Einspringen - Rettung in der Not - Beginn der Karriere

  • Der Gedanke zu diesem Thread kam mir, als ich diese CD hörte und den Kommentar in der Produktinformation las.



    Hier sprang der Geiger Pinkas Zukermann für Nathan Milstein ein. Es war für den jungen Musiker der Beginn seiner Karriere.


    Ein Solist, eine Solistin, ein Sänger, eine Sängerin oder ein Dirigent, eine Dirigentin erkrankt.

    Der Veranstalter sucht Hände ringend nach einem Ersatz.

    Alles wendet sich zum Guten.


    Gibt es noch weitere Beispiele, wenn unbekannte Musiker ins Blickfeld der Öffentlichkeit kommen und beachtet werden?

    .


  • Manchmal springt der Künstler ein und viele Jahre später ist es schwer herauszubekommen, für wen? So geschehen am 28. Januar 1926 in Hamburg, als Wladimir Horowitz mit Tschaikowskis b-Moll Konzert für einen mittlerweile wohl unbekannten Klaviervirtuosen einsprang und eine internationale Karriere begann, die in gewisser Weise wohl unvergleichlich ist.


    Hamburgs Bürgermeister Klaus von Dohnanyi hängte Horowitz das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern um und verblüffte ihn mit originalen Souvenirs (Programmzetteln, Eintrittskarten. Zeitungskritiken) von jenem denkwürdigen Abend, als der Rußland-flüchtige Nobody am 28. Januar 1926 stehenden Fußes in der Hamburger Musikhalle eingesprungen war und das Publikum mit Tschaikowskis b-Moll-Konzert um den Verstand, sich selbst in den Olymp der Virtuosen gedonnert hatte.

  • Am 14. November 1943 sprang der kurz zuvor als Assistant Conductor des New York Philharmonic eingestellte Leonard Bernstein kurzfristig für den erkrankten Bruno Walter ein, ohne die Möglichkeit auch nur einer Probe zu haben. Das landesweit vom CBS übertragende Konzert wurde ein riesiger Erfolg und machte Bernstein auf einen Schlag bekannt.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Paul Badura Skodas Karriere hatte bereits vielversprechend begonnen - aber den internationalen Durchbruch schaffte er, nachdem er 1950 bei den Salzburger Festspielen für den erkrankten Edwin Fischer eingesprungen war, was in der Presse große Beachtung fand. Als er 1953 in New York debütierte war sein Konzert bereits ausverkauft...

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Montserrat Caballe sprang im Jahr 1965 für Marilyn Horne in der New Yorker Carnegie Hall in einer konzertanten Aufführung von Donizettis "Lucrezia Borgia" ein. Das war ihr Durchbruch zur Weltkarriere.

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

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  • Einspringen gibt es auch im Alltag, ohne dass man die Namen noch weiß. Aber es ist immer eine Rettungstat. Hier zwei Fälle, denen dann keine Weltkarriere folgt, aber diese Erweiterung des Themas erschien mir wichtig, weil sie viel öfter vorkommt.

    Wenn zu Beginn sich der Raum nicht verdunkelt, sondern statt des Dirigenten ein Sprecher erscheint, weiß man natürlich, was los ist.

    Vor einigen Jahren gab es in Münster eine schöne Aufführung von Dialogue des Carmélites. Eine wichtige Sängerin fiel aus. Zum Gluck stand das Stück in Hagen auf dem Spielplan, sodass schnell Ersatz gefunden wurde. Die Münsteraner sangen auf Deutsch, die Hagener hatten es auf Französisch einstudiert. Daher sang man in Münster auf Deutsch, mit einer Ausnahme! Ich muss ehrlich sagen, dass ich das nicht bemerkt hätte ohne entsprechende Ankündigung.

    Das schlaue Füchslein, dieses Jahr in Gelsenkirchen. Da gab es eine Reihe von Einspringern. Die Regieassistentin spielte das Füchslein, eine junge Sängerin sang die Partie an der Rampe aus den Noten. Eine grandiose Leistung, eben nicht nur das Einspringen, sondern auch die Stimme saß dem Füchslein wie angegossen. Leider war ihr Name nirgendwo verzeichnet.

    Bei der nächsten Aufführung sang wieder die etatmäßige Sopranistin, durchaus mit einer guten Leistung, aber nicht so brillant. Eine weitere Kuriosität: für eine Nebenrolle musste die Souffleuse einspringen. Sie war Tschechin und hatte die ganze Produktion für die Sprache betreut.

    Wir haben paläolithische Emotionen, mittelalterliche Institutionen und gottgleiche Technologie (E.O.Wilson)

  • Juan Diego Florez wurde durch seine Leistung als Einspringer beim Rossini-Opernfestival in Pesaro wo er seine Rolle in Rekordzeit erlernte, nachdem der dafür vorgesehene Sänger sich ihr nicht gewachsen fühlte. So stands damals zumindest in der Zeitung, er war damals 23 und sah blendend aus, sodaß ich zu Beginn ein wenig skeptisch war, was sdie Gründe für seinen Erfolg sein mochten. Aber sobald ich ihn gehört hatte, war ich einfach hingerissen

    WIKIPEDIA schreibt hier ziemlich nüchtern - uhn auf die besonderen Umstände seines Auftritts hinzuweisen...

    "1996 gab er sein Operndebüt in Matilde di Shabran beim Rossini-Opernfestival in Pesaro, wo seine ausdrucksstarke und bewegliche Stimme die Fachwelt beeindruckte."

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  • .... nachdem der dafür vorgesehene Sänger sich ihr nicht gewachsen fühlte .....

    1996 gab Bruce Ford die Rolle des Corradino in "Matilde die Shabran" kurzfristig während der Proben in Pesaro zurück da die Rolle ihn überforderte.

    Der damals 23-jährige und noch vollkommen unbekannte Juan Diego Florez lernte die Partie binnen kurzer Zeit und legte mit dem sensationellen Premierenerfolg den Grundstein zu seiner Weltkarriere.

    Ford seinerseits war 1990 in Pesaro in Ricciardo e Zoraide eingesprungen.

    Ich melde mich ab vom 11. März bis Anfang April 2026. Ein Monat Kur im Thermalbad.

  • Die kürzlich verstorbene Gabriele Lechner ist im Jahr 1986 an der Wiener Staatsoper im "Maskenball" für Margaret Price eingesprungen. Ihr Partner war niemand Geringerer als Luciano Pavarotti. Zu allem Überfluss wurde das Ganze auch noch im Fernsehen übertragen.

    Man stelle sich vor: eine 25-Jährige aus dem Opernstudio, die die Rolle noch nie gesungen hatte, springt für einen Weltstar an der Seite des vielleicht größten Weltstars ein - und die ganze Opernwelt sieht zu. Rückblickend hat sie lachend erzählt, dass sie bis zuletzt nicht ganz glauben konnten, dass den Verantwortlichen in Wien wirklich bewusst war, worauf sie sich eingelassen hatten.

    Alle waren sich einig, dass sie es super gemacht hat, die ganz große Karriere blieb dennoch aus.


    Verdi, Ballo in Maschera, Wiener Staatsoper, 1986 , Duett 2.Akt, Pavarotti, Lechner - YouTube

  • Einspringen als Beginn einer Karriere gab es hier und da in der Vergangenheit, aber heutzutage ist es praktisch unmöglich. Das hat viele Gründe, z. B. die große Zahl professionell ausgebildeter Musiker, die langen Vorlaufzeiten bei großen Konzertreihen, deren geringere gesellschaftliche Beachtung, das zunehmende Gewicht musiferner Kriterien wie Nationalität, Alter oder Aussehen usw.. Es ist kein Zufall, dass die oben genannten Beispiele Bernstein, Horowitz, Badura Skoda usw. alle aus längst vergangenen Zeiten stammen.

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  • Außerdem hab ich festgestellt, das die Zuschauer den Einspringer am Ende häufig nicht genügend würdigen, weil Sie eher enttäuscht sind, weil Ihr Lieblings Sänger nicht gesungen hat.

  • Letzthin bei der Aufführung von Le nozze di Figaro der Wiener Staatsoper hat die Sängerin der Susanna, Ying Fang, unmittelbar vor der Vorstellung die Stimme verloren. Maria Nazarova stand im Orchestergraben und sang den Part, während Ying Fang den Mund bewegte und die Rolle spielte.


    Bis 15.062023 kann man sich in der Arte Mediathek davon überzeugen, dass es klappte.


    https://www.arte.tv/de/videos/…ozart-le-nozze-di-figaro/


  • Ein berühmtes Einspringen war etwa, als Astrid Varnay binnen weniger Tage sowohl Sieglinde als auch Brünnhilde übernehmen mußte. Oder jene Gelegenheit, als Patrice Chereau für René Kollo in Bayreuth nach einem Beinbruch den Siegfried übernahm... Florez begegnete ich erstmals übrigens auch als Einspringer, er übernahm ganz kurzfristig in einem Münchner Sonntagskonzert den Grafen Almaviva.

  • Bei meinem obigen Beispiel (#6, Das schlaue Füchslein in Gelsenkirchen) war es nicht so; die Einspringerin wurde begeistert gefeiert. Ihre Leistung ging eben über das Einspringen weit hinaus.

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  • Ein berühmtes Einspringen war etwa, als Astrid Varnay

    Ergänzend sei hierzu noch gesagt, dass das eigentliche Einspringen von Astrid Varnay in einer Samstag-Matinee der »Walküre« geschah, nachdem Lotte Lehmann sich erkältet hatte und aus diesem Grund absagen musste. Nach eigener Aussage hatte die damals 22-Jährige Varnay vorher noch keinen Schritt auf einer Opernbühne getan und stand nun mit der ersten Riege der Metropolitan Opera New York auf der Bühne: mit dem dänischen 1,93 m-Hünen Lauritz Melchior, Alexander Kipnis und der stimmgewaltigen Helen Traubel, um die Wichtigsten zu nennen. Erich Leinsdorf hatte sie kurz vorher in die Rolle musikalisch eingeführt, wobei die Debütantin nur markierte, also nicht voll aussang; niemand konnte wissen ob die Stimme das in einer der längsten Opern des Repertoires auch hergab - wie man weiß, ging die Sache gut.

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  • »Einspringen« kann man auch inszenieren, wie ein berühmtes Beispiel aus Stuttgart zeigt.
    Die Staatsoper hatte in den 1950er Jahren ein gepflegtes Ensemble beisammen, ja, das war noch echtes Ensemble-Theater, wo auch Hochkaräter wie Hans Günter Nöcker und Wolfgang Windgassen mal die beiden Geharnischten sangen.


    Am 18. Februar 1956 stand eine Repertoirevorstellung der »Zauberflöte« auf dem Programm, als Staatskapellmeister Josef Dünnwald die Nachricht erreichte, dass Josef Traxel abgesagt hatte.
    Nun bat man Windgassen - der zwar allgemein für das Heldische im Haus zuständig war - den Tamino zu übernehmen und Windgassen erklärte sich zunächst auch bereit das zu tun, erschien jedoch nach wenigen Minuten wieder im Betriebsbüro und fragte:
    »Sagt mal, warum lasst ihr eigentlich nicht den Wunderlich singen?«


    Es war eine abgekartete Sache; Wunderlich hatte nämlich den gestandenen Kammersänger vor geraumer Zeit mal gefragt, ob Windgassen ihm einmal ein »Einspringen« ermöglichen könne.
    Wolfgang Windgassen hatte ihm das zugesagt und nun sein Versprechen eingelöst.