HARA, Kazuko: PETRO KIBE

  • Kazuko Hara (1935-2014):
    PETRO KIBE

    Oper in zwei Akten mit einem Prolog und sechs Bildern

    Libretto von der Komponistin nach Hubert Cieslik und Goichi Matsunaga

    Auftragskomposition der Oper von Oita (Kyushu)

    Originalsprache: Japanisch.


    Uraufführung im Oktober 1992 in Oita, europäische Erstaufführung im November 1995 in Parma, Teatro Regio, anlässlich des Kulturprojektes Japan in Italien 1995/1996.


    Personen der Handlung:
    Petro Kasui Kibe (Bariton)

    Ptro als Kind (Mezzosopran oder Sopran)

    Romano Kibe, Vater von Petro (Bass)

    Maria Hata, Mutter von Petro (Alt oder Mezzosopran)

    Katarina, Amme von Mansho Itos, Prophetin (Sopran oder Mezzosopran)

    Yasaku, alter Fischer, Pate von Petro (Bariton)

    Joan Gorozaemon, Petros jüngerer Bruder (Tenor)

    Ursula Osato, seine Gattin (Sopran)

    Martino Hara, Pater und Mitglied einer Knabendelegation (Bassbariton)

    Mansho Konishi, Enkel von Yukionaga Konishi (Sopran)

    Miguel Minoes (Tenor)

    Seminarist (Tenor)

    Ferreira (Tenor)

    Vieillas Stimme (Bariton)

    Inoue Chikugonokami und Teufel der Wüste (Bass)

    Dorfbewohner (Bariton).

    Sprechrollen: Dorfbewohner – Dorfbewohnerin – Weiterer Dorfbewohner – Augustino Kaishi – Der Nagasaki – Jüngling auf dem Schiff – Erzbischof Raphael – Mutter des sterbenden Kindes – Drei Gläubige – Zwei Wachen des Sendai-Distrikts-

    Stumme Rollen: Joan Gorozaemon als Kind – Ein Bote – Die abgefallenen Priester Joan Prolo und Martino Shikim – Sterbendes Kind.

    Chor: Dorfbewohner – Kinder des Dorfes – Christen – Matrosen – Dämonen – Pilger – Stimmen vom Himmel – Seminaristen - Völker verschiedener Nationen

    Orte und Zeit: Japan, Macao, Wüste, Bagdad, Damaskus, Jerusalem, Rom in den Jahren 1587 bis 1639.


    Prolog: Die Geburt.

    1587 wird in dem kleinen Ort, man könnte auch sagen: Dorf, Urabe, ein Knabe geboren, dem die Eltern, dem christlichen Samurai Romano Kibe und seiner Gattin Maria Hata, den Namen Petro gaben. Draußen wütete ein heftiger Sturm als das Kind getauft wurde. Im Nachlassen den Sturmes und dem Aufgehen des wärmenden Sonnenlichts sieht die Mutter ein gutes Omen: dereinst wird der kleine Petro das Licht des Glaubens empfangen.


    Petro als Kind: 1596 hat Vater Romano Kibe auf einem nahe Urabe gelegenen Hügel ein Kreuz errichten lassen, das nun während einer Messfeier geweiht werden soll. Während sich die Dorfgemeinde – unter ihnen Petro und sein Taufpate Yasaku – zum Kreuzeshügel begeben, diskutieren sie durchaus heftig über die prekäre Situation der Christen in Japan. Romano Kibe ist gegen den bewaffneten Widerstand und die Amme Katarina, die sich auch am Kreuzeshügel eingefunden hat, prophezeit dem Baby Petro eine große Zukunft. Aber plötzlich gibt es mit einem scheren Erdbeben auch ein Tsunami, der das ganze Dorf Urabe wegspült. Nur die Menschen, die zum Kreuzeshügel gekommen waren, bleiben am Leben und danken, wenn auch erschüttert, Gott für die Rettung.


    Elf Jahre später Romano Kibe ist gestorben; seine Söhne Petro und Joan haben in Arima, wo es ein christliches Seminar gibt, studiert. Allerdings hat Joan krankheitsbedingt das Studium aufgegeben und ist wieder nach Hause zurückgegangen, Petro jedoch zum Katecheten ausgebildet worden.


    In Nagasaki, wo es eine christliche Kirche gibt, die den Namen er Allerheiligen-Kirche trägt, erfährt Petro, dass sein Bruder Joan ein durch ein lahmes Bein behindertes Mädchen geheiratet hat. Durch diese Nachricht wird Petro bewusst, dass er sich für ein eheloses Leben entschieden hat. Während eines Treffens mit dem Ehepaar segnet Petro es.


    Auf dem Rückweg zur Kirche sieht er, dass offenbar mittellose Eltern ihr Neugeborenes nach alter Tradition in den Fluss werfen, weil sie es nicht ernähren können. Petro springt hinterher in den Strom, rettet das Baby und bringt es dann zur Nottaufe in die Kirche – wo es jedoch stirbt und Petro traurig zurücklässt.


    Die Vertreibung aus Japan. In den Jahre 1612 bis 1614 werden in Japan Christenverfolgungen durchgeführt. Das erfährt der Pater Martino Hara aus einem Brief, während Petro dem Pater vom Tode des jungen Priesters Mansho Ho berichtet, der nach der Vertreibung der Christen aus der Gemeinde an Entkräftung starb. Pater Martino ermutigt Petro, der in Mansho seinen liebsten Studienkollegen verloren hat, in die Fußstapfen des toten Freundes zu treten.


    In diesem Moment hört man aufgewühlte Stimmen, denen zu entnehmen ist, dass die Kirche in Brand gesetzt wurde und das Christentum durch die Behörden verboten wurde. Es hat sich aber ein christlicher Protestzug formiert, an deren Spitze Augustino Kaishi und die Amme Katarina stehen. Doch dieser Zug wird von Polizeikräften umzingelt und vom Nagasaki Bugyo, einem hohen Regierungsbeamten, wird die Ausweisung aller Christen angeordnet. Und die finden sich alle plötzlich auf einem Schiff wieder, das seinen Kurs auf Macao nehmen wird.


    Auf dem Schiff blicken alle wehmütig nach oben, sehen den Sonnenuntergang, blicken aber nicht zum Horizont, wo ihre bisherige Heimat langsam versinkt. Petro erinnert sich an das Christenmassaker vor siebzehn Jahren. Damals fasst er den Entschluss, sich der Sache des christlichen Glaubens zu verschreiben. Martino Hata denkt noch weiter zurück, nämlich an seine Jugendzeit, in der er mit Mansho Ito nach Rom gepilgert war.


    Plötzlich geschieht wieder etwas Unvorhergesehenes: ein älterer Pater stürzt sich aus Verzweiflung ins Meer, wird aber von einer kleinen Schaluppe aufgegriffen – die ihn nach Nippon zurückbringt. Das hat Petro beobachtet; er macht sich Gedanken, die darin gipfeln, dass er ein Zeichen bemerken will, sein Heimweh zu bezwingen, da es ihn auf jeden Fall erst einmal in die Ferne führen wird. Und in dieser Fremde muss er Erfahrungen sammeln, die er braucht, wenn er bei seiner Rückkehr in die Heimat Japan den Brüdern und Schwestern beistehen will. Ein letztes Mal grüßen die Verbannten den bei Hikosan gelegenen Berg Nikoyama, über dem gerade der Mond aufgeht.


    Flucht aus Macao: Im Jesuitenkolleg von Macao werden die Fremden misstrauisch von den Seminaristen angesehen. Außerdem macht der portugiesische Pater Vieilla den japanischen Priesterkandidaten Schwierigkeiten, die darin bestehen, dass er nicht nur ihre Ausbildung ablehnt, sondern auch ein Ausgehverbot erteilt. Das weckt in den Seminaristen – die im Schlafsaal zusammengepfercht leben müssen – das Gefühl der Gefangenschaft und fördert eine gespannte Atmosphäre. Unter den „Leidenden“ sind Mansho Konishi Petro und Miguel Minoes. Als jener Miguel als einzige verbliebene Lebensperspektive nur noch die Einheirat ins chinesische Volk sieht, verliert Petro seine Nerven und er schlägt Miguel ins Gesicht. Das ist für den Gezüchtigten Grund genug, den Raum fluchtartig zu verlassen. Petro und Mansho entschließen sich, nach Rom aufzubrechen, um dort die Priesterweihe zu erlangen. Als Miguel davon hört, ist er fest entschlossen, sich den beiden Freunden anzuschließen und das Exil in China zu vergessen.


    Die Pilgerfahrt ins Heilige Land und nach Rom. Wir befinden uns jetzt im Jahre 1618: Petro hat sich entschlossen, nicht den Seeweg nach Rom zu nehmen, wie seine Freunde Mansho und Miguel, sondern per Pedes über das Heilige Land in die Ewige Stadt zu wandern, um dort die Priesterweihe zu erlangen.


    In einem Sandsturm in einem Wüstengebiet wird Petro von merkwürdigen Erscheinungen geplagt: so glaub er, seine Mutter zu sehen, die ihm sogar den rechten Weg weist. Auch die Stimme des portugiesischen Paters Vieillas klingt ihm im Ohr, und die ist nicht angenehm, sondern beschimpft ihn als Vagabunden. Aber er kann seine Wanderung, die er auch als Pilgerreise versteht, mit der Hilfe eines Persers fortsetzen. Beide kommen an den Euphrat, wo Petro die Madonna erscheint, und ihn zur Weiterreise seiner Pilgerfahrt ermuntert. Durch die Geist-Erscheinung ist Petro in einer euphorischen Stimmung und kommt so nach Bagdad, wo er zunächst Station macht.


    Kurz vor der Fortsetzung seiner Pilgerreise hat Petro die Vision des Versuchers mit seiner dämonischen Gefolgschaft, die ihm zwar Angst einjagt, die ihn aber nicht hindert, den Weg bis zum Ende zu gehen. Und so kommt Petro endlich in Damaskus an – und hier schließt er sich Jerusalem-Pilgern an, bestärkt durch eine Vision seiner Jugendliebe Ursula Osato. In der Stadt angekommen, hört er wieder die Stimme der Madonna, die ihn auffordert, den Leidensweg Christi zu gehen.


    Doch Petro vergisst nicht das Ziel seiner Wanderung: Rom! Deshalb macht er sich auf den letzten Weg von Jerusalem nach Rom. Obwohl Petro dem Ziel seiner Wünsche immer näher kommt, ist doch der letzte Teil seiner Pilger-Wanderung der schwerste. In Rom aber weiht ihn der Erzbischof Raphael zum Priester und Petro fühlt sich gerüstet, um in seiner Heimat das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden. Petro macht sich also wieder auf den Heimweg...


    Das Martyrium. ...er weiß aber noch nicht, dass in Japan die schlimmsten Christen-Verfolgungen stattfinden. Trotzdem ist Petro in seiner Heimat zunächst erfolgreich. Das bedeutet, dass er seine seelsorgerischen Aufgaben erfüllt, darunter ist ein taubes, sterbenskrankes Kind.


    Der Staat nutzt das Elend der Bevölkerung, hervorgerufen durch einen harten Winter, und gibt den Einwohnern Geldgeschenke, damit sie die Christen, vor allem aber die Priester verraten. Auf diese Weise gerät Petro Kibe in die Fänge von Inoue Chikugonokami, einem abgefallenen Christen und jetzigen Parteigänger des Shogunats. Bei einem Verhör in Edo konfrontiert Inoue Petro mit dem Jesuiten-Provinzial, Pater Ferreira, der bereits in aller Öffentlichkeit dem Christentum abgeschworen hat. Aber der standhafte Petro stürzt mit seinen Argumenten den glaubensabtrünnigen Pater in tiefe Gewissensnöte. Petro bleibt auch dann noch standhaft und unbeugsam, als er erfährt, dass die Patres Joan Porlo und Martino Shikim durch den Anblick eines Scheiterhaufens ihren Glauben verleugnet haben: Petro ist bereit, das Martyrium des Flammentodes auf sich zu nehmen. Als das Feuer seinen Körper erreicht hat, hört er die Stimmen seiner Eltern, die sich mit den Stimmen der himmlischen Heerscharen mischten…


    Anmerkungen:
    Im Jahre 2019 wurde Petrus Kasui mit über 180 weiteren Christen von der katholischen Kirche seliggesprochen. Man sollte wissen, dass dieser Petro Kibe 1587 auf Kyushu, eine der vier japanischen Hauptinseln, geboren wurde. Die Eltern waren Christen, sein Vater ein Samurai. Als 13-Jähriger trat Petro in ein theologisches Seminar ein und nannte sich fortan Kasui. Als nach 1612 alle Christen ihrem Glauben abschwören mussten, studierte Kasui auf der chinesischen Insel Macao weiter. Im Wissen, dass er dort als Japaner nicht Priester werden konnte, begab er sich auf eine abenteuerliche dreijährige Reise nach Europa: Zuerst mit dem Schiff nach Goa, dann zu Fuß durch Persien bis ins Heilige Land und schließlich über das Mittelmeer nach Rom.


    Diesem Petrus Kasui hat die Komponistin Kazuko Hara ein Bühnenwerk gewidmet, das sowohl Geschichtschronik und Biographie als auch Heiligenlegende beinhaltet. Und Hara hat gleichzeitig eine japanische Volksoper geschaffen, deren gattungsgeschichtliche Wurzeln nicht in Japan, sondern im Westen liegen. Besonders Modest Mussorgskis Boris Godunow hat für die dramaturgische Anlage des Petro Kibe Pate gestanden. Wie im Boris wird man durch die Lebensstationen des Titelhelden wie in einem Bilderbogen gefesselt, allerdings stärker als im Vergleichswerk, da Petro als Hauptfigur ständig auf der Bühne steht. Die übrigen Hauptfiguren sind eigentlich nur episodisch eingesetzt, wobei man Hara bescheinigen muss, dass ihr bezüglich einiger bestimmter Personen der Handlung mehr als nur eine Typisierung gelungen ist. Beispielhaft seien hier Inoue Chikugonokami und Pater Ferreira erwähnt.


    In der Musik ist allerdings weniger die russische, eher schon die italienische Belcanto-Musik des späten 19. Jahrhunderts vorherrschend. Da kommt dann das Studium der japanischen Komponistin zur Wirkung, denn Kazuko Hara hat in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Frankreich und Italien Musik studiert (bei Henri Dutillieux, Nikolai Nikolajewitsch Tscherepnin und Adami Coraddetti) und in Venedig noch zusätzlich Gesang.

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    MUSIKWANDERER