Johann Sebastian Bach: Die Kantaten und ihre Interpreten - von einst bis heute

  • Da dank unseres Unsers "Tristan2511" die Tamino Reihe "Die Bachkantate"- nach einer jahrelangen Pause - vollendet wurde und das Interesse an diesem Thema hier im Form - zumindest moderat - wiedererwacht zu sein scheint - und da es darüber hinaus in den letzten Jahren einige Neuerscheinungen gab, bietet sich das Aufgreifen des Themas geradezu an. Zuallererst plante ich genau diesen Thread. Dann aber fand ich jenen:

    Rilling, Richter, Harnoncourt --- Bach - Kantaten

    und hatte die Idee ihn einfach thematisch zu erweitern. Eine genaue Recherche indes ließ mich den Gedanken verwerfen und zur Ursprungsidee zurückkehren, denn der bewusste Thread (er hat die Nr 211 !!!)

    entstand in Gründungsjahr des Forums (2004) und hattte bis November 2006 (!!!) 228 (!!!) Beiträge. Dann folgen insgesamt nich weiter 10 Beiträge teilweise im Jahresrhythmus - ab 2018 war dann Schluss.

    IMO wäre es unter diesen Umständen keine gute Idee den Thread um heutige Aufnahmen zu erweitern. Man kann dort selbstverständlich noch schreiben - bezugnehmend auf die im Titel vorkommenden Interpreten.

    Hier soll es eher um HEUTIGE Aufnahmen gehen - also solch der letzen 25 Jahre, wobei es sich vermutlich nicht verhindern lassen wird, gelegentlich auch auf die "großen" aufnahemen der Vergangenheit Bezug zu nehmen. Sie waren zu prägend, als daß man sie vergessen oder übersehen könnte.

    Schwerpunkt sollen aber heutige Interpreten mit - möglichst erhältlichen - Aufnahmen machen. Empfehlungen wären nett - Begründungen dafür indes ideal...

    Ich weiß das ist schwierig - deshalb erwarte ich mir hier auch nicht allzuviel, wünschen ist aber erlaubt (?)

    Vielleicht lockt dieser - und andere Threads der Barockzeit (Siehe Biber, siehe Rebel) - einige sind in Planung - kompetente Mitleser an, sich dem Forum anzuschliessen und mitzumachen.

    Die Anzahl der Leserbriefe ist steigend, die de rNeuanmeldungen auch - allerdings wesentlich moderater.


    mfg

    aus Wien


    PS: Dieser Thread hat übrigens die Nr 22931 ! (;))

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Ich habe mich ja schon häufig als HIP-Verfechter bei Bach geoutet.

    Deshalb in diesem Beitrag mal ein kleiner Überblick: Hier haben wir mal kurz drüber gesprochen, dass Harnoncourt im Grunde am HIPsten war (Knabensopräne etc.) aber eben auch deutliche Schwächen aufweist, wie die noch nicht immer optimale Beherrschung der historischen Instrumente.

    Meine Idealaufnahmen finde ich persönlich deshalb oft im Bereich des 'moderaten HIP', wie bei Herreweghe oder Gardiner, welche in aller Regel meine Lieblingsaufnahmen der meisten Kantaten bereit gestellt haben. Dabei bedauere ich besonders, dass Herreweghe keine GA vorgelegt hat. Ich besitze die Gardiner-GA und alles was Herreweghe eingespielt hat.


    Zu Suzuki und Koopman können andere sicher mit mehr Zuneigung schreiben. Bei Suzuki gefällt mir nur gelegentlich etwas, bei Koopman vor allem in den frühen Aufnahmen.

    Im Bereich HIP könnten in diesem Thread weiters natürlich auch Kuijken, Leusink, Spering, Jacobs oder Christophers Erwähnung finden.


    Spannende Online-Projekte gibt es auch. Aus St. Gallen kommt mit der Bach-Stiftung die Gesamteinspielung mit nur einer Kantate pro Konzert, die dafür aber auch zwei Mal gespielt und theologisch gedeutet wird. Die Konzerte unter Rudolf Lutz sind auf YouTube zu sehen und es gibt sie auch als CDs.

    Und sicherlich ist auch schon deutlich geworden, dass mein Herz besonders an der Netherlands Bach Society hängt. Im Projekt "All of Bach" wird dort über die Zeit das Gesamtwerk Bachs mit hochkaraätigen Besetzungen in Konzerten dargeboten und auf der Website so wie YouTube zum Anschauen bereitgestellt. Sie erscheinen nicht als CD. Die Leitung hatte sehr lange Veldhoven, inzwischen abgelöst durch Sato.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • ChristophSpering-19%5B1%5D.jpg?itok=_6fDUp-q


    „Bach die Ehre geben“ –

    das ist der Leitgedanke von Christoph Spering, dem bekannten Dirigenten und Kirchenmusiker, wenn er die Ohren seines Publikums mit seinem Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester verwöhnt. Christoph Spering und seine Ensembles lassen die Alte-Musik-Szene seit mehr als 30 Jahren aufhorchen. 2017 wurden sie mit einem ECHO Klassik-Preis für die Einspielung der Luther-Kantaten von Johann Sebastian Bach ausgezeichnet.

    BACH! Mit Chorus Musicus Köln – Das Neue Orchester – Christoph Spering


    Und am Freitag, 17. November geht es weiter 71G6FMY77JL._AC_UY327_FMwebp_QL65_.jpg


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Heutiges HIP bei Bach ist schon mitunter sehr widersprüchlich. Einerseits wird ein möglichst authentischer Orchesterklang angestrebt, indem man historische Instrumente oder detailgetreue Nachbauten benutzt, wo dann (nicht selten übertrieben) flott und mitunter leider auch etwas seelenlos musiziert wird, da der tiefere geistliche Gehalt nicht mehr die Rolle spielt, den er spielen müsste (welcher Bach-Dirigent hat überhaupt noch die tiefe persönliche Verwurzelung im christlichen Glauben?). Besagte Tempoexzesse lassen sich durch Quellen aus der Zeit vor Mälzels Metronom nicht eindeutig belegen. Andererseits wird das, was quellentechnisch hingegen unstrittig ist, nämlich der ausschließliche Einsatz von Knabenchören und -solisten (aufgrund von "Mulier taceat in ecclesia"), geflissentlich beiseite geschoben. Wieso das Ergebnis dann besonders nahe am Originalklang sein soll, erschließt sich zumindest mir nicht.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Zu Suzuki und Koopman können andere sicher mit mehr Zuneigung schreiben. Bei Suzuki gefällt mir nur gelegentlich etwas, bei Koopman vor allem in den frühen Aufnahmen.

    Hallo Tristan,


    über Koopman haben wir ja schon mal gesprochen und ich finde auch, dass die frühen Aufnahmen besser sind.

    Aber was für Einwände hast Du bei Suzuki? Das würde mich sehr interessieren.

    Mir gefällt sein Zyklus, soweit ich ihn kenne, sehr gut. Er hat sowohl für die oftmals prachtvollen, mehrstimmigen Chöre als auch für die langen, verinnerlichten Arien ein sehr gutes Gespür. Sein Zugang mag etwa ‘meditativer‘ sein, aber gerade das spricht mich sehr an.


    Viele Grüße

    Christian

  • So sehe ich das auch, das was ich an Suzuki mit den Kantaten habe ( ca. 7 CD/SACDs ) gefällt mir, auch der frühe Koopman oder Kuijken. Und sogar Rilling ( wenig HIP, aber meist gute Solisten und deutlich entfernt von z.B. Richter ). Aber da bin ich ja in der letzten Zeit den Empfehlungen hier gefolgt.

    Gruss aus Bruchsal


    Karl-Heinz

  • Leider macht Jordi Savall relativ wenig Bach. Das Magnificat und die h-Moll-Messe haben mich positiv überrascht. HIP, aber mit Maß und Verstand.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Stimmt - das ist sehr schade, dass Savall nicht mehr Bach macht, ich schätze ihn auch außerordentlich. Auch seinen Händel oder Haydn.

    Gruss aus Bruchsal


    Karl-Heinz

  • Stimmt - das ist sehr schade, dass Savall nicht mehr Bach macht, ich schätze ihn auch außerordentlich. Auch seinen Händel oder Haydn.

    Er ist einer der HIP-Interpreten, die ich eigentlich vorbehaltlos schätze. Was der nicht schon alles an exotischer Musik ausgegraben hat. Dafür gebührt ihm höchste Anerkennung. Mit mittlerweile 82 Jahren wird man da in Sachen Bach-Kantaten aber nicht mehr viel erwarten dürfen. Allerdings hat er in der letzten Zeit zumindest die Markus-Passion (2018) und das Weihnachtsoratorium (2019) eingespielt, wie ich soeben entdeckte.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven


  • Moin Christian, bitte entschuldige die späte Antwort, mich hatte ein kurzes aber heftiges Virus völlig ausgeknockt.

    Das komische ist, dass ich gegen Suzuki gar keine sehr großen Einwände haben. Vielleicht muss ich das ein bisschen deutlicher formulieren: In meinem ersten Post dazu fehlt im Grunde ein Wort: "Bei Suzuki gefällt mir nur gelegentlich etwas am besten". Ich halte das Grundniveau dieser GA für ziemlich hoch und vor allem für ziemlich gleichbleibend. Vielleicht am durchgehendsten von allen GAs und damit natürlich für jeden der eine GA sucht, ziemlich gut geeignet. Mir geht es aber so, dass mir bei allen einzelnen Kantaten mal Herreweghe, mal Gardiner, mal Veldhoven, mal Lutz, mal Spering und mal sogar Koopman besser gefallen. Suzuki ist quasi nie meine Lieblingsaufnahme einer Kantate. Deshalb fehlt mir schlicht ein wenig die oben erwähnte „Zuneigung“.

    Gardiner wagt mehr und erzielt damit mal atemberaubende Ergebnisse und mal geht er baden. Herreweghe halte ich für theologisch versierter – hier wird in meinen Augen mehr dem Text nach gespielt und Feinheiten herausgestellt. Und bei All of Bach unter Veldhoven ist das ähnlich und die Solisten sind in der Regel noch besser. Bei Suzuki bin ich ebenfalls mit dem Chor nahezu immer voll zufrieden (wer wäre das nicht?), aber nicht immer mit allen Solisten (ähnlich wie bei Gardiner). Zum Beispiel bin ich kein Fan das Timbres von Midori Suzuki und auch die schlechte Aussprache von Robin Blaze nimmt mir manchmal die Freude. Und noch eine kuriose Kleinigkeit: In den Orgelkantaten, wie z.B. BWV 35 oder 49, erklingt bei Suzuki eine furchtbar schrille und pfeifende Orgel, das ist kaum zu ertragen...


    Ich kann das in allen Fällen begründen, auch wenn es meist nur absolute Kleinigkeiten sind. Nehmen wir z.B. mal BWV 109

    Suzuki klingt hier schön rund und und voll. Auch das Bittende und etwas fatalistische der Musik kommt zum Tragen. Der Chor ist auf den Punkt. Eine gute Aufnahme.


    Doch dann gibt es noch das hier:

    Leicht schneller und IMO deutlich präsenter. Mensch, hier werde ich in den Sog dieser Musik hineingezogen. Da ist Bekenntnis und Verzweiflung gleichzeitig und das hört man: Die Erkenntnis aus Markus 9, dass der eigene Glaube schwach ist . Die bei 1:46min repetierenden Bläserakkorde sind wie Stachel, sie verschwinden nicht im Schönklang. Die Kunst diesen Chor, der nur aus einem einzigen Satz besteht, zusammenzuhalten gelingt hier vorbildlich, ich erleide keinen Spannungsabfall in den ganzen sieben Minuten.


    Oder nehmen wir BWV 95.

    Hier geht Suzuki etwas zu schnell für meinen Geschmack heran, aber dennoch hörenswert. Insgesamt arbeitet er die Besonderheiten dieses Satzes ('Kantate in der Kantate') aber weniger unterscheidbar heraus. Das heißt die Charakter- und Taktwechsel werden ein wenig übergangen. Dass die Bläser etwas überraschend hier gelegentlich kleinere Probleme haben erinnert zudem an die guten alten Harnoncourt-Aufnahmen.


    Meine Optimalaufnahme ist Herreweghe:

    Hier wird der Eingangssatz dieser Kantate vorbildlich als Gesamtsatz in Einzelteilen präsentiert. Vom Choral „Christus der ist mein Leben“ bis zum „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“, als nachvollziehbarer Weg.

    Nehmen wir noch die Tenor-Arie „Ach schlage doch bald“ - hier gefällt mir Herreweghes Tenor einfach stimmlich besser. Ansonsten klingen die Arien fast gleich in Sachen Tempi, Pizzicato-Begleitung etc. Aber an ganz kleinen Details scheint mir Herreweghe mehr auf den Text zu achten, als Suzuki. Wenn z.B. im B-Teil bei „Komm ich reiche dir die Hände“ bei Herreweghe die eigene Initiative des Händereichens betont wird. Der Tenor geht aus sich heraus, er sagt „Komm“, aber gleichzeitig „ich reiche dir die Hände. Bei Suzuki wird darüber hinweg gegangen und die Passage sogar im Ausdruck zurückgefahren. Das sind nur absolute Kleinigkeiten, aber es theologisiert ein wenig die Musik: Es ist der eigene, proaktive, Versuch Gottesnähe durch den Tod herzustellen, ganz im Sinne barocker Todessehnsucht.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

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  • Widerstehe doch der Sünde (BWV 54)

    Es gibt eine Aufnahme von 1962 als Film, die mich trotz ihres völlig aus der Zeit gefallenen Interpretationsstils nach wie vor fasziniert. Glenn Gould begleitet den US-amerikanischen Countertenor Russel Oberlin. Ich finde die Darbietung ausgesprochen weltlich. Die Kantate beginnt bei 10:15.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Vielen Dank für Deine präzisen Auskünfte, Tristan! Veldhoven kannte ich bisher gar nicht, ich finde auf die Schnelle von ihm aber nur die Passionen. Das sind jedenfalls alles ganz wunderbare Aufnahmen, ich schätze Suzuki wie gesagt wegen der bei ihm spürbaren ‚Innenschau‘, aber Deine Einwände gegen manche Sänger sind berechtigt.


    Von Herreweghe gibt es übrigens eine neue Kantaten-Aufnahme (unter seinem eigenen Label), aber ich kenne sie noch nicht („Herz und Mund…“)


    https://spotify.link/185sIIf1vDb


    Viele Grüße, Christian


    Weiter gute Besserung!

  • Zitat von Christian B.

    Von Herreweghe gibt es übrigens eine neue Kantaten-Aufnahme (unter seinem eigenen Label), aber ich kenne sie noch nicht („Herz und Mund…“)

    Hier mit Link zum Werbepartner....



    Mir gefallen die neuen Aufnahmen mit Herreweghe!:thumbup:


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Veldhoven kannte ich bisher gar nicht, ich finde auf die Schnelle von ihm aber nur die Passionen. Das sind jedenfalls alles ganz wunderbare Aufnahmen

    Man findet alle bisher von der Netherlands Bach Society im Rahmen des Projekts "All of Bach" aufgenommenen Kantaten auf der Homepage des Projekts (da kann man nach BWV-Nummer suchen) und simultan auf dem YouTube-Channel der NBS in einer Playlist zusammengefasst. Es wurden bisher 76 Kantaten aufgezeichnet - das Ziel ist natürlich "All of Bach".

    Jos van Veldhoven ist übrigens 2018 von der Leitung der Bach Society zurückgetreten und von da an hat Shunske Sato, mit ebenfalls tollen Aufnahmen bzw. Aufzeichnungen, übernommen.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)