Evgeni Koroliov - außen Biedermann, innen Genie?

  • Liebe Taminos,
    ich hoffe, dass ich keinen bereits bestehenden Koroliov-Thread übersehen habe...


    Evgeni Koroliov, der Russe mit dem Polyesterrolli und der gesichtsfüllenden Kassenbrille, sieht eigentlich eher aus, wie das Klischee eines verbeamteten Bürohengstes. Nein, das er ein wirklich wunderbarer Bach-Interpret ist, sieht man ihm wirklich nicht an. Seine "philosophische", sich stets in den Dienst des Werkes stellende Interpretationshaltung, hat Koroliov höchstes Lob seitens der Kritik eingebracht. Es gibt aber durchaus auch Stimmen, die sein Spiel als neutral und unspontan empfinden - Ist die äußere Erscheinung
    also doch ein Hinweis auf die inneren Werte?


    György Ligeti schwärmte dagegen für Korolivs 1990 entstandene "Kunst der Fuge" - er würde diese Aufnahme auf der entlegenen Insel "einsam verhungernd und verdurstend, bis zum letzten Anschlag immer wieder hören." - und das soll ja was heißen!


    Nach dieser großartigen Fugenkunst (die er für das kleine Label TACET einspielte, dem er bis auf ein paar Ausflüge zur Bach-Edition von hänssler und Aufnahmen des Hessischen Rundfunks immer treu geblieben ist) folgten weitere hymnisch besprochene Aufnahmen, u.a. von Prokofiev, Tschaikowsky, Mozart und Haydn.
    Alles in allem scheint mir aber, dass der "Antiheld" Koroliov trotz dieser großen Anerkennung aus berufenen Mündern, nach wie vor eine nur kleine Gemeinde hat.


    Woran liegt das? Was haltet ihr von Koroliov? Wer hat ihn im live-Konzert erlebt?


    Schöne Grüße!
    Daniel

  • Hi


    Zitat

    ..., wie das Klischee eines verbeamteten Bürohengstes.


    Heißt das nicht richtiger gebeamten ? 8)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Am 23.11.2005 habe ich in dem Thread "J.S. Bach: Italienisches Konzert" geschrieben:


    "@ Richard


    Deine Koroliov-Begeisterung teile ich. Die von Dir gepriesene Hänssleraufnahme ist sehr gut. Ich persönlich habe Koroliv einmal erlebt. Der Mann, der nebenbei großmeisterlich Schach spielen können soll, betrat schwarz gekleidet die Bühne, begab sich eilends an seinen Flügel und begann sofort zu spielen - fast ohne Pedaleinsatz.


    Beste Grüße"


    Paßt hier auch! Mir persönlich gefällt das introvertierte und ersthafte Wesen dieses Menschen.

  • hallo,


    ich kenne einiges mit e. koroliov (bach: inventionen/sinfonien, goldberg-v., WTK 1/2, ital. konzert, franz. ouvertüre, duette, kunst der fuge; prokofiev: visions fugitives, sonate nr.5; w.a. mozart: wenige sonaten), habe ihn nie live erlebt.


    IMO ein exzellenter pianist. gelegentlich fehlt seinen interpretationen eine portion subjektivität und risiko. das macht dann den unterschied zu pianisten der 'champions league' ! es klingt gelegentlich eine spur zu sehr nach 'klavierlehrer'.


    gruß, siamak

    Siamak

  • Hallo Siamak

    Zitat

    Zitat Siamac: gelegentlich fehlt seinen interpretationen eine portion subjektivität und risiko. das macht dann den unterschied zu pianisten der 'champions league' ! es klingt gelegentlich eine spur zu sehr nach 'klavierlehrer'.


    Das ist aber eine verwegene Schlussfolgerung: Du meinst also, man können nur durch subjektivität und risikobereitschaft zur "Champions League" gehören. Ich gebe dir ganz klar recht darin, dass Koroliov weiß Gott nicht zu denen gehört, die die "Tastensau" rauslassen. Aber seineTottalkontrolle über das Instrument und sein unbedingtes Streben nach "Werktreue" (ein strapazierter und letztlich uneindeutiger Begriff) bekommt seinem Bachspiel hervorragend - Die "Kunst der Fuge" beispielsweise hat mit "Risiko" überhaupt nix zu tun. Abgesehen davon: den 9. Contrapuncus (nur ein Beispiel) muss man überhaupt erst mal so unnachahmlich entwaffend in die Tasten zimmern - das ist durchaus teuflisch!
    Aber auch die Prokofiew-Platte zeigt einiges an Temperament - Die "Sarkasmen" stemmt Koroliov doch mit ungeheurlich gestälter Muskelkraft.
    Oder sein Schubert (D960): Der ist fast von überpersönlicher Makellosigkeit - da wünsche ich mir überhaupt nicht so viel Subjektivität.
    Ich bin fest davon überzeugt, dass der Name Koroliov letztenendes überdauern wird, auch wenn er weiß Gott keine Rampensau ist. Entscheidend ist, dass er seine Ansätze konsequent zuende denkt und kompromisslos realisiert - das zeichnet nach meinem Dafürhalten einen Musiker aus, der in die "Champions League" gehört. Wenn ein Klavierlehrer so spielen könnte, hätte er's beileibe nicht nötig, zu unterrichten... :P


    Schöne Grüße!
    Daniel

  • hallo Daniel,


    da du mir die zunge herausstrecktest ! vielleicht würdest du mal meinen vornamen richtig schreiben, so wie ich es auch mit deinem namen mache ! übrigens, nicht ich entscheide, ob jemand in die champions league gehört, die öffentlichkeit macht es . und derzeit scheint er nicht in diese liga zu gehören. ich versuchte lediglich die gründe hierfür zu finden.


    gruß, siamak

    Siamak

  • hallo siamak,


    Sorry, ich wollte dir ja nicht auf den Schlips treten - mea culpa! :)
    Fast sämtliche Aufnahmen von Koroliov wurden sehr gut bis exzellent besprochen - zumindest die Kritik scheint Koroliov wohl in diesen Schublade namens "Champions League" stopfen zu wollen.
    Eine andere Erklärung für mangelnde Berühmtheit, die ich allerdings auch nicht übergewichten will, gab einmal (ob man ihn nun mag oder nicht) Joachim Kaiser, allerdings in Bezug auf den in dem 60er und 70er-Jahren recht bekannten, aber inzwischen wohl komplett vergessenen Ludwig Hoffmann.
    Kaiser behauptet sinngemäß, dass sein biederes Äußeres und die völlig regungslose Haltung am Flügel zu wenig "Aura" besessen hätten, so dass man die Größe seines Spiels kaum mehr bemerkte...
    Und Koroliov ist ja nun ebenfalls keine Rampensau.
    Aber woran es auch liegt - so manche seiner scheiben hat mich wirklich beglückt - nur das zählt!


    beste grüße!
    Daniel

  • hallo Daniel,


    ich gebe dir absolut recht, das ist das entscheidende ! genauso mag ich josef bulva sehr, obwohl er nicht berühmt ist, viele sein spiel nicht mögen, und man in den letzten jahren gar nichts mehr von ihm hörte.


    allen an dieser stelle frohe weihnachten und einen guten rutsch ins neue jahr. ich werde für 12 tage in teheran sein.


    gruß, siamak

    Siamak

  • Lieber Daniel,


    verzeih mir, aber bei dem Thread-Titel kommt mir folgender Satz azs der Werbung in den Sinn:


    "Außen Toppits- innen Geschmack" :D :D


    Herzliche Grüße,:beatnik: :evil:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • hallo,


    also nach dem mehrfachen hören der haydn-platte von hänssler mit e. koroliov muss ich nun doch Daniel support geben ! siehe hierzu bitte auch den haydn-klaviersonaten-thread.



    gruß, siamak :angel:

    Siamak

  • Hallo Siamak,


    Ich habe noch mal im Haydn-Thread nachgeschaut - du bist also voll des allergrößten Lobes für Herrn Koroliov, sehr schön! Ein Freund von mir war hingegen vollkommen enttäuscht, fand die Scheibe total öde - so unterschiedlicher Meinung kann man sein...
    Die Sonorität und Fülle von Koroliovs Ton, sein auf große Zusammenhänge zielendes Gestaltungskonzept hast besonders gelobt - das sind auch m.E. die besonderen Vorzüge dieser Aufnahme.
    Viele Pianisten pflegen einen überfeinerten, an der Grenze zur Koketterie vorbeischrammenden Haydn. Es wird getupft, getänzelt und geturtelt und es stinkt bisweilen nach Veilchen... Diese Klischees lassen sich offenbar nicht ohne weiteres abschütteln. Koroliovs kompaktere und deutlich "asketischere" Lesart wirkt da beim ersten Hören ziemlich unspektakulär. In der Summe ihrer Qualitäten ist sie aber ein Musterbeispiel für differenzierteste Pianistik und musikalische "Lauterkeit" - eine Scheibe für stille Stunden!
    Übrigens habe ich kürzlich einen alten Mittschnitt von G. Sokolov aus Braunschweig gehört - die erste Hälfte des Konzerts nur Haydn - so ein raffinierter Hund! Ganz anders als Koroliov (aber durchaus mit kräftigem Ton) - witzig, extrem nuanciert, ohne jedoch in die eben geschiderte Spieldöschenverniedlichung zu verfallen... Irgendwie eine tolle Mischung aus hart und zart!


    LG :hello:
    Daniel

  • Ich bin auch ganz begeistert. "Die Kunst der Fuge" finde ich atemberaubend, und bei diesem Werk ist es ja das Paradoxe, dass es desto spannender klingt, je weniger subjektiv es gespielt wird.
    Wer "Die Kunst der Fuge" mit Klavier hören möchte, ist mit Koroliov bestens beraten und bekommt für das teure Geld wenigstens auch noch erstklassigen Sound (im Vergleich zu den Sokolov-CDs).


    Wer Cembalo lieber mag, dem kann ich - um beim Digitalzeitalter zu bleiben - Davitt Moroney wärmstens empfehlen.


    Koroliovs CD mit der Chromatischen Fantasie und Fuge, Frz. Ouvertüre, Ital. Konzert etc. und die CD mit den Inventionen ist auch wunderbar, die Goldberg-Variationen haben da schon eher Konkurrenz.


    Habt ihr die Schubert-Sonate (D. 960) gehört? Auf Koroliovs Schubert und Haydn wäre ich jetzt ja auch neugierig.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Hatte das Vergnügen Koroliov mit einem Beethoven-Abend in Paderborn zu erleben (die letzten drei Klaviersonaten). Schwere Kost, aber was Koroliov daraus gemacht hat, war für mich sensationell! So klar, brilliant, technisch perfekt und doch auch musikalisch überzeugend und ausdrucksstark habe ich diese Sonaten nicht wieder gehört. An dieser Stelle meine Bitte an die Plattenfirma: Bitte eine Koroliov-Aufnahme der letzten Beethoven-Sonaten. Wenn nicht alle drei, so doch wenigsten die Letzte!!!
    Habe gleiches Programm mit Alfred Brendel einige Zeit vorher in Bielefeld gehört. Im Vergleich zu Koroliov kam damals sehr wenig rüber. Mag auch an dem zu großen Konzertsaal (Oetkerhalle) gelegen haben. Bei Brendel klang das alles sehr akademisch und verhalten. Koroliovs Interpretation dagegen lebte und wühlte auf.
    Gruß P. Ruckmann

  • Hallo ruckmann,


    die Oetkerhalle ist kein sehr großer Konzertsaal. Für großes Orchester eigentlich zu klein, also für Klavier gerade richtig. Koroliov ist einfach besser als Brendel, hilft alles nichts :D


    Ich habe gerade gesehen daß du die Debussy Preludes bei Ebay erstanden hast (komisch, das Angebot hatte ich irgendwie übersehen). Kennst du schon den Thread über die Klavierwerke von Debussy, wo ich ausführlich über die Tempoproblematik in La cathédrale engloutie geschrieben habe? Ich versuche immer noch, die Liste der "richtig" spielenden Pianisten zu erweitern. Koroliov ist ein heißer Kandidat, zu dem es bisher keine Meldungen gibt. Vielleicht kannst du das übernehmen?


    Gruß, Khampan

  • Gibt es eine Liste mit seinen kommenden Auftritten?
    Ich konnte noch keine finden!


    Dieser Threat und das darauf folgenden Hören der Kunst der Fuge hat mir wieder Lust auf
    ihn gemacht.


    Ligeti hatte wohl Recht ...


    :beatnik: :jubel:

    "Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten" Gustav Mahler

  • Hallo,


    ich bin großer Bewunderer des Klavierspiels von E.Koroloiv ! Von den CDs, welche er mit Werken von BACH aufgenommen hat, kenne ich die meisten, diese sind alle überragend! Im Konzert habe ich ihn auch noch mit SCHOSTAKOWITSCH und LIGETI gehört- ebenso hervorragend.
    Kennt jemand seine SCHOSTAKOWITSCH-CD, die 2006 erschienen ist:



    irgendwie findet man über diese CD nur wenig bewertende Informationen.
    Und hat Koroloiv auch schon LIGETI aufgenommen?


    Gruß pt_concours!

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • [quote]Original von SMOB
    Gibt es eine Liste mit seinen kommenden Auftritten?
    Ich konnte noch keine finden!



    2009 ist Koroliov "Artist in Residence" in Duisburg. Letzte Woche spielte er dort 2X Beethovens 4. Klavierkonzert G-dur. Am 3. Mai wär ich gern dabei.



    3. Profile-Konzert
    Johannes Brahms
    Drei Intermezzi für Klavier op. 117
    Antonín Dvorák
    Klaviertrio Nr. 4 e-Moll op. 90 „Dumky“
    Johannes Brahms
    Klavierquintett f-Moll op. 34


    Evgeni Koroliov Klavier
    Brendel-Quartett:
    Christiane Schwarz Violine
    Birgit Schnepper Violine
    Petr Horejsi Viola
    Kerstin Hytrek Violoncello
    So 18. Januar 2009, 11.00 Uhr
    Theater Duisburg, Opernfoyer



    2. Haniel Akademie-Konzert
    Werke von Johann Sebastian Bach, Franz Schubert, Igor Strawinsky in Fassungen für zwei Klaviere und Klavier zu vier Händen


    Klavierduo Koroliov:
    Evgeni Koroliov Klavier
    Ljupka Hadzi-Georgieva Klavier
    Di 24. März 2009, 20.00 Uhr
    Auditorium der Haniel Akademie



    6. Kammerkonzert
    Johann Sebastian Bach Aria
    mit 30 Veränderungen G-Dur BWV 988 („Goldberg-Variationen“)
    Evgeni Koroliov Klavier
    So 03. Mai 2009, 20.00 Uhr
    Mercatorhalle Duisburg im CityPalais

  • Habe Evgeni Koroliov gehört letzten Donnerstag hier am Konservatorium mit


    J. S. Bach: Chromatische Fantasie und Fuge
    Französische Suite Nr. 5 BWV 816
    Toccata in c-Moll BWV 911
    Joseph Haydn zugeschrieben: Partita in F-Dur „Bozner Sonate“ Hob. deest
    Frédéric Chopin:
    Impromptus Nr. 1 op. 29 As-Dur, Nr. 3 op. 51 Ges-Dur
    Mazurken op. 30 Nr. 2 h-Moll, op. 56 Nr. 2 C-Dur, op. 24 Nr. 4 b-Moll,
    op. 63 Nr. 3 cis-Moll, op. 67 Nr. 4 a-Moll
    Sonate für Klavier Nr. 2 in b-Moll op. 35


    Ich würde meinen: er ist tolle russische Schule und kommt live gut an. Sicher ist er kein Showmen, aber muß dies ein Pianist sein?


    Seinen Bach finde ich wunderschön, seinen Chopin auch, und ich würde meinen er spielt nicht wie viele Pianisten heute etwas überspeedet, sondern mit einer gewissen Tiefe, die sein Spiel m.E. sehr gefällig, sprich liebenswert macht.
    LG Michael