied stimmlich untergeht. Weil Theo Adam erwähnt wird: Dieser war trotz mancher leichten Einschränkung schon ein anderes Wotan-Kaliber. Und bezüglich der Messlatte sei den Rezensenten eine Hörsitzung mit Hans Hotter empfohlen.

    Andernorts im Feuilleton will man berechtigte Kritik des Publikums gar nicht gelten lassen, das teilweise bessere Ohren zu haben scheint als die Kritikerzunft:


    "Beim 'Rheingold' musste Rolando Villazon einen Buhsturm als Loge einstecken, bei der 'Walküre' Robert Watson als Siegmund. Leute, wenn Euch ein Sänger nicht gefällt, und hier singen alle auf höchstem Niveau, dann reicht es, die Hände ruhen zu lassen."

    - Maria Ossowski, BR-Klassik


    Ehrlich gesagt, es wundert mich in keiner Weise, dass Villazón für seinen Loge ausgebuht wurde. Nun mag das nicht die feine Art sein, aber dieses forcierte und outrierte Singen ist kein Hörgenuss. Zudem ist seine Diktion nicht über jeden Zweifel erhaben - stellenweise meint man, einen "Domingo-Moment" zu haben. Watson ist als Siegmund mit seiner kleinen Stimme mit wenig attraktivem Timbre heillos überfordert; sie bricht ihm am Ende des ersten Aufzugs fast weg. Und der soll das Schwert aus dem Eschenstamm herausgezogen haben? Vielleicht mithilfe von Sieglinde. Höchstes Niveau also. Muss man jetzt wirklich all die großen Loges und Siegmunds der Vergangenheit aufzählen, um dieses Missverständnis aus der Welt zu schaffen?

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Betrachtet man die Kritiken zum neuen Staatsopern-"Ring", so ergeht sich die Mehrzahl in minutiöser Schilderung des fragwürdigen Konzepts der Inszenierung, um bei den Sängerleistungen dann recht pauschal und oberflächlich zu argumentieren. Dies ist freilich kein Novum und kennzeichnet heutige Opernkritiken zumindest im deutschsprachigem Raum bekanntlich zunehmend. Es nimmt also nicht wunder, dass man relativ wenig Substantielles über die Gesangsleistungen vernimmt. Allzu leicht werden Superlative bemüht, die einer kritischen Überprüfung nicht standhalten.

    Das ist - wie ich finde - von Joseph sehr gut beobachtet. Viele Kritiker sind nicht (mehr) vom Fach, was ihnen nicht vorzuwerfen ist. Die Medienlandschaft hat sich derart verändert, dass diese klassische Spezis ausgestorben scheint. Wer soll es machen? Die meisten arbeiten frei und sind auf Aufträge angewiesen. Mitunter beschleicht mich der Verdacht, die Urteile fallen auch deshalb oft so enthusiastisch aus, weil man es sich mit den Häusern und Sängern nicht verderben will. An die Stelle der genauen, kritischen und wohldurchdachten Bewertung treten Objektivierungen oder das, was dafür galten wird. Plötzlich sollen alle Leser und Hörer die Beigeisterung der Kritiker teilen, was fatal ist. Und wenn das Publkum etwas anderes wahrnimmt als die Berichterstatter, wird es zur Ordnung gerufen. Sieh hier:


    "Beim 'Rheingold' musste Rolando Villazon einen Buhsturm als Loge einstecken, bei der 'Walküre' Robert Watson als Siegmund. Leute, wenn Euch ein Sänger nicht gefällt, und hier singen alle auf höchstem Niveau, dann reicht es, die Hände ruhen zu lassen."

    - Maria Ossowski, BR-Klassik

    Das ist eine Todsünde der Kritik. Solche Ratschläge gehören sich nicht.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Andernorts im Feuilleton will man berechtigte Kritik des Publikums gar nicht gelten lassen, das teilweise bessere Ohren zu haben scheint als die Kritikerzunft:


    "Beim 'Rheingold' musste Rolando Villazon einen Buhsturm als Loge einstecken, bei der 'Walküre' Robert Watson als Siegmund. Leute, wenn Euch ein Sänger nicht gefällt, und hier singen alle auf höchstem Niveau, dann reicht es, die Hände ruhen zu lassen."

    - Maria Ossowski, BR-Klassik

    Maria Ossowski kritisiert hier doch nur die Art, die Kritik zu äußern und schlägt eine Alternative vor. Ich kann ihr da nur zustimmen: Dieses Geblöke von selbsternannten Opernfachleuten finde ich hässlich, unhöflich und respektlos.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Maria Ossowski kritisiert hier doch nur die Art, die Kritik zu äußern und schlägt eine Alternative vor. Ich kann ihr da nur zustimmen: Dieses Geblöke von selbsternannten Opernfachleuten finde ich hässlich, unhöflich und respektlos.

    Um derartige Unhöflichkeiten zukünftig zu vermeiden, schlage ich für alle Besucher von Opernhäusern vor, eine Art "Führerschein" zu erwerben und ohne diesen den Zutritt zu verwehren. Eine Art "Jodeldiplom", da hat man was fürs Leben.

    Ich finde es aber gut, daß faule Eier oder matschige Tomaten nicht mehr als Qualitätsbewertung gelten. Ich muß betonen, daß ich kein Grüner bin, nur um nicht in die falsche Ecke gestellt zu werden. Aber genau wie Bravos als Anerkennung einer Leistung gelten, sollte es auch dabei bleiben, Mißfallen ausdrücken zu dürfen. Und Buhrufe waren, sind und bleiben hoffentlich ein aussagekräftiges Mittel dafür.

    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Dieses Geblöke von selbsternannten Opernfachleuten finde ich hässlich, unhöflich und respektlos.

    Auf der einen Seite gebe ich dir Recht (... mir käme es auch niemals in den Sinn einen Künstler auszubuhen), auf der anderen Seite zeigt mir das wie sehr Menschen für die Oper brennen, wie viel Emotion da drinnen steckt.

    Eine Emotion die sich während der ganzen Vorstellung aufläd, der Körper pocht und bebt. Am Ende folgt die Gefühlsausschüttung, in der Regel in Form von Klatschen und Jubeln. Naja, und bei anderen in Buhen und Pfeiffen.

    Für mich ist da ein Zeichen von hoher Anteilnahme.

  • Um derartige Unhöflichkeiten zukünftig zu vermeiden, schlage ich für alle Besucher von Opernhäusern vor, eine Art "Führerschein" zu erwerben und ohne diesen den Zutritt zu verwehren. Eine Art "Jodeldiplom", da hat man was fürs Leben.

    Ein Führerschein für höfliches und respektvolles Benehmen würde reichen.


    Auf der einen Seite gebe ich dir Recht (... mir käme es auch niemals in den Sinn einen Künstler auszubuhen), auf der anderen Seite zeigt mir das wie sehr Menschen für die Oper brennen, wie viel Emotion da drinnen steckt.

    Eine Emotion die sich während der ganzen Vorstellung aufläd, der Körper pocht und bebt. Am Ende folgt die Gefühlsausschüttung, in der Regel in Form von Klatschen und Jubeln. Naja, und bei anderen in Buhen und Pfeiffen.

    Für mich ist da ein Zeichen von hoher Anteilnahme.

    Das ist ein Argument, aber diese Art der Unmutsbekundung ist ja komischerweise in Konzerten ziemlich selten, in der Oper aber sehr üblich. Ich glaube nicht, dass die Emotionen bei einer Mahler-Symphonie oder einem Schubert Streichquintett weniger intensiv sind als in der Oper. Ich frage mich vor allem immer, wer von den Blökenden auch nur einen blassen Schimmer davon hat, was für eine Leistung ein Sänger in einer großen Partie vollbringen muss. Natürlich kann das auch mal misslingen, und natürlich darf man das dann auch äußern. Aber aus dem bequemen Sessel heraus jemanden anzublöken, finde ich einfach billig.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ehrlich gesagt, es wundert mich in keiner Weise, dass Villazón für seinen Loge ausgebuht wurde. Nun mag das nicht die feine Art sein, aber dieses forcierte und outrierte Singen ist kein Hörgenuss.

    Ich sehe das auch so, dass das nicht die feine Art ist. Es hat doch ein wenig von einem Fussballstadion, wo sich das "billige" Volk ärgert, dass der teuer bezahlte Stürmer nicht so performt, wie man sich das wünscht.


    An anderen Stellen hier im Forum wird doch über diesen Dialog zwischen Publikum und Künstler gesprochen. Das ist ein ausgesprochen diffiziler Dialog, in dem der Künstler deutlich mehr zu leisten hat als der Rezipient. Horowitz erzählt in irgendeinem Film, dass er hörte, wie bei einem Liszt Stück in der ersten Reihe ein Zuschauer seiner Begleitung erzählte dass das noch gar nichts sei, da käme noch mehr :) Schmunzelnd meinte er dann, es wäre nicht noch mehr gekommen .... Ich fand das ganz interessant, auch wegen der zum Teil großen Pausen, die Horowitz machte, zwischen seinen Liveauftritten ...


    Es gibt ein schönes "Theaterstück" aus der Jugend eines bekannten österreichischen Schriftstellers - Sehr empfehlenswert - Durchaus auch mal live im Theater :) Publikumsbeschimpfung


  • Ich klatsche einfach nicht bei einem Sänger oder Dirigenten der mir nicht gefallenen.

    Das wäre auch bei mir die extremste Form der Unmutsäußerung. Natürlich kann das jeder machen, wie er will, aber man sollte doch vielleicht bedenken, dass bei einer objektiv schwachen oder schwächeren Leistung der Künstler selbst höchstwahrscheinlich derjenige ist, der sich am meisten darüber ärgert oder sogar dafür schämt. Die Perfektionsansprüche sind doch heutzutage auf beiden Seiten der Bühnenkante meist extrem und oft ungesund hoch. Und wenn es nicht um mangelnde Qualität sondern um Geschmacksfragen geht, gibt es schon gar keinen Grund für lautstarke Unmutsäußerungen.


    An anderen Stellen hier im Forum wird doch über diesen Dialog zwischen Publikum und Künstler gesprochen. Das ist ein ausgesprochen diffiziler Dialog, in dem der Künstler deutlich mehr zu leisten hat als der Rezipient. Horowitz erzählt in irgendeinem Film, dass er hörte, wie bei einem Liszt Stück in der ersten Reihe ein Zuschauer seiner Begleitung erzählte dass das noch gar nichts sei, da käme noch mehr :) Schmunzelnd meinte er dann, es wäre nicht noch mehr gekommen ....

    Mein persönlich schönstes Erlebnis war ein Konzert, bei dem ich gerade Beethovens Waldstein-Sonate beginnen wollte, als eine Dame in der ersten Reihe deutlich vernehmbar zu ihrer Sitznachbarin flüsterte "Jetzt kommt Mozart!". Ich musste dann erst noch einmal absetzen und den drohenden Lachkrampf unterdrücken.... Es war übrigens kein Mozart auf dem Programm.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ein Führerschein für höfliches und respektvolles Benehmen würde reichen.

    Ich muß zugeben, bisher erst ein einziges Mal Buh gerufen zu haben, als es um eine Gesangsdarbietung ging. Es war in Weimar in einer Boheme, wo schon die Inszenierung stimmungsbildend grauenvoll zum "Ko..." war und dann der Tenor bei "Che gelida..." die ganze Arie und natürlich auch das hohe C geschmissen hat. Das hat anwesende Claquere oder Familienangehörige nicht davon abgehalten, laut in Bravorufe auszubrechen, was wiederum einen Teil des nicht verwandten oder bezahlten Publikums zu Buhs animiert hat. Dem habe ich mich angeschlossen. Als dann der 2. Akt in einem Stadion für "american Football" angesiedelt war habe ich in der Pause mit meiner Frau das Theater verlassen und bin lieber fein essen gegangen, als mich weiter zu ärgern.

    Mißfallskundgebungen richten sich bei mir eigentlich gegen Regieterror. Und das habe ich reichlich getan, ich habe sogar dabei schon Handgreiflichkeiten erlebt (Dessau Rosenkavalier, Premiere vor etwa 15-20 Jahren) und auch ein geschlossen ablehnend reagiertes komplett ausverkauftes Theater (Lohengrin in Gera, vor etwa 20 Jahren, danach habe ich hier mein Anrecht gekündigt - wegen einer Vielzahl solcher Verhunzungen).

    Ich würde Zerstörungen unserer Opernkultur durch manche Regisseure als unhöfliches und respektloses Benehmen gegen große Teile des zahlenden Publikums bezeichnen, denen man das Recht der geeigneten Protestform zugestehen sollte. Buhs halte ich für gerechtfertigt.

    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Aber genau wie Bravos als Anerkennung einer Leistung gelten, sollte es auch dabei bleiben, Mißfallen ausdrücken zu dürfen. Und Buhrufe waren, sind und bleiben hoffentlich ein aussagekräftiges Mittel dafür.


    In einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung soll und muss es sicherlich Möglichkeiten geben, Missfallen für eine Leistung auszudrücken. Bleibt also die Frage, welche Mittel man dafür als legitim ansieht und welche nicht.


    Und an diesem Punkt bin ich anderer Meinung: aus der Etabliertheit des "Bravos" zu schließen, dass auch das "Buh" eine legitime Äußerung darstellt, halte ich für logisch fragwürdig. Aus dem Umstand, dass eine Gesellschaft eine bestimmte Handlung akzeptiert und gutheißt, folgt nämlich nicht, dass das für ihr (quasi spiegelbildliches) Gegenstück auch gilt. Einfaches Beispiel: man darf Dinge verschenken, aber daraus folgt nicht, dass man sie von anderen entwenden darf.


    Insofern sollte man unabhängig von der Etabliertheit des "Bravos" erörtern, ob man das "Buh" für eine legitime Form der Meinungsäußerung hält. Ich möchte mich in dieser Frage den Ausführungen von ChKöhn anschließen.


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Persönlich habe ich nie einen Sänger ausgebuht. Nicht zu klatschen, wäre auch meine maximale Form der Unmutsbezeugung. Allerdings sind solche Buhorkane seit Anbeginn der Oper belegt und waren früher noch viel ärger, glaubt man diversen Berichten. Frau Ossowski schreibt weiter, dass es nach einer solchen "Sternstunde" ein "Hausverbot" geben sollte für Buhs. Das ist nun schlechterdings nahe an der Zensurierung. Vielleicht lässt man sich beim Live-Erlebnis, abgelenkt durch die nicht werkdienliche Regie, zu einer solchen extraordinären Wertung verleiten. Nimmt man den visuellen Aspekt heraus, konzentriert sich nüchtern und sachlich auf die stimmlichen Leistungen und vergleicht diese mit anderen Tondokumenten, dann kann von einer Sternstunde m. E. nicht die Rede sein.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Frau Ossowski schreibt weiter, dass es nach einer solchen "Sternstunde" ein "Hausverbot" geben sollte für Buhs. Das ist nun schlechterdings nahe an der Zensurierung.


    Nein, das ist es nicht. Eine Zensur erfolgt per definitionem durch den Staatsapparat. Ein Hausverbot ist die Durchsetzung des Hausrechts, das beim Inhaber desselben liegt, also letztlich eine private Angelegenheit. Trotzdem ist der Vorschlag idiotisch.


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Ich würde Zerstörungen unserer Opernkultur durch manche Regisseure als unhöfliches und respektloses Benehmen gegen große Teile des zahlenden Publikums bezeichnen, denen man das Recht der geeigneten Protestform zugestehen sollte. Buhs halte ich für gerechtfertigt.

    Das Buhrufen gegen Regisseure ist ja immerhin ein Zeichen von emotionaler Anteilnahme ;). Im Ernst: Der Regisseur hat ja, wenn er vor den Vorhang tritt, seine Arbeit schon längst getan. Außerdem besteht diese nicht in einer Live-Aufführung mit allen Risiken. Er ist deshalb z.B. bei handwerklichen Fehlern, Unstimmigkeiten im Konzept usw. unmittelbar verantwortlich, denn er hätte ja beides während der Probenphase verhindern können. Ein Sänger auf der Bühne kann aber trotz aller Vorbereitung nicht immer alle Fehler vermeiden, oder er kann auch einfach mal einen schlechten Tag haben, und wenn er am Ende vor den Vorhang tritt, kommt er gerade erst aus der Partie, die er mit allen Anforderungen und Risiken so gut wie möglich zu bewältigen versucht hat. Ich finde nicht, dass man ihn in diesem Moment öffentlich bloßstellen sollte. Die lautesten Beifalls- und Buhrufe gleichzeitig habe ich mal in der Komischen Oper Berlin nach Calixto Bieitos "Entführung" erlebt (die mich tief beeindruckt hat); das fand ich ....wie soll ich sagen... sehr lebendig ;).

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Allerdings sind solche Buhorkane seit Anbeginn der Oper belegt und waren früher noch viel ärger, glaubt man diversen Berichten.

    Da stimmt. Aber ich bin in diesem Fall kein Freund historischer Aufführungspraxis.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Das Buhrufen gegen Regisseure ist ja immerhin ein Zeichen von emotionaler Anteilnahme ;). Im Ernst: Der Regisseur hat ja, wenn er vor den Vorhang tritt, seine Arbeit schon längst getan. Außerdem besteht diese nicht in einer Live-Aufführung mit allen Risiken. Er ist deshalb z.B. bei handwerklichen Fehlern, Unstimmigkeiten im Konzept usw. unmittelbar verantwortlich, denn er hätte ja beides während der Probenphase verhindern können. Ein Sänger auf der Bühne kann aber trotz aller Vorbereitung nicht immer alle Fehler vermeiden, oder er kann auch einfach mal einen schlechten Tag haben, und wenn er am Ende vor den Vorhang tritt, kommt er gerade erst aus der Partie, die er mit allen Anforderungen und Risiken so gut wie möglich zu bewältigen versucht hat. Ich finde nicht, dass man ihn in diesem Moment öffentlich bloßstellen sollte.

    Das sehe ich ganz genauso. Bei Sänger:innen dosiere ich ich den Beifall und höre im schlimmsten Fall ganz auf zu klatschen. Beim Regie- und Ausstattungsteam habe ich durchaus schon heftig "Buh" gerufen (zuletzt diesen Sommer beim Festival in Aix), und dort halte ich das auch für legitim.


    Die lautesten Beifalls- und Buhrufe gleichzeitig habe ich mal in der Komischen Oper Berlin nach Calixto Bieitos "Entführung" erlebt ...

    Ich ebenso, zudem gab es da Zuschauer, die während der Vorstellung schimpfend und die Tür zuschlagend den Saal verlassen haben. Ich gehörte natürlich zu denen, die heftig klatschten und "Bravo" riefen. ^^


    ... (die mich tief beeindruckt hat) .

    Mich ebenfalls, eines meiner beeindruckendsten Opern-Erlebnisse.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • In Italien gehört Buhen und Klatschen schon von jeher dazu ...die volksfestartige Stimmung ist fantastisch.

    Vielleicht sollte man das Ganze entspannter sehen. Gegensätze sind wichtig, nicht nur beim Musizieren.

  • Ein Sänger auf der Bühne kann aber trotz aller Vorbereitung nicht immer alle Fehler vermeiden, oder er kann auch einfach mal einen schlechten Tag haben

    Stimme Dir beim Sänger (gilt auch für *innen)vollkommen zu. Nur nicht beim Regisseur.

    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Ich gehörte natürlich zu denen, die heftig klatschten und "Bravo" riefen. ^^

    Natürlich. Bieito könnte auch seine Notdurft auf der Bühne vor aller Augen verrichten und eine weitere spektakuläre (Selbst-)Inszenierung abliefern, sein Fanclub würde ihm in unbedingter Treue akklamieren. :stumm:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid