Joachim Raff - Die Kammermusik

  • Es gibt bereits diesen Thread über die acht Streichquartette Joachim Raffs.


    Im Ouvre Raffs finden sich allerdings noch weitere großartige Werke für die kleine Besetzung. Ein solcher Thread wird kaum große Aufmerksamkeit oder Interesse erregen, aber er ist vielleicht wertvoll für Raff-Freunde und Interessierte an romantischer Kammermusik.


    Raff hat folgende größere Kammermusikwerke geschrieben:

    * 8 Streichquartette

    * 5 Violinsonaten darüber hinaus 4 Duos für die gleiche Besetzung

    * 4 Klaviertrios

    * 2 Klavierquartette

    * 1 Klavierquintett

    * 1 Sextett

    * 1 Oktett

    * zahlreiche Einzelstücke verschiedener Besetzungen

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Eine besondere Vorliebe habe ich persönlich für die Gattung des Klaviertrios. Selbst Kammermusik-Ouvres die als akademisch, trocken oder spröde gelten, nähere ich mich in der Regel über diese Gattung an und finde schließlich einen Zugang zum restlichen Werk.

    Raffs Werke gelten zwar nicht als vergleichbar akademisch wie z.B. Draesekes oder Bargiels und auf gewisse Weise auch Brahms', aber Raffs Kammermusik hat gelegentlich den Ruf spannungsarm oder langweilig zu sein, besonders im Bereich der Streichquartette. Wie so häufig bei solchen Komponisten verfliegt dieser Ruf üblicherweise bei häufigerer Beschäftigung mit der Musik.


    Bei den Klaviertrios habe ich ohnehin keine Langeweile verspürt. Diese Musik ist eigentlich durchgängig interessant, schön, brillant und/oder ergreifend. Alle vier Trios, die ich einzeln vorstellen werde, enthalten großartige Musik. Am besten gefällt mir insgesamt das 2. Klaviertrio, schöne Sätze enthalten indes alle vier.


    Die Klaviertrios Joachim Raffs sind in einem relativ begrenzten Zeitraum entstanden und sind der mittleren Schaffensperiode zuzurechnen:

    1. Klaviertrio Op. 102 in c-Moll

    2. Klaviertrio Op. 112 in G-Dur

    3. Klaviertrio Op. 155 in a-Moll

    4. Klaviertrio Op. 158 in D-Dur


    Verdient gemacht um die Einspielung hat sich wiedereinmal cpo, wo alle vier Trios mit 'Trio Opus 8' aufgenommen wurden.


    Des weiteren existiert noch eine Aufnahme des 1. Klaviertrios vom 'Trio Nota Bene', die ich aber nicht kenne:


    Alle vier Trios gibt es zudem mit:

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Das 1. Klaviertrio Op. 102 entsteht 1861 als kammermusikalisch noch frühes Werk Raffs. Zuvor komponierte er auf diesem Gebiet einen Großteil der Kammermusik für Violine und Klavier und die ersten beiden Streichquartette.

    Das Trio beginnt mit einer schweren Einleitung von mächtigen Klavier-Akkorden und klagenden Einwürfen der Streicher. Aus diesem Material entwickelt sich völlig organisch ein forscher Hauptsatz dessen themtisches Material auch im Seitenthema sehr geschlossen und damit fast monothematisch wirkt. Bemerkenswert ist die Coda, die in ihrem Umfang und ihrer Verarbeitungstechnik beinahe zur zweiten Durchführung gerät.

    Es folgt ein Sehr rasch bezeichnetes Scherzo, welches mit spukhaft dahin huschenden Motiven der Violine beginnt. Cello und Klavier imitieren.

    Das langsame Satz (Mäßig langsam) beginnt mit einer mittels Arpeggien im Ausdruck gesteigerten Klavierweise. Die Streicher nehmen das gesangliche Thema auf und bearbeiten es sogleich. In den weiteren Varianten (ein 'echter' Variationssatz liegt indes nicht vor) verdichtet sich das Klangteppich und der Ausdruck bis zu klanggewaltigen Höhepunkten. Das Booklet spricht von "Raffs erotischstem Stück" - eine Charakterisierung die eher der Fantasie des Autors zuzuschreiben sein dürfte.

    Mit einer virtuosen Kadenz des Soloklaviers entsteht ein bewegtes Perpetuum mobile, gelegentlich atemlos, gelegentlich brillant. Schnell wird ein tänzerisches Thema erreicht, welches an etliche Kammermusik-Vorbilder der deutschen Romantik erinnert. In trotzigem c-Moll endet der schwungvolle Satz schließlich mit einer knappen Geste.


    Raffs 1. Klaviertrio eröffnet eine Reihe von insgesamt vier hochwertigen Kammermusik-Beiträgen. Klanglich bewegt sich das Werk zwischen (deutschen) Vorbildern und Raffs Personalstil. Eine von Raffs Stärken - die Instrumentierung - entfällt in der Kammermusik, so dass der Fokus eher auf der Erfindung der Melodik, auf technischer Brillanz und auf harmonischen Finessen liegt. All dies gelingt Raff hier ziemlich gut und IMO besser

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Mein Lieblingstrio von Raff ist das 2. Klaviertrio Op. 112 in G-Dur. Es entstand etwa zwei Jahre nach dem Vorgänger.

    Der Kopfsatz (Rasch, froh bewegt) beginnt mit jener Frische und Brillanz, die einerseits viele von Raffs sinfonischen Werken ausmachen und die andererseits auf die Vorbilder deutscher Klaviertrios weist. Das eingängige Hauptthema schreitet munter voran, im herrlichen Wechselspiel der drei Solisten. Auch im Seitenthema bleibt die bewegte Klavierbegleitung größtenteils erhalten. Die Verarbeitung des Themas in der Durchführung bleibt größtenteils 'galant'.

    Das sehr rasche Scherzo gehört zu den unauffälligeren Triosätzen Raffs. Es begegnet die übliche hüpfende Thematik, die hier eher kantig, denn spukhaft erscheint.

    Ein Höhepunkt der Kammermusik Raffs ist das folgende Andante (Mäßig langsam). Es beginnt mit einer feierlichen Melodie des Klaviers, die entfernt an verschiedene Sonaten Beethovens erinnert. Der edle Gesang wird von den Streichern fortgesponnen und bearbeitet und erreicht in der Folge dramatische Höhepunkte. Die Steigerungen sind hier äußerst expressiv und das Thema zeigt sich als äußerst vielseitig in seinen Bearbeitungsmöglichkeiten. Besonders markant gerät eine unruhige Passage nach Art einer Arabeske, aus welcher das strahlende Hauptthema hervor tritt.

    Das Finale (Rasch, durchaus belebt) nimmt ein wenig Anlauf, bevor sich zu einer rasenden Klavierbegleitung das unruhige Hauptthema entwickelt, welches großes kontrapunktisches Potenzial entwickelt. Aus zunächst unisono vorgetragenen Läufen entwickelt sich schnell eine virtuose Fuge. Dem entgegen steht das choralartige Seitenthema, welches zunächst vom Klavier solo vorgetragen wird.


    Dieses Klaviertrio ist letztlich so gut, dass ich es persönlich in die Reihe der großen Trios zu Beethoven, Schubert, Brahms, Dvorak, Mendelssohn oder auch Bargiel 1 stelle.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Das 1. Klaviertrio Op. 102 habe ich soeben gehört.

       


    Eine von Raffs Stärken - die Instrumentierung - entfällt in der Kammermusik, so dass der Fokus eher auf der Erfindung der Melodik, auf technischer Brillanz und auf harmonischen Finessen liegt.

    Genau das habe ich in der Vergangenheit ebenfalls empfunden. Aber vermutlich habe ich damals eine oder zwei schlechte Tage gehabt. Eine meiner schlechten Eigenschaften ist, daß ich bereits nach wenigen Takten mein Urteil über ein Werk fälle - und es dann oft nicht zu Ende höre.

    Heute haben mich lediglich die ersten etwas düsteren Töne am Klavier geschockt - aber das hellte sich dann schnell auf. Ich finde, daß es teilweise sehr energische Stellen in dem Werk gibt, auch mit hohem Tempo kombiniert - oder als Kontrast dagegengestellt. Der Einfallsreichtum hat mich überrascht, vor allem auch die tänzerische Passage gegen Ende des Werkes - nicht zu vergessen die eingängige Melodie im dritten Satz, die dann durch einen "Energieschub" unterbrochen wird...

    Ich habe die heutige Hörsitzung sehr genossen.

    Ein Werk das jeder Freund der Kammermusik UNBEDINGT hören sollte.

    Das ist insofern möglich - und noch dazu preisgünstig - da überraschenderweise - die CD noch immer im Programm ist...

    Tontechnik ist auch überzeugend


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



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  • Ebenfalls äußerst hörenswert ist das 4. Klaviertrio Op. 158 in D-Dur. Es entstand 1870 kurz nach dem 3. Klaviertrio auf dem Höhepunkt der Bekanntheit Raffs.

    Der Kopfsatz (Allegro) wird von den Achtelfigurationen des Klaviers geprägt, auf welchen sich eine eher sanfte und leicht nachdenkliche Melodie entfaltet. Ein zweites Thema ist rhythmisch markanter, bleibt dafür aber melodisch vage. Insgesamt ein recht harmloser, aber schöner Satz.

    Das nachfolgende Scherzo besteht aus widersprüchlichen Elementen: Ein kantiger und oft unisono geführter Hauptgedanke des Klaviers, trifft auf ein ausladendes gesangliches Thema der Streicher. Es wirkt wie Scherzo und Trio in einem.

    Höhepunkt ist für mich erneut der langsame Satz (Andante quasi Larghetto). Dies ist interessanterweise bei den kammermusikalischen Werken Raffs häufig der Fall bei mir, bei den Sinfonien indes weniger. Der Satzbeginn erinnert recht deutlich an Schuberts "Leise flehen meine Lieder" aus dem Schwanengesang. Doch schnell etablieren die Streicher eine herrliche und schwärmerische Kantilene, die sie immer weiter aussingen. Im Satzverlauf erinnert die Klavierbegleitung mit ihren immer expressiveren Umspielungen zunehmend an Chopin. Immer weitere Steigerungen führen zu einem tragischen Höhepunkt in Fis-Dur. Ein wahrlich faszinierender Satz.

    Den Abschluss bildet ein virtuoses Allegro, das sich schnell in kontrapunktische Passagen ergeht. Da das musikalische Material dünn bzw. recht unartikuliert bleibt, hat man diesem Satz gelegentlich Formalismus vorgeworfen - eine reine Zurschaustellung von Technik. Wenn die Musik dabei immer noch derart virtuos begeistern kann, nehme ich das gerne hin.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Hört man sich die beiden Klavierquartette Op. 202 an, hat man zuweilen den Eindruck Musik eines anderen Komponisten zu hören als in den Klaviertrios. Beide Werke entstanden 1876 und damit etwa 15 Jahre nach dem 1. Klaviertrio. Eine Zeit in der etwa 100 Opuszahlen liegen, 8 Sinfonien und der Aufstieg Raffs auf den Gipfel seiner damaligen Bekannt- und Beliebtheit.

    Dennoch überrascht mich der Ton, der vor allem im 2. Klavierquartett Op. 202.2 in c-Moll vorherrscht. Er ist IMO moderner und radikaler als in den meisten anderen Werken Raffs bis auf wenige Ausnahmen. Eine dieser Ausnahmen ist der Kopfsatz der 11. Sinfonie, welche ja eigentlich die 9. Sinfonie Raffs ist und im gleichen Jahr, nahezu parallel zu den Klavierquartetten entstand. Ich stelle also fest, dass Raff 1876 eine kurze harmonisch progressive Phase mit einem Tonfall hatte, den er anschließend wieder ein wenig zurückgenommen hat.


    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Das Klavierquintett Op. 107 in a-Moll entstand 1862 nahezu gleichzeitig mit dem 1. Klaviertrio. Es zeichnet sich durch die gleiche Frische und Brillanz der Klaviertrios aus, weist aber einige Eigenheiten auf.

    Wie das 1. Klaviertrio beginnt es verhalten und ein wenig düster, aber anders als in jenem dominiert im gesamten Quintett die Kontrapunktik. Im dichten Klangteppich begegnet immer wieder eingewobene Kontrapunktik - kein Wunder also, dass die Musik hier ein wenig an Brahms erinnert. Ein expressives Seitenthema klingt dann deutlich nach Raff, ebenso wie die durchgängigen Achtelläufe des Klaviers in der Begleitung. Auffällig und ziemlich mitreißend ist ferner der Volkston im Finale. Das Hauptthema, nach mächtigen Eingangsakkorden des Klaviers, klingt böhmisch-slawisch, was bei Raff selten vorkommt. Noch feuriger ist eine Czardas-artige Bearbeitung des Tanzes in der Mitte des Satzes - das macht einfach enorm Spaß beim Zuhören und mit Sicherheit auch beim Spielen!


    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Ich bin erst beim Klaviertrio N2 op 112 in G-dur angelangt. Ein durchwegs freundliches, liebliches Werk, das indes gelegentlich auch eindringlicher werden kann und immer mit Überraschungen vor Langweile bewahrt. Eine wunderbare Balance zwischen harmlos fröhlich und energisch markant zeichnet das Werk aus, Die Überschrift des ersten Satz ist mit "Rasch, froh, bewegt - absolut zutreffend beschrieben" Danach folgt der rhytmisch interessante schnelle 2. Satz. Der 3, "mässig langsame" Satz kling für mich ein wenig sehnsüchtig ist aber auch ein Ohrwurm.Den Abschluß des Trios bildet ein quirliger IMO sehr origineller Satz mit markanten Passagen des Soloklaviers, die ich als überraschend und äusserst wirkungsvoll empfand...

    Ein Lob auch dem "Trio Opus 8", das nunmehr seit seiner Gründung 1986 in unveränderter Besetzung spielt. Auch die Tontechnik ist superb !!

    Die Aufnahme ist von 1999 und es grenzt an ein Wunder, daß sie noch im Angebot ist (7.99 Euro)


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Sehr bedeutend ist ferner das Oktett Op. 176 in C-Dur. Es entstand 1872 zeitgleich mit der berühmten 5. Sinfoni und somit auf einem Schaffenshöhepunkt Raffs. Das Oktett muss sich vor den berühmten Vertretern der Gattung von Mendelssohn, Schubert oder Spohr nicht verstecken. Im Gegenteil: Ich empfinde es als gleichwertig und in diese Reihe gehörig.


    Der Kopfsatz Allegro beginnt mit einem munteren Motto-Thema im Unisono, woraufhin geradezu übersprudelnde Einwürfe verschiedener Instrumentengruppen folgen. Mit fast euphorischer Freude entwickelt sich der Satz fast ohne Ruhepausen. Das erwähnte Hauptthema des Satzes ist omnipräsent, das Seitenthema spielt kaum eine Rolle.

    Es folgt ein kurzes Scherzo (Allegro molto) im typisch Raffschen Stil, der immer ein wenig an Mendelssohn erinnert. Spukhafte schnelle und hüpfende Figuren, unterbrichen von einem überraschend hymnischen Trio.

    Wie so häufig in der Kammermusik erreicht Raff die höchsten Ausdrucksformen in den langsamen Sätzen. Das Andante moderato beginnt mit einem herrlich liedhaften Thema, welches sehr choralartig wirkt. Der Satz vermischt in der Folge sehr geschickt Variationsform und dreiteilige Liedform, wie das in langsamen Sätzen schon seit Mozart gelegentlich anzutreffen ist. Doch hier werden beide Teile, der Choral A und das unruhigere Kontrastthema B stets nacheinander variiert bzw. bearbeitet. Denn das Grundthema bleibt stets erhalten und wird nicht nach klassischen Regeln variiert, sondern lediglich umspielt und stimmlich umverteilt. Das Choralthema behält auch in der Vermischung beider Klangwelten (Violinen & Viola A, Bässe B) am Ende des Satzes die Oberhand.

    Nach solchen Höhenflügen ist es oft schwer ein adäquates Finale zu finden. Raff gelingt das mit einem Vivace-Wirbel ganz gut. Der Satz beginnt verhalten, unterbrochen von schnellen Läufen, die das nun folgende Perpetuum mobile schon ankündigen. Der weitaus virtuoseste Satz des Oktetts weiß zu begeistern und besonders in den mitreißenden letzten Takten lässt Raff es "krachen". Da ist der Applaus schon mit ein-komponiert.



    Ich empfehle ferner auch diese schöne Interpretation:

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

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  • Bei den Violinsonaten glaube ich zu erkennen, dass nicht alle gleich bedeutend sind und einige nicht zur Spitze in Raffs Kammermusik gehören. Die Werke dieser Gattung (also die fünf Sonaten, die Konzertstücke und die Duos) gehören bis auf die 5. Sonate sämtlich zum Frühwerk Raffs. Mit dieser Besetzung hat Raff sein kammermusikalisches Handwerk erprobt und verbessert.

    Das beste Werk Raffs dieser Besetzung ist für mich die 2. Violinsonate Op. 78 in A-Dur. Der Kopfsatz und der Variationssatz sind von schwärmerischen Charakter und der Tradition der Gattung verpflichtet, dabei etwas ungeordnet und ausschweifend. Besonders der langsame Variationssatz wirkt häufig eher rhapsodisch, als variierend. Aber dabei freilich immer wohlklingend. Ausnahmsweise in Raffs Kammermusik gefällt mir hier das virtuose Finale am besten. Beide Instrumente wechseln sich mit rauschenden Passagen wirkungsvoll ab, bevor eine lyrische Insel der Ruhe als B-Teil vorüber zieht. Besonders mitreißend gerät dann der Werkschluss: Aus dem lyrischen Thema tritt organisch das virtuose Hauptthema hervor und fegt in einem strettaartigen Schluss alles hinweg.


    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Vielleicht eine kleine Ergänzung, wenn man die Werke nicht unter "zahlreiche Einzelstücke" subsummieren möchte. Raff hat auch Werke für Cello und Klavier geschrieben. Vor allem ist da eine dreißigminütige Cellosonate zu erwähnen, aus dem jahre 1873.


    Es gibt eine Einspileung mit dem deutschen Cellisten Christoph Croisé und der russischen Pianistin Oxana Shevchenko


  • Vielleicht eine kleine Ergänzung, wenn man die Werke nicht unter "zahlreiche Einzelstücke" subsummieren möchte. Raff hat auch Werke für Cello und Klavier geschrieben. Vor allem ist da eine dreißigminütige Cellosonate zu erwähnen, aus dem jahre 1873.

    Stimmt, die hätte man als große Form oben noch mit erwähnen müssen. Jedenfalls ist sie sehr hörenswert!

    Beste Grüße von Tristan2511


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    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Klaviertrio Nr. 3 op. 155 in A-dur


    Das Klaviertrio Nr. 3 schrieb Raff 1870 in Wiesbaden, also 7 Jahre nach der Nr. 2. Ich gestehe, daß mich dieses Werk weniger begeistert hat, als seine Vorgänger, was aber mit meinen persönlichen Präferenzen zusammenhängen mag. Es ist weniger eingängig und ausserdem- vor allem im ersten Satz - unruhig. Ich empfand es ein wenig sperrig und "unübersichtlicher" als ich es bislang gewohnt war. Dennoch habe ich nicht aufgegeben und dem Werk 4 (!!) Chancen gegeben. Gestern nacht habe ich es in entspannter Stimmung erneut mit Kopfhörern gehört, und in der Tat dann doch einige lieblichere Stellen entdeckt, so beispielweise die Variationen im 3. und das "ungarische " Thema im Finalsatz.....

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Klaviertrio Nr. 4 op. 158 in D-dur


    Schon nach den ersten Tönen habe ich bemerkt, daß das Trio Nr 4 zumindest vordergründig gefälliger daherkommt als sein Vorgänger, wenngleich die beiden relativ kurz hintereinander geschrieben wurden. Wie so oft bei Raff erkennt man (vermutlich nur auf unsere Zeit bezogen) die wahre, tiefere Schönheit erst nach mehrmaligem Hören. So bei mir im Falle des 3. Satzes. Hier war die Bemerkung von "Tristan2511" hilfreich, der an Beginn eine Ähnlichkeit zu Schuberts: "Leise flehen meine Lieder" heraushörte. Ich habe das übergört, weil es sich nur auf die Einleitung bezieht, dann aber, sobald die eigentliche Melodie beginnt, eigen Wege geht. Dennoch - einmal sensibilisiert - kann man in diesem Satz doch stellenweise "allgemeine" schubert'sche Untertöne orten.Nicht zu vergessen die zahlreichen Stimmungswechsel, teilweise gibt es hier durchaus zupackende oder auch tänzerische Stellen - die den Satz prägen und ungemein abwechslungsreich machen


    Damit verabschiedet sich Raff vom Klaviertrio, nicht aber von der Kammermusik im allgemeinen. In den letzen 12 Jahren seines Leben folgen noch 2 Klavierquartette und 3 Streichquartette, sowie ein Sextett und ein Oktett.....


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



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  • Ich gestehe, daß mich dieses Werk weniger begeistert hat, als seine Vorgänger

    Gestern nacht habe ich es in entspannter Stimmung erneut mit Kopfhörern gehört, und in der Tat dann doch einige lieblichere Stellen entdeckt, so beispielweise die Variationen im 3.

    Mir ging es exakt genau so. Ich hatte das 3. Klaviertrio Op. 155 als das am wenigsten interessante abgespeichert. Doch den 3. Satz, das Adagietto, habe ich inzwischen mit anderen Ohren gehört. Es ist wirklich ein herrlicher Variationssatz. Das im Klavier vorgestellte Thema ist wunderbar kantabel und ergreifend, die Variationen sind - besonders klanglich - vielseitig. Wie das Thema umspielt und von den einzelnen Instrumenten mit ihren Möglichkeiten behandelt wird ist große romantische Kunst. Ich könnte mir diesen Satz immer und immer wieder anhören.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)