Der Ring des Nibelungen, Staatsoper Berlin, Ostern 2024

  • Nur ein paar Eindrücke möchte ich hier sammeln. Wenn man den Ring in der Spanne von sechs Tagen sieht, schafft man es kaum, Atem zu holen, geschweige denn, etwas Lesbares aufzuschreiben.


    Gestern hörte und sah ich den zweiten Abend des Bühnenfestspiels, Siegfried. Das gewisse Unbehagen, das ich im letzten Jahr schon spürte, stellte sich schnell wieder ein: Regisseur Dmitri Tscherniakow liebt den Siegfried nicht und nimmt ihm alles Schöpferische, läßt ihn als bloßen Rüpel und Totschläger agieren. Zu den Schmiedeliedern wird nichts geschmiedet, sondern zur Feier des Abschieds von der Kindheit das Spielzeug verbrannt und mit einem Hammer die Einrichtung des Kinderzimmers zerstört. Daß der Knabe einen grundsätzlichen Entwicklungsschritt tut, das Erbe des Vaters zerspant und es sich beim Gießen und Schmieden eigentlich gewinnt, bleibt unbeachtet. Im zweiten Akt hat er denn auch nur einen Schwertstumpf, mit dem er Fafner tötet. Das ist eine der unangenehmsten Szenen des Abends und mag als Motiv einem Horrorfilm entlehnt sein - Fafner wird in Zwangsjacke und Ketten von zwei Pflegern, die mit Gummiknüppeln bewaffnet sind, Siegfried zum Kampf, eigentlich aber Mord, vorgeworfen.

    Andreas Schager singt einen prima Jung-Siegfried verkörpert den Grobian sehr gut. Die lyrischen Passagen, etwa am Ende des zweiten Akts, als er seine Situation überdenkt: "Doch ich - bin so allein, hab nicht Bruder noch Schwester...", sind dann aber vielleicht ein wenig zu druckvoll gesungen.


    Tomasz Konieczny - Wotan/Wanderer - hat gestern schon seinen Abschied genommen. Er singt diese großen Partien weltweit; ich habe ihn dieses Ostern zum ersten Mal im Ring erlebt und fand ihn überzeugend. Er ist ein bißchen rauh und sehr kernig, und gerade das hat mir prima gefallen! Beeindruckend, wie er damit auch Legato und Piano singt. Es geht, er kann es! Zu all dem kommt sehr gute Verständlichkeit und fantastisches Spiel! Sein Wotan ist konziliant, ohne eigenes Interesse an Grausamkeiten und nur so brutal, wie eben nötig, damit die göttliche Ordnung hält: "Kein Gott ist schlechter, als er muß!"


    Die Nibelungen, Johannes Martin Kränzle als Alberich und Stephan Rügamer als Mime, sind ein großes Vergnügen! Rügamer trifft den schwachen Zwerg mit seiner nasalen, leicht säuerlichen Stimme genau. Schauspielerisch gibt er dem Affen Zucker und spielt alle Ticks - das Gangeln und Geh'n, das Knicken und Nicken, das mit den Augen Zwicken - die der weise Schmied hat, voll aus. Kränzle ist ein großer Komiker und Verwandlungskünstler. Sein Bariton hat mich phasenweise an Siegmund Nimsgern erinnert. Vor der Neidhöhle liefert er sich mit dem Wanderer ein tolles Rennen durch die Kulissen auf der sich unablässig drehenden Bühne. Der greise Alberich ist mit Gehhilfe, Brille und Asthma-Spray unterwegs, was viele Gelegenheiten zu tollem Slapstick gibt.

    Für mich war das der Höhepunkt des Abends: Die beiden Alten, die ihre Kämpfe ewig weiterführen und die ohne einander nicht können, deren Zeit aber abgelaufen ist.


    Anna Kissjudit, als Siegfried-Erda mit groteskem Leibesumfang beschwert, ist beim Berliner Publikum sehr beliebt und wird mit viel Beifall belohnt.


    Daß Brünnhilde und Wanderer ein abgekartetes Spiel auf dem Felsen abziehen, ist mir ebenso Ärgernis, wie der erwähnte "Kampf" mit Fafner. Anja Kampe legt sich erst Minuten, bevor Siegfried auftaucht, auf die Pritsche im Schlaflabor, gemessen instruiert vom Wanderer, dem Leiter des Experiments. Folglich ist auch ihr Erwachen und Siegfrieds Drängen fake news. Das Publikum ist amüsiert, weil sie den Arm schon um Siegfried schlingt, als er ihre Lippen zum ersten Mal berührt. Natürlich ist die "Selige Öde auf sonniger Höh'" tristanesk, aber daß Tscherniakow hier einfach nur seine Tristan-Inszenierung am Haus zitiert, indem er Brünnhild und Siegfried im Erkennen ihres Schicksals in Lachkrämpfe ausbrechen läßt, hat mich ernüchtert. Die Szene fängt sich mit "Ewig war ich, ewig bin ich" - das singt Fr. Kampe ganz wunderbar und auch die Albernheiten sind vorbei.

    Die letzte Szene - leuchtende Liebe, lachender Tod - wird vom Wanderer und den gealterten Rheintöchtern als Voyeurs von oben (!) beobachtet.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Die Schnecke am Hang


    Bewegt, beseelt, beglückt bin ich am Gründonnerstag aus der Walküre auf die Linden getreten. Brünnhilds Abschied von Wotan als Entfernung aus der Götterwelt, die immer kleiner werdend, sich in der Tiefe des Bühnenhauses geradezu verlierend, verschwindet - beklemmend und richtig. Beide, Vater und Tochter, strecken die Arme einander entgegen. Der Alte schrumpft in der Ferne, die junge Frau bleibt in der leeren, schwarzen Menschenwelt zurück.

    Vorausgegangen war ein intensiver Dialog der beiden, der mir fast den Atem genommen hat. Der Gott, der die doch so ersehnte Insubordination nicht erkennt, da sie von seiner Lieblingstochter kommt und der sich von ihr auch nicht losreißen kann. Sie, reif genug, sich auf ewig vom Vormund und Heervater zu trennen und doch voller Angst vor dem umfassenden und selbstverantwortlichen Sein, immer wieder im Dialog den Rückweg suchend - eine großartige Szene, die Anja Kampe und Tomasz Konieczny gestalten! Das ist auch ohne die unangenehme Doppelbödigkeit, die zwei Tage später im Siegfried herrscht. Zudem singen die beiden großartig, Konieczny mit langen weichen Linien, Kampe wunderbar verständlich, nie forciert, mir großem Ausdruck. Daß der Mann sich auflöst, wenn er die Tochter verstößt, daß er verdorrt, wenn er sein ewig Teil mit ihr verliert, das singt und spielt Konieczny beeindruckend.


    In der Walküre geht Tscherniakows Ansatz, nach dem Bewegungsspielraum des Einzelnen unter totaler Kontrolle zu fragen, voll auf. Das Forschungsinstitut Esche, dessen Chef Wotan ist, läßt die Siegmund/Sieglinde-Handlung als Menschenexperiment ablaufen. Es geht nicht um kleinbürgerliche Rebellion gegen den "Überwachungsstaat", den man doch gerne anrufen möchte, wenn der Nachbar im Parkverbot steht, sondern um das bißchen Spielraum, das - wenn überhaupt - im Schatten der drohenden und in ihrer Gestalt kaum zu fassenden Übermacht bleibt. Wir sehen beides, die allumfassende Steuerung und Kontrolle und gleichzeitig, wie die Kontrollinstanz selbst in die Krise gerät.

    Sieglinde - Vida Miknevičiūtė - ist die Antreiberin, agil, konzentriert, planvoll. Sie singt phantastisch, hat Metall in der Stimme und peitscht ihren Bruder durch den ersten Akt. Im dritten, als sie sich mit "Du hehrstes Wunder!" von den Walküren trennt, da glüht der Stahl nicht rot, sondern blau. Sie singt die Phrase scharf, wie ein Laser schneidet und doch nicht ohne Innigkeit. Und bei all dem sieht man, wie sie arbeitet. Ihre Anstrengung im Gesang und Spiel reichert den Ausdruck der Rolle an. Das Publikum feiert sie zu Recht beim Schlußapplaus.

    Robert Watson, Siegmund, gibt einen durchaus unheldischen Helden. Er ist treu, aber ein wenig unbeholfen. Sein baritonal gefärbter Tenor schlägt nicht durch, aber das "So blühe denn, Wälsungen-Blut" singt er doch beeindruckend. Sein Göttersohn ist in seiner Unbeirrtheit und seinem Durchhaltewillen die Schnecke am Hang.

    In den unterirdischen Labyrinthen des Instituts kommt es zur Todesverkündigung. Die Räume sind verengt, die Lage wirklich aussichtslos. Während der kurze Kampf gar nicht zu sehen ist, windet sich Sieglinde in Angst und Wahn am Fahrstuhl, bis Brünnhild sie fortzerrt.


    Großes Vergnügen hatte ich an den Walküren. Tscherniakow läßt den letzten Akt im Hörsaal des Instituts spielen, der mit seinem Halbrund die Stimmen bündelt. Herrlich, die Eiseskälte, mit der die mitleidslosen Schwestern singen! Besonders Clara Nadeshdin, Gerhilde, hat mir gefallen. Ihren Sopran möchte ich bald wieder hören!

    Ganz einverstanden war ich auch mit Claudia Mahnkes Fricka. Eine gefährliche Raubkatze, die dem untreuen Gatten das Messer an die Kehle setzt.

    René Pape gibt Hunding als Trinker, der kaum die Pistole gerade halten kann. Die tiefe Traurigkeit - in das "Du labtest ihn" kann ein Hunding ja alle Traurigkeit der Welt im Wissen um das Ende legen, wie es etwa Martti Talvela gemacht hat - enthält er uns vor.


    Phillipe Jordan läßt zügig musizieren. Er scheut die volle Lautstärke nicht. Mir hat das gefallen, aber ich habe in den Pausen auch Kritik aufgeschnappt.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Ein großer Aufwand schmählich ist vertan!


    So, wie Regisseur Dmitri Tscherniakow Jung-Siegfried das schöpferische Element nimmt, entzieht er dem Götterdämmerungs-Siegfried die Tragik. Der Held albert sich durch den Abend. Aber Andreas Schager verhilft im Gesang dem Helden zu seinem Recht. Sein Abschied vom Brünnhildenstein gleicht einem Sommergewitter, seine zweite Werbung für Gunther ist mit einer Mischung aus derber Faulheit und gedämpfter Brutalität gesungen, daß es den Hörer schauert. Siegfried betritt den Brünnhildenstein mit Kaugummi im Mund und singt auch so. Irgendwann wird er ihn aber los, spätestens dann, wenn er sich aus dem Kühlschrank ein Tyskie holt und uninteressiert auf das Ende von Brünnhilds Protest wartet.

    Die Tessitura des reifen Helden scheint ihm perfekt in der Kehle zu liegen. Selbst wenn er sich gebückt die Socken anzieht, bevor er zu neuen Taten aufbricht, entwickelt seine Stimme große Kraft.

    Ähnlich wie bei Kasper Holten im Kopenhagener Ring vor fast zwanzig Jahren versetzt Tscherniakow das Paar in eine bürgerlichen Wohnung. Es ist die, in der Sieglinde und Hunding gehaust haben und die auch Mime und Siegfried teilten. Nur die Überwachungseinrichtungen fehlen nun. Das Institut Esche hat sich aus dem Siegfried-Experiment zurückgezogen und den Helden in die freie Wildbahn entlassen. Schicksalhaft zieht es den aber wieder dorthin zurück.

    Inzwischen hat sich dort eine neue Führung etabliert. Frühstücksdirektor Gunther (Roman Trekel) trinkt Grauburgunder und zappelt mit Sekretärin/Schwester Gutrune (Mandy Friedrich) in der Gibichungenhalle herum, während Verwaltungsdirektor Hagen (Stephen Milling) alle Fäden in der Hand hat. In der allgemeinen guten Laune geht alles, was ich mit dem gleisnerischen Fis-Dur verbinde, Glanz und Gefahr, Laster und Lockung, der Siegfried ja dann auch erliegt, unter. Die Szene, in der alle drei Gibichungen stimmlich blaß bleiben, versandet geradezu in den witzigen Einfällen. Gerade von Gutrune hätte ich mir verführerischen Klang gewünscht. Eine Nebenbuhlerin muß auch buhlerisch klingen!


    Zum Höhepunkt dieser Götterdämmerung wird die große Schwurszene im zweiten Akt, die im halbrunden Vortragssaal spielt und als Betriebsversammlung abläuft. Keine Witze, keine Gags - stattdessen eine kluge Personenregie, ein druckvoller Chor und ein Siegfried in höchster Bedrängnis. Brünnhilde, Anja Kampe, sind die Strapazen der Partie hier schon ein wenig anzumerken, aber die gekränkte, dann klug die tödliche Lücke in Siegfrieds Bericht erkennende und endlich rachedurstige Frau gibt sie überzeugend.


    Siegfried trifft die phantastischen Rheintöchter (Evelin Novak, Natalia Skrycka, Ekaterina Chayka-Rubinstein) da, wo auch Alberich ihnen begegnete - im Schlaflabor und läßt sich den Ring nicht abluchsen. Was er im Labor eigentlich macht, bleibt unklar, denn er ist kein Objekt eines Experiments mehr. Das Institut scheint seine Forschung eingestellt zu haben. Die männlichen Beschäftigten spielen stattdessen Basketball im Atrium, wo einst die Esche stand. Die work-life Balance ist perfekt. Der Held kommt zum Training, Fluch und Hagens Erinnerungstrank wirken, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Ich habe sehr bedauert, daß der untragische, clowneske Siegfried in dieser Götterdämmerung Brünnhilde kein ebenbürtiger Widerpart sein darf, wo er doch stimmlich das Rückgrat des ganzen Abends ist! Von einer Fahnenstange hinterrücks getroffen, schleppt er sich noch ins Schlaflabor. Zu den Klängen des Trauermarschs versammelt sich die Belegschaft, den Toten zu sehen.

    Hagen kann sein Beuterecht nicht durchsetzen, auch tötet er Gunther nicht, sondern geht durchs Getümmel ab. Brünnhild bleibt allein, betrauert den Toten, zwei Komparsen treten verkleidet als Erda und Wotan hinzu. Auf der Leiche Siegfrieds erwartet Brünnhild das Ende. Von der Galerie ruft Hagen: "Zurück vom Ring!"

    Zu den Klängen des Erlösungsmotivs schreitet Brünnhild über die Bühne, trifft Erda, die ihr den Waldvogel übergibt. Der Raumplan des Instituts, der vier Tage lang auf den Vorhang projiziert wurde, löst sich auf. Kampe schaut für einen Moment ungläubig ins Publikum.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Nachtrag I: Die Nornenszene deutet an, wo die Reise an diesem Abend hingeht: Als drei giftige uralte Damen mit Hockern und Gehhilfen tapern Marina Prudenskaja, Kristina Stanek und Anna Samuil auf die Bühne. Man stolpert und zuckt, sucht der anderen eins auszuwischen und dabei selbst einen stabilen Platz zu gewinnen. Die Schwestern mögen sich nicht und attackieren einander mit Handtaschen und Krücken. Was aber ist der Grund für ihre Feindschaft und Bösartigkeit?

    Fr. Samuil singt ein bißchen spitz, so, wie ich sie neulich schon als Fremde Fürstin in der Rusalka gehört habe. Bei Fr. Prudenskaja fasziniert mich der Umfang ihrer Stimme immer wieder - Alt und Mezzo kann sie gleichermaßen. Besonders gut hat mir Fr. Stanek gefallen, die der zweiten Norn eine vorzügliche Klarheit und Diktion mitgegeben hat.

    Beim Schlußapplaus dürfen die Damen die meisten Attribute ihres Greisenalters in der Garderobe lassen. Nur Fr. Samuil hat nicht abgerüstet und hat von mir ein Extra-Bravo bekommen.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Jetzt bin ich erst dazu gekommen deinen langen Bericht zu lesen, für den ich herzlich danke und der mich sehr interessiert hat!

    Anja Kampe als Brünnhilde würde mich auch mal interessieren. Mein letzter kompletter Live-Ring ist schon einige Jahre her, ich sah ihn 2016 in Halle/Saale. Danach habe ich es aus unterschiedlichen Gründen bis heute nicht geschafft alle vier Opern zusammenhängend nacheinander zu sehen. Naja - kommt Zeit, kommt Ring.


    Dass die Regie so gegen die Siegfried-Figur inszeniert hat mich beim Lesen sehr aufgeregt und hätte mich in der Oper mit Sicherheit sehr geärgert!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)