Schostakowitsch: Streichquartette

  • Ich kenne die Mandelring-Aufnahme nicht (habe mit denen nur ein paar Quartette weniger bekannter Komponisten auf cpo, aber sie wurde wohl auch wegen des Klangs sehr gelobt. Seit oder um 2006 rum sind allerdings derartig viele Aufnahmen dieser Werke erschienen, dass ich da keinen Überblick mehr über die Rezensionen besitze. Ich selbst kenne hauptsächlich die Borodin-Aufnahmen aus den 70ern und frühen 80ern und die des Brodsky-Q., da fand ich das Borodin Q. intensiver.


    Ich halte Schostakowitsch zwar auch für inzwischen etwas überschätzt (er scheint populärer zu sein als Stravinsky! von der Anzahl der Neuaufnahmen und in den Webforen habe ich den Eindruck, dass er der beliebteste Komponist des 20. Jhds. ist, außer vielleicht R. Strauss, Debussy und Ravel), aber die Quartette sind schon ziemlich beeindruckend, wenn man nicht Avantgarde der Entstehungszeit verlangt. Eine deutlich hochwertigere Reihe als die Sinfonien (auch später komponiert, das 1. Quartett enstand etwa zur Zeit der 5. oder 6. Sinfonie), ohne solche plakativen Ausrutscher. Einem Freund des Klassizismus müssten eigentlich viele dieser Werke gefallen. ;)
    Die Präludien und Fugen a la Bach hast Du hoffentlich schonmal gehört, die müssten doch deinen Geschmack treffen. So extrem "neo" sind die Quartette normalerweise allerdings nicht.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)


  • Wenn Dir Schostakowitsch eh schon sowieso "fern" steht, und das auch noch "sehr", verstehe ich gar nicht, weshalb es gleich eine GA sein muss, insbesondere viele seiner Streichquartette alles andee als sehr eingängig sind, ja viele geradezu als sperrig empfinden. Ich empfehle Dir da eher, mit den eingängigen (Nr. 3 & 8) zu beginnen. Gerade die von Puis anvisierte mit dem Borodin Quartet bei Virgin empfhiehlt sich da in jeder Hinsicht!
    :hello:



    Ich bin halt neugierig, obwohl ich mit Schostakowitsch wenig anfangen kann. Immerhin handelt es sich um einen der berühmtesten Streichquartettzyklen des 20.ten Jahrhunderts. Gehört will ich diese Werke schon einmal haben, und zwar alle. Sperrig finde ich Schostakowitsch im übrigen nicht, schon gar nicht im Vergleich mit Bartók oder gar Schönberg.

  • Ich kenne die Mandelring-Aufnahme nicht (habe mit denen nur ein paar Quartette weniger bekannter Komponisten auf cpo, aber sie wurde wohl auch wegen des Klangs sehr gelobt. Seit oder um 2006 rum sind allerdings derartig viele Aufnahmen dieser Werke erschienen, dass ich da keinen Überblick mehr über die Rezensionen besitze. Ich selbst kenne hauptsächlich die Borodin-Aufnahmen aus den 70ern und frühen 80ern und die des Brodsky-Q., da fand ich das Borodin Q. intensiver.


    Ich halte Schostakowitsch zwar auch für inzwischen etwas überschätzt (er scheint populärer zu sein als Stravinsky! von der Anzahl der Neuaufnahmen und in den Webforen habe ich den Eindruck, dass er der beliebteste Komponist des 20. Jhds. ist, außer vielleicht R. Strauss, Debussy und Ravel), aber die Quartette sind schon ziemlich beeindruckend, wenn man nicht Avantgarde der Entstehungszeit verlangt. Eine deutlich hochwertigere Reihe als die Sinfonien (auch später komponiert, das 1. Quartett enstand etwa zur Zeit der 5. oder 6. Sinfonie), ohne solche plakativen Ausrutscher. Einem Freund des Klassizismus müssten eigentlich viele dieser Werke gefallen. ;)
    Die Präludien und Fugen a la Bach hast Du hoffentlich schonmal gehört, die müssten doch deinen Geschmack treffen. So extrem "neo" sind die Quartette normalerweise allerdings nicht.

    Ich bedanke mich für den Tipp mit dem Borodinquartett (Dank auch an "ab"), aber ich war eigentlich schon entschlossen die Mandelringeinspielung zu kaufem, solange mir hier jemand nicht dezidiert und nachvollziehbar davon abrät. Ich weiß, bei der Beschreibung von Streichquartettformationen ist das der allerabgelatschteste Allgemeinplatz, aber in diesem Fall muss ich wirklich sagen, dass das nahtlose Zusammenspiel mich beeindruckt, von der strukturellen Ausleuchtung ganz zu schweigen (und das bei emotionaler Spielweise). Sollte mir also irgendetwas von Schostakowitsch in diesem Genre zusagen, dann wohl am ehesten in dieser Einspielung. Auf meine Probleme mit Schostakowitsch möchte ich hier eher nicht eingehen. Dafür böte sich ein eigener Thread (z.B "Schostakowitsch verstehen") an. Bevor ich mich da aber alleine gegen die Heerscharen überzeugter Schostakowitschniks in diesem Forum stelle, muss ich mir mit Wodka noch ordentlich Mut ansaufen.


    Die Präludien & Fugen kenne ich - sie beleidigen mein Ohr nicht, aber beeindrucken tun sie mich noch weniger. Neoklasszisimus ist eben nicht dasselbe wie Klassizismus (ergo konservativer Romantizismus) - gegen das Strawinskische Violinkonzert habe ich allerdings nichts einzuwenden, im Gegenteil.

  • Sperrig finde ich Schostakowitsch im übrigen nicht, schon gar nicht im Vergleich mit Bartók oder gar Schönberg.


    Um ein bekanntes Wort über das Klavierwerk von Bach und Beethoven auf das Streichquartett zu übertragen: Wenn Beethovens Streichquartette das Alte Testament des Streichquartetts ist, dann sind die von Bartók das Neue Testament. :hello:


    Schostakowitsch, allein schon als Symphoniker, kann man, glaube ich, gar nicht "überschätzen".


    Die Mandelring-GA kenne ich noch nicht, aber habe Auschnitte davon im Radio gehört: als nicht-russische Aufnahme hätte ich sie vom Ausdruck her weder dem extrem-schlanken Brodsky-Quartet noch dem Quatuor Danel (FugaLibera,) vorgezogen. Aber klanglich eine sehr schöne Aufnahme! Ich mag dieses Quartett sonst auch sehr gerne und sie haben mir ganz vorzügliche Konzerterlebnisse beschert!

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Das alte Testament sind aber schon die Quartette von Haydn.
    Das wird jetzt OT, aber ich finde zB Werke wie die 5. und 7. Schostakowitschs ziemlich klar überschätzt (und das sind nicht mal die richtig problematischen wie 2, 3, 11 oder 12, wenn ich recht erinnere), angesichts der Unzahl von Einspielungen und dem, was man so in den Klassikforen lesen kann. Ich gebe gern zu, dass ich mich für eine faire Einschätzung mit vielen Werken noch nicht ausreichend befasst habe (zumal mit den Stücken, die mir nicht gefallen haben), aber man kann nicht so tun als gäbe es nur die 4., 8. und 15.
    Es ist auch recht gut nachvollziehbar, warum die Musik so populär ist, und ich schätze ja selbst vieles davon sehr, aber gerade bei den Sinfonien sehe ich auch eine Menge Spreu und selbst die besten Stücke sind für mich nicht so interessant wie zB die Orchesterwerke und Konzerte Bartoks.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Das alte Testament sind aber schon die Quartette von Haydn.


    okay, Haydn: die Genesis aus diesem Alten Testament ;)

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat von Johannes Roehl

    Das alte Testament sind aber schon die Quartette von Haydn.

    okay, Haydn: die Genesis aus diesem Alten Testament ;)

    Ich glaube, es handelt sich hier um eine "Glaubensfrage" ;) . In puncto Streichquartett werde ich mich wohl zum Judentum, besonders zur Thora, bekennen müssen.

  • In Beitrag 5 ist erstmalig von der Quartette-GA mit dem Rubio-Quartett (BRILLANT, DDD) die Rede.
    In Beitrag 30 berichtete ich ebenfalls von dieser preiswerten GA.
    Leider wurde auf beide Beiträge nie mehr Bezug genommen.


    :?: Sind diese Aufnahmen bei den Taminos unbekannt ? Wer kennt diese Brillant-GA ? Welche Eindrücke über Einspileung und Qualität würdet ihr beschreiben ?


    Ich habe und brauche im Prinzip eigendlich nur diese GA der 13 Quartette, da Streichquartette rein hörpsychologisch nicht ganz meine Musik sind - aber bei Schostakowitsch war das für mich ein MUSS.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Die Fitzwilliams lieferten den ersten produzierten vollständigen Zyklus der Quartette und galten eine Zeit lang als _die_ Referenz (Produktionen aus dem Ostblock waren im Westen oft noch schwer erhältlich). Schostakowitsch hörte sie selbst bei einer England-Reise und war sehr angetan. Sie haben durch den guten Kontakt zu ihm die drei letzten Quartette als erste Formation im Westen aufgeführt. Sicher auch heute noch eine sehr gute Wahl (man findet den Zyklus gelegentlich in Auflistungen der größten Platteneinspielungen des 20. Jahrhunderts).


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Banner Interviebanner 1 Gelbe Rose
  • Die Fitzwilliams lieferten den ersten produzierten vollständigen Zyklus der Quartette und galten eine Zeit lang als _die_ Referenz (Produktionen aus dem Ostblock waren im Westen oft noch schwer erhältlich). Schostakowitsch hörte sie selbst bei einer England-Reise und war sehr angetan. Sie haben durch den guten Kontakt zu ihm die drei letzten Quartette als erste Formation im Westen aufgeführt. Sicher auch heute noch eine sehr gute Wahl (man findet den Zyklus gelegentlich in Auflistungen der größten Platteneinspielungen des 20. Jahrhunderts).


    Schau an, das hört sich ja vielversprechend an. :)


    Yorick:
    nicht meine, aber eine Meinung (englisch): Rezension NY Times
    Und was zum Probehören / -gucken:



    (zu den folgenden Sätzen kannst Du Dich über die Leiste rechts weiterklicken)

  • Vom Fitzwilliam String Quartet habe ich lediglich zwei hervorragende Schostakowitsch-Aufnahmen, und zwar das A-Dur op.68 und das Klavierquintett g-moll op.57 mit Vladimir Ashkenazy.


    Die Fitzwilliams spielen enorm pointiert und mit Leidenschaft, Ashkenazy besticht durch seinen subtilen Anschlag und bildet damit quasi den Kontrapunkt zu den temperamentvollen Streichern. Eine herrliche Aufnahme!


    Von den Schostakowitsch-Quartetten liebe ich besonders die Melodija-Einspielung der Borodins, die ich mit diesem Zyklus zweimal in Wien erleben dufte. Das waren unvergeßliche Konzerterlebnisse für mich! Auch der Zyklus mit dem Tokyo String Quartet in Wien war beeindruckend.


    Natürlich habe ich auch die Einspielung des Moskauer Beethoven-Quartetts (auf LP)
    Die Emersons-Box mit den Live-Aufnahmen aus Aspen 1999/2000 habe ich ebenfalls quasi als Dokumentation, wie groß die Spannweite der Interpretation (im Vergleich zu den Borodins) reicht - man glaubt es kaum.


    Auch habe ich etwa 90 Einzelaufnahmen diverser Schostakowitsch-Quartette (vom Moskauer Beethoven-Quartett, dem Rasumovsky-Quartett, Fine Arts Quartet, den Hagens bis zum Kronos-Quartett usw.

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Auch habe ich etwa 90 Einzelaufnahmen diverser Schostakowitsch-Quartette (vom Moskauer Beethoven-Quartett, dem Rasumovsky-Quartett, Fine Arts Quartet, den Hagens bis zum Kronos-Quartett usw.


    Bewundernswert!


    :thumbsup:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Nach dem Mandelring und dem Danel Quartett hat jetzt auch das amerikanische Pacifica Quartett seine Gesamteinspielung der Schostakowitsch Streichquartette abgeschlossen und bietet alle 15 zum fast konkurrenzlosen Preis an. Als Zugabe gibt es auch noch vier Quartette von Zeitgenossen: Prokofieff, Weinberg, Miaskovsky und Schnittke. Die Aufnahmen sind interpretatorisch auf hohem Niveau, ihnen fehlt aber (nicht ganz unerwartet) die Eindringlichkeit, die russische Quartette allen voran die Borodins mitbringen.


    Ob das Prazak Quartett - das führende Tschechische Quartett der älteren Generation - mit seiner Einspielung der letzten zwei Quartette hier zum Vollpreis noch punkten kann, bleibt angesichts der Marktlage abzuwarten.


  • Ich habe dieses Wochenende das 14. Streichquartett gleich zweimal gehört und zwar einmal vom Fitzwilliam String Quartet (Vinyl) und einmal vom Mandelring Quartett. Beide Aufnahmen finde ich sehr gut und das Quartett sowieso. Conclusio: Ich muss mehr Schostakowitsch hören.



    Detailliertes über dieses Quartett findet man (leider nur auf Englisch) hier .

  • In einer Zeit, in der es mindestens ein Dutzend Gesamtaufnahmen der 15 Streichquartette von DSCH gibt, davon viele im unteren Preissegment zwischen 20-36 €, droht eine Vollpreis CD mit einem Beethoven und einen Schostakowitsch Quartett unbeachtet liegen zu bleiben. Das wäre bei der Aufnahme des jungen russischen, in Berlin lebenden Atrium Quartetts aber schade, denn hier gibt es das nicht so häufig aufgeführte 5. SQ in einer sehr hörenswerten Einspielung. Speziell der mittlere Satz ist überaus fein ausgehört. Eine Spitzenaufnahme.


  • Nach dem Mandelring und dem Danel Quartett hat jetzt auch das amerikanische Pacifica Quartett seine Gesamteinspielung der Schostakowitsch Streichquartette abgeschlossen und bietet alle 15 zum fast konkurrenzlosen Preis an. Als Zugabe gibt es auch noch vier Quartette von Zeitgenossen: Prokofieff, Weinberg, Miaskovsky und Schnittke. Die Aufnahmen sind interpretatorisch auf hohem Niveau, ihnen fehlt aber (nicht ganz unerwartet) die Eindringlichkeit, die russische Quartette allen voran die Borodins mitbringen.


    Da ich von den Schostakowitsch-Quartetten bis dato nur die erste GA des Borodin-Quartetts besessen habe und selbige nur die Quartette 1 bias 13 umfasst - waren 14 und 15 zu ihrer Entstehungszeit noch gar nicht komponiert - habe ich mich von Lutgras Beitrag anregen lassen und mir die Aufnahme des Pacifica Quartets besorgt. Zum einen, weil ich mal eine Aufnahme jüngeren Datums von diesen Werken kennen lernen wollte, zum anderen, weil mir eben die Quartette 14 und 15 in einer hochwertigen Einspielung noch gefehlt haben.
    Und ich muss sagen, ich wurde auf das positivste überrascht: ein wirklich makelloses Spiel eingefangen von einer audiopilen Aufnahmetechnik. Das Pacifica Quartett verfällt in keine billige Effekthascherei, will nichts heraufbesachwören, was nicht mehr da ist, sondern spielt die Quartette als absolute Musik, wenn schon nicht losgelöst von ihrem historischen Kontext, so doch mit einer deutlichen Relartivierung desselbigen. Das Schöne wird schön gespielt, das Herbe herb und das Wilde wild fern jeglicher Weichspülerei.
    Liegt es an der Aufnahmetechnik, liegt es am Spiel, auf jeden Fall kommen auch sämtliche Klangeffekte auf's Beste zur Geltung, seien es jetzt diverse Verfremdungen oder die orchestrale Wirkung, die sich immer wieder deutlich vernehmbar einstellt.
    Kurzum, es handelt sich dabei um eine Spitzenaufnahme, mit der ich mich wohl noch länger befassen werde.


    Lutgra, vielen Dank für deinen Tipp!


    John Doe
    :jubel:

  • Ich hatte mir vor Jahren diese CD hier aus Sofia mitgenommen (vom bulgarischen Label Gega):



    Die Aufnahme gefällt mir sehr gut! Ob Lutz, unser Streichquartett- Experte, dieses Quartett kennt? :D


    SchöneGrüße
    Holger

  • DSCH überschätzt?
    Hm....den Eindruck kann man gewinnen anhand der Flut von Neuaufnahmen.


    Dabei oft am Kern "vorbeimusiziert" wird?


    Den Eindruck gewinne ich oft, nicht nur bei den Quartetten.
    Die Nikolajewa schon bedauerte, dass sie sich mit jedem Tag mehr entferne vom Inhalt dieser Musik.


    Ich finde, man kann hier ein Phänomen beobachten, dass der Historischen Aufführungspraxis nicht unähnlich ist. Das Beethoven-Quartett hat diese Musik oft mit DSCH einstudiert, einzelne Solo-Werke sind für die jeweiligen Mitglieder komponiert. "Näher dran" geht nicht. Und davon abgesehen, diese besondere innere Welt des Schostakowitsch finde ich auch nur in ihren Aufnahmen.


    Heute sind seine Quartette aber eine Sammlung unter vielen, relativiert durch den nicht nur zeitlichen Abstand. Die damals aktuelle Aussage, die damals Menschen zu Tränen rührte, vom Aufgeben abhielt, die sich wiederfanden in dieser Musik - das spielt heute keine Rolle mehr.


    Zum Glück, dass die gesellschaftliche Notwendigkeit nicht mehr besteht! Zum Pech, dass manche Musik damit ihres Wesens beraubt wird - zumindest in der Rezeption.


    Also aus meiner Sicht: wer trotz klanglicher und spieltechnischer Einbußen diese Werke nicht nur verstehen, sondern begreifen und erfühlen will, dem sei zu den Aufnahmen des Beethoven-Quartett geraten.


    Ironisch: Mit sozialistischem Gruß,
    Mike

  • DSCH überschätzt?


    Ich denke, diese Frage kann nur jeder für sich beantworten. Die Flut an Neuaufnahmen deutet jedenfalls an, dass die Musik viele Interpreten und vermutlich auch Zuhörer anspricht, die mit ihrer Entstehungszeit und -geschichte kaum noch etwas verbindet. Sie ist sozusagen im Mainstream angekommen.


    Das kann man bedauern, muß man aber nicht. Für mich ist es eher ein Zeichen, dass die Musik auch ohne den geschichtlichen Kontext "funktioniert", zumal es ja auch in der heutigen Zeit mehr als genug Beispiele von Trost- und Ausweglosigkeit gibt.


    Die Aufnahmen mit dem Beethoven Quartett haben natürlich eine authentische Aura, da durch sie ja 13 der 15 Quartette uraufgeführt wurden. Leider sind sie derzeit nicht optimal verfügbar. Mir ist glückhafter Weise vorletzte Woche eine Eurodisc-LP mit SQ 9 und 10 über den Weg gelaufen, die klanglich sehr schön und interpretatorisch sehr eindrucksvoll ist. Aber meiner Erinnerung nach hat DSCH z.B. auch die Einspielung durch das Fitzwilliam SQ sehr gefallen, es gibt also unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu dieser Musik.


  • Banner Interviebanner 1 Gelbe Rose
  • Hallo lutgra,


    das hast Du schön gesagt, die heutige Rezepion betreffend.


    Wie ich andernorts schon schrieb, kann ich aus meiner eigenen Rezeption kaum heraus - für mich war und ist DSCH "Existenzmusik" und kein mainstream.
    Dass sich das Fitzwilliam-Quartett darüber aufgelöst hat, verwundert mich wenig - wobei ja ihre Uneinigkeit noch dazu kam, historische Instrumente zu benutzen bei Haydn.
    War wohl eine Art "Streitquartett", wie Sandor Végh sein Quartett ironisch nennt.


    Aus dem Nähkästchen: selbst ein wesentlich jüngerer Freund hört DSCH noch so wie ich - aber auch er ist Ossi.
    Da scheint es eine völlig andere Herangehensweise zu geben, die kulturell und sozial begründet ist.


    Haitink und DSCH -"noch langweiliger als sein Bruckner ... einfach nix verstanden".


    Ich zitiere hier nur.


    Bevor ich beginne, über Ursachen zu vermuten, die eher in deutsch-deutscher Politik zu finden sind, belasse ich es dabei und konstatiere einfach, dass es eine verschiedene Rezeption gibt in Ost und West.
    Enthalte mich des Wortes wegen Befangenheit.
    Das aber ist es, was für uns "Ossis" seine Musik macht: befangen und rührt an Gedanken und Gefühle, die wir manchmal gar nicht wollen.
    Anmaßend würde ich behaupten, diesen inneren Aufruhr kennt Ihr nicht - aber ich möchte nicht anmaßend sein.


    Ich ging zur Schule, da lebte DSCH noch - für mich ist er ein zeitgenössischer Komponist, der mein Leben beeinflusst hat. Seine Musik hat auch einen Jugendlichen emotional erreicht - der in der selben Welt lebte wie er.


    Wann war das zuletzt sonst der Fall? Bei den Straußens? Dass E und U eins sein konnten?
    Und wie aktuell ist sein Zyklus "Aus jüdischer Volkspoesie".


    Seine Musik beschäftigt mich so, wie Kant mich beschäftigt oder die Zehn Gebote.
    Ist Existenzmusik. Und wird es bleiben.


    Herzliche Grüße,
    Mike

  • Überraschenderweise ist dieser in die Jahre gekommene Thread noch immer aktiv. Indes wurde vor kurzem ein Thread zum Steichquartett Nr 15 gestartet (an dem ich mich zur Zeit - mangels vorhandenem Tonmaterial in meiner Sammlung - leider nicht beteiligen kann), ein weitere zur Nr 5 besteht bereitzs seit einiger Zeit. Übermorgen wird die Nr 15 von mir im Rahmen der Jännerbestellung mitgeordert, ein oder der andere Thread - unter Berücksichtigung meiner vorhandenen Bestände - wird ebenfalls gestartet. Die Teilung auf die einzelenen 15 Quartette mag momentan ein wenig übertrieben erscheinen, ist jedoch - auf längere Sicht gesehen - der richtige Weg.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Die Tamino Moderation arbeitet 24 Stunden am Tag - und wenn das nicht reicht - dann fügen wir Nachtstunden hinzu.....



  • Ich hatte schon vor einigen Monaten darauf hingewiesen, am Samstag den 18. April spielt das in Deutschland lebende russische Atrium Quartett ALLE 15 Streichquartette von Schostakowitsch an einem Tag, in der kleinen Musikhalle in Hamburg. Die Veranstaltung beginnt um 14:00 und dürfte mit div. Pausen bis Mitternacht dauern. Mein Ticket ist gerade eingetroffen. Vielleicht hat ja noch ein anderer Tamino Lust auf diesen Event. Tickets gibt es hier.


  • Das Borodin Quartett ist auch im 70. Jahr seines Bestehens ein fabelhaftes Streichquartett, auch wenn in der derzeitigen Formation naturgemäß kein Gründungsmitglied mehr mitspielt. Und so weckt die Ankündigung einer neuen GA der 15 Streichquartette von DSCH bei Decca natürlich hohe Erwartungen. Bereits zweimal hat das Borodin Quartett diese Stücke eingespielt und nicht wenige Schostakowitsch-Verehrer halten ihre erste noch unter bedrückenden Sowjetzeiten entstandene, wie auch die durchs Beethoven Quartett (teils noch in mono), die die meisten UA zu verantworten hatten, für die eindringlichsten.


    Die erste Folge der neuen GA enthält die Werke 1, 8 und 14. 1 und 8 habe ich gerade gehört. Und kann sagen, dass die hohen Erwartungen erfüllt werden. Das ist absolut perfektes Quartettspiel auf technisch höchstem Niveau und der transparente auch über Kopfhörer sehr angenehme Klang bestätigt die Fähigkeiten, die Decca in diesem Bereich besitzt. Speziell das berühmte 8. SQ wird ganz wunderbar und auch berührend dargeboten. Insofern kann sich jeder, dem noch eine Aufnahme dieser Quartette fehlt, diesem Quartett anvertrauen. Allerdings gilt zu bemerken, dass die letzten Jahren natürlich eine ganze Reihe hervorragender Einspielungen gezeitigt hat, im Bereich der GA z.B. durch das Pacifica und das Mandelring Quartett. Auch dies fabelhafte und vielgelobte Einspielungen. Die neue Borodinaufnahme spielt natürlich auf diesem Niveau mit und mag in einigen Nuancen sogar noch etwas "authentischer" klingen, aber das sind Marginalien. Wer eine der anderen tollen Einspielungen schon hat, wird sich überlegen, ob er diese hier auch noch braucht. Und ich glaube, dass diejenigen, die die frühen Aufnahmen aus der UdSSR so schätzen, diese auf keinen Fall durch die neue ersetzen werden. Denn es ist auch klar, dass das neue Borodin Quartett, dessen Mitglieder seit fast 30 Jahren in Freiheit und sicher auch einigem Wohlstand leben, die Atmosphäre, in der die frühen Aufnahmen entstanden, nicht wieder heraufbeschwören können und vermutlich auch nicht wollen.
    Abschließend möchte ich anmerken, dass ich es überaus erfreulich finde, dass offensichtlich so gut wie alle 15 Streichquartette von DSCH im Repertoire angekommen sind und mit den 6 von Bartok, den 2 von Janacek, dem von Ravel und Debussy sowie einigen der zweiten Wiener Schule und denen von Lutoslawski und Ligeti jetzt zum eisernen Bestand des 20. Jahrhundert gehören.

  • Praga Digitals bringt eine CD mit den Quartetten 10-13 von DSCH in Interpretationen des legendären Beethoven Quartetts auf den Markt. Es handelt sich um Liveaufnahmen, die zwischen 1966-1971 entstanden. Ob diese Aufnahmen in Prag entstanden sind oder identisch sind mit denen die Doremi herausgebracht hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Weiss jemand mehr?


  • Hallo Lutz!


    Das Beethoven - Quartett hat meines Wissens die meisten (alle?) Streichquartette von Schostakowitsch uraufgeführt. Authentischer geht´s nicht!


    Gruß
    Wolfgang

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo


  • Praha digital bringt eine Zyklus der Schostakowitsch-Streichquartette mit dem Borodin-Quartett heraus. Es handelt sich laut Covertext um "Czech Radio Live Recordings starting from USSR originals". Inwieweit diese Aufnahmen mit den früher bei EMI jetzt bei Chandos vertriebenen Melodiya Aufnahmen identisch sind, vermag ich nicht zu sagen, die angegebenen Spielzeiten variieren nur um wenige Sekunden.

  • Der Teldec-Zyklus des Brodsky Quartetts mit den 15 Streichquartetten von Schostakowitsch dürfte aufgrund permanenter Verfügbarkeit seit über 25 Jahren und des günstigen Preises vermutlich der meistverkaufte überhaupt sein. Fast jeder Schostakowitsch-Fan besitzt ihn. Insofern ist es schon mutig mit einem 2. Live-Zyklus auf den Markt zu kommen, der mit € 65 vergleichsweise teuer ist.



    Da würde ich mir vorher eher die Zyklen vom Rasumowsky und vom Danel Quartett anschaffen, die selbst zusammen immer noch deutlich günstiger sind.


  • Guten Abend,
    nach dem das Label Aulos beim Thread "Dmitri Schostakowitsch Symphonien Gesamtausgabe" so gelobt wurde habe ich mal ein bisschen rum gesurft.
    Dabei ist mir aufgefallen das es auch einen Zyklus des Taneyev Quartet gibt der hier noch nicht erwähnt wurde.

    https://www.discogs.com/de/Sho…Quartets/release/11438683
    Ich stelle ich mir die Frage ob dieser Zyklus so schlecht ist oder ihn schlicht und einfach niemand hat?
    Wie ist das Taneyev Quartet qualitativ einzustufen?
    Danke und LG

  • Banner Trailer 2 Gelbe Rose