Otto Klemperer - Ein Gigant

  • Eines seiner letzten Dirigate hatte ich das Glück, mitzuerleben. Es war im Beethovenjahr 1970 beim Bonner Beethovenfest. Ein Bekannter meinte, das Philharmonia Orchestra hätte 'seinen' (wessen??) Beethoven wohl auch ohne ihn über die Rampe gebracht. Klemperer saß - wie in seinen letzten Auftrittsjahren fast ausschließlich - auf einer Art Hocker und dirigierte mit sparsamster Gestik. Ganz aus der Nähe konnte man jedoch sehen, mit welcher Energie diese Gestik geladen war. Die Eroica wurde im faustischen Sinne zum Ereignis. Es kam alles zusammen: die Aura dieses Mannes, ein Orchester, das auf die winzigsten Bewegungen mit Emphase reagierte, der Anlaß, und wahrscheinlich weilte der Genius loci auch noch im Saal. Es war ein sehr warmer Sommerabend, und als Klemperer sich im Finale zu seiner vollen Größe erhob, war das von einer Wirkung, fern jeglichen Showeffekts, die keiner, der dabei war, jemals vergessen wird. Ich habe fremde Menschen gesehen, die sich ihrer Tränen nicht schämten.


    Im Jahre 1970-meiner Erinnerung nach- gastierte Otto Klemperer mit seinem Philharmonia Orchester in der Beethovenhalle der Stadt Bonn. Ich kenne den ersten Programmbeitrag nicht mehr, erinnere mich aber bis heute an die anschliessende Aufführung der EROICA SInfonie. Ich war nach dem Konzert, das ich auf meiner Revox G36 in STEREO 19cm/s/ Halbspur aufnahm, wie gerädert.Otto Klemperer war grandios und für mich toppte dieser Live-Mitschnitt seine EMI Aufnahme deutlich. Die Aufnahme hatte leider deutlichen Rausch, da ich seinerzeit noch keine Richtantenne hatte und auch der Metz Receiver war sicher nicht der Klassenprimus. Ich wende mich folglich an die älteren Leser dieses Forum und möchte fragen, ob damals jemand dieses vom WDR übertragene Konzert in bestmöglicher Qualität in- am liebsten- astreiner REVOX Qualität mitgeschnitten hat. Ich bin selbst 64 Jahre, es müsste also schon ein Gleichaltiger oder älterer WDR Hörer sein, an den ich mich hoffnungsvoll wende.Wenn Sie noch ein spielfähiges Band von diesem Konzert haben, wenden Sie sich bitte bitte direkt an mich. Meine Anschrift: Dietmar Achenbach, Am Schrankenbuckel 4, 68782 Brühl. Telefon 0175-2445132


    Ich schließe mich allen Bewunderern Otto Klemperers uneingeschränkt an!
    Ich habe ihn 1970 in Bonn noch live erlebt, mit Beethovens erster und dritter Symphonie. Nie werde ich besonders die "Eroica" unter ihm vergessen. Ein hinfälliger alter Mann, hereingeführt und gestützt von 2 Saaldienern, erschuf an diesem Abend Unvergängliches. Es fällt mir schwer, unter seinen Aufnahmen eine hervorzuheben, aber sei es: Ich liebe vor allem den Mitschnitt eines Beethoven-Konzerts in München mit dem Bayrischen RSO und Beethovens 4. und 5. Symphonie!!!!


    Es ist erstaunlich, wie viele dieses legendäre Konzert vom 25. September 1970 live miterlebten. In allen Augenzeugenberichten liest man die Begeisterung heraus: "Beim Beethovenfest 1970 in Bonn soll es zu einem Augenblick hoher emotionaler Verdichtung zwischen Ausführenden, Auditorium und dem Genius loci gekommen sein, als der greise Otto Klemperer in einem seiner letzten Dirigate die 'Eroica' interpretierte. Augen- und Ohrenzeugen behaupten es jedenfalls und erzählen es nachschöpferisch weiter."


    Umso bedauerlicher ist es, dass die vom Label Arkadia erschienene CD des Konzerts in Mono ist (wieso auch immer). Mir wurde glaubhaft versichert (und ist ja auch hier zitiert), dass es seinerzeit in Stereo vom WDR übertragen wurde. Eine Anfrage an den WDR ergab nun, dass das Konzert zwar im Rahmen des Hörfunks seinerzeit übertragen, aber (unfassbar!) nicht mitgeschnitten und archiviert wurde. Ein Versäumnis sondergleichen, das einen wirklich nur ratlos zurücklässt, da die Tonqualität der Arkadia-CD wirklich mittelmäßig ist.


    Aber vielleicht gibt es ja irgendwo auf der Welt doch noch einen Klassiksammler (vielleicht in Übersee), der seinerzeit bereits in Stereo mitgeschnitten hat.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Eine Anfrage an den WDR ergab nun, dass das Konzert zwar im Rahmen des Hörfunks seinerzeit übertragen, aber (unfassbar!) nicht mitgeschnitten und archiviert wurde.

    In der sehr umfangreichen und lesenswerten Klemperer Biographie von Peter Heyworth (s. Beitrag 112) steht, dass es Mitte der 60er Jahre in London drei konzertante Aufführungen des Lohengrin unter Klemperer gab und dass auch hier "vergessen" wurde, das Tonband mitlaufen zu lassen. :no:

  • Ja, lieber lutgra, das sind so die Momente, in denen ich wirklich aus der Haut fahren könnte. Eigentlich grenzt das an grober Verantwortungslosigkeit. Heintje oder Roy Black wären damals vermutlich noch eher archiviert worden.


    Gibt es eigentlich ein komplettes Konzertregister von Otto Klemperer? So ließen sich vielleicht noch einige Schätze heben.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Gibt es eigentlich ein komplettes Konzertregister von Otto Klemperer? So ließen sich vielleicht noch einige Schätze heben.

    Ob in der Biographie eines drin ist, weiss ich im Augenblick nicht, ich schaue aber nach.

  • Leider kein Konzertregister, aber ich habe noch einmal die Geschichte mit dem Lohengrin nachgelassen, die ist wirklich erzählenswert.


    Es war keine konzertante Aufführung sondern Opening Night at Covent Garden 1963. Klemperer wollte niemand geringeres als Maria Callas als Ortrud und sie war wohl anfangs auch nicht abgeneigt, aber letztendlich wurde nichts draus. Stattdessen sang Rita Gorr. Klemperer hatte Zweifel, ob de los Angeles die rechte Besetzung für die Elsa sei, die dann irgendwann selber zurückzog und so wurde es Regine Crespin. Sandor Konya war vorgesehen, sagte aber ab und man schlug Hans Hopf vor. Als Klemperer daraufhin alles hinwerfen wollte, gelang es Konya doch noch zu überreden drei Aufführungen zu singen. Die Times "described the occasion as one of the greatest Wagner evenings Covent Garden had experienced since the war". Und dann dieser unglaubliche Satz:
    "For reasons best known to itself, the BBC failed to transmit a performance, so that no record survives of Klemperer's last great operatic achievement". ;(

  • Das ist wirklich geradezu haarsträubend. Eigentlich müsste schon damals gewusst worden sein, dass hier eine Sternstunde stattfinden würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwer eine der Aufführungen illegal "in house" mitgeschnitten hat, sind wohl auch eher gering. Ich will gar nicht weiter darüber nachdenken. :S

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Ich höre gerade eine Aufnahme der 5. Symphonie mit dem Philharmonia Orchestra als Schallplatte. Wirklich erstaunlich, wie er es bei den langsamen Tempi fertigbringt, dass nicht alles auseinanderfällt, sondern die Spannung erhalten bleibt. Eine sehr respektable, beeindruckenden Aufnahme, auch wenn ich letzten Endes doch etwas straffere Tempi vorziehe.


  • Die Box wird geholt! :)

    • Konzertmitschnitte aus der Royal Albert Hall London, Mai / Juni 1970.

      +Audio-Track: Otto Klemperer - A Personal Memoir from Gareth Morris (Interview mit John Tolansky)



      Mit 128-seitigem Buch, unter anderem mit den Themen "Klemperers Faszination über Beethoven" und "Ich werde ja doch nie fertig - Klemperer und Beethoven"


    Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie. Wem meine Musik sich verständlich macht, der muß frei werden von all dem Elend, womit sich die anderen schleppen.

    Ludwig van Beethoven


    Bruckner+Wand So und nicht anders :)

  • Lieber Wolfgang,


    wer suchet, der findet:), hier ist die allererste (deutsche) LP-Ausgabe auf 2 Columbia-Platten, gekoppelt mit Egmont-Auszügen:

    Otto Klemperer - 9. Sinfonie


    und das müßte eine spätere 2 LP-Auflage sein, auf 1 1/2 30 cm-Platten (das war bei EMI zeitweise üblich):


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    Ich hatte in meinem Eintrag 48 die erste (vollpreisige) CD-Edition abgebildet. Als eingefleischter Klemperer-Fan habe ich mir diese gleich zugelegt, als sie 1988 auf den Markt kam. Später gab es sie auf CD in weiteren Ausgaben, z.B. in der von Dir gezeigten (bei Leibowitz) und in dieser neueren, und vorerst letzten:



    The Klemperer Legacy (Beethoven: Sinfonie 9) - Christa Ludwig, Valdemar  Kmentt, Hans Hotter, Aase Nordmo-Lovberg, Ludwig Van Beethoven, Otto  Klemperer, Philharmonia Orchestra: Amazon.de: Musik


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).


  • Einen Anlass, um sich mit Klemperers Vokalaufnahmen neu auseinanderzusetzen, bietet diese Edidion von Warner, die am 27. Oktober 2023 erscheint. Dazu ist bei JPC zu lesen: Mit "Otto Klemperer – The Warner Classics Remastered Edition" legt Warner die komplette Diskografie des Jahrhundertdirigenten für die Labels EMI Columbia, HMV, Electrola und Parlophone neu auf – technisch überarbeitet in einer nie dagewesenen Qualität. Ergänzend zur ersten Box mit sinfonischen Aufnahmen enthält der zweite Teil der Edition auf 29 CDs alle Opern und geistlichen Vokalwerke, die Klemperer gemeinsam mit dem Philharmonia bzw. New Philharmonia Orchestra zwischen 1960 und 1971 einspielte. "Große musikalische Erlebnisse können nie verloren gehen" – davon war der von Orchestern geliebte wie gefürchtete Dirigent überzeugt. Oratorien von Bach, Händel, Beethoven und Brahms dokumentieren die zeitlose Schönheit seiner Interpretationen, Aufnahmen berühmter Opern von Mozarts "Don Giovanni" über Beethovens "Fidelio" bis Wagners "Fliegendem Holländer" bleiben ein ewiges Fest für die Ohren – nicht zuletzt wegen Gesangstars wie Christa Ludwig, Nicolai Gedda oder Elisabeth Schwarzkopf. Neben diesen diskografischen Meilensteinen bietet die Box spannendes Bonusmaterial auf zwei CDs mit Einblicken in Klemperers Leben und Wirken, darunter Aussagen von Künstlerinnen und Künstlern, die in seinen Opernaufnahmen mitgewirkt haben. Zeithistorische Dokumente führen hinter die Kulisse der "Don Giovanni"-Einspielung von 1966: Das in Proben und Abhörsitzungen entstandene Material wird hier teilweise zum allerersten Mal veröffentlicht.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

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  • Einen Anlass, um sich mit Klemperers Vokalaufnahmen neu auseinanderzusetzen, bietet diese Edidion von Warner, die am 27. Oktober 2023 erscheint.

    Ein wichtiger Hinweis, um bei allen Klemperer-Bewunderern etwaig noch vorhandene Lücken zu schließen. Und mir scheint - entgegen anderslautender Kritik - auch das Preis-Leistungs-Verhältnis zu stimmen. Wichtig scheinen mir auch die "Zusatz"-CD über Klemperers Arbeit/Proben etc. zu sein.

    "Von Herzen - Möge es wieder zu Herzen gehen"

    (Ludwig van Beethoven über den Beginn des "Kyrie" seiner "Missa Solemnis")

  • bei JPC zu lesen: Mit "Otto Klemperer – The Warner Classics Remastered Edition" legt Warner die komplette Diskografie des Jahrhundertdirigenten für die Labels EMI Columbia, HMV, Electrola und Parlophone neu auf – technisch überarbeitet in einer nie dagewesenen Qualität.

    Lieber Rüdiger,


    ganz herzlichen Dank für diesen Hinweis. Die Neuausgabe war mir bisher tatsächlich entgangen. Man kann Warner Classics gar nicht genug danken für die Sorgfalt und Aufmerksamkeit, wie dort mit dem alten, von EMI (und auch anderen Labels) übernommenen Schatz umgegangen wird. Auch hier scheint wieder enorme Arbeit geleistet worden zu sein, nicht nur was die technische Realisierung betrifft, sondern es sind - wie man sehen kann - auch die alten Original-Cover zur Neuausgabe herangezogen worden. Für Sammler ein wahrer Augenschmaus!


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Das ist der "Klemperer-Gemeinde" ja sicher bekannt. Aber gewiss gibt es auch noch Interessenten, die das noch nicht gelesen und gesehen haben. Denen sei das wärmstens empfohlen!


    1. Symbol für globales Web ottoklemperer.nl https://www.ottoklemperer.nl/screenplay

    Screenplay – Otto Klemperer

    WebKlemperer – Bei Fidelio habe ich und Ewald Dülberg, wir haben Regie geführt. Die Dekorationen, die hat Dülberg gemacht. Hans Curjel – Die Sauberkeit, das war ja immer …

    "Von Herzen - Möge es wieder zu Herzen gehen"

    (Ludwig van Beethoven über den Beginn des "Kyrie" seiner "Missa Solemnis")


  • Einen Anlass, um sich mit Klemperers Vokalaufnahmen neu auseinanderzusetzen, bietet diese Edidion von Warner, die am 27. Oktober 2023 erscheint. Dazu ist bei JPC zu lesen: Mit "Otto Klemperer – The Warner Classics Remastered Edition" legt Warner die komplette Diskografie des Jahrhundertdirigenten für die Labels EMI Columbia, HMV, Electrola und Parlophone neu auf – technisch überarbeitet in einer nie dagewesenen Qualität. Ergänzend zur ersten Box mit sinfonischen Aufnahmen enthält der zweite Teil der Edition auf 29 CDs alle Opern und geistlichen Vokalwerke, die Klemperer gemeinsam mit dem Philharmonia bzw. New Philharmonia Orchestra zwischen 1960 und 1971 einspielte. "Große musikalische Erlebnisse können nie verloren gehen" – davon war der von Orchestern geliebte wie gefürchtete Dirigent überzeugt. Oratorien von Bach, Händel, Beethoven und Brahms dokumentieren die zeitlose Schönheit seiner Interpretationen, Aufnahmen berühmter Opern von Mozarts "Don Giovanni" über Beethovens "Fidelio" bis Wagners "Fliegendem Holländer" bleiben ein ewiges Fest für die Ohren – nicht zuletzt wegen Gesangstars wie Christa Ludwig, Nicolai Gedda oder Elisabeth Schwarzkopf. Neben diesen diskografischen Meilensteinen bietet die Box spannendes Bonusmaterial auf zwei CDs mit Einblicken in Klemperers Leben und Wirken, darunter Aussagen von Künstlerinnen und Künstlern, die in seinen Opernaufnahmen mitgewirkt haben. Zeithistorische Dokumente führen hinter die Kulisse der "Don Giovanni"-Einspielung von 1966: Das in Proben und Abhörsitzungen entstandene Material wird hier teilweise zum allerersten Mal veröffentlicht.

    Interessant hierbei auch, dass der Torso der h-Moll-Messe von 1961 Berücksichtigung fand. In diesem Jahr hat Klemperer für EMI bereits die Chöre dieses Werkes mit dem Philharmonia Orchestra und Philharmonia Chorus eingespielt. Nicht zu verwechseln mit der späteren Gesamteinspielung von 1967 mit dem New Philharmonia Orchestra und dem BBC Chorus. Auf LP nie erschienen, hat das Label Testament vor etlichen Jahren die Erstveröffentlichung besorgt. Obwohl die Spielzeiten ähnlich sind, hat sich EMI wohl zu einer kompletten Neueinspielung entschlossen und die frühere Aufnahme verworfen. Jedenfalls ein weiterer Ausdruck der intensiven Beschäftigung des Dirigenten mit diesem Werk, der dazu meinte: "Für mich ist Bachs h-Moll Messe die größte und unvergleichlichste Musik, die jemals geschrieben wurde."


    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven